Kapitel 7 & 8

Kapitel 7.

„Natürlich machen wir das nicht!“, brüllte Rüdiger Spitz mich aus dem Telefonhörer an, als würde er eine Ausbildung zum Nebelhorn machen.

In meiner Verzweiflung hatte ich ihn angerufen, nachdem ich Rosie nicht erreichen konnte.

„Den Mist hast du dir selber eingebrockt. Jetzt sieh zu, wie du da wieder rauskommst. Wenn du so weiter machst, bist du die Stelle bei mir los, bevor du deinen ersten Totenschein in der Hand gehalten hast. Da kann deine Mutter meiner Frau noch so oft im Supermarkt auflauern und sie volllabern!“

Mit diesen Worten beendete mein Großcousin das Gespräch mit mir. Ich verspürte das dringende Bedürfnis, mich neben Elvira Klein auf das Himmelbett zu setzen und mit ihr gemeinsam zu heulen.

„Was mache ich jetzt nur? Sie müssen mir helfen!“, fragte meine erste – und wahrscheinlich letzte – Kundin im Bestattungsgewerbe mich unglücklich.

Elivra Klein streichelte mit einer Hand zärtlich über Fritz‘ flauschigen Körper und schluchzte. Wenigstens machte die Sache mit den vielen Haaren bei der Trauerfeier endlich Sinn. Und die Sache mit dem Riechen. Und die Sorge wegen des Platzes, denn Fritzchens Freunde würden alle in Begleitung zur Trauerfeier kommen.

„Sind sie sicher, dass ihr Fritz sich eine große Trauerfeier gewünscht hätte?“, fragte ich vorsichtig.

Meine Erfahrungen mit Hunden waren begrenzt, aber soweit ich wusste, waren sie meist mit Fressen und einem Spaziergang zufrieden. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Hunde große Ansprüche an ihren Abschied von dieser Welt hatten.

„Ja, aber die ganzen Leute aus dem Hunde-Verein, die wollen ihn doch noch mal sehen, immerhin waren wir vor über zehn Jahren Gründungsmitglieder! Fritzchen war Ehrenmitglied. Wegen seines hohen Alters. Vierzehn Jahre werden nur sehr wenige Bernhardiner!“

„Wie wäre es, wenn sie nur seine engsten Freunde einladen und die Trauerfeier hier machen. Wenn ich es richtig verstanden habe, können sie ihn danach im Tierkrematorium einäschern lassen“, schlug ich vor.

„Das hat der Tierarzt heute Morgen auch gesagt. Und die beiden anderen Bestattungsunternehmen, bei denen ich am Vormittag war, ebenfalls. Ich hatte mich so gefreut, als Sie meinten, Sie würden für meinen Fritz die schönste Trauerfeier organisieren, die man sich vorstellen kann.“ Der „Runzel-Vamp“ sah mich halb unglücklich, halb vorwurfsvoll an.

Irgendwie musste Elvira Klein „vergessen“ haben mir am Morgen mitzuteilen, dass es sich bei Fritzchen um einen fulminanten Bernhardiner-Rüden handelte und nicht um ihren Ehemann. Ich seufzte. Konnte mein Leben noch schlimmer werden?

Die alte Frau neben mir heulte erneut auf, dann legte sie ihre verrunzelte Hand auf meinen Arm und sagte: „Außerdem ist es wahrscheinlich das letzte Mal, dass ich meine Freunde aus dem Verein sehe. Eine alte Dame ohne Begleitung, die lädt doch keiner mehr ein.“

Gerne hätte ich ihr widersprochen, befürchtete aber, dass sie mit ihrer Vermutung Recht behalten würde. Der Sauerländer liebte seine Vereine, aber man musste etwas bieten, um als Mitglied ernst genommen zu werden. Ohne Hund in den Hunde-Club, das würde nicht lange gutgehen. Mit viel gutem Zureden überzeugte ich Elvira Klein, eine Trauerfeier für Fritz in ihrer Wohnung abzuhalten und ihn im Anschluss einäschern zu lassen.

Blieb nur das kleine Problem, wie ich meiner Mutter erklären sollte, warum sie an diesem Abend noch einen Käse- und einen Apfelkuchen für eine Hunde-Trauerfeier am nächsten Morgen backen sollte.

