Liebe, Lügen, Leichen

Liebe, Lügen, Leichen – so heißt er, der neue Roman und kann ab sofort über Amazon als ebook bestellt werden (KLICK KLICK KLICK)!

Ungefähr die Hälfte der Teilnehmer des kleinen Wie-heißt-mein-Roman-Quizes haben richtig gelegen! Knapp dahinter kam „Liebe, Lügen, Lass mich doch in Ruh“ auf Platz Zwei. Ob mir das was sagen soll? Ein ganz herzlicher Dank geht an den Leser/die Leserin, die den Alternativ-Titel: „Liebe, Lügen, Leberwurst“ vorgeschlagen hat. Ich habe herzhaft gelacht, leider kann der Titel nicht mehr geändert werden, und ich hätte wohl in dem Fall auch noch ein Kapitel über die Beerdigung einer Leberwurst schreiben müssen.

Womit wir beim Thema wären, in dem neuen Roman geht es nämlich um Beerdigungen – daher auch die Leichen im Titel. Um euch nicht länger auf die Folter zu spannen, gibt es jetzt noch das 2. Kapitel als Leseprobe und wem das Buch dann immer noch gefällt, der darf es von mir aus gerne kaufen…;-).

(Für alle, die gestern nicht mitgelesen haben: Hier geht es zur Leseprobe des 1. Kapitels)

Leseprobe:

2.

„Ich habe Jutta Spitz heute Morgen an der Fleischtheke getroffen“, offenbarte meine Mutter der Familie beim Abendessen. Sie blickte sich beifallsheischend in der Runde um, als wäre sie eine Sensationsreporterin und hätte aufgedeckt, dass unsere Bundeskanzlerin seit Jahren ein Verhältnis mit dem Chef der Grünen hatte und mit ihm nach Tibet durchgebrannt war, um dort glückliche Schafe zu züchten.

„Und?“, fragte Oma Irmgard laut schmatzend nach. „Hat Jutta dir das letzte Stück zarte Fleisch weggekauft? Meine Prothese bleibt die ganze Zeit in dem zähen Braten hängen!“

Jutta Spitz war die leidgeprüfte Ehefrau meines Großcousins Rüdiger, genannt Rudi, bei dem der Nachname Programm war. Rudi war „spitz wie Nachbars Lumpi“, und wenn es nur legal gewesen wäre, hätte er wohl seine eigene Mutter angegraben. Rudi war Mitte Fünfzig, stets sonnengebräunt und trug sein leicht schütteres Haupthaar ungeniert schulterlang und tiefschwarz gefärbt. Seine Nachmittage und Abende verbrachte er in an einsamen sauerländischen Landstraßen gelegenen „Clubs“, die so schöne Namen wie „Pik Dame“ oder „69“ trugen. Außerdem war Rüdiger Spitz der Besitzer des örtlichen Bestattungsunternehmens. Was wenigstens die Haarfarbe passender machte.

„Wenn Rüdiger mein Mann wäre, hätte ich ihm längst Rattengift ins Essen gemischt und ihn zum Super-Sonder-Sparpreis beerdigen lassen“, erklärte Oma Irmgard und spuckte ein dickes Stück Braten zurück auf ihren Teller.

Rüdiger Spitz hatte sich vor einigen Jahren einen zweifelhaften Ruf im ganzen Sauerland erworben, als er eine Werbekampagne mit dem Slogan „Billiger sterben sie nirgendwo“ im Radio und der Regionalpresse gestartet hatte. Bis in die Zeitungen des nahegelegenen Ruhrgebiets hatte er es allerdings erst geschafft, als er eines Morgens nackt, schlafend und sturzbetrunken in einem offenen Sarg vor seinem Bestattungsunternehmen von Spaziergängern gefunden wurde. Bis heute wurde die Frage, wie Rudi den Sarg allein aus der Lagerhalle bekommen hatte, kontrovers an der Fleischtheke des Supermarktes diskutiert.

„Immer wenn ich Rudi sehe, sieht der mich so lüstern an“, plapperte Oma Irmgard weiter, doch niemand traute sich ihr zu sagen, dass selbst Rudi Spitz wohl eher auf die Ausrichtung ihrer Beerdigung als auf sie scharf war.

„Jutta hat gesagt, dass Rudi möglicherweise einen Job für dich hat“, warf meine Mutter endlich in die Runde, was sie zu sagen hatte und widmete sich schnell ihrem Kartoffelpüree, um mir nicht in die Augen sehen zu müssen.

„Soll sie als Go-Go-Girl für Stimmung bei den Beerdigungen sorgen?“, fragte Oma Irmgard mit vollem Mund und kicherte los: „Ich würde dich sofort buchen, wenn es mal soweit ist. Du kannst auf meinem Sarg tanzen!“

Ich verdrehte die Augen, dass es weh tat und versuchte, mich auf das Essen zu konzentrieren. Doch meine Mutter ließ nicht locker.

