Die Sache mit dem Lolli…

…war ja noch nicht ausgestanden. Zwei Tage nach meiner öffentlichen Beichte hatte mein Kind noch immer nichts bemerkt. Und ich war ein Wrack. Geplagt von einer Mischung aus Schuldgefühlen und Panik vor der Entdeckung wandelte ich wie ein Geist durchs Haus.

Im Kopf spielte ich immer wieder die möglichen Lösungen meines persönlichen Dramas durch:

–       Hund, Kater oder der kleinen Schwester die Schuld in die Schuhe schieben. Verführerischer Gedanke, aber bin ich wirklich eine sooooo schlechte Mutter?

–       So tun, als hätte ich keine Ahnung, wo der Lolli geblieben ist – gleichbedeutend mit Hund, Kater oder kleiner Schwester die Schuld in die Schuhe schieben.

–       Meine Koffer packen und das Land verlassen.

–       Den Kühlschrank heimlich ausstellen und dann alles, was sich darin befindet wegschmeißen, weil das „doch vermodert Kind, es ist Hochsommer und es sind 35 Grad in der Küche“.

–       Die Wahrheit sagen.

Selbstverständlich hat das Gute in mir gesiegt und ich habe das Land verlassen. Nein, ich habe natürlich die Wahrheit gesagt. Kurz und schmerzlos.

„Kind, ich habe deinen Lolli gegessen.“

„Welchen Lolli?!

„Ach, nichts, geh ruhig wieder spielen.“ Sollte es wirklich einmal im Leben so einfach sein?

„Etwa den goldenen Lolli, den ich zum Geburtstag bekommen habe?“

Nichts im Leben ist einfach.

„Ja, genau den.“

Mein Kind schaut mich mit großen, fassungslosen Augen an. Dann beginnt ihre Unterlippe leicht zu zittern. Ihre Augen werden feucht. Da ich mich als schlechte Mutter etabliert hat, schrecke ich ganz im Sinne von „ist der Ruf erst ruiniert…“ vor nichts zurück und greife zur beliebtesten Erziehungsmethode aller Rabenmütter: Bestechung.

„Ich kaufe dir dafür 2 neue Lollis, wenn wir jemals wieder zu dem Laden kommen. Und bis dahin darfst du die ganze Schokolade essen, die noch im Kühlschrank ist. Und ich mache diese Woche jeden Tag Pfannkuchen. Und morgen fahren wir in die Mall und ich kaufe dir was.“

Ich würde alles tun, damit das Kind nicht weint. Ein Wutanfall wäre so viel besser zu ertragen.

Derweil bebt die Unterlippe der Tochter immer noch. Auf der Richterskala würde sie in den zweistelligen Bereich vorstoßen. Und dann passiert es. Eine dicke Träne schafft den Sprung über den Lidrand und kullert langsam ihre Backe hinunter. Mein Herz blutet. Ich bin ein schlechter Mensch.

„Ich mache deine Hausaufgaben bis ich nicht mehr weiß, wie es geht“, ich werfe alles in die Waagschale, was mir geblieben ist und bete, dass mein Kind nicht ahnt, dass das bei dem Tempo in ihrer Schule wahrscheinlich nächstes Jahr sein wird, wenn sie in die dritte Klasse kommt.

Mein Kind sieht mich ernst an. Sie schluckt und reibt sich mit beiden Händen die Tränen aus den Augen.

„Ist ok, Mama. Jetzt wirst du total dick und ich bleibe dünn.“

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16 Gedanken zu „Die Sache mit dem Lolli…

  1. Irgendwie hat sie ja trotz ihrer Enttäuschung noch ziemlich cool reagiert *finds* Tja Mama jetzt mach das mal wieder gut. Hoffentlich tut’s nich so weh in der Börse 😉

    Liebe Grüße,
    N.

  2. rumms die Süße hat eins A reagiert, die empfindlichste Stelle die wir Frauen haben getroffen. Ich würde sagen Schach matt meine Liebe und eins zu Null für die Tochter. 😉

  3. also, auch wenn es irgendwie lustig ist – ich hoffe, das ist jetzt nicht die vorstufe zu einer essstörung. solche äußerungen gerade bei so kleinen mädchen machen mich immer ein wenig … nervös.

  4. Ich muss immer an den Sommer denken, als ich diesen herrlichen grossen Fisch gefangen habe und ihn voller Stolz meiner Mutter ueberreicht habe. Zwei Tage habe ich darauf gewartet, dass meine Mutter den Fisch kocht, dann ist auf einmal der Kuehlschrank ausgefallen(!) und der Fisch laut meiner Mutter „vermodert“. In nur fuenf Stunden! Damals habe ich diese Geschichte sofort geglaubt, jetzt, nach fast 40 Jahren und deiner Schokololligeschichte kommen mir doch Zweifel….

    • Vielen Dank für den Link, ich kannte bisher nur den erste Teil.
      Ja, manche Kinder sind echt schlimm verzogen. Aber einige sind auch so so süß! Gerade die letzten sind Zucker ❤

  5. Oha, das war ein Schlag unter die Gürtellinie. 😉 Aber unter uns: Ich habe gelegentlich von den eingehenden Süßigkeiten ein winziges Portiönchen für mich abgezweigt. Natürlich nicht aus Eigennutz. Aber ich kann das Kind doch nicht alleine so viel ungesundes Zeug essen lassen… 😛

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