*

Mein zweiter Arbeitstag als Bestattungs-Planerin begann nur geringfügig besser als der erste. In der Nacht hatte ich einen Albtraum, in dem ein überdimensionaler Bernhardiner mich in seiner Schnauze durch die Gegend trug. Das war der angenehme Teil. Es war die Tatsache, dass der Bernhardiner angeleint war und niemand anderes als Tom Meinert diese Leine hielt, die mich schweißgebadet aus meinem Traum aufschrecken ließ. Während ich wach in meinem Bett lag, beschlich mich ein fürchterlicher Gedanke.

Als ich um Punkt Neun Uhr bei „Spitz Bestattungen“ eintraf, verschwendete ich keine Zeit mit Begrüßungsformeln, sondern schritt wie die Rächerin der Enterbten auf Rosie zu.

„Du, Rosie“, begann ich, und mein Tonfall hätte jeden, der nicht über Rosies „Starr-gabe“ verfügte, erschaudern lassen. „Wenn das gestern kein Bernhardiner gewesen wäre, sondern ein echter Mensch, wie genau hätte ich den in den Leichenwagen kriegen sollen?“

Rosie grinste mich so zufrieden an wie eine Milchkuh, die mit ihrem Kuhfladen mindestens 100 lästige Fliegen auf einen Streich erschlagen hatte.

„Du bist keine Freundin“, warf ich ihr böse vor.

„Jolande, mein Herz. Ich habe dir einen Gefallen getan. Nachdem Frau Klein mich fragte, ob wir Hunde-Trauerfeiern organisieren, habe ich mir gedacht, dass keine Lernkurve so steil ist, wie die Eigene-Erfahrungskurve. Du wirst zugeben müssen, dass du gestern zwei Dinge gelernt hast, die Gold wert sind und die du für den Rest deines Bestatter-Lebens nie wieder vergessen wirst.“

„Und die wären?“, fragte ich wütend nach. Wütend vor allem auf mich selber, weil ich keine Ahnung hatte, was Rosie meinte.

„Erstens: Rufe niemals, wirklich niemals deinen Großcousin und Chef Rüdiger an. Davon abgesehen, dass er keine Ahnung hat, störst du ihn immer bei etwas, von dem du auf keinen Fall wissen möchtest, bei was genau. Zweitens: Der Beruf des Bestatters hat viel mit Information zu tun. Stelle die richtigen Fragen zur richtigen Zeit, dann kann nichts schiefgehen.“

Ich verdrehte die Augen und ging in mein Büro. Mein Abgang, der Rosie verdeutlichen sollte, was ich von ihren „Erziehungsmethoden“ hielt, wurde etwas in seiner Dramatik gemildert, da ich mit meinen High Heels umknickte und Rettung ausgerechnet bei einer Yucca-Palme suchte, die natürlich sofort umfiel. Mit mir gemeinsam. Grünpflanzen waren so was von unzuverlässig!

„Hatte ganz vergessen dir zu sagen, dass du heute wirklich umwerfend aussiehst.“

Rosie gackerte los wie ein hysterisches Huhn, das dem Fuchs persönlich gegenüberstand.

„Ich habe mich nur an die Anweisungen von Rudi gehalten. Und die hießen schwarze oder graue Klamotten.“

Ich stand mit so viel Würde auf, wie man in meiner Situation aufbringen konnte und machte mich erneut auf den Weg in mein Büro. Im Gehen strich ich mir das ultra-kurze, schwarze, weit ausgeschnittene Mini-Kleid glatt, das ich extra am Morgen angezogen hatte, um Großcousin Rudi zu ärgern. Und weil meine Kleidung zu 99 Prozent aus tiefen Ausschnitten bestand. Da mir das nötige Kleingeld für einen Einkauf im „Frau-ohne-Alter-und-ohne-Ausschnitt-Shop“ fehlte, hatte ich beschlossen zu versuchen, Rudis gierige Blicke mittels „Reizüberflutung“ zu stoppen.

In meinem Büro ließ ich mich in meinen Rollstuhl fallen, der mich sofort unsanft gegen die Wand beförderte. Ich machte mir eine Kopfnote, mir eine Halskrause zu besorgen, da ein Schleudertrauma bei den ständigen Crashs unvermeidlich erschien.

