Kapitel Eins – Teil 2

Denn, mein „Hase“ hieß: „Rigoletto Hasenbein“. Ernsthaft. Kein Witz. Ich hatte seinen Pass mehr als einmal kontrolliert, er hieß wirklich so. Und nicht nur so, zwischen „Rigoletto“ und „Hasenbein“ stand auch noch „Placido“. „Placido“ wie „Placido Domingo“. „Rigoletto Placido Hasenbein“. Und diese Frau fragte mich tatsächlich, was meine Eltern sich bei „Miranda“ gedacht hatten?

Ich war fassungslos. Aber zu meinen Stärken gehörte es, schwierige Situationen überspielen zu können. So löste ich mich aus der Umarmung, lächelte „Hases“ Mutter an, erzählte meine englische Urgroßmuttergeschichte und tat so, als sei es das Normalste der Welt, seiner Vielleicht-Schwiegertochter innerhalb von 30 Sekunden beim ersten Treffen zu sagen, dass man ihren Namen grauenvoll findet und ihre Haare furchtbar aussehen. Und als wäre die Geschmacksverirrung beim Namen des eigenen Sohnes so schlimm nicht.

Mein Rigoletto-Hase zwinkerte mir verschwörerisch zu – wir hatten viel Zeit damit verbracht, uns gegenseitig unser Leid über unsere Namen zu klagen, wobei er eindeutig gewann. Er konnte aus seinem Namen nicht mal eine erträgliche Abkürzung ziehen. „Rigo“, „Letto“, „Goletto“  ging alles nicht. Ich dagegen hatte erfolgreich „Mira“ durchgesetzt und das gegen so starke Konkurrenz wie „Mandy“.

„Aber wissen Sie was, ich werde sie einfach ‚Mandy’ nennen und das alberne ‚Sie’ lassen wir weg, wir wollen doch gute Freundinnen werden. Ich bin die Ingrid“, sagte Hases Mutter in diesem Moment als könne sie Gedanken lesen.

Mit diesen Worten presste sie mich nochmals an ihren wogenden Busen und drückte mir einen Kuss auf die Wange, während die Sklaven-Kette schmerzhaft meine Rippen quetschte.

„Und es gibt heute so hervorragende Perücken, da macht es gar nichts, wenn das Naturhaar dünn und kraftlos ist.“

Ingrid strahlte mich an, als hätte sie einen Versand-Shop für Echt-Haar-Perücken und ich das jährliche Preisausschreiben mit der teuersten Perücke als Hauptgewinn gewonnen. Es folgte eine Minute betretenes Schweigen.

Dann fragte ich höflich:

„Dürfte ich mal die Toilette benutzen? Die Fahrt war doch etwas länger als geplant.“

Was ich jetzt brauchte, waren ein paar Minuten Ruhe, um die Begrüßung wegzustecken. Schließlich war ich weiterhin fest entschlossen, einen guten Eindruck zu machen. Trotz meines neu gewonnenen Haar-Traumas.

„Ich bin und ich bleibe höflich, ich kann und ich werde es schaffen“, wiederholte ich still vor mich hin, während ich versuchte, mich auf der Toilette etwas frisch zu machen. Was nicht ganz einfach war, da hier ebenfalls Sauna-Temperaturen herrschten. Dazu kam die Wärme von 25 Vanille-Teelichtern, die den Vier- Quadratmeter-Raum erleuchteten und einen Geruch verströmten, der jedem arabischen Harem Ehre gemacht hätte.

Entsprechend wenig erfrischt, aber immerhin wieder guten Mutes stand ich wenige Minuten später erneut vor Rigolettos Mutter, die sofort ihren Arm um mich legte und mich ins Esszimmer zum Tisch zog, wo sie mich auf einen Stuhl gegenüber dem ihres Sohnes drückte. Vor Rigoletto stand bereits ein volles Weinglas.

Vor meinem Platz stand ein Teller mit Schinkenbroten und ein leeres Wasserglas. Daneben standen weitere Teller, die ganz offensichtlich schon benutzt waren, schmutziges Besteck und einige Schüsseln mit Fleisch-, Kartoffel- und Gemüseresten.

Damit mich niemand falsch versteht: Ich mag Schinkenbrote, allerdings hatte mein Hase mir mehr als nur einmal von den Kochkünsten seiner Mutter vorgeschwärmt und mich gebeten, im Zug nicht meiner geheimen Leidenschaft für die dort zu kaufenden, überteuerten Gummibrötchen mit viel Mayonnaise und wenig Käse bzw. Schinken nachzugehen.

