Früher war alles besser. Oder?

Vor ein paar Jahren machte ein Buch Schlagzeilen, das den schönen Namen „Generation Golf“ trug und die Verhaltensmuster der Anfang der 70er Jahre geborenen Deutschen beschrieb. Diese Deutschen waren damals, im Jahr 2000, so um die 30 Jahre alt und sind entsprechend mittlerweile so um die 40 und haben in den meisten Fällen Nachwuchs in die Welt gesetzt.

Da ich ein Paradebeispiel der genannten Generation bin, maße ich mir jetzt mal an zu erklären, dass eben dieser Nachwuchs aus der „Generation Golf“ die „Generation Golf war viel besser“ gemacht hat.

In meiner Erinnerung – und der meiner gleichaltrigen Freundinnen – lief eine Kindheit damals, in den tiefen 70ern und 80ern, ungefähr so ab: Wir sind aus der Schule nach Hause gekommen, haben sofort und ohne Meckern gegessen, was auf den Tisch kam. Dann haben wir alleine unsere Hausaufgaben gemacht, bevor wir glücklich und unbeaufsichtigt draußen gespielt haben, bis wir Abends erschöpft ins Bett gefallen sind. Ohne Murren selbstverständlich.

Die Kinder heutzutage – ich nenne sie mal die „Generation iPad“ sind irgendwie anders. Alles dauert länger. Viel länger. Alles ist schwieriger, nichts ist einfach. Die Kinder kommen aus der Schule nach Hause und essen, was auf den Tisch kommt – oder eben nichts. Das schmeckt ihnen am Besten, dauert aber, denn es muss erst ausführlich besprochen werden, warum sie alles außer „Nichts“ ablehnen.

Dann setzen sie sich genau wie wir einst an die Hausaufgaben, allerdings nur um nach weniger als 30 Sekunden auf die Toilette zu müssen. Nach weiteren 60 Sekunden wird festgestellt, dass sie Hunger haben (Nichts macht nicht sehr satt) und ein Apfel wird geschält. Dann müssen sie nochmal auf Toilette. Schließlich wird das Hausaufgabenheft aufgeklappt und noch bevor sie einen Blick reingeworfen haben gestöhnt: „Das kann ich nicht“.

Mit etwas gutem Zureden können sie es dann doch, allerdings drohen sie bei der Erledigung der Hausaufgaben ständig vom Stuhl zu rutschen oder der Kopf ist so schwer, dass er während des Schreibens unbedingt auf der Tischplatte ruhen muss.

Endlich sind sie fertig und werden von den Eltern gedrängt, doch ein wenig auf der Straße oder im Park herumzutollen, was abgelehnt wird, da die Kinder lieber iPad spielen wollen. Ein lange Diskussion folgt, die beide Seiten ermüdet und frustriert bis sich das Problem von allein löst, da eine Nachbarsmutter es geschafft hat, ihre Kinder auf die Straße zu treiben und alle anderen jetzt auch unbedingt draußen spielen wollen.

Mittlerweile ist es spät und eigentlich müssten die Kinder ins Bett. Was sie vehement ablehnen, da sie gerade erst nach draußen gegangen sind. Ein neuer Kampf beginnt, der endet wenn die erste Mutter der Nachbarschaft es schafft, ihre Kinder mit Drohungen oder Bestechung zurück ins Haus zu locken. Schließlich und endlich liegen die Kinder erschöpft im Bett und murren, dass sie schon schlafen müssen.

Wie einfach unsere Eltern es doch damals mit uns hatten! Wie pflegeleicht wir waren. Wir von der „Generation Golf war viel besser“. Oder könnte es am Ende sein, dass es die „Generation Golf war viel besser“ gar nicht gibt und aus uns stattdessen die „Generation selektiver Gedächtnisverlust“ geworden ist?
Ich traue mich irgendwie nicht, meine Eltern zu fragen, wie das damals wirklich so war.

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14 Gedanken zu „Früher war alles besser. Oder?

