Kapitel Eins – Teil 6

So saßen wir auf den zwei Holzbänken und lasen Zeitung. Dazu tranken wir Igerichs Tee, der vorzüglich schmeckte. Er hatte ein leicht süßliches Aroma und sorgte für wohlige Wärme im ganzen Körper. Ich trank die erste Tasse fast gierig aus und brauchte Igerich nicht um eine zweite Tasse zu bitten, da er mir automatisch nachschenkte. Selbstverständlich hatten die Männer mir, höflich wie sie waren, den Wirtschaftsteil überlassen, der mich nur geringfügig mehr interessierte als die Kräuter, die wir nicht sammelten. Aber er brachte mich auf eine Idee.

„Sag mal, du hast doch gesagt, deine Mutter ist Geschäftsfrau und im Pharmabereich tätig. Was genau macht sie denn mit ihren Kräutern? Die sind ja noch keine Medizin, nur weil sie da sind? Und im Winter scheinen sie ja nicht mal da zu sein?“ So wirklich klar waren mir die Grundlagen von Ingrids Unternehmen trotz der Frühstücksunterhaltung nicht.

Ich könnte schwören, dass ich Igerich kichern hörte, aber als ich zu ihm rüber blickte, schien er, vollkommen vertieft in seine Zeitung, nichts von meiner Frage gehört zu haben.

„Na, im Sommer findet man natürlich Unmengen an Kräutern und die trocknet meine Mutter und verschickt sie an ihre Kunden. Und natürlich ist das keine Medizin im traditionellen Sinne, aber die Geschäftsidee ist ja auch, dass sie das absolute unverfälschte Naturprodukt anbietet. Was die Kunden dann damit machen ist ihnen überlassen“, erklärte mir mein Hase mit so ernster Stimme, als hätte seine Mutter etwas ähnlich Großes wie Facebook erfunden.

„Und wie viel verschickt sie so? Ein Paket am Tag, 20, 100, 1000?“

Eine Chance gab ich dem „Geschäft“ meiner Vielleicht-Schwiegermutter noch. Ab 50 Paketen am Tag war ich bereit von einem echten Business zu sprechen. Alles über zehn Pakete war vielleicht ein Geschäftchen und alles darunter…..na ja.

„Also, mindestens drei bis vier pro Woche“, sagte mein Hase, als hätte er nicht fünf Jahre Betriebswirtschaft studiert und genau gewusst, was der Unterschied zwischen einer Firma, einer Geschäftsidee, einem Hobby und einer spinnerten Idee war.

„Dir ist schon klar, dass die Begriffe ‚Geschäftsfrau’ und ‚gut gehendes Pharmaunternehmen’ ganz leicht übertrieben sind für eine Frau, die Kräuter sammelt, trocknet und pro Woche vier Päckchen davon an Kunden verschickt?“, fragte ich vorsichtshalber noch mal nach und wunderte mich über mich selbst. Eigentlich hatte ich gar nicht vorgehabt, so offen Kritik zu üben. Ich war schließlich immer noch im „Schwiegereltern-künftiger-Mann-umgarn-Modus“. Irgendwie waren mir die Worte einfach so rausgerutscht. Ich fühlte mich etwas schummerig.

„Du musst das anders sehen. Natürlich ist das kein Riesenbusiness, aber meine Mutter macht das allein, es gibt Nachfrage, es gibt Kunden und sie verdient damit Geld – was ist daran kein Geschäft?“

So konnte man das natürlich sehen, dachte ich. Wenn man total verblendet ist. Und ein Mamasöhnchen. Ich begann zu kichern.

„Ich hatte das irgendwie so verstanden, als würden deine Eltern vom Geschäft deiner Mutter leben“, sagte ich und hatte auf einmal das Gefühl, dass meine Zunge trotz des ganzen Tees ausgetrocknet war.

Ich trank schnell noch einen Schluck Tee. Igerich war derweil in schallendes Gelächter ausgebrochen.

„Steht ein wirklich guter Witz hier in der Zeitung“, sagte er entschuldigend, während er sich die Tränen aus den Augenwinkeln wischte.

„Wir leben von meiner Rente. Ich war mal Geschäftsführer bei Sony“, klärte er mich schließlich auf, da ich nur noch mit Mühe meine Unzufriedenheit über die Aussagen seines Sohnes unterdrücken konnte. Das erklärte natürlich einiges: das riesige Haus, das Auto, den gigantischen Fernseher und dass Ingrid es mit dem Kräutersammeln langsam angehen lassen konnte. Vier Pakete pro Woche. Im Sommer. Ich schüttelte verächtlich den Kopf und trank meinen Tee aus.

Bei zwei Grad Nieselregen auf Holzbänken im Moor rumsitzen und sich den Anweisungen der Vielleicht-Schwiegermutter zu widersetzen, war eine Beschäftigung, die mir für einen normalen Sonntagmorgen nicht unbedingt eingefallen wäre. So hatte sich der sowieso eher geringe Charme des Ganzen auch nach einer Stunde endgültig verflüchtigt. Tee gab es auch schon lange keinen mehr. Gott sei Dank beurteilten Igerich und sein Sohn die Situation ähnlich. Also schlenderten wir so langsam es ging, um noch etwas Zeit zu schinden, in Richtung Café Moorblick. Mir war die langsame Fortbewegung gerade recht, da ich mich insgesamt nicht wohl fühlte und mein Kopf zu schmerzen begann. Die durchwachte Nacht zeigte Auswirkungen. Es war erst 11.30 Uhr, als wir auf eine enttäuschte Ingrid trafen.

