Willow ist weg!

Meine Kinder sind keine Kinder mehr. Meinen sie zumindest. Und drücken diese Meinung auch lautstark aus. So sitze ich neulich nichtsahnend an meinem Schreibtisch, als die ältere Tochter zu mir kommt, einen großen Müllsack gefüllt mit Barbies, Puppen und anderem Spielzeug neben mich stellt und anklagend sagt: „Für diesen Babykram bin ich viel zu groß!“

„Prima“, denke ich, „das Zeug lag eh immer nur unaufgeräumt auf der Erde rum, eine Sorge weniger.“

Natürlich ist es so einfach nicht. Am nächsten Tag komme ich vom Hundespaziergang zurück und höre die Kinder schreien, bevor ich unser Haus überhaupt sehen kann. Die Erfahrung hat mich gelehrt, es ist nichts Schlimmes passiert, die beiden streiten. Ich gehe so langsam ich kann den restlichen Weg, dann stelle ich mich dem Drama.

Und ein Drama ist es, das sich da oben im Flur zwischen den Kinderzimmern abspielt. Die „Damen“ stehen sich gegenüber und keifen sich an wie zwei seit Jahren aufs Blut verfeindete Nachbarinnen, zwischen ihnen das Streitobjekt: Das Willow-Horsy.

Das Willow-Horsy ist ein prachtvolles, riesiges Schaukelpferd, das die ältere Tochter vor gut sieben Jahren zum dritten Geburtstag geschenkt bekommen hat. „Willow“ ist eines der geschätzt drei Spielzeuge auf dieser Welt, bei denen jungen Müttern im Geschäft kalte Schauder den Rücken hinunterlaufen, denn sie wissen, dass ihre Kinder niemals wirklich Großes leisten werden, wenn sie dieses pädagogisch wertvolle, nur aus Naturmaterialien herstellte Spielzeug nicht besitzen. Und das ist nicht alles: Die Kinder werden dieses Pracht-Pferd auch noch lieben! Denn machen wir uns nichts vor, für gewöhnlich wollen Kinder Spielzeuge die aus Plastik, grell, schrill und nervtötend sind.

Dank einer großzügigen Spende des Großvaters zog Willow damals also bei uns ein. Und er wurde geliebt. Es gab Zeiten, da musste die Reitzeit auf dem großen Braunen mit der Uhr gestoppt werden, damit niemand bevorzugt wurde. Bis zu 6 Kinder saßen gleichzeitig im Sattel und Willow schaukelte nicht selten so stark, dass ich nur darauf wartete, dass er losflog. Willow wurden Prinzessinnenkleider mit roher Gewalt übergezogen, Bänder in den Mähne geflochten, er lernte Zähneputzen und er musste herhalten, wenn „Gummibärchen“ auf mysteriöse Weise verschwunden waren. Kurz, Willow war ein echter Freund, ein Pferd mit dem man Pferde stehlen konnte.

Und doch, irgendwann stand Willow immer öfter allein in seiner Ecke, dann quartierte ihn die ältere Tochter aus, Willow zog ins Zimmer der jüngeren Tochter. Diese war glücklich, bis ihr einfiel, dass sie ab sofort auch zu groß für Willow sei. Und nun standen die beiden oben im Flur und stritten, bei wem das „blöde Ding“ im Zimmer stehen müsse. Einigung ausgeschlossen.

Irgendwann reichte es mir und ich verkündete in den Willow-Wohnstreit hinein: „Dann verkaufen wir das Schaukelpferd eben!“

„Super, von dem Geld kaufen wir uns das und das…!“ Die Töchter waren sofort eine Herz und eine Seele und verzogen sich gemeinsam, um zu beratschlagen, was man mit dem Willow-Gewinn so alles kaufen könne.

Zwei Tage später war es so weit: Eine junge Mutter kam am Abend, die Kinder schliefen schon, mit glänzenden Augen, um Willow abzuholen. Ich streichelte dem armen Kerl ein letztes Mal über die Mähne und wurde leicht sentimental. Eine Ära ging zu Ende. Das Pferd selber hatte sein grausames Schicksal wohl schon länger geahnt und schaute mit hoch erhobenem Kopfe aus der Heckklappe des Autos.

Ich tröstete mich über meinen Abschiedsschmerz mit den Gedanken hinweg, dass Willow ein gutes neues Zuhause gefunden hatte, wo er erneut heiß geliebt werden würde. Schnell machte ich noch ein Abschiedsphoto, dann fuhr Willow los. Und ich ging zufrieden ins Bett.

Am nächsten Morgen beim Frühstück überbrachte ich die, wie ich dachte, frohe Kunde von Willows Auszug. Schweigen. Dann suppentellergroße Augen. Gefüllt. Bebende Kinnladen.

„Du hast Willow verkauft? Er ist weg? Wir sehen ihn nie wieder?“

„Ja, das haben wir doch besprochen?“ Ich mache mich ganz klein in meinem Stuhl, obwohl ich sicher bin, dass wir es besprochen hatten. „Ihr wolltet ihn doch beide nicht mehr in euren Zimmern haben“, sage ich noch schwach hinterher.

„Aber deswegen musst du ihn doch nicht gleich verkaufen“, schluchzt die ältere Tochter, „wir hätten ihn doch in dein Zimmer stellen können!“

Ganz so groß wie sie denken, sind die Kinder eben doch noch nicht.

Und da ist Willow bei seinem Auszug und in ganzer PrachtFullSizeRender Kopie:

Willow 2

 

 

 

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6 Gedanken zu „Willow ist weg!

  1. Oh jöööh. Habt ihr keinen Dachboden, auf dem so etwas verstaut und „für die Enkel“ aufbewahrt werden kann?
    Ich glaube, hier wäre ICH es gewesen, die sich davon nie hätte trennen können.

  2. Oh, wie traurig! Auch wenn ich es Willow gönne, daß er nun in einem neuen Zuhause wieder Kinder glücklich machen kann, hätte ICH ihn behalten, im Keller, für die Enkelkinder.
    Ich merke nämlich heute, daß ich es schade finde, daß meine Mutter so viele von den ehemals heißgeliebten Spielsachen weggeschmissen oder verschenkt hat, weil sie ihr „nur im Weg standen“ (obwohl Keller und Dachboden riesig groß waren). Gerne hätte ich meine Kinder mit meiner schönen Barbie-Villa (aus Holz vom Schreiner gebaut) oder mit meiner gigantischen Schlumpf-Sammlung spielen sehen, meine Puppenmöbel (von selbigem Schreiner) benutzen lassen oder mit meinem großen Bollerwagen gezogen. Aber leider alles weg…!

    LG, Inga

  3. Pingback: Verkaufsgenie – Teil II | Anne Harenberg - Die Wüste & Ich

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