Eine halbe Stunde später hatte ich alle meine Bleistifte angespitzt, im Internet gesurft, das Licht mehrfach an- und ausgeknipst und zwei Tassen Kaffee getrunken. Es war 9.30 Uhr, und mir war sterbenslangweilig. Ich drohte in meinem Trauerhallen-Büro einzugehen wie eine Primel. Also rief ich Rosie von meinem Dienst-Handy an, um sie zu fragen, ob es gegen die Berufsehre verstoße, wenn ich meine eigene Beerdigung, die in Kürze anstünde, plante. Doch Rosie flötete, noch bevor ich mein Anliegen vorbringen konnte, bereits:

„Du hast schon wieder eine Kundin. Sie ist auf dem Weg zu dir.“

„Gibt es irgendetwas, das du mir VORHER über diese Kundin sagen möchtest?“, fragte ich Rosie eindringlich, doch diese lachte und meinte: „Die Dame hat mit Sicherheit jede Menge Leichen im Keller, aber ich gehe davon aus, heute ist sie aus einem anderen Grund hier. Wuff. Wuff.“

Mir blieb keine Zeit, Böses zu ahnen, denn schon ging die Tür auf und Frau Schmolzer trat in den Raum. Hatten sich denn alle Beerdigungs-Götter gegen mich verschworen?

„Jolande Richter! Das ist wunderbar, dass du in den Familienbetrieb eingestiegen bist. Wie ich höre, organisierst du besondere Trauerfeiern. Für alle Familienmitglieder! Ich fand immer, dass dein Großcousin Rüdiger ein wenig windig ist, aber wenn du jetzt hier arbeitest, möchte ich die Gelegenheit beim Schopfe packen und für mein Ableben die ersten Vorkehrungen treffen.“

Wie? Wie konnte die Frau am frühen Morgen bereits von der Sache mit Fritz wissen? Ich war gestern Abend spät nach Hause gekommen und sofort ins Bett gegangen. Frau Schmolzer war eine der größten Tratsch-Tanten in der Geschichte des Sauerlandes und war entweder im Supermarkt oder der Bäckerei anzutreffen, damit sie bloß keinen Klatsch verpasste. Es gab Gerüchte, dass die Frau seit Jahren keine Wohnung mehr brauchte, weil sie sich nonstop auf der Straße auf der Suche nach Neuigkeiten herumtrieb. Doch selbst für ein Klatschmaul wie sie war es unmöglich, von der Geschichte bereits erfahren zu haben.

Natürlich! Mit Mühe unterdrückte ich den Reflex, mir mit der Hand gegen die Stirn zu schlagen. Oma Irmgard! Die war heute Morgen nicht zum Frühstück erschienen. Sicher hatte ihr meine Mutter gestern von den zwei Kuchen für die Hundetrauerfeier, um die ich sie telefonisch gebeten hatte, erzählt. Selbstredend hatte meine Großmutter die Bernhardiner-Geschichte sofort unter die Leute bringen müssen. Lieber ein Enkelkind bloßgestellt als guten Klatsch nicht erzählt. Ich sah Oma Irmgard vor meinem inneren Auge wie einen lange überreifen Pfirsich im Kommunionskleid an der Bäckereitheke stehen und die Neuigkeiten mit vor Aufregung rot gefärbten Bäckchen erzählen.

„Wie wäre es erst mal mit einem Gläschen Sekt?“, holte mich Frau Schmolzer zurück in die Gegenwart.

Sekt? Ich sah die Frau erstaunt an.

„Noch bin ich nicht tot! Und wenn ich schon meine eigene Beerdigung plane, dann darf ich ein wenig Stil erwarten, oder?“ Frau Schmolzer klapperte mit den Augen, als wäre sie ein Backfisch bei seiner ersten Tanzveranstaltung.

„Ich sehe mal nach, ob wir welchen kalt haben.“

Ich stand auf und machte mich auf den langen Weg durch mein Büro zu Rosie. Sollte diese mir erklären, dass es keinen Sekt gab oder ich ihn gemäß Rudis-Bestattungsregeln selber bezahlen müsse, würde ich nicht zurückkehren, sondern nach Hause gehen, mich in mein Bett legen und darauf warten, dass ein Meteoriteneinschlag mich von meinem Leiden erlösen möge.

„Natürlich haben wir Sekt“, machte Rosie meine Hoffnung zunichte, als ich ihr Frau Schmolzers Wunsch nach Blubberwasser vortrug. „Du machst dir keine Vorstellung, was die Leute wegkippen, wenn sie die Beerdigung ihrer Lieben planen. Oder ihre eigene.“

Sie ging zu einem kleinen Kühlschrank, den ich bislang nicht bemerkt hatte. Er war randvoll mit Sektflaschen.

