Ich bin sprachlos!

Ich gebe gerne zu, dass ich eine gewisse Freude daran habe, meine Leser mit besonders skurrilen Anekdoten aus Dubai zu erschrecken. Aber wie das immer im Leben so ist, kommt alles zu einem zurück und ich gebe offen zu, dass die folgende Zeitungsmeldung mich auch umgehauen hat. Komplett. Ganz. Und total.

Vor einiger Zeit habe ich mal über Babys berichtet, die in den Emiraten aus den verschiedensten Gründen ausgesetzt werden. Die meisten dieser Babys werden in Pflegeheimen untergebracht oder von emiratischen Familien aufgenommen. Ausländer dürfen in den Vereinigten Arabischen Emiraten keine Kinder aufnehmen. Eine Adoption ist gemäß dem Scharia-Gesetz weder durch Emiratis noch durch Ausländer möglich.

Und was muss ich nun heute in der Zeitung lesen? Einen Bericht darüber, dass emiratische Familien nur ungern Jungen aufnehmen. Eigentlich komisch, wo doch in der gesamten asiatischen Welt Jungen bevorzugt werden. Doch die Familien, die sich entschließen, ein fremdes Kind aufzunehmen haben einen „guten“ Grund. Sollte ein Junge aufgenommen werden, müssen sich sämtliche Frauen der Familie, sobald das Kind die Pubertät erreicht, in seinem Beisein verhüllen. Schließlich ist das Kind – das ja nicht adoptiert werden konnte – nach muslimischen Recht ein „Fremder“, der nicht zur Familie gehört. Also müssen die vermeintliche Mutter und etwaige Schwestern ihren Körper und das Gesicht vor dem vermeintlichen Bruder verstecken.

Umgekehrt gilt übrigens das Gleiche, Mädchen, die von einer Familie aufgenommen wurden, müssen sich ab Erreichen der Pubertät vor dem Vater und eventuellen Brüdern verhüllen. Offensichtlich wird dies als das kleinere Übel angesehen und Mädchen finden deswegen eher ein neues Zuhause.

Ich empfehle, an dieser Stelle mit dem Kopfschütteln zu warten, denn es kommt noch schlimmer. Sollte eine Mutter, die einen fremden Jungen (wohlgemerkt, in dem Artikel ist an dieser Stelle nur von Jungen die Rede) aufgenommen hat, diesen Jungen bevor er zwei Jahre alt wird noch selber stillen können – wie oder warum auch immer – dann ist dieser Junge damit eine „echter“ Sohn von Vater und Mutter und Bruder der Geschwister geworden.

Nein. Stopp. Noch nicht Kopfschütteln, es kommt immer noch besser. Sollte die Mutter aus verständlichen Gründen nicht in der Lage sein, den Jungen zu stillen, dann kann diese Aufgabe auch von ihrer Tochter, ihrer Schwester oder ihrer Schwägerin übernommen werden und aus dem Jungen ein echtes Familienmitglied gemacht werden.

Ich bin sprachlos. Und das bin ich nicht oft.

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32 Gedanken zu „Ich bin sprachlos!

  1. Klingt skurril, aber immerhin haben die armen kleinen Jungen dadurch noch eine Chance aufgenommen zu werden. Und durch den grösseren Kreis der potentiellen „Stillerinnen“ steigt die Chance, dass eine gerade ein eigenes Kind (ab-)stillt und so das Kind in die Familie integriert wird. Ich finde, dass das eine gute Auslegung ist, quasi aus strikten Vorgaben das Beste gemacht.

    • Ja, das stimmt schon, aber ich finde es merkwürdig, weil es für Mädchen ja nicht zu gelten scheint – zumindest war davon im Artikel keine Rede und vor allem stell dir mal vor, die Familie nimmt zwei Jungen im Abstand von ein paar Jahren auf und bei einem klappt das Stillen, beim anderen nicht….

  2. Ich bin immer wieder erstaunt welche „Moral“-Vorstellungen die Araber haben.
    Manchmal frage ich mich schon ob die Menschen denken oder einfach stumpfe Befehlsempfänger sind und über nichts nachdenken.
    Das ist doch komplett hirnrissig!

      • Ja schau mal nach…
        Am meisten erstaunt mich immer wieder die Tatsache, dass die Frauen solche Diskriminierungen einfach durchwinken.
        Ich warte quasi täglich auf die Revolution der Muslima, aber sie kommt nicht…

      • Dabei will Dubai doch soooooo modern sein, das passt irgendwie nicht zusammen…
        Du könntest ja mal eine Emanzipations-Revolution starten, so klamm heimlich die Frauen aufstacheln…
        Quasi die Alice Schwarzer von Dubai:-D

      • Du musst das natürlich ganz subtil machen…
        Erst mit gezielten Bemerkungen gegenüber verschleierten Frauen, dann heimliches auslegen von Flyern, schließlich kapern von Sendezeiten des verbreitesten Radiosenders, in dem du dein Gedankengut zum Besten gibst…Ach dir fällt bestimmt noch so einiges ein.
        Natürlich darfst du dich nie, wirklich niemals zu erkennen geben;-)

  3. Merkwürdig.. vor allem, dass das für Töchter wohl nicht gilt..
    Aber ich bin sicher, der Beweis, dass wirklich gestillt werden konnte, muss jetzt nicht wirklich erbracht werden, oder? Wie denn auch..?

  4. Hm! Das mutet für uns Europäer sehr fremdartig an… Allerdings finden sich auch in der Bibel, im Alten und im Neuen Testament, genügend „Regelwerk“ und „Anordnungen von ganz oben“, die für uns heutzutage nicht im Geringsten mehr nachzuvollziehen sind…

  5. Ja, Muttermilch ist mächtiger, als man denkt… so hat Herakles seine Unsterblichkeit erlangt… und irgendwas gabs da auch in der Bibel… also bei uns WAR man auch mal so bescheuert ^^

    Ich denke, das gilt für Mädchen genauso wie Jungs. Sie haben nur absichtlich die Jungs erwähnt, um den Familien, die einen Jungen durchaus aufnehmen würden, wenn sie sich denn dann nicht verschleiern müssten, eine Möglichkeit aufzuzeigen, wie das doch geht. Weil halt so viele Jungs auf eine Adoption warten…

  6. najaaaa, ganz so abwegig ist es ja nicht, da das Stillen auch hormonell eine tiefe Bindung zwischen Frau und Säugling schafft.
    Viele rituelle, komisch anmutende Handlungen haben ja durchaus einen realen Sinn, der sich oft erst mit der „modernen“ Wissenschaft erklären lässt.

    Unsere heutigen Wertvorstellungen, Regeln und Gesetze werden vermutlich auch in einigen (vielen?) Jahren als völlig veraltet und hirnrissig gelten.

    Man denke nur an den Schwulenparagraphen 175, der bis 1994 gültig war oder die Reform der Ehegesetzte 1977…..(Abschaffung Schuldprinzip bei einer Scheidung, volles Recht auf Erwerbstätigkeit, etc…)

    LG

    Kati

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