Lesen bildet!!

Und in diesem Fall macht Lesen nicht nur schlau, sondern auch noch reich! Denn wer den neuen Roman „Liebe, Lügen, Leichen“ gelesen hat und die einfache Frage „Wer ist Fred“ beantworten kann, der kann am großen Gewinnspiel teilnehmen und unter anderem einen Amazon.de-Gutschein im Wert von 50 Euro gewinnen. Also, fangt am besten gleich mit der extra langen Leseprobe von „Liebe, Lügen, Leichen“ an:

1. Kapitel

Jeder hat mal einen schlechten Tag. Außer mir. Ich hatte ausschließlich schlechte Tage. Der kalte, nebelige Wintermorgen, an dem ich vor dem Haus meiner Eltern im sauerländischen Fennentrop stand, war Nummer 10000. Da ich vor kurzem 27 Jahre alt geworden war, sollte die Zahl ungefähr hinkommen.

„Jolande, ein guter Tag zwischendurch wäre schön“, sagte ich zu mir selber, während ich die Kunstholz-Haustür mit schmiedeeisernen Beschlägen betrachtete und mich an einen Strand auf den Malediven oder zumindest in eine Gegend wünschte, die sich nicht durch furchtbare Haustüren und Dauerregen auszeichnete.

Leider sah es nicht so aus, als würde sich die Negativbilanz meiner schlechten Tage in nächster Zeit ändern, denn ich gedachte, meine Eltern in wenigen Momenten mit der Nachricht zu beglücken, dass ihre als Marketing-Fachfrau erfolgreiche Tochter, die mit ihrem Traummann in Berlin lebte, mit sofortiger Wirkung wieder bei ihnen einzog.

Der Traummann („Dr. Hagen Hohmann, ein Zahnarzt!“ – O-Ton, einst von meiner Mutter über den Gartenzaun zur Nachbarin geträllert) hatte es als „Krönung“ unserer Liebe angesehen, seiner Sprechstundenhilfe auf dem Behandlungsstuhl ein paar „Füllungen“ zu verpassen. Mein eigener Chef hatte es dagegen nicht als „Krönung“ meines beruflichen Werdeganges angesehen, dass ich die Traummann-Behandlungsstuhl-Sache zum Anlass genommen hatte, ihm und unserem wichtigsten Kunden persönlich mitzuteilen, dass alle Männer „Schweine ohne Hirn, dafür aber mit winzigen Ringelschwänzchen“ seien. Er hatte mich rausgeschmissen. Einfach so. Na gut, im Kündigungsschreiben stand etwas von zu vielen „Krankheitstagen“, aber woher sollte ich wissen, dass der Mann so ein Erbsenzähler war? Außerdem musste ich den Anblick des Traummannes bei der „Behandlung“ der Arzthelferin verarbeiten. Mit einem nichtaufgearbeiteten Betrugstrauma im Herzen wäre ich bestimmt depressiv geworden und früher oder später wochenlang krankgeschrieben worden. Selbstredend hatte mein Chef nicht verstanden, dass ich ihm mit den paar Fehltagen einen Gefallen getan hatte.

Nun stand ich also mit Sack und Pack, sprich meinem einzigen Koffer, vor der scheußlichen Haustür meiner Eltern. Der Ex-Traummann hatte bei meiner – lediglich als Drohung vor der Versöhnung gemeinten – Ankündigung, auszuziehen mit den Schultern gezuckt und darauf hingewiesen, dass die Möbel ihm gehören würden. Ziemlich dumm gelaufen. Für Dr. Hagen Hohmann. War mir doch versehentlich ein Löffel Honig im Schrank hingefallen. Oder genauer gesagt: Der Löffel war in dem Barschrank mit seinen „heiligen“ Whiskys hingefallen, die so alt waren, dass eigentlich Neandertaler sie abgefüllt haben müssten. Oder, um es mit der Präzision eines Zahnarztes zu sagen: Mir waren mehrere Löffel Honig „hingefallen“ – in die zufällig geöffneten Whisky-Flaschen im Barschrank. Wenn der Ex-Traummann mich schon nicht vermisste, sollte er mich wenigstens in Erinnerung behalten.

Aber zurück zu meinen Eltern. Obwohl sie mich abgöttisch liebten, war ich nicht sicher, wie sehr sie sich über meine Rückkehr freuen würden. Im Falle meines Vaters würde ich es auch nicht herausfinden, seine Konversationsbeiträge beschränkten sich seit Jahren auf zwei Sätze: „Ich hole mir ein Bier“ und „Ich gehe in meinen Hobbykeller“. Wie in jeder guten Ehe, machte meine Mutter dies wett und redete ständig. Mein Rückzug in den Schoß der Familie würde ihr Gesprächsstoff für sämtliche Mahlzeiten, Friseur- und Supermarktbesuche bis Weihnachten liefern. Wir hatten Februar, und doch schwante mir, der Satz „Ein Glück, das Kind ist wieder da!“ würde nicht in ihren Monologen vorkommen.

