Kapitel Eins – Teil 4

Ich schlief in dieser Nacht weder besonders gut noch besonders viel. Was nicht daran lag, dass ich mir zu diesem Zeitpunkt bereits fürchterliche Sorgen um das weitere Verhältnis zu der Frau machte, die – wenn es nach mir ging – mal meine Schwiegermutter werden sollte. Ich war zwar irritiert – gut, geschockt -, dass Rigolettos Mutter so ganz anders war, als er sie beschrieben hatte, aber bislang war ich mit allen Menschen, die ich in meinem Leben getroffen hatte, mehr oder weniger gut zu Recht gekommen. Ich hatte keine Todfeinde und war mir sicher, dass ich mir auch keine machen würde. Vor allem nicht meine Schwiegereltern.

Meine Schlaflosigkeit lag einzig an der unglaublichen Hitze in unserem Schlafzimmer. Da Ingrid mir vor dem zu Bett gehen noch streng verboten hatte, die Fenster zu öffnen, da man dann „gutes Geld zum Fenster raus heize“ lag ich nun schwitzend neben meinem Freund, der offensichtlich noch aus seiner Kindheit an tropisches Klima im Schlafzimmer gewöhnt war und schlief wie ein Baby. Um mein Leid irgendwie zu verbessern, zog ich mich komplett aus. Als das nichts half, öffnete ich die Tür unseres Zimmers, um ein wenig frische Luft hereinzulassen. Da die anderen Zimmer genauso überheizt waren, brachte das natürlich nichts. Hinein ließ ich allerdings etwas anderes.

Ein lautes, unheimliches Geräusch erfüllte plötzlich das Schlafzimmer. Es hörte sich ein bisschen an, wie die Laute, die aus dem Schweinestall des Bauern in der Nachbarschaft meines Elternhauses kamen, wenn man nachts einen Stein gegen die Scheiben warf. Nicht, dass ich so etwas jemals gemacht hätte, aber rein zufällig wusste ich, dass dann unter Umständen ein ungeheures Grunzen in schrillsten Tonlagen losgehen konnte, bevor ein Teil der Schweine tot vor Schreck umfiel.

Bei meiner Ankunft im Hause Hasenbein hatte ich nirgends einen Schweinestall gesehen. Damit gab es nur noch eine Möglichkeit, die Geräusche zu erklären. Irgendjemand schnarchte und zwar so, wie ich noch nie jemand hatte schnarchen hören. Vollkommen gebannt saß ich, nackt wie Gott mich geschaffen hatte, auf dem Bett und lauschte. Ich konnte nicht glauben, dass ein einzelner Mensch fähig war, derartige Laute zu produzieren. Ingrid oder Igerich? Oder beide?

Zärtlich blickte ich zu meinem Hasen hinüber, dessen Kopf still auf seinem Kissen ruhte. Gott sei Dank schnarchte er nicht. Plötzlich zuckte Rigoletto jedoch zusammen, schüttelte seinen Kopf und stieß einen lauten Schnarcher aus, als wolle er mir seine direkte Verwandtschaft mit den Grunzkönigen in den anderen Zimmern beweisen. Dann drehte er sich auf die Seite und war wieder vollkommen ruhig. Ich konnte einen erneuten tiefen Seufzer nicht unterdrücken und verbrachte eine weitere, ruhelose halbe Stunde damit, konzentriert nachzudenken, ob ich schon mal irgendwo gehört hatte, dass Schnarchen dominant vererbbar war.

Irgendwann begann ich dann doch langsam wegzudämmern, als mich ein neuer, furchtbarer Gedanke aufschrecken lies. Wenn mein Hase wirklich fand, dass sich seine eindeutig übergewichtige Mutter eine eindeutig riesige Menge Süßigkeiten am Abend ohne Probleme leisten konnte, hieß das nicht im Umkehrschluss, dass ich auch eindeutig zu dick war und er mir, wenn ich über meine fünf Kilo zu viel auf der Waage stöhnte, nur sagte, dass ich eine gute Figur hätte, weil er offensichtlich die Welt durch eine Zerrbrille sah? Vielleicht war ich schon längst genauso dick wie seine Mutter, mein Hase hatte es nur nicht gemerkt, da Übergewicht in seiner Familie erst anfing, wenn man einen Kran brauchte, um das Haus zu verlassen? Wie bei Frauen üblich, reihte sich sofort der nächste Schreckensgedanke in die Reihe meiner neu aufgeworfenen Schönheitsfragen ein. Sahen meine Haare wirklich so schlimm aus? Ich lag eine weitere Stunde wach und kniff mich selber immer wieder zweifelnd in die kleinen Röllchen an meinen Bauch, bevor ich endlich einschlief. Womit ich nicht mehr wirklich gerechnet hatte in dieser Nacht, da ich es nicht mehr wagte, meinen Kopf auf das Kopfkissen zu legen. Ich hatte mal in einer Frauenzeitschrift gelesen, dass der ständige Druck auf die Haarwurzeln in der Nacht zu Haarausfall führen könnte.

