Kapitel Eins – Teil 5

Vergebens wartete ich im Zimmer auf den Mann, den ich heiraten und von dem ich in Erfahrung bringen wollte, warum ich mich umziehen möge. Und in was. Ich trug Jeans und Pullover – die frisch gekauften, schicken Anziehsachen hatten ihren Weg noch nicht aus dem Koffer gefunden und würden es wohl auch nicht – und ich sah nicht ein, was daran unpassend für einen Spaziergang im Wald sein sollte.

Also zog ich nur schnell dicke Socken und ein paar Turnschuhe an, die ich Gott sei Dank mitgenommen hatte, weil man ja nie wusste.

Zugegeben, bei meinen Turnschuhen handelte es sich um sogenannte „Trendsportschuhe“, die weniger zum Sporttreiben als mehr zum guten Aussehen gemacht worden waren. Aber sie waren fest und hatten eine Gummisohle. Was konnte man mehr für einen Waldspaziergang brauchen? Ingrids Gesichtsausdruck des blanken Entsetzens beim Anblick meiner Schuhe kam mir deshalb übertrieben vor.

„Ach Gottchen! Mit den feinen Berliner Schühchen wirst du hier aber nicht weit kommen“, kommentierte sie schnell, um ihr Missfallen über mein Schuhwerk auch verbal zum Ausdruck zu bringen.

Gerne hätte ich jetzt meinen Hasen hilfesuchend angesehen, aber leider konnte ich ihn nirgends entdecken. Ingrid und ich standen allein am Hauseingang und warteten auf den Rest der Familie.

„Ach, das geht schon, die halten mehr aus als man denkt“, antwortete ich höflich, während ich im Geiste überlegte, wie viel mir mein Märchenprinz und das Lebensende mit ihm eigentlich wert waren.

Gerade als ich zu dem Entschluss kam, dass er sogar diese Mutter wert war, kam er angequietscht. Ich schloss schnell meine Augen und machte sie wieder auf, doch leider blieb das Bild, das sich mir bot, unverändert: Rigoletto trug eine überdimensionale Anglerhose und einen riesigen Parka, der eher für einen Yeti geschneidert worden war als für ihn. Dabei war Rigoletto mit 1,89 Metern nicht klein. Die Hose gab bei jedem Schritt ein Geräusch von sich, das man, war man ein netter Mensch, als „Quietschen“ bezeichnen konnte. Aber wenn man ehrlich war, war es eher ein Furzen. Mit Mühe unterdrückte ich ein Lachen und hielt dezent nach einem Anzeichen, dass die beiden sich einen Riesenspaß mit mir machten, Ausschau.

„Schicke Hose, mit der kommt man bestimmt selbst hier recht weit“, sagte ich in Anspielung auf Ingrids Aussagen zu meiner Aufmachung. „Und der Parka – cool, ‚oversize’ ist ja momentan total ‚in’.“

Mein Hase lächelte mir verlegen zu. Vielleicht hatte er irgendwo in einen Spiegel gesehen und wusste wie peinlich er aussah. Mit einem gigantischen Furz-Quietscher ließ er sich auf einen Stuhl, der neben dem Eingang stand, fallen.

„Der Parka gehörte unserem Nachbarn. Letztes Jahr Weihnachten hat der Arme beim Fischen einen Herzanfall gehabt und war sofort tot. Bumm. Umgefallen. Tot. Furchtbar war das!“ Ingrid hatte Tränen in den Augen, offensichtlich hatte sie den Nachbarn gern gehabt.

„Aber deswegen muss man die schöne Anglerhose und den Parka ja nicht gleich wegwerfen, die sind ja noch gut. Und außerdem ist es so etwas wie eine Erinnerung an Walter, schließlich hatte er genau diese Sachen an, als er….“, fuhr sie mit bebender Stimme fort.

Ich schaute so betreten wie ich eben konnte und betete derweil, dass Anglerhose und Parka nach dem Ableben des Nachbarn und bevor Rigoletto sie angezogen hatte in der Reinigung gewesen waren. In diesem Moment kam Igerich angequietscht, der das gleiche Outfit wie sein Sohn trug. „Offensichtlich geht in der Nachbarschaft ein Massensterben um“, dachte ich und fühlte mich irgendwie beklemmend. Die Frage, ob Ingrid mit ihren Kräutern die Nachbarschaft nicht vor dem Aussterben retten konnte oder nicht retten wollte, verkniff ich mir. Igerich stieß derweil den Schirmständer neben der Tür um, womit er erneut die Situation rettete, auch wenn es ihm einen weiteren tadelnden Blick seiner Frau einbrachte.

„Dann wollen wir mal los“, sagte Ingrid endlich und wir verließen, begleitet von einem Konzert der furz-quietschenden Anglerhosen, das Haus.