„Da ist ein Schatten an der Haustür! Das sind bestimmt die Zeugen Jehovas! Endlich gibt es die auch im Sauerland! Ich mache auf und ziehe ihnen den großen Regenschirm über die Rüben!“, keifte plötzlich eine schrille Stimme hinter der Haustür.

Natürlich. Oma Irmgard. Die hatte ich geflissentlich verdrängt. Nicht vergessen, denn es war ausgeschlossen, Oma Irmgard zu vergessen. Hinter der Tür hörte ich, wie sie mit ihrem Rollator gegen den kleinen Tisch am Eingang fuhr. Meine Mutter liebte diesen Tisch, Oma Irmgard hasste ihn. In der Familie liefen mehrere Wetten, wie lange der Tisch den ständigen Rollator-Attacken noch standhalten würde.

Meine Großmutter lebte bei meinen Eltern seit Opa Kurts Herz vor vielen Jahren vor der täglichen, in Butter ausgebratenen 500-Gramm-Portion Bauchspeck kapituliert hatte und er sich die Blumen von unten ansah. Oma Irmgard hatte am Tag der Beerdigung erklärt: „Endlich bin ich frei!“ Und auch sonst hatte sie keine Zeit damit vergeudet, die trauernde Witwe zu spielen. Im Gegenteil, sie hatte sich von allen gesellschaftlichen Konventionen befreit und war eine verlässliche Quelle des Fremdschämens für ihre Familie geworden.

Oma Irmgard war 73 Jahre alt, sah aber keinen Tag jünger als 86 aus. Sie war so schrumpelig wie eine Walnuss von innen und so dünn und klein, dass sie ihre Kleidung in der Kinderabteilung kaufen musste. Da ihr das neumodische Zeug der Jugend von heute nicht gefiel, war sie vor ein paar Jahren dazu übergegangen, sich jedes Frühjahr mit Kommunionskleidern aus dem Ausverkauf einzudecken. Diese färbte sie wahlweise in knallrot, himmelblau oder anderen Bonbonfarben ein. Einmal in der Woche ging Oma Irmgard zum Friseur und ließ sich ihre Haare in Löckchen legen, die mit so viel Haarspray zementiert wurden, dass das Ozonloch nach ihrem Ableben von allein zugehen dürfte.

Oma Irmgard sammelte Holzfiguren aus dem Erzgebirge, für die sie mein ehemaliges Kinderzimmer als „Museum“ nutzte. Als ich das letzte Mal zu Hause gewesen war, hatten auf dem Nachtisch neben meinem Bett Sandmännchen, Osterhase und Rotkäppchen einträchtig nebeneinander gestanden, als wären sie in ein Gespräch über den Weltfrieden vertieft.

Hatte ich bereits erwähnt, dass ich mich in schwierigen Situationen gerne auf unwichtige Details konzentrierte? Ich seufzte tief, erinnerte mich daran, dass ich keinen Job, keine Wohnung, keinen Traummann und damit keine Wahl hatte. Dann klingelte ich.

 

2. Kapitel

„Ich habe Jutta Spitz heute Morgen an der Fleischtheke getroffen“, offenbarte meine Mutter der Familie beim Abendessen. Sie blickte sich beifallsheischend in der Runde um, als wäre sie eine Sensationsreporterin und hätte aufgedeckt, dass unsere Bundeskanzlerin seit Jahren ein Verhältnis mit dem Chef der Grünen hatte und mit ihm nach Tibet durchgebrannt war, um dort glückliche Schafe zu züchten.

„Und?“, fragte Oma Irmgard laut schmatzend nach. „Hat Jutta dir das letzte Stück zarte Fleisch weggekauft? Meine Prothese bleibt die ganze Zeit in dem zähen Braten hängen!“

Jutta Spitz war die leidgeprüfte Ehefrau meines Großcousins Rüdiger, genannt Rudi, bei dem der Nachname Programm war. Rudi war „spitz wie Nachbars Lumpi“, und wenn es nur legal gewesen wäre, hätte er wohl seine eigene Mutter angegraben. Rudi war Mitte Fünfzig, stets sonnengebräunt und trug sein leicht schütteres Haupthaar ungeniert schulterlang und tiefschwarz gefärbt. Seine Nachmittage und Abende verbrachte er in an einsamen sauerländischen Landstraßen gelegenen „Clubs“, die so schöne Namen wie „Pik Dame“ oder „69“ trugen. Außerdem war Rüdiger Spitz der Besitzer des örtlichen Bestattungsunternehmens. Was wenigstens die Haarfarbe passender machte.