„Der alten Schmolzer gibst du nur ein Glas. Die war schon dreimal hier und wollte ihre Beerdigung planen. Zufällig immer am Tag nach einem ‚interessanten’ Todesfall. Am Ende war die Flasche jedes Mal leer, und sie musste alles nochmal gründlich überdenken.“

Rosie nahm ein Sektglas aus einem Schrank über dem Kühlschrank, machte es halbvoll und gab es mir.

„So, damit speist du die Alte ab. Und wir trinken heute Nachmittag den Rest.“

Sie warf einen kurzen Blick auf den Kalender auf ihrem Computer.

„Mmh. Mist. Rudi wollte später vorbeischauen. Der säuft uns alles weg.“

Rosie überlegte kurz und lächelte unschuldig. „Ich weiß. Mittags hat er einen Termin im Sonnenstudio. Ich rufe die Besitzerin an, die schuldet mir einen Gefallen. Ich werde sie bitten, ihm einen 30-Minuten-Bräunungs-Gutschein zu schenken. Natürlich, nachdem er mit seiner Sitzung fertig ist. Nur sofort einlösbar. Unser lieber Chef würde niemals etwas, das umsonst ist, verfallen lassen. Der wird so einen roten Hintern haben, da sind wir ihn morgen auch gleich los.“

Sie kicherte fröhlich und machte eine Handbewegung, um mich wieder in mein Büro zu Frau Schmolzer zu scheuchen. In was für einem Film war ich bloß gelandet?

*

„Mit dir rede ich nicht mehr.“

„Wieso?“

Oma Irmgard sah ernsthaft erstaunt aus. Sie schien sich keiner Schuld bewusst zu sein.

Ich setzte mein James-Bond-mir-kann-keiner-was-vormachen-Gesicht auf und sah sie eiskalt an.

„Weil du heute Morgen zum Supermarkt gerannt bist, dass die Gummireifen deines Rollators gequalmt haben dürften, und allen erzählt hast, dass ich zu blöd bin, einen toten Ehemann von einem Hund zu unterscheiden. Darum.“

„In ein paar Jahren wirst du die Geschichte mindestens so köstlich finden wie alle, die heute Morgen in der Bäckerei waren.“ Oma Irmgard befand sich weiterhin keiner Verfehlung für schuldig.

„Das ist unwahrscheinlich. Denn niemand aus der Bäckerei hat im Anschluss einen halben Vormittag mit der sekttrinkenden Frau Schmolzer verbracht, die ihre eigene Beerdigung planen wollte. Und überlegt, Kampfhunde zu züchten. Die sie alle mit unter die Erde nehmen möchte. Die Frau plant ein Massengrab für sich und ihre imaginären Vierbeiner.“

„Meinst du wirklich, dass die alte Schmolzer Kampfhunde züchten will? So richtige? Da hätte ich gerne einen. Bei der vielen Kriminalität heutzutage.“

Ich rollte mit den Augen, dass einem Kreisel hätte schlecht werden können, und ging auf mein Zimmer. Die geplante Bestandsaufnahme meines Lebens brach ich nach 20 Sekunden ab, da ich zu diesem Zeitpunkt bereits Angst um mich selber hatte. Gott sei Dank rief meine Mutter im gleichen Moment zum Abendessen. Ich konnte mein Unglück unter Rouladen und Rotkohl vergraben. Es gab nichts, was gute Hausmannskost nicht richten konnte. Hatte schon Opa Kurt immer gesagt. Ich überlegte lieber nicht weiter, dass ihn diese Vorliebe verfrüht unter die Erde gebracht hatte.

 

Kapitel 8. 

Eine Woche später fuhr ich einen Kleinbus voller Rentner durchs Sauerland. Wir waren auf dem Weg zu einer Baumbestattung. Oder zu der ersten, von mir geplanten, „besonderen“ Trauerfeier – ohne „besondere“ Vorkommnisse. Hoffte ich. Es war wirklich die Ehefrau des früheren Gartencenter-Besitzers Helmut Grübel, die beerdigt werden sollte – und nicht sein Haustier. Alles sorgsam von mir überprüft. Die Frau war so tot, wie man tot sein konnte. Und die Trauerfeier war entsprechend nicht nur eine „Muss ich mir alles noch mal durch den Kopf gehen lassen, noch lebe ich ja, aber erzählen Sie doch noch mal von dem Bernhardiner“-Pseudo-Planung wie bei Frau Schmolzer. Und das Wichtigste: Baumbestattungen gab es wirklich. Leider im Sauerland nur auf dem Friedhof der nahegelegenen Kreisstadt Arnsberg. Deswegen der Kleinbus.