Der nächste Morgen begann wie der Abend zuvor geendet hatte: schrecklich.

Ingrid stolzierte fröhlich durch die immer noch geöffnete Tür in unser Schlafzimmer, wo ich nackt und verschwitzt mit erhobenem Kopf auf dem Bett lag. Ein weiterer Albtraum war wahr geworden: Meine Vielleicht-Schwiegermutter hatte mich weniger als zwölf Stunden nach dem Kennenlernen nackt gesehen. Und diesmal war es auch noch meine eigene Schuld, hatte ich die Zimmertür doch selber geöffnet. Immerhin, Ingrid zeigte einen Ansatz von Menschlichkeit und ließ mich nur kurz wissen, dass das Frühstück fertig sei. Ein Kopfschütteln, bei dem ihre Haare wie eine überdimensionale Afro-Krause auf ihrem Kopf tanzten, konnte sie sich beim Rausgehen allerdings nicht verkneifen.

Ich weckte Rigoletto schnell auf, damit ich nicht schon wieder zu spät zum Essen erschien, und wenig später saßen wir gemeinsam mit seinen Eltern am Tisch. Es schien fast, als hatte ich den letzten Abend nur geträumt. Ich bekam zur gleichen Zeit das gleiche Essen und Trinken in ausreichender Menge wie alle anderen und wir unterhielten uns über das Wetter. Alles ganz normal. Bis zu dem Moment, als ich interessiert – ich war wieder ganz bei der Sache und wollte meine möglichen Schwiegereltern durch Höflichkeit bezirzen – fragte, was genau Ingrid denn beruflich mache.

Rigoletto hatte bislang vage etwas von selbstständiger Geschäftsfrau im Pharmabereich gesagt und so dachte ich mir, mit ein wenig Interesse an ihrer Person und ihrem Leben könnte ich sicherlich bei Ingrid punkten. Hätte ich geahnt, was sich aus dieser harmlos gemeinten Frage ergeben sollte, ich hätte sie nicht bei diesem Frühstück und überhaupt niemals gestellt.

„Ich betreibe einen Handel für Heilkräuter“, antwortete Ingrid stolz.

„Oh, wie interessant“, sagte ich, da ich nach Rigolettos Unverständnis am Abend zuvor wieder glauben musste, wenigstens etwas an seinen Ausführungen über die disziplinierte, erfolgreiche Frau von Welt, die seine Mutter sein sollte, würde stimmen.

„Importierst du die aus China und verkaufst sie hier an Apotheken?“

Ich persönlich konnte mit Heilkräutern nichts anfangen und interessierte mich nicht dafür. Für mich war ein aufgebrühter Tee aus Heilkräutern schlicht ein Gesöff, das so schrecklich schmeckte, dass man darüber die Zipperlein, wegen derer man das Zeug trank, sofort vergaß. Und wenn man wirklich krank war ging man zum Arzt. Das konnte ich aber natürlich schlecht sagen. Gott sei Dank hatte ich vor einiger Zeit einen kurzen Nachrichtenfilm über die aufstrebende Wirtschaftsmacht China gemacht und hatte noch vage in Erinnerung, dass Heilkräuter aus China einen gar nicht so kleinen Teil des Exportes ausmachten. Also warf ich dieses Wissen in das Gespräch ein.

„Aber nein!“, Ingrid sah mich entsetzt an. „Doch keine Massenware! Und dann noch aus China. Um Himmels willen! Nein, ich vertreibe nur ganz natürliche, frische Produkte wie Wurzeln, Pilze und Kräuter, die ich selber im Wald pflücke.“

„Die Leute sind verrückt danach“, übernahm mein Freund die Erklärung, als wären die beiden ein Zirkuspaar, bei dem der eine immer die Sätze des anderen beendete. „Manchmal kommt meine Mutter mit der Lieferung gar nicht nach!“ Rigoletto sah seine Mutter stolz an.

