Kapitel Zwei – Teil 2

Am Abend, als ich endlich zu Hause war, ließ ich mich erschöpft auf mein Sofa fallen. In meinen Ohren klingelten immer noch die Lobeshymnen meiner Kolleginnen auf ihre Schwiegermütter. Melanie und Ariane hatte mir unisono verkündet, dass eine Schwiegermutter das Beste war, was einem passieren konnte. Selbstverständlich hatte ich im Gegenzug von meiner ebenso wunderbaren Schwiegermutter in spe geschwärmt. Wenn sich vom Lügen wirklich die Balken biegen würden, wäre an diesem Montag unser Bürogebäude eingestürzt. Gott sei Dank war das nicht der Fall und ich hatte Zeit, den Rest des Nachmittags vor meinem Computer über zwei Fragen zu grübeln: War ich mit meinem Problem allein auf der Welt? Liebten alle anderen Frauen ihre Schwiegermütter wie die eigene Mutter und umgekehrt?

Rigoletto hatte an diesem Abend ein Geschäftsessen, so musste die gemeinsame Aufarbeitung des Kennenlern-Wochenendes weiter aufgeschoben werden. Ich hatte das untrügliche Gefühl, dass es sowieso eher eine Frauensache war, so ein Wochenende mit den Schwiegereltern bis ins kleinste Detail auszuwerten.

Also machte ich mir eine nicht naturbelassene Tüten-Tomatensuppe, setzte mich aufs Sofa, balancierte die Suppe vorsichtig auf meinen Knien, und griff zum Telefonhörer. Ich musste mit jemand sprechen. Über Ingrid. Es musste jetzt einfach alles raus, sonst würde ich verrückt werden.

Ich rief Maria an. Maria und ich hatten zusammen studiert und waren dann unserer ersten Arbeitsstellen wegen in unterschiedliche Städte gezogen. Maria hatte vor fünf Jahren ihren Freund Stefan geheiratet und war seit zwei Jahren Mutter von Zwillingen.

Ich hielt mich nicht mit langen Vorreden auf. Kaum hatte Maria den Hörer abgenommen, fragte ich schon:

„Ist deine Schwiegermutter nett?“

„Nett?“, fragte Maria erstaunt zurück. „Meine Schwiegermutter ist die größte Pissnelke, die du dir vorstellen kannst.“

Mir fiel ein Stein vom Herzen. Ich war nicht allein.

„Meine auch“, seufzte  ich verschwörerisch.

„Ihr seid doch noch gar nicht verheiratet“, fiel mir Maria ins Wort.

„Nein, aber Rigolettos Mutter könnte meine Schwiegermutter werden und sie ist furchtbar.“

Jetzt war es raus. Ich hatte es gesagt. Nicht zu Rigoletto, aber ich hatte einen lebenden Menschen in mein schreckliches Geheimnis eingeweiht.

„Alle Schwiegermütter sind furchtbar“, behauptete Maria überzeugt.

„Die Schwiegermütter meiner Kolleginnen sind alle herzliche, verständnisvolle Frauen.“

„Im Leben nicht. Die meisten Frauen können nur nicht zugeben, dass ihre Schwiegermütter blöde Kühe sind, weil sie Angst haben, dass ihr Mann oder Freund dann sauer auf sie wird.“

Ich unterdrückte einen Räusperer. Ja, der Gedanke kam mir bekannt vor. Und ich war noch ganz neu im Schwiegermutter-Geschäft. Vorsichtshalber sagte ich Maria davon nichts und hörte ihr stattdessen über eine Stunde zu, wie sie mir die schlimmsten Geschichten ihrer Schwiegermutter erzählte. Irgendwie hatte das etwas Beruhigendes.

Am nächsten Abend traf ich Rigoletto bei dem kleinen Italiener an der Ecke gegenüber meiner Wohnung. Ich hatte einen weiteren Arbeitstag damit verbracht, intensiv über Ingrid nachzudenken. Meinem Chef hatte ich auf die nicht sehr nette Nachfrage, womit ich meine Zeit verplempern würde, gesagt, ich würde eine größere Reihe über Familienunternehmen, die aus dem Nichts entstanden seien, planen. Nun saß ich mit einem Glas Rotwein beim Italiener und wartete auf Rigoletto. Ich musste noch mal über die Sache mit den Familienunternehmen nachdenken. Bei der Vorstellung, wie ich meinen Chef mit Ingrid bekannt mache, kicherte ich gerade in mich hinein, als Rigoletto sich mit feierlicher Miene zu mir setzte.

„Meine Mutter mag dich.“ Er sprach diese Worte aus, als hätte der Papst persönlich ihn angerufen und mitgeteilt, dass ich als nächste Jungfrau Maria im Gespräch sei.

Meine Antwort: „Ich mag deine Mutter aber nicht“ blieb mir angesichts des Glücks, das aus seinem Gesicht strahlte, im Halse stecken. Ich dachte an meine Alles-gar-nicht-so-schlimm-Liste und strahlte zurück.

„Das freut mich, ich mag deine Mutter auch.“

Wie gesagt, ich konnte gut und ohne Probleme lügen, aber diese Lüge war so riesig, dass ich mich instinktiv an die Nase fasste, um zu sehen, ob sie zu wachsen begann. Danach hielt ich mich an der Tischkannte fest, falls die Erde zu beben beginnen und ein Loch sich auftun würde, um mich zu verschlucken.