Herr Grübel hielt die Bio-Urne seiner Frau auf dem Schoß und sah glücklich aus. Nicht, weil er sie los war, sondern weil er seiner naturliebenden Frau den letzten Willen ermöglichen und sie eigenhändig unter einem Baum vergraben würde. Die anderen Trauergäste schimpften weniger glücklich übers Wetter. Eine Baumbestattung in der freien Natur an einem viel zu kalten, nebeligen, verregneten Sommertag war keine leichte Sache. Selbst für hartgesottene, sauerländische Rentner.

An der letzten roten Ampel vor dem Friedhof sah ich mir den Lageplan, den die Friedhofsverwaltung mir zugeschickt hatte, nochmals genau an. Selbstredend war die Fläche für Baumbestattungen in einem Teil des Friedhofs, an dem sich Fuchs und Hase gute Nacht sagten. Der kleine Scherz „da liegt ja der Hund begraben“ war bei dem Herrn von der Verwaltung nicht gut angekommen, also sparte ich mir den Versuch, die meckernde Trauergesellschaft damit aufzumuntern. Ich war sowieso mehr von der Sorge getrieben, wo ich den Kleinbus, den ich extra für den Zweck angemietet hatte, parken sollte. Laut Lageplan war die Entfernung vom Friedhofsparkplatz bis zu den Baumgräbern ungefähr so weit, dass wir aus Fennentrop hätten laufen können. Bei strömenden Regen ein Rudel schlechtgelaunter Rentner über den Friedhof zu treiben, stand auf der Liste meiner Lieblingsbeschäftigungen ziemlich weit unten. Ich wagte gar nicht mir auszumalen, was der Regen mit der extra leicht abbaubaren Bio-Urne während der Wanderung zum Baumgrab anstellen würde. Vor meinem geistigen Auge sah ich bereits die Asche von Frau Grübel in den Händen ihres Ehemannes zu einem grauen, nassen Klumpen werden.

Ich beschloss, einmal um den Friedhof herumzufahren, um zu sehen, ob es einen Eingang gäbe, der näher an unserem Ziel-Waldstück lag. Ich konnte mein Glück kaum fassen, als ich nach kurzer Suche einen kleinen Weg in den Wald entdeckte, der direkt zu unserem Trauerbaum führen musste. Mit neuem Schwung parkte ich den Kleinbus am Straßenrand und versammelte die Truppe.

„Es ist nicht weit und der Wald ist ziemlich dicht, da werden wir kaum nass“, munterte ich meine Rentner auf und lief los.

„Fräulein!“, erklang hinter mir die Stimme einer der Seniorinnen, die eine knallpinke Regenjacke und Gummistiefel mit Enten darauf trug.

„Ja, bitte? Wie kann ich Ihnen helfen?“, fragte ich die Frau und hoffte, dass sie nicht glaubte, ich sei für Trauer-Regenkleidung verantwortlich und hätte was Schwarzes für sie dabei.

„Ich müsste mal für kleine Mädchen“, sagte die Frau und kicherte.

„Ich auch!“, rief ein Zwei-Meter-Rentner mit Schiebermütze aus dem Hintergrund.

„Kann nie schaden“, stimmten zwei weitere Frauen in den Chor ein. Die vier hörten sich an, als würden sie einen Rentner-WC-Rapp singen. Ob die das geübt hatten?

Ich überlegte kurz, ob ich es wagen könnte, die blasengeplagten Senioren wie kleine Kinder zu fragen, ob sie nicht einhalten könnten, entschied mich dagegen und machte eine Kehrtwendung.

„Dann fahren wir erst zum Haupteingang, da gibt es Toiletten“, schlug ich vor und verfrachtete meine Truppe zurück in den Bus.

Dreißig Minuten später – die Rentner hatten meinen Vorschlag, doch auf dem Hauptparkplatz zu parken und ein paar Minuten länger durch den Regen zu laufen, vehement abgelehnt – standen wir erneut vor dem kleinen Weg, der in den Wald führte.

„Auf geht’s“, sagte ich und marschierte los, als sei ich die Vorsitzende des örtlichen Wandervereins. Die Rentner trotteten, angeführt von Helmut Grübel mit seiner Bio-Urne in der Hand, hinter mir her.

„Entschuldigung, Fräulein, haben sie etwas zu trinken? Ich habe vor zwei Wochen meine Nierensteine herausgenommen bekommen und muss viel Flüssigkeit zu mir nehmen. Sonst kommen die Steine sofort wieder.“ Der „pinke Gummistiefel“ meldete sich erneut zu Wort.

