Nur ohne meine Brille!

Irgendwann in der Zukunft soll es eine Google-Brille geben. Das gute Stück soll seinem Träger Termine, Emails und was sonst noch alles direkt vor die Augen blenden. Das hört sich ja erst mal sehr futuristisch an und viele Menschen finden das wahrscheinlich cool. Ich lehne diese Brille ab. Egal, wie toll die ist oder mal werden will. Oder wie cool. Oder wie nützlich. Oder unnütz. Oder was auch immer. Ich kaufe gerne und so ziemlich alles, aber diese Brille werde ich nicht besitzen. Niemals.

Warum? Weil ich als Kind eine Brille getragen habe und selbige mit einer Inbrunst gehasst habe, wie nur Kinder etwas hassen können. Es war eine Schielbrille. Ok, die Brille konnte nicht wirklich was dafür, dass ich geschielt habe, aber sie musste eben als Hassobjekt herhalten, weil ich sie wegen des Schielens tragen musste.

Ich habe jede Sekunde mit meiner Brille gehasst. Wir reden hier von einer Kindheit in den 70er als es bei dem einen Optiker in meinem Heimatort auch nur genau ein Kinderbrillenmodel gab. Farbe: Beige. Material: Horn. Mehr muss ich wohl nicht sagen.

Ganze 16 Jahre musste ich warten, bis ich endlich operiert wurde. Heutzutage macht man solche Schieloperationen wahrscheinlich schon im Mutterleib, damals ging das erst „wenn das Kind ausgewachsen ist“. Diese Aussage des Augenarztes habe ich fast so sehr gehasst wie meine Brille.

Kurz nach meinem 16ten Geburtstag war es soweit. Ich wurde operiert. Ich konnte es nach der OP kaum erwarten, mir selber in die Augen zu sehen. Endlich gab mir jemand einen Spiegel und ich blickte erwartungsvoll hinein. Meine Augen schielten wie gewohnt zurück.

Ich glaube, meine Mutter hat dem Augenarzt noch viele Jahre später zu Weihnachten Entschuldigungskarten geschickt, so unangenehm war ihr der Tobsuchtsanfall, den ich bekam, kaum hatte das Resultat der OP gesehen. „Pfuscher“, „Quacksalber“ und „Nichtskönner“ waren nur einige der Worte, die an diesem Tag im Behandlungszimmer fielen.

Später stellte sich heraus, dass der Arzt bei der OP nicht gepfuscht hatte, aber beim Vorgespräch. Er hatte vergessen zu erwähnen, dass die Augen ein paar Wochen brauchen, bevor sie sich an den neuen Zustand gewöhnt haben und gerade stehen. Für die Nachuntersuchungen hat meine Mutter mich fast 100 Kilometer in ein anderes Krankenhaus gefahren. „Dem Arzt kann ich nie wieder unter die Augen treten!“ waren ihre Worte, wobei sie das Wort Augen merkwürdig betonte.

Und jetzt denken die von Google wirklich, dass ich mir in meinem Leben nochmal freiwillig eine Brille aufsetzen werde? Das können die nicht ernst meinen. Das lehne ich ab! Oder gibt es die auch als Kontaktlinsen?

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6 Gedanken zu „Nur ohne meine Brille!

  1. ich möchte nur mal vorsichtig nebenbei erwähnen: Brillen mit Fensterglas sind derzeit der Renner. Meine Tochter und ihre Freundinnen rennen auch damit rum – je größer desto besser. Sie hat ne` alte von mir sogar ganz ohne Gläser. Ich würde mich ja lasern lassen wenn ich nicht so schiss hätte. Bin übrigens auch Redakeurin und freu mich dich zu lesen… Gruß von kunstecht

  2. Da bin ich bei Dir. Kein Trauma verblendet meine Augen, nur eine Lesebrille die ich leidenschftlich hasse. Damit mir beim Hassen nicht langweilig wird hab‘ ich in jedem Zimmer und in jeder Tasche eine Brille. Wenn ich sie brauche finde ich trotzdem grad keine, wie denn auch….ich seh‘ ja nix ohne…..:)

  3. Ja, dass Kinder auf Brillen mit Hass reagieren, kann ich durchaus nachvollziehen. Ich selbst habe meine Brille erst vor ein paas Jahren bekommen, eine richtig schöne, die mir sehr gut steht und zu einer Zeit, wo man Brillen durchaus als Accessoire betrachtet. Man müsste meinen, es würde keinen Unterschied machen, aber das tut’s! Sowohl Männer als auch Frauen reagieren vollkommen anders als sonst. Meine offene Art gerät durch die Brille wohl außer Sicht. Ironie des Lebens: Jetzt, wo ich sie richtig sehe, sehen sie mich nicht richtig.

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