Der, der alles sieht und alles weiß

Kinder haben Angst – vor allen möglichen und am liebsten vor unmöglichen Sachen. Die ältere Tochter fürchtete sich jahrelang, allein ins obere Stockwerk zu gehen, da dort wohlmöglich eine Hexe ihr Unwesen treiben könnte. Der dicke, schwarze Kater, der gutmütige, braune Hund oder auch gern die damals kaum des Laufens fähige kleine Schwester machten unzählige Trips treppauf und treppab, um in Sachen Hexe beizustehen.

Ausgerechnet diese ältere Tochter brachte nun unlängst „Bloody Mary“ von einer Freundin mit zu uns nach Haus. Nein, wir sprechen hier nicht vom Getränk nach dem Getränk, sondern einer mystischen Figur, die angeblich mit verschiedensten Ritualen angerufen werden kann, um die Zukunft vorherzusagen. Beschwörend redete die große auf die kleine Schwester ein, Bloody Mary sei quasi nur einen Steinwurf entfernt und die beiden brauten allerlei „Mittelchen“ aus Gesichts-, Hand- und Fußcremes gemischt mit Seife und Zucker zusammen, um den Geist, nachdem man ihn mit im Internet nachzulesenden Schwüren mühevoll herangelockt hatte, gleich wieder vertreiben zu können. Man weiß ja nie, wie so eine Bloody Mary drauf ist.

Natürlich endete das ganze wie es enden musste: Die kleine Tochter tat keinen Schritt mehr allein im Haus und klebte wie eine Zecke an mir. Sämtliche Beschwörungen meinerseits Bloody Mary sei ein großer Quatsch und es gebe sie so wenig wie Vampire, Werwölfe, Hexen und Zauberer nutzen nichts: Das Kind drohte, mir ans Bein zu wachsen.

Doch wie Kinder so sind, fand die kleine Tochter selber eine Lösung für das Problem – eine Lösung aus der gern genommenen Reihe „Den Bock zum Gärtner“ machen. Der, „der alles sieht und alles weiß“ sollte zu Rate gezogen werden, um endgültige Klarheit zu schaffen, ob Mutter oder große Schwester in Sachen Bloody Mary die Wahrheit sprachen.

„Ich weiß, was wir machen!“, sagte die kleine Tochter triumphierend, unten an meinem Kniegelenk hängend, „wir schreiben dem Weihnachtsmann einen Zettel, ob es Bloody Mary wirklich gibt. Der Weihnachtsmann weiß alles und wenn der sagt, es gibt keine Bloody Mary, dann gibt es auch keine! Dann hab ich keine Angst mehr.“

Gesagt, getan, ein sorgsam formulierter Antrag auf Wahrheit wurde verfasst und auf den Gartentisch gelegt. Dann gingen die Kinder schlafen und ich, ja ich, werde es dem dicken, schwarzen Kater nie vergessen, dass er am nächsten Morgen gegen 4.45 Uhr dringenden Einlass ins Haus begehrte, sonst hätte wohl keine Antwort auf dem Zettel an den Weihnachtsmann gestanden. Muttern ist dieser Tage leicht vergesslich.

So aber ist Ruh, denn der Weihnachtsmann hat gesprochen und jede Mutter kann sich denken, was „er“ auf den Zettel geschrieben hat. Hoffentlich glauben sie noch lange an den, der alles weiß und alles sieht. Wobei ich ja doch ein wenig erstaunt war, dass die Autorität des Osterhasen so gering zu sein scheint.

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7 Gedanken zu „Der, der alles sieht und alles weiß

  1. Hihihi kluges Kind und kluger Problem Lösungsansatz. Sie darf nur nicht so schnell raus bekommen das der Herr auch eher ein Fantasie Wesen ist.
    Ich wünsche euch eine schöne Woche.

    P.S meine haben auch den Osterhasen in die Welt der Mythen geschickt. Beim Christkind sind sie sich immer noch unsicher was sie glauben sollen bzw wollen

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