  1. Ja recht hast du. Ich denke viele hätten sich auch gar nicht getraut so viel zu diskutieren, was Eltern gesagt haben war so und man hatte sich zu fügen

    • Nanu, Meine ist bereits in der 10. Klasse Gymnasium und verhält sich seit der zweiten Klasse so. Hausaufgaben werden immer weiter auf den Nachmittag verlagert, so dass letztendlich für nichts anderes Zeit bleibt, ausser für Mangas auf dem Handy. Aber mal mit Freundinnen von Angesicht zu Angesicht zu quatschen ist leider nicht.

  2. Also mir tun die Kinder von heute einfach nur leid. Ich erinnere mich, dass ich frueher nach den Hausaufgaben mit den anderen Kindern in den Wald gegangen bin und erst beim Dun kelwerden wieder nach Hause gegangen bin. Niemand wusste genau, wo wir waren und was wir gemacht haben (war meistens auch besser).
    Beim Essen habe ich aber auch schon rumgezickt…

    • Ja, solche Erinnerungen teile ich auch und deshalb bedauere ich die meisten Kinder von heute. Von frühester Kindheit an haben ihre Eltern Angst davor, dass aus ihnen nichts werden könnte, und kutschieren sie von einer Beschäftigung zur nächsten (Sport, Musik, Sprachkurse, Nachhilfe… etc.) Wir waren irgendwie selbständiger, weniger überwacht und mehr draußen. Beim Essen hatte ich allerdings keine Wahl. Da waren meine Eltern strenger.

  3. Ich, Jahrgang 71, kann mich auch noch gut an die Zeit erinnern.
    Es fing schon damit an, daß ich alleine (!!!) zum Kindergarten ging (heute würde man als Mutter dafür beim Jugendamt angezeigt, wenn man sein Kind jeden Morgen alleine zum Kindergarten laufen lassen würde).
    Später, in der Schulzeit, kam ich mittags nach Hause, schlang mein Essen hinunter und setzte mich dann schnell an die Hausaufgaben, denn spätestens um drei Uhr hörte und sah man die Nachbarskinder schon auf der Straße toben und wollte natürlich auch raus. Dann ging ich nach draußen und dort spielten wir in einer Gruppe von fünf bis 15 Kindern, bis die Straßenlaternen angingen.
    Perfekt durchgeplantes Nachmittagsprogramm? Hatten wir nicht!
    Draußen Spielen? Immer!
    Heute sagt meine Tochter wenn ich sie mit dem Spruch „Dann kommst Du wenigstens mal an die frische Luft!“ zum Hundespaziergang motivieren will: „Mama, ich war doch vorhin schon 10 Minuten draußen!“
    Ich fand, wir waren damals cooler!

  4. Also, die Nutzung von Computern und allen ähnlichen Medien, nimmt heute schon einen zentralen Platz im Leben der Kinder und Jugendlichen ein. Bei uns gab es das tatsächlich nicht. Auch die 3 Fernsehprogramme waren nicht so verlockend, dass man nicht lieber mit anderen Kindern gespielt hätte. Aber es gibt auch heute noch deutliche Unterschiede bei der Freizeitbeschäftigung der Kinder und die hängt auch sehr vom Wohnort ab. Als wir noch auf dem Dorf in Schleswig-Holstein wohnten, sind die Kinder tatsächlich einfach raus und haben immer jemanden zum Spielen gefunden. Ich musste damals durch mehrere Nachbarsgärten ziehen, um meinen 2-jährigen wieder einzusammeln. Als wir dann nach Hamburg gezogen sind, gab es das gar nicht mehr. Die Nachmittage der Kinder waren so durchgeplant, dass man zwischen Hockey-Training, Klavierunterricht, Tennisstunden, Chorgesang etc. manchmal im Terminkalender mühsam einen Spieltermin in drei Wochen gefunden hat und Kindergeburtstage deswegen nur noch am Wochenende stattfanden.
    Das hat sich etwas gebessert durch die Ganztagsschule. Denn hier können die Kinder wieder mit ihren Freunden (und das sind ja in der Regel Klassenkameraden) auf dem Schulgelände spielen, zusammen essen, gemeinsam Fußball spielen, basteln, kochen etc. Und weil sie viele Kurse bereits in der Schule belegen, haben sie danach tatsächlich Freizeit und können sich auch noch mal ziemlich spontan verabreden.
    Aber das Gezicke mit dem Essen gab es früher tatsächlich nicht. Wär mir nicht im Traum eingefallen. Aber man kann die Schuld nicht auf die Kinder schieben, wenn sie so krüsch sind. Es sind die Eltern und Großeltern, die das gefördert haben, indem sie immer neue Sachen angeboten haben, „damit das Kind nicht verhungert, sondern doch wenigstens etwas isst!“