„Wirklich, gar keine Kräuter?“, fragte sie mehrmals nach. Unsere Versicherungen, dass wir wirklich alles abgesucht hatten, konnten sie kaum trösten.

„Ehrlich, keine Kräuter. Überhaupt keine. Nicht mal ein ganz kleines Kräuterchen“, versicherte ich Ingrid mehrmals.

Ich wollte auf keinen Fall den absolut korrekten Eindruck entstehen lassen, dass ich an ihren Kräutern ganz und gar nicht interessiert war. Ich konnte nicht mehr aufhören, ihr von unseren vermeintlichen Bemühungen zu berichten, so besorgt war ich, dass die Wahrheit auffliegen könnte.

„Mandylein, geht es dir nicht gut?“, fragte Ingrid schließlich irritiert nach.

„Doch, doch.“ Ich hatte immer noch Mühe mit meiner schweren, trockenen Zunge zu sprechen.

„Es ist alles wunderbar, es gibt nur eben keine Kräuter. Jeden Stein habe ich umgedreht. Keine Kräuter. Nicht ein einziges Kräuterlein. Alles weg. Zu kalt im Winter.“ Ich grinste sie bei diesem Worten dümmlich an.

Ingrid sah mich streng an und beugte sich dann zu ihrem Sohn hinüber, um ihm etwas ins Ohr zu flüstern. Dabei sprach sie so laut, dass das ganze Lokal sie gut verstehen konnte.

„Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich denken, sie ist betrunken.“

„Das kann nicht sein, sie hat nur ein bisschen Tee getrunken“, sagte Igerich bedeutungsvoll in meine Richtung.

Um Himmels Willen. Der Tee. Natürlich. Vor meinem geistigen Auge tauchte Igerich auf, wie er nach dem Frühstück mit der Cognac-Flasche unter dem Arm aus der Küche verschwand. Meine schwere Zunge, die Kopfschmerzen – endlich gab es eine Erklärung.

„Immerhin“, versuchte ich mich, benebelt wie ich war, zu trösten, „ich bin nicht allergisch gegen Ingrid.“ Das war meine eigentliche Befürchtung gewesen. Ein Problem hatte ich trotzdem: Ich saß um 11.30 Uhr mit der Frau, die mal meine Schwiegermutter werden sollte und betrunkene Menschen hasste, in einem Café und war sternhagelvoll. „Super!“, gratulierte ich mir selber. Jetzt hatte Ingrid mich in den ersten 24 Stunden unserer Bekanntschaft nicht nur nackt gesehen, sondern auch noch betrunken. Ich stieß Rigoletto unter dem Tisch an, damit er etwas zu meiner Verteidigung sagte. Ich selber traute mich nicht mehr zu sprechen, da ich vermutete, dass ich nur lallen würde.

„Rigoletto“, Ingrid flüsterte ihrem Sohn erneut ein Geheimnis in einer Lautstärke, die an Elefantentrompeten erinnerte, ins Ohr, „du weißt, dass ich es nicht mag, wenn Menschen sich gehen lassen und sich mit Suchtmitteln betäuben.“

„Mama, wir haben aber sicher nur Tee getrunken“, beschwichtigte Rigoletto seine Mutter, die mich böse ansah.

Ich nickte heftig zu Rigolettos Worten, während ich versuchte, mir Wasser einzuschütten und dabei dummerweise die halbe Flasche neben das Glas goss. Mein nächster, hilfesuchender Blick ging zu Igerich, der aber vollkommen ruhig da saß und somit nichts umstoßen und die Aufmerksamkeit seiner Frau auf sich lenken konnte. Gott sei Dank besserte sich Ingrids Laune etwas, als ihr einfiel, dass wir nun Mittagessen konnten.

Pünktlich um 11.38 Uhr stand ein Schweineschnitzel mit Pommes Frites und Gemüse vor mir. Nicht gerade mein Leibgericht, aber die Auswahl im „Café Moorblick“ war begrenzt: Es war das einzige Gericht auf der Karte. Ich beäugte das Gemüse kritisch. Ich hatte Erbsen und Möhren aus der Dose das letzte Mal als Kind gesehen und war mir daher nicht sicher, ob es sich bei dem grauen Zeug auf meinem Teller tatsächlich um Konservengemüse handelte. Aber naturbelassenes Öko-Gemüse war es bestimmt nicht, was Ingrid nicht zu stören schien. Sie mampfte mit großem Genuss ihren Teller leer. Langsam ließ ich die Erbsen über meinen Teller kullern, um davon abzulenken, dass ich nicht vorhatte, sie zu essen. Ich hatte etwas Sorge, dass ich sie, betrunken wie ich war, nicht auf der Gabel halten könnte. Außerdem hatte ich mich schon als Kind vor Dosengemüse geekelt und mir schwante, dass ich auch mit aufopferungsvollem Essen des Zeugs nichts mehr retten konnte. Ich hatte einen schlechten Eindruck auf meine Schweigereltern in spe gemacht.

Einen Vorteil hatte das frühe Mittagessen. Da wir schon vor Wochen ausgemacht hatten, dass wir direkt nach dem Mittagessen mit Rigolettos Auto nach Berlin zurückfahren würden, waren wir deutlich früher auf der Landstraße Richtung Paderborn unterwegs, als ich erwartet hatte. Und während ich noch überlegte, ob nun der rechte Zeitpunkt sei, meinem Freund ein paar Fragen über seine Familie im Allgemeinen und seine Mutter und den Tee seines Vaters im Besonderen zu stellen, fielen mir die Augen zu.

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