„Mira, nun kennen wir uns schon einige Zeit und ich denke, jetzt ist der rechte Augenblick, den nächsten Schritt zu machen.“

Ganz kurz schien die Erde tatsächlich zu beben und der Himmel über dem Restaurant ging auf. Überall hörte ich Harfen und Geigen spielen. Lügen wurden belohnt! Nicht bestraft. War das der Moment? Das musste der Moment sein. Ich sah Rigoletto erwartungsvoll an.

Es war nicht der Moment. Statt einer kleinen Box mit kostbarem Inhalt legte Rigoletto eine Zeitung auf den Tisch:

„Lass uns zusammenziehen. Ich habe schon mal den Immobilien-Teil mitgebracht.“

Ok, ich war ein klein wenig enttäuscht, dass es kein Heiratsantrag war, aber Zusammenziehen war immerhin etwas. Etwas, was ich dringend wollte. Wir hatten die Rechnung noch nicht ganz bezahlt, da sprang ich bereits auf und lief so schnell ich konnte in meine Wohnung. Rigoletto war noch nicht an der Eingangstür angekommen, da saß ich schon am Computer und verfasste das Kündigungsschreiben für meine Wohnung. Und für seine Wohnung.

Die nächsten Wochenenden verbrachten Rigoletto und ich damit, Wohnungen anzusehen, Zimmer auszumessen, die Vor- und Nachteile von Wohnungen mit oder ohne Küche zu besprechen und Farben für eventuell zu streichende Wände zu diskutieren.

Wenn es um meine Wohnung ging, konnte ich ein wenig überschwänglich werden. Ich hatte es eben gerne schön. Nicht so schöne Sachen hatte ich dagegen nicht so gern. Schon gar nicht in meiner Wohnung. Auch nicht in Rigolettos und meiner Wohnung. Unglücklicherweise waren ein paar von Rigolettos Möbeln gar nicht schön. Glücklicherweise hatte er für einen Mittdreißiger erstaunlich wenig Einrichtung, an der er nicht sehr hing und die ich ihm zu meiner Zufriedenheit ohne größere Mühe schnell ausreden konnte. Woher sollte ich auch ahnen, dass mein Freund sehr wohl einiges an Einrichtung hatte und dies alles noch den Weg in unsere gemeine Wohnung finden würde?

Kaum hatten wir also eine 3,5-Zimmer-Dachgeschoss-Traumwohnung mit Aufzug in bester Lage gefunden hatten beschlossen „wir“, dass wir sein ausgeleiertes, rotes Sofa und die Schrankwand, die noch aus der Junggesellen-Wohnung seines Vaters stammte, nicht wirklich brauchten.

Ich war in meinem Element. Obwohl wir erst am 1.Januar unsere neue Wohnung beziehen konnten, hatte ich Ende November bereits einen Masterplan aufgestellt, welche Möbel Einlass in unsere erste gemeinsame Wohnung finden würden, welche Farbe an welche Zimmerwand kam, was wo stehen würde, was neu gekauft werden musste und was für immer in den ewigen Möbel-Jagdgründen verschwinden sollte.

Ich liebte Einrichten und war so beschäftigt, unsere zukünftige Wohnung zu planen, dass ich darüber fast meine zweite Lieblingsbeschäftigung vergaß: Weihnachten.

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13 Gedanken zu „Kapitel Zwei – Teil 2

  1. Ich hab mir eine Notiz gemacht – erst Taschentücher für die Lachtränen zur Hand nehmen – dann lesen.

    Köstlich

    LG
    Mechthilda

  2. puh ! was bin ich froh, dass ich den Kontakt zu meiner gleich von Anfang an unterbunden habe. mittlerweile weiß ich, dass sie unterdepressionen leidet und sobald ich sie nur ein klitzekleines bisschen in unser Leben lassen würde… ohnein daran will ich gar nicht denken! Jetzt hat sie auch noch zu ihrem Geburtstag eingeladen, ich kann ja meinem Gatten zuliebe nicht immer absagen, zumal sie bestimmt auch dei „zuckersüße“ Kleine Tochter sehen wollen.
    Der Schwiegervater hat dazu auch noch Jahrelang seine Kinder (und Frau ?) geschlagen.
    Das macht nicht so viel Freude mit dem Töchterchen von grade einem Jahr dorthin zu fahren..???

    • Bald, dann allerdings als ebook…das Cover wird gerade überarbeitet und ich hoffe, in ein oder zwei Wochen ist es endlich soweit!!!

  3. Hallo,
    die Geschichte ist ja echt super geschrieben!! Klasse!
    Gibts die denn auch als Buch?

    Mit meiner Schwiegermutter hatte ich 4 Jahre lang ne Art „Waffenstillstand“. 🙂

    • Danke, freut mich wenn sie gefällt. Ja, die Geschichte gibt es auch als eBook, gerade gestern bei Amazon eingestellt. Einfach auf das Cover auf der rechten Blogseite klicken und runterladen…geht auch ohne eReader, bei Amazon kann man die notwendige Software für den PC gratis runterladen…viel Spaß!

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