  5. Also ich war nicht so…
    Ganz bestimmt nicht!
    Ich habe alles so gemacht, wie du es über dich beschrieben hast und meine Süße macht alles genau so wie du es ebenfalls von deinen Kindern beschrieben hast.

    Also das kann ja kein kollektiver Gedächtnisverlust sein, nicht wahr?

    Nein, nein!
    Früher war alles besser! viel Besser! 😉

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  7. Bei mir ging es auch so zu, wie bei Dir seinerzeit. (Noch in den 60ern geboren). Wobei die Kinder heute ja kaum mehr irgendwo spielen dürfen. Entweder gibt es keine Spielplätze mehr oder die Anwohner drum rum beschweren sich über den „Lärm“.

    Meine Kinder taten sich auch schwer bei den Hausaufgaben. Inzwischen hat sich das gebessert.

  8. Meine Eltern haben es mir erzählt, wie es damals war… Ich bin mit Jahrgang 81 nicht mehr ganz Generation Golf, ich war bereits ein „picky eater“, habe so gut wie nichts gegessen, was auf den Tisch kam. Ich war sehr schlank als Kind 😉

    Rausgegangen sind wir natürlich, aber kaum war der erste PC im Haus, war es damit aus ;-P.

    Immerhin, die Hausaufgaben waren kein Problem. Hinsetzen und sagen „kann ich nicht“ hätte mir in der leeren Wohnung (Eltern waren beide auf der Arbeit) nichts genützt. Dafür bin ich ab und an mal mit „Ich habe es versucht, aber nicht geschafft“-Hausaufgaben erschienen. Was aus heutiger Sicht den Lehrern vermutlich viel mehr Feedback („Da müsste man vielleicht etwas noch einmal erklären“) brachte, als wenn heute Mutti rasch die Hausaufgaben macht…Aber es war peinlich mit dem unfertigen Machwerk zu erscheinen.

    Was aber meiner Ansicht nach heute wirklich anders ist, ist, dass Kinder nur schwer andere Kinder zum Spielen finden. Es gibt so wenige. Ich bin als Kind einfach rausgegangen und da waren überall Kinder. Man spielte und alles war gut. Heute ist kaum ein Kind draußen, wenn dann mit den Eltern und wenn die Eltern einander nicht mögen, kommen die Kinder auch nicht in Kontakt. Dazu kommen weit, dass andere Kinder aus der Schule enorm weit weg wohnen, spontane Verabredungen sind kaum möglich. Und dann noch die ständige Paranoia, geschürt durch die Medien und andere Eltern. Man hat ja den Eindruck, man vernachlässigt sein Kind, wenn man völlig unbeschützt mit 7, 8 Jahren allein zu Freunden mit der Straßenbahn fahren lässt…Es könnte ja sonstwas passieren…

    • Ja, das mit dem andere Kinder finden ist in Dubai auch nicht ganz einfach, da die Schulen teilweise sehr weit weg sind und alle Kinder ständig Aktivitäten zu haben scheinen. Wir haben allerdings großes Glück, wir wohnen in einer sehr ruhigen Straße und jeden Nachmittag spielen alle Nachbarskinder zusammen auf der Straße, manchmal schwatzen die Mütter dazu, manchmal nicht…sehr idyllische Verhältnisse, ich habe meine Mädels schon des öfteren darauf hingewiesen, dass sie sich glücklich schätzen können….

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