Der Frau-Mutter-Flugkreislauf

Ich bin ein wandelndes Klischee. Wenn ich im Flugzeug sitze. Eigentlich bin ich dann ein fliegendes Klischee, aber darum geht es nicht. Es geht um die Entwicklung einer Frau zur Mutter und wieder zurück zur Frau wenn sie im Flugzeug sitzt.

Dass es diese Entwicklung überhaupt gibt, ist mir bei meinem diesjährigen Flug von Dubai nach Deutschland klargeworden. Während dieses Fluges hatte ich viel Zeit zum Nachdenken, flog ich doch allein. Ohne Kinder – Höhepunkt und gleichzeitiges Ende des Frau-Mutter-Flugkreislaufs.

Der Kreislauf beginnt, wenn eine Frau Mitte bis Ende Zwanzig ist. Sie arbeitet, ist Single oder höchstens vergeben und kinderlos. Sie kann sich Fernreisen leisten und möchte diese genießen. Auch im Flugzeug. Doch andere Passagiere kennen keine Gnade und fliegen mit der ganzen Familie. Schreiende Babys, tobende Kleinkinder, Turbulenzen in Kinderkleidung.

„Was müssen die ihre Blagen mit den in den Urlaub schleppen?“, denkt die Frau missgelaunt, als sich eine Familie mit drei Kindern unter Fünf gleichmäßig in der Sitzreihe vor und neben ihr verteilt. „Bloß damit sie mit Fotos ‚Kind auf Elefant’, „Kind an Strand“ und „Kind kurz bevor es im Meer ersäuft, weil Mutter noch ein Foto machen will“ bei Facebook angeben können.“ Ihre Missbilligung äußert sie nicht, aber man sieht sie ihr an.

Ein paar Jahre später sieht die Sache anders aus. Die Frau betritt mit gesenkten Augen und einem Baby auf dem Arm die Kabine des Flugzeuges. Sie ist jetzt eine von „denen“. Diesen fürchterlichen Menschen, die mit ihrem Baby fliegen. Neben Windeln, Wechselkleidung, Brei und Schnuller hat sie eine Armada Babyspielzeug dabei, um das Kind irgendwie abzulenken. Es folgt die große Mama-Flugclown-Show. Singen, tanzen, Faxen machen, spielen, Baby durchs Flugzeug tragen und Baby wie ein Fitnessgerät stundenlang auf- und niederstemmen. Selbstverständlich alles, ohne einen Laut von sich zu geben oder sich zu bewegen, damit man die anderen Passagiere nicht stört.

Das klappt ganz gut. Die ersten drei Stunden. Dann schreit das Baby wie es noch nie geschrien hat und die Mutter versteckt sich wechselweise auf der Toilette oder unter dem Sitz. Mit dem Baby auf dem Arm natürlich.

Die Jahre gehen ins Land, die Mutter bekommt noch ein Kind. Der nächste Flug und damit die nächste Entwicklungsstufe stehen an. Der Mutter sind die anderen Passagiere nunmehr „scheißegal“. Sie feuert ihre Kinderflugausrüstung in die Boxen über den Sitzen und belegt gleich mal drei von ihnen mit Beschlag. Das Baby geht derweil seinem liebsten und einzigen Hobby nach: Es schreit, was die Lungen hergeben. Das Kleinkind ist verschwunden, was der Mutter nur recht ist. Was soll schon passieren? Aus dem Flugzeug kann das Blag nicht raus, das ist gut genug. Für sie. Die anderen Passagiere können denken, was sie wollen.

Wenn ein Mitreisender es auch nur wagt, in die Richtung der Mutter zu schauen, wird er von ihr mit einem Blick niedergestarrt, der sagt: „Komm. Trau dich. Sag was. Kannst gleich eins in die Fresse kriegen!“

Wieder vergehen einige Jahre. Die Kinder sind nun Sieben und Vier. Sie sitzen manierlich da, spielen und malen ein wenig und entdecken dann das Flug-Entertainment-Programm. Das einzige Mal im Verlauf der nächsten sechs Stunden, dass man sie hören kann, ist der Moment als ihre Mutter sie fragt, ob sie etwas essen möchten und böse angezischt wird: „Du siehst doch, dass ich fernsehe!“

Die Mutter nutzt die Ruhe, um ihre Augen durchs Flugzeug schweifen zu lassen. Endlich erspäht sie eine Familie im Kampf mit ihren Kleinkindern und gafft diese so lange an, bis sie endlich zu ihr schauen. Mit gütigen Augen blickt die Mutter zurück und nickt wohlwollend mit dem Kopf. Sie will, dass die andere Mutter weiß, sie hat Verständnis für ihr Leid. Sie hat das schließlich alles selber mal durchgemacht.

Und dann ein paar Jahre später ist es soweit. Die Mutter fliegt das erste Mal seit fast einem Jahrzehnt allein. Ganz allein. Ruhe, Frieden, Entspannung warten auf sie. Der Flug geht mitten in der Nacht, doch sie ist in Hochstimmung. Schließlich wird sie sechs Stunden sanft schlummern können, ohne das jemand sie am Arm reißt, Wasser verlangt oder moniert, dass die Filme des Entertainmentprogrammes „alle uralt und voll öde“ sind.

In diesem Moment lässt sich eine Frau mit Baby in den Sitz neben sie fallen. Die alleinfliegende Mutter verdreht die Augen und denkt:

„Müssen die mit ihren Blagen unbedingt um die halbe Welt fliegen?“

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13 Gedanken zu „Der Frau-Mutter-Flugkreislauf

  1. Kein Wunder, dass der Purser gestern auf dem Flug von Barcelona nach Berlin die Eltern an Bord mehrfach aufforderte, ihre Kinder nicht zu vergessen. Er wird Gründe haben 😉

    • In der Tat!!! Habe ich auch schon mehrfach von geträumt – die Kinder im Flugzeug vergessen und sie werden einem nachgeliefert, wenn man zu Hause schon alles in Ruhe ausgepackt und die erste Ladung Wäsche angestellt hat…;-)

  2. und wenn man diesen kreislauf gerade selbst durchmacht und von beruf – erraten – flugbegleiterin ist, ist es der doppelte spaß 😉 bin gerade mitten drin im kreislauf und der nächste flug steht in 5 tagen mit einer fast 4-jährigen an… 🙂

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