Hoch auf dem gelben Wagen…

So ein Hund ist schon etwas Wunderbares. Er oder in meinem Fall sie liebt einen abgöttisch, mault nie, frisst, was in die Schüssel kommt, man kommt an die frische Luft und für Bewegung ist gesorgt. Und Frauchen weiß alles. Alles! Wer wo neu eingezogen ist, wer Streit mit dem Ehemann hat, wer wann am Abend ins Bett geht, wo eine neue Sofacouch gekauft worden ist und vieles mehr. Ich nenne meine morgend- und abendlichen Spaziergänge durch unsere Nachbarschaft auch gerne meine Patrouillengänge.

Dank dieser Gänge weiß ich zum Beispiel, was eine Leserin der örtlichen Tageszeitung offenbar erst mühevoll lernen musste: Schulbusse sind weniger Segen als man meint.

Was? Wie kann man denn gegen einen Bus-Service sein? Ist doch eigentlich eine prima Sache. Die lieben Kleinen werden morgens vor der Haustür abgeholt, treffen im Bus Schulkameraden und Nachmittags stehen sie wie durch ein Wunder und als wäre nichts gewesen wieder vor der Tür.

Doch mit eben der Haustür fängt es an. Wenn ein Bus für bis zu 30 Kinder jedes Kind daheim abholt, kann man sich vorstellen, wie lange er dafür braucht. Die Leserin der Tageszeitung beklagte sich in einem Brief bitterlich, dass ihre Kinder jeden Tag drei volle Stunden im Bus sitzen würden.

Böse Zungen könnten nun sagen: Ist doch prima, nochmal drei Stunden, die man die Blagen nicht am Hals hat. Das Blöde ist nur, dass man die Brut erst mal in den Bus kriegen muss.

Dank der Hunde-Runde durch die Nachbarschaft am sehr frühen Morgen weiß ich, dass es das Gegenteil von entspannt sein kann, sein Kind mit dem Bus zur Schule fahren zu lassen. In einer Straße ist der Spaziergang morgens fast wie Kino.

Es beginnt um 5.51 Uhr am Haus an der Ecke. Wenn der Hund und ich um selbige biegen, steht dort bereits der knallgelbe Bus einer amerikanischen Schule und der Busfahrer diskutiert wild mit der Maid des Hauses. Dann „schmettert er lustig das Horn“, sprich er beginnt wie blöd zu hupen – ich nehme an, sehr zur Freude der Anwohner, die keine kleinen Kinder haben. Irgendwann, ich bin mittlerweile schon ein paar Häuser weiter, schlendern seelenruhig zwei Teenager aus dem Haus, deren Gesichtsausdruck eindeutig sagt: „macht euch doch alle mal ein bisschen locker.“

Was einfacher als gesagt als getan ist, vor allem wenn man die Maid ist, die in diesem Moment bemerkt, dass die Teenager vor lauter Coolheit ihre Schultaschen im Haus gelassen haben, hektisch reinrennt, um diese zu holen und sich einen weiteren Anpfiff des Busfahrers einhandelt. Dann endlich – der Wagen, er rollt.

Es ist mittlerweile 5.57 Uhr und ich bin schon ein Stück die Straße runter gewackelt. Dort steht in einer Haustür eine Mutter im Bademantel, die Haare zu Berge stehend und versucht, ihrem zwar stehenden aber doch fest schlafenden Kind noch ein paar Löffel Müsli in den Mund zu stopfen. Nervös schaut sie dabei immer wieder nach rechts, ob der Bus schon kommt und zuckt bei jedem Hupen, dass den Teenagern an der Ecke gilt, zusammen als würde man ihr ein Messer in den Rücken rammen.

Um 6.02 Uhr komme ich schließlich zu meinem Lieblingshaus in der Straße, das alle Bus-Szenarien in sich vereint. Auf der Straße steht bereits ein Mädchen geschniegelt und gestriegelt, Schultasche in der Hand und wartet auf den Bus. Die Haustür hinter ihr ist sperrangelweit geöffnet und das Mädchen wirft immer wieder nervöse Blicke zurück ins Haus, in dem sich nichts rührt. Der Bus mit den coolen Teenagern und dem schlafenden Müsli-Kind nähert sich dem Mädchen. Es beginnt in einer Sprache, die ich nicht verstehe, zu schreien.

Was hat sie? Eine Panikattacke vor der Schule? Busfahr-Klaustrophobie? Sind Drogen im Spiel? Der Bus hält vor dem Mädchen. Sie steigt mit hochroten Kopf, leise vor sich hin schimpfend, ein. Es passiert nichts. Das Mädchen steigt wieder aus und geht zurück ins Haus. Wieder passiert nichts. Das Mädchen kommt erneut aus dem Haus. Diesmal folgt ihr die zierliche Maid, die wie eine Ameise, das zweifache ihres Körpergewichts tragend den noch schlafenden Bruder des Mädchens zum Bus schleppt. Es folgt die Mutter, im Bademantel, die Haare zu Berge stehend, die die Schultasche und eine geschälte Banane für den Sohnemann trägt.

Der Hund und ich gehen amüsiert weiter und ich bin froh, dass meine Kinder nicht mit dem Schulbus fahren. Wahrscheinlich brauchen Maid und Eltern in der Hunde-Runde-Straße die extra drei Stunden, die die Kinder im Bus sitzen, um sich von den morgendlichen Strapazen zu erholen.

Und hier das Lied zur Geschichte:

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8 Gedanken zu „Hoch auf dem gelben Wagen…

  1. Es geht aber auch anders – zum Glück!! Meine Kinder werden um 7.15 Uhr abgeholt und sind nach dem Schulenden um 16.00 Uhr auch wieder um 16.45 Uhr zu Hause. Das Busunternehmen über das sich die Mutter in 7days beschwert ist allerdings auch ein anderes als unseres. 😉

  2. Wer als Kind von morgens bis abends betuedelt wird und keinen Handschlag selbst tun muss, weil es Maids gibt, der kann ja nicht selbststaendig werden. Das treibt schon seltsame Blueten in den UAE. Ich habe mich mehr als ein Mal ueber dieses Spektakel gewundert:-)

  3. Wah – 5.51 Uhr? In der Früh? Gott, da bin ich grad in ner Tiefschlafphase angelangt. Ich glaub, ich würde in der Schule sofort wieder einpennen nach Betreten des Klassenraums.

    Wahrscheinlich brauchen auch die Schüler die 3 Stunden, um dann im Bus auszuschlafen.

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