Nachdem sich die beiden Michelin-Männchen mit Mühe ins Auto gequetscht hatten, fuhren wir eine knappe halbe Stunde, bevor wir endlich am von Ingrid auserkorenen Waldstück ankamen. Ganz erschloss sich mir diese Verpestung der schönen Natur mit Autoabgasen nicht, da das Haus von Ingrid und Igerich ebenfalls am Waldrand lag. Dazu fuhr Ingrid auch noch einen dieser übergroßen SUVs, von denen ich bislang gedacht hatte, sie kämen nur in amerikanischen Serien über reiche und schöne Menschen mit eigener Tankstelle vor.

„Hier gibt es ein wunderbares Schlammgebiet, fast schon Moor, deshalb mussten wir ein Stückchen fahren“ erklärte Ingrid, als könne sie meine Gedanken lesen, was mich genauso beunruhigte wie die Tatsache, dass offensichtlich ein Querfeldein-Marsch geplant war.

Auf einmal wirkten die Anglerhosen gar nicht mehr so lächerlich. Meine Trendsportschuhe dagegen schon. So schlimm würde es schon nicht werden, tröstete ich mich, schließlich trug Ingrid auch keine Anglerhose, sondern einen schwarzen Pullover, dessen Anfang und Ende man nicht erkennen konnte und Hüft-Jeans mit einem derart enormen Schlag, dass es unmöglich war, neben ihr zu gehen, ohne von den Hosenbeinen ausgepeitscht zu werden.

Ich hatte es bislang wohlweislich vermieden Ingrid genauer anzusehen, da ich befürchtete, dass der Anblick von weit über 100 Kilo auf 160 Zentimeter verteilt in Schlagjeans für mich zu viel sein könnte und ich in unkontrollierbares Lachen ausbrechen würde. Nun nahm ich ihre Kleidung aber doch genauer unter die Lupe. Immerhin, Ingrid trug Gummistiefel, was für einen Schlammmarsch wirklich deutlich besser war als meine Turnschuhe.

„Also dann“, gab Ingrid den Marschbefehl und mein Hase und Igerich quietschen, gefolgt von Ingrid, los.

Ich schloss mich am Ende unserer merkwürdigen Truppe an und dachte daran, dass ich mal mit einer Freundin zusammen 36 Stunden in einem Bus mit Reise-Rentnern nach Marokko gefahren war. Die Reise-Rentner hatten darauf bestanden, dass sie ihre Rückenlehnen wegen diverser körperlichen Zipperlein – von denen natürlich am Strand beim Volleyballspiel nichts mehr zu sehen war – auf jeden Fall bis zum Anschlag zurücklehnen mussten, während wir unsere auf keinen Fall auch nur einen Zentimeter nach hinten bewegen durften. Das hatte ich überstanden, also würde eine Stunde Schlammwandern mich auch nicht umbringen, tröstete ich mich selber. Außerdem konnte ich mir neue Schuhe kaufen, wenn meine Turnschuhe unseren kleinen Ausflug nicht überleben würden, dachte der Optimist in mir.

Wenige Minuten nach Beginn unseres Marsches erreichten wir eine Weggabelung. Auf einem Schild mit einem Richtungspfeil stand zu lesen „Zum Moorgebiet, Betreten auf eigene Gefahr“. Seufzend akzeptierte ich mein Schicksal und wendete mich nach rechts, wohin der  Pfeil zeigte.

„Wir treffen uns dann in zwei Stunden zum Mittagessen. Viel Spaß ihr Lieben“, hörte ich plötzlich Ingrids Stimme hinter mir und als ich zurückblickte, sah ich sie zielstrebig nach links abbiegen.

Erst jetzt fiel mir das zweite Schild auf: „Café Moorblick“. Der Pfeil darunter deutete nach links.

„Kommst du nicht mit?“, fragte ich erstaunt nach, das Offensichtliche nicht wahrhaben wollend. „Ich dachte, du wolltest mich in die Geheimnisse des Kräutersammelns einweihen?“ Ich versuchte enttäuscht und nicht entsetzt zu wirken.

