Im Land der Muskeln…

Ich gehe nicht gern zum Friseur, dabei habe ich den perfekten Friseur. Jedes Mal, wenn ich dort war, denke ich: „Sieht sehr gut aus, nächstes Mal zierst du dich nicht so lange und gehst nach drei Monaten wieder hin.“

Mittlerweile sind es gut zwei Jahre, dass ich das letzte Mal bei meinem Friseur war. Meine Haare sind so lang, dass meine Kinder denken, ich sei Rapunzel – nur nicht ganz so schön. Warum ich nicht gerne zum Friseur gehe? Ich mag es nicht, wenn mir jemand in den Haaren rumwühlt. Das ist der offizielle Grund. Der wahre Grund: Ich habe Angst vor meinem Friseur.

Von außen sieht der Friseurladen aus wie Millionen andere Friseurläden auch. Von innen ebenfalls. Der Laden ist nicht besonders schick und auch nicht besonders hässlich. Am Empfang sitzt eine nette Dame, die einen an einen philippinischen Jüngling, der höchstens 16 sein kann, weiterreicht. Der wäscht einem in einem Vorraum des eigentlichen Ort des Geschehens die Haare und vergisst nie eine sehr angenehme Kopfmassage.

Ich bin tiefenentspannt und dann beginnt das Grauen. Der Jüngling führt einen, mit Kittel und Handtuch unattraktiv um den Kopf gewickelt, in den eigentlichen Salon. Dort stehen sie: Die libanesischem Friseure. Vier an der Zahl und werkeln an den Köpfen ihrer Kundinnen. Ganz sicher kann man nicht sein, ob es wirklich vier unterschiedliche Männer sind oder einer mit drei Klonen.

Alle sind so muskelbepackt, dass man sich fragt, wann sie überhaupt Zeit zum Haare schneiden haben. Ihre Muskeln haben sie in schwarze Ripp-Shirts ohne Arme nicht verpackt. Der nicht unbeträchtliche Teil ihrer Haut, den man sehen kann, ist tätowiert. Alle vier tragen zerrissene Jeans mit schweren Silberketten, die aus den Taschen baumeln. Die eigene üppige, schwarze Lockenpracht haben alle vier mit viel Gel in ein nasses Kunstwerk auf ihrem Kopf drapiert. Die Luft ist so voller Testosteron, dass man kaum atmen kann und jedes falsche Wort eine Massenschlägerei auslösen muss. Rockergang gemischt mit libanesischem Schönling ist das Motto der Friseure.

Und dann komm ich. Mit meinen fusseligen, irgendwie immer weniger werdenden Spaghetti-Haaren. Alterstechnisch könnte ich locker die Mutter aller Friseure im Salon sein, was auch jeder dank meines grauen Haaransatzes sieht. Als ich das erste Mal in den Laden kam, wollte ich umdrehen und schreiend weglaufen. Leider ging das mit dem Kittel und dem Handtuch auf dem Kopf schlecht. Also nahm ich mein Schicksal an und ließ einen der Rocker-Schönlinge meine Haare schneiden. Perfekt. Der beste Haarschnitt meines Lebens.

Seitdem brauche ich immer ein bis zwei Jahre Vorlaufzeit, bevor ich mir wieder in die Salon der schönen und muskelbepackten Männer traue. Mein einziger Trost ist, der Rest der Kundschaft kommt ebenfalls aus der westlichen Welt und die meisten der Damen haben eine ebenso dürftige Haarpracht wie ich. Jünger sind sie auch nicht.

An den Friseursalon ist übrigens auch noch ein Nagelstudio angeschlossen. Da habe ich mich aber noch nie reingetraut. Wer weiß, wer da sitzt und mir die Nägel polieren soll? Einen Rocker-Schönling mit pinkem Nagellack-Bürstchen in der Hand überleb ich nicht.

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20 Gedanken zu „Im Land der Muskeln…

  1. Sehr schön! Ich geh auch nicht gerne zum Friseur, aber das hat eben den Grund, dass ich mir ungern etwas abschneiden lasse. Da mich bei meinem Friseur keine Muskelprotze erwarten, gehe ich so ungefähr alle 3 bis 4 Monate hin.

  2. Leider lässt meine Kurzhaarfrisur kein längeres Aussitzen von Friseurbesuchen zu 🙄 Ich mag sie nämlich auch nicht, diese Gänge zum Haarabschneider. Vor allem, weil ich den Smalltalk hasse. Um diesen bin ich neulich drumherum gekommen, musste ich doch neulich in New York zur „Notbehandlung“ in Chinatown. (Aber das ist eine andere Story…)

  3. Vier muskelbepackte Schönlinge? 😯 Wenn ich das nötige Kleingeld hätte, würde ich ab jetzt nach Dubai zum Frisör jetten! 😉
    Mein Stamm-Friseur macht auch einen göttlichen Haarschnitt, er schneidet quasi jedes Haar einzeln – und das sind bei mir eine ganze Menge. :mrgreen: Aber er ist so bieder und macht so einen gesetzten Eindruck… 😉

  4. Genial! Einen Friseurbesuch alle drei Monate nehme auch ich mir vor. Nach drei Monaten dauert es dann nochmals 6-8 Wochen bis ich mich wirklich aufrappel hinzugehen. Ich bin so ungern beim Friseur, dass ich mir dort noch nicht einmal die Haare waschen lasse. Nur trocken schneiden und schnell wieder raus aus dem Laden (hab noch die länger als 10-15 Minuten dort verbracht). Ich weiß nicht weshalb, aber ich gehe lieber 5 Mal zum Zahnarzt als einmal zum Friseur, dabei hab ich nie schlechte Erfahrungen gemacht. Aber schön zu lesen dass es Menschen gibt die noch länger brauchen als ich 🙂

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