Kapitel Eins – Teil 3

In diesem Moment passierte es: Igerich, der versucht hatte, mein Weinglas vor mir auf den Couchtisch zu stellen, hatte die Kontrolle über die Knabbereien in seiner anderen Hand verloren und die geöffnete Rotweinflasche bei seinem Versuch, zu retten was zu retten war, umgestoßen. Nun lief der schöne, rote Wein auf dem weißen Teppich aus und ich sah meine Chancen schwinden, an diesem Abend noch ein entspannendes Glas Wein trinken zu können.

„Iiiiiiiiiiigerich!“

Ingrid stieß einen spitzen Schrei aus, der mich an den Kampfschrei aus alten Indianer-Filmen erinnerte. Tatsächlich hatte der Tumult, der nun folgte, eine gewisse Ähnlichkeit mit Massen-Kampfszenen in Filmen.

„Nicht schon wieder! Jedes Mal ist es das Gleiche mit dir!“, tadelte Ingrid ihren Mann wie ein kleines Kind, während sie ihren fülligen Körper mit überraschender Leichtigkeit vom Sofa hochhievte.

„Alarmstufe Rot!“, schrie sie, ohne irgendjemand im Raum persönlich anzusprechen.

Trotzdem sprangen sowohl mein Hase als auch Igerich wie von der Tarantel gestochen auf und rannten in die Küche. Um in der allgemeinen Aufregung nicht aufzufallen, stand ich ebenfalls auf. Derweil kamen die beiden Männer mit diversen Sprayflaschen und Tüchern bewaffnet wieder aus der Küche. Ingrid nahm alles schnell aber huldvoll entgegen und das war das Letzte was ich für die nächste halbe Stunde von ihr sah. Oder zumindest von ihrem Gesicht. Mit wiederum überraschender Leichtigkeit kniete sie neben dem Couchtisch nieder und begann, den Rotweinfleck mit Hilfe der Sprays und Tücher zu bearbeiten. Also, ich nehme an, dass es das war, was sie machte, da der Blick auf den Ort des Geschehens von ihrem riesigen Hinterteil verdeckt wurde.

Während wir anderen verlegen weiter „Wetten, dass…?“ schauten, murmelte Ingrid leise Verwünschungen gegen ihren Mann vor sich hin und bearbeitete den Teppich. Ich war kurz versucht, zu sagen: „Wetten, dass deine Mutter es schafft, den Fleck aus dem Teppich zu kriegen?“, aber irgendwie war die Situation nicht nach Scherzen. Schließlich erhob sich Ingrid vom Boden, blickte Igerich streng an und sagte:

„Nächstes Mal gehst du zweimal.“

Dann nahm sie sich den Beutel mit den Schokoriegeln, ließ sich wieder auf das Sofa fallen und verbrachte den Rest des Abends schweigend, was in ihrem Fall nicht unhöflich war, da sie den Mund ständig voll hatte. Der Versuch Igerichs, eine neue Flasche Wein zu holen, wurde von Ingrid mit einem einzigen strengen Blick unterbunden. Der Abend endete für mich wie vermutet auf dem Trockenen.

Nach „Wetten, dass…?“ schauten wir noch die Ziehung der Lottozahlen und irgendwie fühlte ich mich wieder wie damals, als ich zehn Jahre alt war und mit meiner Mutter Samstagabends auf dem Sofa saß: Wir schauten das Fernsehprogramm ihrer Wahl, sie trank dabei Likör und aß Kekse – beides für mich streng verboten, da ich ja noch ein Kind war. Mein erster Abend mit meinen Schwiegereltern unterschied sich von meinen Kindheitserinnerungen nur dadurch, dass ich mittlerweile über 30 Jahre alt war und mich bis zu diesem Wochenende erwachsen gefühlt hatte.

Aber auch dieser Abend war irgendwann vorbei und endlich war ich mit meinem Schatz allein in unserem Schlafzimmer – insgeheim hatte ich bereits damit gerechnet, dass wir getrennt schlafen müssten, aber entweder war Ingrid so voll von den ganzen Süßigkeiten, dass sie vergessen hatte, Wert auf Sitte und Anstand zu legen oder sie war zumindest nicht spießig. Ich vermutete Ersteres.