„Du wohnst seit vier Monaten bei uns. Ich denke, es ist an der Zeit, dass du wieder auf eigenen Füßen stehst.“ Sie lächelte verlegen. „Obwohl wir dich natürlich gerne hier haben.“

„Gestorben wird immer“, sinnierte Oma Irmgard, als hätte sie jemand gefragt. „Das ist ein krisensicherer Job.“

„Genau“, gab meine Mutter ihrer eigenen Mutter Recht, was so selten vorkam, dass mein Vater kurz von seinem Essen aufblickte.

„Eher sterbe ich! Ich bin eine Marketing-Fachfrau und nicht Totengräberin!“, versuchte ich die Bemühungen meiner Mutter, mich ausgerechnet beim schmierigsten Mitglied der gesamten Verwandtschaft unterzubringen, im Keime zu ersticken.

„Wenn du stirbst, dann endest du auch bei Rudi“, warf Oma Irmgard gnadenlos ein.

„Dass du immer so dramatisch sein musst!“, seufzte meine Mutter. „Ich habe Jutta gesagt, dass du morgen vorbei kommst und dir mal ansiehst, was für ein Job das ist“, erstickte sie meine Entscheidungsfreiheit über mein Leben so mühelos im Keime, wie nur Mütter von gekündigten, vom Traummann verlassenen Töchtern, die wieder bei ihren Eltern wohnen, es können.

 

*

 

Am nächsten Morgen klopfte ich an die Tür von „Spitz Bestattungen“. Das Beerdigungsinstitut meines Großcousins lag am Ortsrand von Fennentrop direkt am Wald. Wie eigentlich jedes Haus im Sauerland direkt am Wald liegt. Oder an einem Hang. Oder beides. Schon als Kind war ich zu der Überzeugung gekommen, dass der Spruch „den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen“ aus dem Sauerland stammen musste.

Ich hatte meine Hand noch nicht von der Tür zurückgezogen, als selbige schon aufging und Rosamunde Schlöppel, geborene Reichmann, genannt „Rosie“, mir um den Hals fiel. Ich kannte Rosie aus der Schulzeit, sie war in der Klasse über mir gewesen. Als auf den ersten Blick unscheinbare Frau mit mausbraunen Haaren, plumper Figur und leicht unsymmetrischen Gesichtszügen wurde Rosie oft unterschätzt. Denn sie hatte stahlblaue Augen, mit denen sie jeden anderen Menschen so anstarren konnte, dass er tat, was sie wollte. Ich erinnerte mich an eine Gelegenheit in der Schule, als mehrere Mitschüler wetteten, Rosie werde es nicht schaffen, den neuen, extrem strengen Direktor mit ihren „Starr-Künsten“ kleinzukriegen. Rosie hatte nicht lange gefackelt und mitten in der großen Pause einen Stein aufgehoben und in das Fenster des Schuldirektors geworfen. Während um sie herum Schüler in tumultartigen Szenen wegliefen, um nur nicht mit dem Steinwurf in Verbindung gebracht zu werden, war Rosie seelenruhig stehengeblieben und hatte den wutentbrannt herbeieilenden Direktor freundlich begrüßt.

„Warst du das?“, hatte der Mann, anstatt Rosie ebenfalls zu grüßen, geschrien und sie am Arm gepackt.

„Nein“, hatte Rosie kühl geantwortet und den Direktor angestarrt.

Einen kurzen Moment hatte der Mann erstaunt zurückgestarrt, dann hatte er Rosies Arm losgelassen und freundlich gesagt: „Ich glaube dir, mein Kind“.

Da der „wahre“ Täter des Fensterscheiben-Attentats nie gefunden wurde, hatte der Direktor jede Klasse mit einer Strafarbeit belegt.

Rosamunde Schlöppel stand dank ihrer „Gabe“ die Welt offen, davon war jeder überzeugt, der sie kennenlernte. Sie hätte alles werden können. Mindestens Päpstin oder Präsidentin der USA. Oder beides. Doch Rosie hatte kurz nach dem Abitur zur Überraschung aller den 30 Jahre älteren Meinhard Schlöppel, seines Zeichens Besitzer des örtlichen Autohauses, Schützenkönig, Hallodri und bester Freund von Rudi Spitz, geheiratet. Wie eine überhitzte Popcorn-Maschine hatte sie in den folgenden vier Jahren vier Kinder aus sich herausgepresst. Seitdem das jüngste in den Kindergarten ging, arbeitete sie halbtags bei meinem Großcousin als Empfangsdame. Es ging das Gerücht, dass Rosie dank ihres Ehemannes so viele von Rudis Geheimnissen kannte, dass er ihr ein stattliches Gehalt zahlte und sie tun und lassen konnte, was sie wollte. Andere behaupteten, Rosie hätte sich ihr Gehalt und ihre Arbeitsaufgaben von Rudi „erstarrt“.

„Rudi ist nicht da, aber Jutta hat mich angerufen und gesagt, dass du heute hier anfängst. Ich freue mich so! Endlich ein bisschen Leben in der Bude!“ Sie warf einen vielsagenden Blick hinter sich. „Die anderen Mitarbeiter sind so leblos wie unsere Kunden.“

Jutta und meine Mutter hatten ganze Arbeit geleistet. Ich fragte mich, ob sie sich überhaupt die Mühe gemacht hatten, Rudi Spitz über meine Anstellung in seiner Firma zu informieren.