„Ach, Liebelein, ich fühl mich heute nicht so, habe die ganze Nacht keine Auge zu gemacht wegen meines Rückens. Und Kräuter gibt es um diese Jahreszeit sowieso kaum, den Rest kann Igerich dir zeigen. Ich warte so lange im Café auf euch, dann können wir auch gleich Mittagessen wenn ihr wiederkommt.“

In diesem einen Satz waren so viele Unglaublichkeiten, dass ich ernsthafte Mühe hatte zu entscheiden, welche ich als erste verarbeiten sollte. Ingrid kam nicht mit zum Spaziergang? Ich dagegen sollte mich zwei Stunden durch ein Moor schlagen, in das ich unter vollkommen falschen Voraussetzungen gelockt worden war? Ingrid trank derweil Kaffee? Zwei Stunden lang? Alle waren für einen Moormarsch passend gekleidet, nur mir hatte niemand  Bescheid gesagt? Ingrid hatte die ganze Nacht nicht geschlafen? Das wusste ich besser, da ich tatsächlich die ganze Nacht nicht geschlafen und ihrem Schnarchen gelauscht hatte. Und zu guter Letzt: Es war 10 Uhr und wir waren gerade vom Frühstückstisch aufgestanden und um 12 Uhr sollte ich schon wieder Mittagessen? Ich hatte immer gedacht, nur im Krankenhaus würde man gezwungen, um 12 Uhr Mittag zu essen.

Der Gedanke an den Rentnerbus war plötzlich kein echter Trost mehr. Während Ingrid uns fröhlich nachwinkte, machten Igerich, Rigoletto und ich uns auf zu unserer Moorexpedition.

„Wird schon nicht so schlimm werden“, sagte mein Hase zu mir, als wir außer Hörweite waren.

Offensichtlich spürte er, dass ich langsam aber sicher wirklich sauer wurde. Richtig sauer. Und zwar auf ihn. Es war eine Sache, dass er ein vollkommen verklärtes Bild von seiner Mutter hatte. Mit Sicherheit hatte er aber ein sehr gutes Bild davon, dass ich nicht gerne spazieren ging, und schon gar nicht im Moor mit meinen Trendsportschuhen. Warum hatte er mir nichts gesagt oder mir seinen Angleranzug angeboten? Den ich mit Sicherheit abgelehnt hätte, aber hier kam es auf die Geste an. Und wieso waren wir nicht zu Hause geblieben, wenn offensichtlich alle geahnt hatten, dass Ingrid sich für zwei Stunden gemütlich ins Café setzen würde, statt mir Kräuter zu zeigen, die mich nicht interessierten.

Ohne Rigoletto zu antworten oder ihn auch nur eines Blickes zu würdigen, ließ ich meinen Hasen stehen und versuchte mit Igerich Schritt zu halten, der fast schon im Laufschritt unterwegs war und nach irgendetwas Ausschau zu halten schien. Vielleicht hoffte er, unsere auf zwei Stunden angelegte Expedition abkürzen zu können, wenn er die gewünschten Kräuter schneller zusammensammelte. Aber Igerich hatte einen anderen Plan.

„Wollen wir mal sehen, dass deine Schuhe nicht vollkommen ruiniert werden und ich einen Weg ohne allzu viel Schlamm finde, um dahin zu kommen, wo ich hin will“, lächelte er mich an.

Es war der erste Satz mit mehr als drei Worten und ohne das Wort Rotwein darin, den ich ihn sagen hörte. Mit Mühe lächelte ich zurück. Wenige Minuten später kamen wir so gut wie trocken und sauber an einer kleinen Lichtung an, wo ein Rastplatz bestehend aus einem Holztisch und zwei Bänken angelegt war.

„Da sind wir“, sagte Igerich, setze sich auf einen der Stühle und zog aus seiner riesigen Umhängetasche, von der ich gedacht hatte, sie sei für die Kräuter bestimmt, eine Thermoskanne, drei Becher und einen Stapel Sonntagszeitungen.

„Jetzt wärmen wir uns erst mal mit einem Tee und lesen Zeitung“, sagte er so strahlend, dass von dem grauen Mann, den ich bislang kennengelernt hatte, nichts mehr übrig war. Offensichtlich blühte er in Abwesenheit seiner Frau auf.

„Wir können uns natürlich auch gerne unterhalten, aber ich schätze die Stille im Moor besonders“, erklärte er bedeutungsvoll.

Ich blickte meinen Hasen an. Der zuckte die Schultern:

„Das machen wir seit Jahren so. Im Winter findet man einfach keine Kräuter, aber meiner Mutter ist das mit ihrer Disziplin und Perfektion natürlich nicht klar zu machen.“

„Ja, genau“, dachte ich verärgert. „Das ist natürlich das Höchstmaß an Disziplin, wenn man andere ins Moor schickt und sich selber in die warme Kaffeestube setzt.“

Immerhin hatte mein Freund mich nicht gnadenlos ins Messer laufen lassen, auch wenn es sein Vater war, der für meine Rettung verantwortlich schien, beruhigte ich mich schließlich. Ich war erleichtert und der Ausblick, zwei Stunden frierend Zeitung auf einer Holzbank zu lesen, war immer noch besser, als zwei Stunden frierend durch Schlamm zu laufen.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Der Roman veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Ein Gedanke zu „Kapitel Eins – Teil 5

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s