„Da hast du mich ja schön reingelegt“, kicherte ich los, kaum war die Schlafzimmertür zu. „Unendlich gemein zwar, mit den Gefühlen und Ängsten der Frau seiner Träume so zu spielen, aber Gott sei Dank habe ich ja einen Sinn für schwarzen Humor.“

Ich warf mich aufs Bett und war fast so etwas wie gut gelaunt. Mein Hase sah mich derweil an, als hätte ich ihm gerade vollkommen unvermittelt mitgeteilt, dass ich bis vor zwei Jahren ein Mann gewesen sei.

„Wieso reingelegt? Hast du heimlich in der Küche getrunken oder habe ich was nicht mitgekriegt?“

„Na, deine Eltern. Jetzt kannst du wirklich aufhören. Ich hab es verstanden, der Spaß ist vorbei!“

„Welcher Spaß? Was ist mit meinen Eltern? Ich habe keine Ahnung wovon du redest!“ Rigoletto wirkte nun leicht ungeduldig.

Ich versuchte, im Halbdunkel des Zimmers sein Gesicht zu erkennen, ob er vielleicht Probleme hatte das Lachen zu unterdrücken und seine Mundwinkel verräterisch zuckten. Aber da war nur blankes Unverständnis in seinem Gesicht.

Jetzt gab es genau zwei Möglichkeiten: Mein Freund hatte seinen Beruf verfehlt, weil er in Wirklichkeit der beste Schauspieler der Welt war, oder er und seine Familie gehörten einem obskuren Kult an, der ihnen jeglichen Sinn für die Realität und normales Benehmen nahm. Da Rigoletto mir an meinem Geburtstag mein Geschenk am Vorabend gegeben hatte, nur weil er es nicht mehr aushielt, mir nicht zu sagen was es war, kam große Schauspielkunst wohl nicht in Frage. Blieb nur der Kult als Erklärung für sein merkwürdiges Verhalten.

Ich wählte meine nächsten Worte sehr, sehr vorsichtig. Man weiß nie, wann diese religiösen Fanatiker umschwenkten, eine Knarre rausholten und die Ungläubigen über den Haufen ballerten.

„Na ja, ich dachte, weil du doch meintest, deine Mutter sei so unheimlich diszipliniert und da habe ich mich gewundert, dass sie so viele Süßigkeiten gegessen hat. Der Fernseher war auch den ganzen Abend an, wir haben gar nicht so viel…mmmh… geredet oder diskutiert.“

Was freundlich ausgedrückt war, denn das Einzige was an diesem Abend besprochen wurde, war die Wette, bei der ein Mann Zahnpasta am Geruch erkannt hatte. Was für mich irgendwie nicht in die Kategorie „Lösung der großen Probleme der Welt“ gehörte.

„Was haben denn ein paar Schokoriegel und Chips vor dem Fernseher  mit Disziplin zu tun, meine Mutter kann es sich eben erlauben. Und das Fernsehen hat sie nur dir zuliebe angemacht, weil du doch beim Fernsehen arbeitest.“

Eindeutig: Kult. Religiöse Verirrung. Gehirnwäsche. Oder lag ich wirklich so falsch mit meiner Einstellung, dass, wenn man bereits 130 Kilo bei 160 cm Körpergröße wog, man es sich nicht erlauben konnte, ein Kilo Süßkram am Abend zu essen und dass es schon etwas mit mangelnder Disziplin zu tun hatte, wenn man es doch tat?

Ich sah meinen Prinzen an. Ich war immer noch verliebt und ich wollte immer noch glücklich bis an das Lebensende werden. Mit ihm. Nicht mit irgendwem. Wobei das „irgendwem“ sich auf seine Mutter bezog. Ich konnte einen tiefen Seufzer nicht unterdrücken. Tapfer verdrängte ich die Beobachtungen seiner Familie. Ich würde diesen Besuch überstehen und weiterhin alles in meiner Macht tun, einen guten Eindruck zu machen. Bei Rigoletto und seinen Eltern. Ich hatte schon ganz andere Sachen geschafft.

„Das ist ja so nett von deiner Mutter, dass sie extra für mich „Wetten, dass…?“ geschaut hat. Aber vielleicht kannst du ihr ja sagen, dass sie sich nicht jeden Abend für mich opfern muss?“

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