„Wie ich meine Mutter kenne, bereitet sie sicherlich ein Festmahl“, hatte er mich vor seiner Abfahrt ermahnt.

Unglaublich „gastfreundlich“ war seine Mutter natürlich auch: Ein Festmahl hatte es ganz offensichtlich gegeben – nur ohne mich. Mein Magen knurrte mich böse an.

„Wir haben schon mal gegessen“, flötete Ingrid in diesem Moment zur Erklärung. „Du hattest ja solche Verspätung und wir essen gern pünktlich.“

„Ja, schade, dass das mit dem Abholen nicht geklappt hat“, säuselte ich zurück, um darauf hinzuweisen, dass die Verspätung nun wirklich nicht meine Schuld war. Und wie sie das nicht war, wie ich nun erfahren sollte!

„Ach, weißt du, Mandy, mein Rigolettochen ist einfach so ein Schatz und hat für mich noch meine Hustenbonbons aus der Apotheke geholt. Ich habe so ein ganz leichtes Kratzen im Hals und hatte etwas Sorge, dass es heute Nacht vielleicht schlimmer werden könnte. Da habe ich vorsorglich lieber ein Hustenbonbon genommen und ich schwöre nun mal auf die Bonbons aus der kleinen Apotheke in Unter-Oberstein. Leider hat es dann nicht mehr zum Abholen gereicht. Einen richtigen kleinen Vorrat hat er für mich geholt, der liebe Junge.“

Erstaunt blickte ich den „lieben Jungen“ an, der dies allerdings nicht zu bemerken schien und einen Schluck aus seinem Weinglas nahm. Ich überlegte kurz, ob es irgendwie möglich war, dass ich etwas falsch verstanden hatte. Dann musste ich mir eingestehen, dass ich vier Stunden bei Eiseskälte und Nieselregen auf Bahnsteigen und in Bimmelbahnen verbracht hatte, weil meine eventuelle Schwiegermutter ihre Lieblings-Hustenbonbons aus der Apotheke in irgendeinem Ober-Unter-Neben-Steindorf für den eventuellen Fall, dass sie nachts mal Husten musste, brauchte.

Damit nicht genug: Weil ich deswegen zu spät angekommen war, hatte man schon ohne mich ein Abendessen eingenommen, das offensichtlich so reichhaltig gewesen war, dass die gesamte Familie noch nicht die Kraft gefunden hatte, die leeren Teller abzuräumen.

„Ich habe meiner Mutter gesagt, dass du gerne Schinkenbrot ist, da hat sie dir natürlich eins gemacht. Falls du Hunger hast“, lobte der liebe Junge seine Mutter und lächelte mir beschwichtigend zu.

Er hatte wohl mal kurz von seinem Weinglas hochgesehen und das schiere Entsetzen in meinem Gesicht bemerkt.

„Das ist so nett, ich liebe Schinken!“, sagte ich mit neuem Enthusiasmus.

Ich hatte beschlossen, Gnade vor Recht ergehen zu lassen und so zu tun als wäre nichts. Was hätte ich auch sonst tun sollen? Ich konnte ja schlecht am ersten Abend mit meinem Schwiegereltern beleidigt aufstehen und ins Bett gehen.

Erleichtert wurde mein Entschluss durch die Tatsache, dass der Schinken ungefähr so dick geschnitten war wie das Brot, auf dem er lag und mein Messer auch ein Löffel hätte sein können, so unscharf war es. Ich war erst mal damit beschäftigt zu versuchen, den Schinken klein zu kämpfen und dabei einigermaßen elegant auszusehen. Leider war alles, was ich erreichte, dass das Brot unter dem unkaputtbaren Schinken heillos und höchst unelegant zerbröselte. Damit war auch die Möglichkeit, das Schinkenbrot mit der Hand zu essen dahin. Während ich meinen aussichtslosen Kampf gegen den Schinken führte, erstarb die Unterhaltung bei Tisch und alle starrten gebannt auf das Schlachtfeld auf meinem Teller. Ich sah nur noch eine Möglichkeit, mich aus der Situation zu retten. Beherzt spießte ich die Scheibe Schinken mit meiner Gabel auf und steckte sie mir mit etwas Mühe komplett in den Mund. „Problem gelöst!“, dachte ich fröhlich, auch wenn ich leichte Schwierigkeiten hatte, mit meinem übervollen Mund zu kauen und Luft zu bekommen.

„Mandylein, möchtest du vielleicht ein Glas Wein?“, fragte Ingrid in diesem Moment mit zuckersüßer Stimme und ich hätte schwören können, ich sah ein kurzes, teuflisches Grinsen durch ihr Gesicht zucken.