„Leider nein, Essen und Trinken ist bei Baumbestattungen nicht vorgesehen. Aber wir gehen später noch zum Kaffeetrinken, da gibt es sicher Wasser“, vertröstete ich die Frau.

„Ich habe ebenfalls Durst!“ Der „Riesen-Rentner“ schien einen Nachahmer-Komplex zu haben. Vielleicht war er als jüngstes von unzähligen Geschwistern aufgewachsen? Auf jeden Fall wollte er immer das, was „Gummistiefel“ wollte.

Herr Grübel kam mir zur Hilfe und versicherte den beiden Verdurstenden, dass die Beisetzung nicht lange dauern würde und es im Anschluss Wasser für alle gebe.

„Mach doch einfach den Mund auf, dann regnet es rein“, schlug ein Mann in dunkelgrünem Lodenmantel vor, an dem der Regen abperlte, als wäre er aus Plastik. Mir fiel auf, dass die Bäume erstaunlich wenig Schutz vor dem strömenden Regen boten. Auf die Natur war kein Verlass mehr.

Nass, aber dennoch durstig, zog unsere kleine Karawane weiter. Während ich überlegte, ob „Gummistiefel“ bald maulen würde, ihr sei langweilig, und fragen würde, ob wir noch lange laufen müssten, merkte ich, wie der kleine Weg immer kleiner wurde. Schließlich war er nicht mehr zu erkennen. Wir mussten querfeldein durch den Wald weiterstapfen. Erstaunlicherweise schien das die Rentner nicht zu stören, und wir kamen nach zehn Minuten endlich an dem Trauerbaum an.

Ich hatte zwei schlaflose Nächte verbracht, weil ich vergessen hatte, den Friedhofsverwalter zu fragen, woran ich „unseren“ Baum erkennen sollte. Oder ob wir die Urne nach Belieben verbuddeln dürften? Als würde er Freude an meiner Sorge haben, hatte der Mann meine folgenden Anrufe nicht beantwortet und auf meine Emails nicht reagiert. Vielleicht hatte er meine Nachfrage albern gefunden, da jeder Beerdigungs-Profi wissen würde, was ich nun sah: Ein kleines Schild war an einem Baum angebracht, darauf stand „Herta Grübel“.

Schweigend sah die Trauergemeinschaft zu, wie Helmut Grübel die Bio-Urne im Morast unter dem Baum eingrub. Als er aufstand, war er so voller Lehm, dass er wie eine Moorleiche aussah. Noch während ich mir vornahm, dass ich, sollte ich je wieder eine Baumbestattung planen müssen, auf jeden Fall Handtücher mit einpacken würde, sah ich „Gummistiefel“ aus den Augenwinkeln von einem Bein aufs andere hüpfen.

„Zwicken die Hämorrhoiden?“, fragte der „Lodenmantel“. Der „Riesen-Rentner“ sah aus, als würde er überlegen, wo er Hämorrhoiden herkriegen könne.

„Nein, ich muss mal für kleine Mädchen“, antwortete „Gummistiefel“.

„Du hast doch gar nichts getrunken?“, fragte „Lodenmantel“ trocken nach.

„Wenn du mal Nierensteine hast, mache ich mich auch über dich lustig“, keifte „Gummistiefel“ zurück und murmelte etwas von „Irgendwann bring ich ihn um!“.

Ich nahm an, Helmut Grübel hatte sich den Abschied von seiner Frau etwas feierlicher vorgestellt.

Und hier geht es weiter zu Kapitel 9 bis 12

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5 Gedanken zu „Kapitel 7 & 8

  1. Wenn das mein(e ) Partner(in) gewesen wäre,. wäre das der Ausgangspunkt für einen handfesten Streit geworden.

    Viel Feingefühl haben beide nicht bewiesen, weder der Mann, der ihr ein Haushaltsgerät schenkt, noch die Dame, die glaubt, dass sie irgendwelche Ansprüche hat.

    • Vielleicht hätte ich dazu schreiben sollen, dass Beide viel Humor haben und es schon so eine Art Dauerwitz bei ihnen ist, dass der Mann mit seinen Geschenken immer komplett daneben liegt….diesmal war er so sicher, dass sie den Staubsauger toll findet, weil sie irgendwann mal gesagt hat, wenn sie einen neuen Staubsauger brauchen, dann will sie genau den haben, den er ihr nun geschenkt hat.

  2. Pingback: Kapitel 5 & 6 | Anne Harenberg - Die Wüste & Ich

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