„Ja,“, sagte Ingrid wichtig, „man muss bedenken, dass ich nicht ständig Zeit habe, in den Wald zu gehen und Kräuter zu sammeln. Jetzt zum Beispiel, wo wir Besuch haben. Und auch sonst höchstens ein- oder zweimal die Woche am Nachmittag. Im Winter findet man fast gar nichts. Im Garten selber anpflanzen mache ich auch nicht, am besten hilft immer noch, was wirklich aus der Natur kommt und wo kein Mensch dazwischen gepfuscht hat. Das gilt nicht nur für die Medizin, auch beim Essen achten wir darauf, dass es immer natürliche Produkte sind.“

Mir fiel fast das Brötchen aus der Hand. Ich sah erst meinen Hasen, dann seine Mutter und dann mein aus weißem Mehl gebackenes Brötchen an. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Es war eine Sache, dass meine Vielleicht-Schwiegermutter im Mittelalter wahrscheinlich verbrannt worden wäre, weil sie eine Kräuterhexe war. Etwas ganz anderes und das wirklich Schlimme war, wie Rigoletto seine Mutter sah. Eine disziplinierte, erfolgreiche Geschäftsfrau! Von nichts war Ingrid weiter entfernt als davon – außer vielleicht davon, Model für Bademoden zu werden.

„Das ist ja toll! Ich finde es richtig gut, wenn sich Menschen auf die Natur besinnen und nicht immer…“

Ja, was „nicht immer“? Ich war zwar eine gnadenlose Schleimerin, aber eine Lüge von einem Ausmaß, wie sie diese Situation verlangte, musste einem erst mal einfallen. Auch wenn ich mittlerweile ganz passabel Kochen konnte, hatte ich nichts gegen ein paar sehr unnatürliche Küchenhelfer aus der Tüte. Ich liebte Fast Food, Junk Food und überhaupt alles nicht naturbelassene Essen. Das war das eine. Das andere war, dass ich nicht die Einzige am Frühstückstisch war, die dieser Form der Ernährung zugetan war. Der Hasenbeinsche Frühstückstisch war vollgeladen mit gekauften Marmeladen, Nutella und anderen Naturprodukten wie Teewurst und Schmelzkäse. Das Natürlichste was sich an diesem Morgen auf dem Tisch zwischen Rigoletto, seinen Eltern und mir befand, war ein Sahne-Joghurt, auf dem „teilweise mit natürlichen Extrakten“ stand. Aber egal, ich musste diesen Satz zu Ende bringen und zwar schnell, denn alle sahen mich an.

„…und nicht immer den einfachen Weg gehen“, schloss ich reichlich lahm ab.

„Ja“, antwortete Ingrid enthusiastisch, „ihr jungen Leute macht es euch gerne einfach. Gott sei Dank ist mein Rigoletto anders, der hat schon immer die Natur und alles Natürliche geliebt! Niemals würde er diesen ganzen Medikamenten-Pfusch der Pharma-Industrie-Verbrecher anrühren. Braucht er auch nicht, er isst so gesund, da wird man selten krank.“

Oh. Ihr Rigoletto war anders? Erstaunt blickte ich zu dem Mann hinüber, den ich noch nie Obst, Gemüse, Joghurt oder auch nur so etwas Ähnliches wie einen Müsliriegel hatte essen sehen. Rigolettos Ernährung bestand aus Zigaretten, Bier, Fleisch und Brot und wenn er genug Geld gehabt hätte, hätte er sich für den 15-Minuten-Fussweg von seiner Wohnung in Berlin zur U-Bahn jeden Morgen und Abend ein Taxi gerufen. Wenn Rigoletto krank war, lachte das Herz der Apothekerin um die Ecke. Bei jedem Hüsterchen kaufte er einen Lebensvorrat an Hustensaft, Halsbonbons, fiebersenkenden Mitteln und überhaupt alles, was die Pharmaindustrie irgendwann mal erfunden hatte und dessen man, ohne ein Rezept vorzuzeigen habhaft werden konnte. Egal, ob es gegen Erkältung, Warzen oder Hämorriden half.