Da hatte sie mich allerdings unterschätzt. Ich ließ mir von einem stumpfen Messer und einem toten Stück Schwein nicht den guten Eindruck bei meinen möglichen Schwiegereltern kaputtmachen. Ich würde nicht mit vollem Mund sprechen. Beherzt schluckte ich die gesamte, unzerkaute Scheibe Schinken herunter. Nun wusste ich endlich, wie eine Schlange sich fühlte, nachdem sie ein ganzes Eichhörnchen auf einmal verschlungen hatte: Nicht gut. Mein Hals schmerzte schrecklich. Mit letzter Kraft und Tränen in den Augen, aber mit leerem Mund sagte ich:

„Ja, gerne.“

Ingrid nahm die Flasche Weißwein, die neben ihr auf dem Tisch stand und schüttelte sie leicht.

„Ach, schon leer.“, erklärte sie und kicherte weiter: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ „Möchtest du vielleicht Wasser?“ Mit Schwung schüttete sie mir ein paar Tropfen Wasser ein.

„Auch schon wieder leer“, sagte sie und schüttelte sowohl die Wasserflasche als auch ihren Kopf. „In unserem Alter muss man viel trinken. Ihr jungen Leute trinkt immer viel zu wenig.“

Was in meinem Fall bei diesem Essen allerdings ausschließlich daran lag, dass niemand eine neue Flasche Wasser holte. Ich stieß einen innerlichen Seufzer aus und hatte zum ersten Mal das Gefühl, dass es ein sehr langes Wochenende werden würde.

Nachdem ich die Brotkrümel einzeln mit der Gabel aufgespießt hatte, war das Essen endlich vorbei und mein Hase und seine Mutter gingen auf den Balkon, um zu rauchen. Ganz „Kind aus gutem Hause“ begann ich derweil, den Tisch abzuräumen. Irgendwie fühlte es sich zwar nicht richtig an, dass ich auch die Überreste des echten Abendessens, dass mir vorenthalten worden war, abräumte und die Teller brav in der Spülmaschine verstaute, aber was tut man nicht alles, um einen guten Eindruck zu hinterlassen. In meinen Fall spülte man sogar die Töpfe.

Mittlerweile war es nach Acht und ich fragte mich, ob nun die tiefschürfenden Diskussionen und der Rotwein kommen würden. Der Rotwein kam, die Diskussionen nicht, zumindest nicht in der erwarteten Form.

Kaum von ihrer Rauchpause auf dem Balkon zurück, trällerte Ingrid:

„Oho, heut ist ja Samstagabend und es kommt „Wetten, dass…?“, das hat Rigoletto schon als Kind so gern geschaut!“

Mit diesen Worten warf sie ihren massigen Körper längs auf das große Sofa, das vor einem gigantischen Flachbildschirm stand und schaltete den Fernseher mit einer Fernbedienung an, die so groß war, dass man damit wahrscheinlich eine NASA-Rakete auf den Mond hätte schießen können. Nicht, dass ich ein Lob für meinen Küchendienst erwartet hätte, aber ein kleines „Danke“ wäre schon schön gewesen. Traurig begann ich innerlich die Stunden bis zur Abreise zu zählen.

Als gäbe es nichts Selbstverständlicheres, zog mein Hase derweil drei Stühle vom Esstisch ins Wohnzimmer. In diesem Moment bemerkte ich ihn zum ersten Mal, meinen Vielleicht-Schwiegervater. Ich war mir sicher, dass ich ihn begrüßt hatte und dass er die ganze Zeit am Tisch anwesend gewesen war, aber irgendwie war er komplett hinter seiner Frau verschwunden. Was optisch nicht weiter verwunderte, da er höchsten die Hälfte von ihr wog. Aber: Wie war es möglich, dass ich mich an nichts erinnern konnte, was er gesagt hatte, nicht mal an ein „Hallo“?

Ich musterte den Mann, den ich soeben zum ersten Mal bemerkt hatte, unauffällig. Er hatte schüttere, graue Haare, trug eine braune Weste über einem schwarzen Hemd, dazu eine grüne, zu kurze Hose und gelbe Socken. Offensichtlich war er farbenblind und niemand in der Familie hatte sich die Mühe gemacht, ihn auf seine etwas schwierige Farbkombination hinzuweisen. Instinktiv tat er mir leid. Dann folgte das erste Wort, das ich bewusst aus dem Munde meines Schwiegervaters hörte. Es war eine Frage:

„Rotwein?“

Irgendwie hatte dieses Wort etwas Beruhigendes. Erstens würde der Alkohol mir helfen, den Rest des Abends inklusive „Wetten, dass…?“, das ich schon als Kind nicht gern gesehen hatte, zu überstehen und zweitens stimmte wenigstens irgendetwas von dem, was mein Hase über seine Eltern erzählt hatte. Ich nickte dem Vater meines Freundes verschwörerisch zu. Ich weiß nicht warum, aber ich hatte das unbestimmte Gefühl, dass er seine Frau genauso schrecklich fand wie ich.

