Politisch korrekte Kinder

Die beiden Töchter besuchen eine amerikanische Schule. Das ist schön, denn so wachsen sie zweisprachig auf. Und dank dem Streben ihrer Mutter wachsen sie seit gestern sogar zweisprachig und politisch korrekt auf. Oder auch nicht.

Ich hole die Kinder gestern nach der Schule ab, die ältere Tochter hat eine Freundin dabei. Im Auto erklärt sie lautstark:

„Heute beim Mittagessen saß ich neben dem „black dude“ aus der vierten Klasse“.

Ich greife ebenso lautstark ein: „Black dude darfst du nicht sagen“. (Vor allem da der Klassenlehrer der älteren Tochter auch ein „black dude“ ist und ich mich schon in der Angeklagtenrolle vor der Schulleiterin und dem gesamten Lehrerkollegium sitzen sehe, da die ältere Tochter über den Schulhof geschrien hat: „Mein Lehrer ist der black dude da drüben!“.

Die ältere Tochter fragt erstaunt nach: „Warum darf ich das nicht sagen?“

Ich: „Das ist politisch nicht korrekt.“

„Warum?“

„Weil du den Menschen damit auf seine Hautfarbe reduzierst.“

Wie schön wäre es gewesen, wenn das Gespräch an diesem Punkt geendet hätten. Hat es natürlich nicht.

Ältere Tochter: „Und was soll ich dann sagen?“

Tja. Hätte ich mir das mal vorher überlegt.

Ich: „Gar nichts. Du sagst, heute beim Mittagessen saß ein Junge aus der vierten Klasse neben mir“.

„Aber dann weiß meine Freundin doch nicht wer gemeint ist!“

„Dann sagst du den Namen des Jungen.“

„Den kenn ich nicht.“

Obwohl ich weiß, dass man das auch nicht sagen sollte, erkläre ich in Ermangelung einer anderen Idee:

„Dann sag der farbige Junge aus der vierten Klasse, aber wirklich richtig ist das auch nicht.“

Immerhin, die ältere Tochter hat nun auch keine Lust mehr auf das Thema und erklärt:

„Ok“, sagt sie nickend zu mir, dann schaut die Freundin an und fährt fort: „Also, heute Mittag saß der coloured dude aus der vierten Klasse neben mir….“

Grmmpf.

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10 Gedanken zu „Politisch korrekte Kinder

  1. Ist ja gut, wenn man wenigstens mal drüber nachgedacht hat, was man so sagt, drum weiß und nicht einfach so lustig „Schwarzbraun ist die Haselnuss“ in Südafrika aufm Festival trällert (Haste Heinos Auftritt und Jan Delays Kommentar dazu mitbekommen in Dubai? ;-DDD……..au Mann!!!) GlG Anne

  2. Naja, ich sage immer noch „Negerküsse“ – bin enfach zu alt um Schokokuss oder Schaumkuss zu lernen. Ich habe eine Freundin, die nennt
    es „maximalpigmentiert“……

  3. Ich finde „black dude“ nett (wegen dem „dude“, das macht das Ganze doch tolerabel, oder nicht, bro 🙂 ?) und es war doch auch nett gemeint…
    Ich finde man kanns auch übertreiben mit der political correctness. Ich habe auch eine dunkelhäutige Kolllegin, und wenn ich auf sie verweise, soll ich dann sagen „das ist die mit der grünen Bluse“ ? Die Hautfarbe ist nun mal etwas, das als erstes ins Auge fällt, ob man das jetzt thematisiert oder nicht. Ist genau so mit meiner jüngeren Tochter, rothaarig – wunderbares Alleinstellungsmerkmal, wenn gefragt wird „welche denn nu?“ 🙂 Und darf man dann in „schwarzer“ Gesellschaft auch nicht sagen „der Weiße dort drüben“?

  4. Am besten ist natürlich

    Ältere Tochter: “Und was soll ich dann sagen?”

    😉

    Das ist nämlich vielfach die Frage. Klar, politisch korrekt will man sein – doch wie es dann so korrekt heißt, weiß eigentlich keiner. Das ist schon ganz schön schwierig …

  5. Ich stand in Kapstadt mit meiner Tochter in einem Vorort Zug, als einzige Weisse, ich habe mich noch nie sooo weiss gefühlt wie damals…Da waren wir für die Leute sicher auch die 2 Weissen….

    Und ein Testmanager wurde mir folgenderweise beschrieben: „Das ist der junge schwarze Mann, mit Appenzellerdialekt“, Bingo ich wusste gleich wer gemeint war.

    Mit den Kindern darüber reden, was “ politisch korrekt “ wäre gehört zur Erziehung ( Wertevermittlung).

  6. Schwierig, schwierig, die politische Korrektheit… Und ja, auch ich sage nach wie vor Negerkuss. 😉 Und ich habe eine dunkelhäutige Kollegin aus Somalia, die sehr eitel, link und launisch ist – und in meinen Gedanken nenne ich die „Dame“ stets „Black Beauty“. 😉

  7. Ich finde die aktuelle „politische Korrektheit“ völlig deplatziert und übertrieben und kontraproduktiv. Wäre es nicht eigentlich erstrebenswert, dass man eine Äußerung wie „Schwarz“ oder „Weiß“ einfach nur als das sehen kann, was sie auch oft ist? Eine Beschreibung und keine Wertung? Die Hautfarbe ist letztlich ein Merkmal wie Haarfarbe oder Augenfarbe und ich wünsche mir, dass meine Kinder in einer Welt aufwachsen, in der sie solche Merkmale benennen können, ohne sie zu bewerten und ohne darüber nachdenken zu müssen.

  8. Ich habe Deinen Blog jetzt gerade entdeckt und obwohl es eigentlich gar nicht mal so meine Themen sind, konnte ich mich gar nicht mehr davon losreissen 🙂 An dieser Stelle vielen Dank für die erheiternden Momente – die Dame am Strand mit dem sexy Band und der Gärtner um 7 Uhr haben mich tatsächlich richtig zum Lachen gebracht.
    Liebe Grüsse
    Ariana

  9. Ich finde, dass es davon abhängt, wie man das „schwarz“ gemeint hat. Aus dem Kontext wird deutlich, dass es weder abwertend noch aggressiv war. „Farbig“ ist auch nicht gerade eine treffende Umschreibung für schwarz. „Grün“ zum Beispiel wäre ebenfalls „farbig“. Also – je länger man darüber nachdenkt, desto absurder wird es.

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