Dankenswerterweise stieß Igerich in diesem Moment seine Kaffeetasse um und die Aufmerksamkeit der restlichen Frühstücksgesellschaft war für die nächste halbe Stunde auf Ingrids „Rettungsaktion Tischdecke“ gelenkt. Da mir noch keine besondere Aufgabe bei den Rettungsaktionen zugeteilt worden war, studierte ich interessiert das Muster des Teppichbodens und versuchte zu verstehen, in was für einen Film ich geraten war.

Es gab drei Möglichkeiten. Entweder war der Mann, der hier am Tisch saß nicht Rigoletto Placido Hasenbein und weder seine Mutter noch ich hatten es gemerkt. Ich sah meinen Freund, der seiner Mutter gerade eins der berühmten, bestimmt ausschließlich aus Naturfasern hergestellten Wundertücher reichte, an. Er sah aus wie immer. Groß, schlank, mit Jeans und kariertem Hemd anständig gekleidet. Die gleichen braunen, kurz geschnittenen Haare. Die gleichen dunkelbraunen, sanft-blickenden Augen mit den für einen Mann fast zu langen Wimpern. Keine angewachsenen Ohrläppchen, frisch rasiert. Es gab keinen Zweifel, dies war der Mann, in den ich mich verliebt hatte. Wenn dem so war, dann blieb die Möglichkeit, dass Rigoletto wie durch ein Wunder während seiner gesamten Kindheit und Jugend nie krank geworden war. Was er nun, seitdem ich ihn kennengelernt hatte, nachholte. Der Rigoletto Hasenbein, den ich kannte, wohnte praktisch in der Apotheke um die Ecke und duzte sich mit der Apothekerin. Ich wartete nur darauf, dass sie ihm die Auszeichnung „Kunde des Jahres“ verlieh. Oder, und dies schien mir die wahrscheinlichste Möglichkeit, Rigolettos Mutter hatte genauso  ein verdrehtes Bild von ihrem Sohn wie ihr Sohn von ihr. Insgeheim war das meine Hoffnung, denn dann war das Ganze genetisch und mein Hase konnte nichts dafür, dass er seine kräutersammelnde, fernsehende, Süßigkeiten futternde Mutter mit Hillary Clinton verwechselte. Und sollten wir mal Söhne bekommen, würden die mich genauso verklärt sehen.

Als die Tischdecke gerettet war, beschloss Ingrid, mich in die Geheimnisse des Kräutersammelns einzuweihen.

„Wir machen einen Spaziergang!“, rief sie ebenso unerwartet wie enthusiastisch und laut, dass Igerich sofort wieder seine (Gott sei Dank nun leere) Kaffeetasse umstieß.

„Da zeigen wir unserer Mandy mal, was für Schätze Mutter Natur direkt am Wegesrand für uns bereithält.“

Ingrid lächelte mir gönnerhaft zu, als hätte sie mir eben angeboten, in einen Topf mit Gold zu fassen und mir so viel rauszunehmen, wie ich nur tragen konnte.

Insgeheim fragte ich mich, warum ihre Kunden die Kräuter nicht selber sammelten, wenn sie direkt am Wegesrand wuchsen, stellte diese Frage aber nicht laut. Das einzig Positive, was ich dem geplanten Spaziergang am Sonntagmorgen bei zwei Grad und anhaltendem Nieselregen abgewinnen konnte, war die Tatsache, dass ich mich noch nicht als komplett Ungläubige zu erkennen gegeben hatte und meine Chancen auf ein glückliches Lebensende mit Rigoletto nicht gänzlich geschwunden waren. Damit dies auch so blieb, räumte ich schnell den Frühstückstisch ab und die Spülmaschine ein, während Ingrid und Rigoletto für eine bestimmt nur aus besten, natürlichen Zutaten hergestellte Zigarette auf den Balkon verschwanden.

Igerich murmelte derweil etwas von Umziehen und verschwand im Schlafzimmer. Warum er dazu die Flasche Cognac, die er unter dem Arm hatte, brauchte, war mir nicht ganz klar. Ich hatte allerdings keine Zeit darüber nachzudenken, denn schon wurde ich von Ingrid vom Balkon aus angetrieben, nicht rumzutrödeln und mich selber doch auch bitte umzuziehen.

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