„Bring doch noch was zum Knabbern mit, Igerich“, sagte Ingrid schnell, als ihr Mann sich auf den Weg in die Küche machte, um mir ein Rotweinglas zu holen.

Ich blickte erschüttert zu Rigoletto, der dies einmal mehr nicht zu bemerken schien. Igerich? Ich hatte meinen Freund nie nach dem Vornamen seiner Eltern gefragt und selbstverständlich waren die auch nicht von großer Bedeutung, aber Igerich? War das nicht etwas, was man erwähnte? Vor allem wenn man selber „Rigoletto“ hieß? Würde ich in eine Familie mit schwachsinnigen Namen einheiraten? Und was hieß dies für die Kinder, die Rigoletto und ich vielleicht mal haben würden? Ich ließ mich erschöpft in meinen Stuhl zusammensinken. Das Wochenende verlief bislang ganz anders als ich mir das vorgestellt hatte.

Igerich kam zurück mit einem riesigen Rotweinkelch, der mir immerhin Hoffnungen auf eine baldige Lockerung der Anspannung meinerseits machte. Allerdings löste er auch Angst vor der Disziplin der Schwiegermutter in spe hervor. Wenn ich ein Glas von diesem Ausmaß leer trinken würde, wäre ich volltrunken, soviel war klar. Betrunken am ersten Abend mit der disziplinierten Schwiegermutter. Ich wollte mir das gar nicht weiter ausmalen und überlegte ernsthaft, ob ich den Rotwein nun doch noch ablehnen konnte, nachdem Igerich extra ein Glas für mich geholt hatte. Ich entschied mich dagegen, denn langsam aber sicher kamen in mir erste Zweifel, ob mein Hase mir die Wahrheit über seine Familie erzählt hatte. In der anderen Hand hielt Igerich mit viel Mühe eine große Tüte Chips sowie jeweils einen Beutel Schokoriegel und Gummibärchen. Ich blickte mich irritiert im Wohnzimmer der Familie Hasenbein um. Waren wir doch bei meinem Eltern zu Besuch und ich hatte es nur nicht gemerkt?

Mir wollte einfach nicht klar werden, wie Disziplin, eine Wochenladung Süßigkeiten vor dem Fernseher und ein Ein-Liter-Rotweinglas zusammen passten. Dass Igerich ein legitimer Vorname in Deutschland und kein schlechter Scherz war, übrigens auch nicht. Und dass man ernsthaft seinen erwachsenen Sohn und dessen Freundin beim ersten Kennenlernen zwingen kann, am Samstagabend „Wetten, dass…?“ zu sehen, schon gar nicht.

In diesem Moment fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Rigoletto hatte mich mit den Geschichten über seine Eltern reingelegt, der ganze Kram von disziplinierter Geschäftsfrau und tiefgründigen Diskussionen war nur ein Witz gewesen, um sich an meiner Reaktion zu ergötzen. Gemeinsam würden wir uns später in unserem Zimmer darüber totlachen, dass ich auf seine Erzählungen reingefallen war. Dafür musste man meinen Hasen doch einfach lieben!

Ich gebe zu, derartige Scherze sind nicht jedermanns Sache, aber ich mochte diese gemeine, hinterhältige Art von Humor. Vor allem, weil ich mich nun schamlos rächen konnte. Irgendwann, wenn mein Hase am wenigstens damit rechnete. So wenig, wie ich heute. Verschwörerisch blinzelte ich Rigoletto zu, der irgendwie erleichtert schien, wahrscheinlich weil er es doch ein wenig mit der Angst bekommen hatte, dass er mit seinem Scherz zu weit gegangen war. Ich war aber einfach nur froh, dass meine Vielleicht-Schwiegereltern genauso waren wie alle anderen Eltern: normale Leute, mit ihren ganz persönlichen, kleinen Macken, fernsehsüchtig und nimmersatt.

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5 Gedanken zu „Kapitel Eins – Teil 2

  1. Oh man… da bekommt man es ja mit der Angst zu tun ;-)) Ich muss gleich weiter lesen…

    (Ein „S“ fehlt im Satz: “Ich habe meiner Mutter gesagt, dass du gerne Schinkenbrot ist,…“)

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