„Äh, Rosie“, begann ich vorsichtig, da ich keinesfalls den Eindruck entstehen lassen wollte, ich sei bereits fest entschlossen, den Job anzunehmen. „Ich würde vorher gerne wissen, was für ein Job das ist. Und wie er bezahlt wird.“

Ich lächelte Rosie zaghaft zu, um sie nicht zu verstimmen und mit einem ihrer „Blicke“ bestraft zu werden. Doch Rosie strahlte mich weiter an, als wäre ich von der Lottogesellschaft und hätte ihr gerade einen Millionengewinn übergeben.

„Natürlich willst du den Job!“, sagte sie. „Dein Gehalt bestimme ich, keine Sorge, du wirst gut verdienen. Und wenn Rudi das nicht passen sollte…“, Rosie machte eine bedeutungsvolle Pause und fügte an: „Du weißt schon!“

„Immerhin“, dachte ich, verkniff mir einen Seufzer und folgte ihr in das dunkle Innere des Bestattungsunternehmens.

Die nächste Stunde verbrachten wir damit, das nonstop klingelnde Telefon zu ignorieren, Kaffee zu trinken und dazu ein Stück Käsekuchen zu essen, den Rosies Mann gebacken hatte. Die Zeiten, in denen Meinhard Schlöppel mit seinem Kumpel Rudi durch die „Clubs“ gezogen war, waren offensichtlich vorbei.

„Dein Großcousin nutzt sein Gehirn nur versehentlich fürs Denken, aber ausnahmsweise hat er mal eine gute Idee gehabt“, begann Rosie mein Vorstellungsgespräch. „Du weißt sicher, was ein Wedding-Planer ist, oder?“

Ich nickte zustimmend und fragte mich, ob Rudi Spitz von den Toten zu den Lebenden übergehen und ein Brautinstitut aufmachen wollte, oder ob ich noch Schlimmeres befürchten sollte.

„DU wirst unsere Beerdigungs-Planerin! Das passt wie die Faust aufs Auge – du machst doch was mit Marketing, das ist fast dasselbe. Ab jetzt vertickst du Luxus-Beerdigungen!“

Ich sah Rosie verständnislos an. Was gab es bei einer Beerdigung groß zu planen? Oder zu verticken? Termin, Kleiderordnung, Ort und Gästeliste der Veranstaltung waren vorgegeben, die Musikauswahl war begrenzt. Sarg oder Urne? War das nicht die einzige Entscheidung, die man bei einer Beerdigung treffen musste? Und im Sauerland vielleicht noch, wie man den Schriftzug „Er war der beste Schützenkönig aller Zeiten“ auf den Grabstein meißeln konnte, ohne dass dieser so groß wie die Schützenhalle wurde. Was genau sollte ich als Beerdigungs-Planerin machen? Außerdem hatte ich bislang keine Totentänze, sondern so spannende Dinge wie Zigaretten- und Gummibärchen-Verteilaktionen oder Messestände für Orthopädie-Artikel geplant und vermarktet.

„Geiz war gestern, heute wird geklotzt, nicht gekleckert“, begann Rosie mich aufzuklären. „Die Leute wollen keine einfache Beerdigung mehr. Wir bekommen immer mehr Anfragen für die ‚besondere’ Beerdigung. Und hier kommst du ins Spiel: Du wirst dich um die Kunden mit gehobenen Ansprüchen kümmern und ihnen jeden Wunsch für ihre Traumbeerdigung erfüllen.“ Rosie lehnte sich in ihrem Bürostuhl zurück und machte eine ausschweifende Handbewegung: „Ich sehe schon: Du hast keine Vorstellung, was im Trauergewerbe heutzutage möglich ist.“

Die hatte ich wirklich nicht, wie ich bald feststellen sollte.

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14 Gedanken zu „Liebe, Lügen, Leichen

  1. Ah, dafür muss ich mir nachher mal Zeit nehmen. Ich muss erst mal aufholen, was sich seit Samstag alles angesammelt hat. Aber ich habe mit grosser Freude überflogen, dass es neuen Lesestoff von dir gibt! Toll! 🙂

  2. Wenn ich’s nicht besser wuesste wuerde ich behaupten, dass du deine Wurzeln im Sauerland
    hast.. Tolle Beschreibung, ich wusste gar nicht, dass Du meine Mutter so gut kennengelernt hast..;-)
    P.S.: Bitte fuer die Leberwurst!

  3. Lach. Ich muss gleich an den Bestatter denken, der im Internet einen Blog betreibt. Der Bestatter aus dem Internet ist seriös.

    Die Kapitel klingen sehr vielversprechend.

  4. So, hab’s durch, das Buch.
    Ist so gar nicht das Genre, das ich normalerweise lese (hab’s eher mit Horror, SciFi und Fantasy), aber ich fand es äußerst unterhaltsam.
    Schön beschriebene kauzige Leute wimmeln im Sauerland umher. 🙂

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