„Wenn Rüdiger mein Mann wäre, hätte ich ihm längst Rattengift ins Essen gemischt und ihn zum Super-Sonder-Sparpreis beerdigen lassen“, erklärte Oma Irmgard und spuckte ein dickes Stück Braten zurück auf ihren Teller.

Rüdiger Spitz hatte sich vor einigen Jahren einen zweifelhaften Ruf im ganzen Sauerland erworben, als er eine Werbekampagne mit dem Slogan „Billiger sterben sie nirgendwo“ im Radio und der Regionalpresse gestartet hatte. Bis in die Zeitungen des nahegelegenen Ruhrgebiets hatte er es allerdings erst geschafft, als er eines Morgens nackt, schlafend und sturzbetrunken in einem offenen Sarg vor seinem Bestattungsunternehmen von Spaziergängern gefunden wurde. Bis heute wurde die Frage, wie Rudi den Sarg allein aus der Lagerhalle bekommen hatte, kontrovers an der Fleischtheke des Supermarktes diskutiert.

„Immer wenn ich Rudi sehe, sieht der mich so lüstern an“, plapperte Oma Irmgard weiter, doch niemand traute sich ihr zu sagen, dass selbst Rudi Spitz wohl eher auf die Ausrichtung ihrer Beerdigung als auf sie scharf war.

„Jutta hat gesagt, dass Rudi möglicherweise einen Job für dich hat“, warf meine Mutter endlich in die Runde, was sie zu sagen hatte und widmete sich schnell ihrem Kartoffelpüree, um mir nicht in die Augen sehen zu müssen.

„Soll sie als Go-Go-Girl für Stimmung bei den Beerdigungen sorgen?“, fragte Oma Irmgard mit vollem Mund und kicherte los: „Ich würde dich sofort buchen, wenn es mal soweit ist. Du kannst auf meinem Sarg tanzen!“

Ich verdrehte die Augen, dass es weh tat und versuchte, mich auf das Essen zu konzentrieren. Doch meine Mutter ließ nicht locker.

„Du wohnst seit vier Monaten bei uns. Ich denke, es ist an der Zeit, dass du wieder auf eigenen Füßen stehst.“ Sie lächelte verlegen. „Obwohl wir dich natürlich gerne hier haben.“

„Gestorben wird immer“, sinnierte Oma Irmgard, als hätte sie jemand gefragt. „Das ist ein krisensicherer Job.“

„Genau“, gab meine Mutter ihrer eigenen Mutter Recht, was so selten vorkam, dass mein Vater kurz von seinem Essen aufblickte.

„Eher sterbe ich! Ich bin eine Marketing-Fachfrau und nicht Totengräberin!“, versuchte ich die Bemühungen meiner Mutter, mich ausgerechnet beim schmierigsten Mitglied der gesamten Verwandtschaft unterzubringen, im Keime zu ersticken.

„Wenn du stirbst, dann endest du auch bei Rudi“, warf Oma Irmgard gnadenlos ein.

„Dass du immer so dramatisch sein musst!“, seufzte meine Mutter. „Ich habe Jutta gesagt, dass du morgen vorbei kommst und dir mal ansiehst, was für ein Job das ist“, erstickte sie meine Entscheidungsfreiheit über mein Leben so mühelos im Keime, wie nur Mütter von gekündigten, vom Traummann verlassenen Töchtern, die wieder bei ihren Eltern wohnen, es können.

*

Am nächsten Morgen klopfte ich an die Tür von „Spitz Bestattungen“. Das Beerdigungsinstitut meines Großcousins lag am Ortsrand von Fennentrop direkt am Wald. Wie eigentlich jedes Haus im Sauerland direkt am Wald liegt. Oder an einem Hang. Oder beides. Schon als Kind war ich zu der Überzeugung gekommen, dass der Spruch „den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen“ aus dem Sauerland stammen musste.

Ich hatte meine Hand noch nicht von der Tür zurückgezogen, als selbige schon aufging und Rosamunde Schlöppel, geborene Reichmann, genannt „Rosie“, mir um den Hals fiel. Ich kannte Rosie aus der Schulzeit, sie war in der Klasse über mir gewesen. Als auf den ersten Blick unscheinbare Frau mit mausbraunen Haaren, plumper Figur und leicht unsymmetrischen Gesichtszügen wurde Rosie oft unterschätzt. Denn sie hatte stahlblaue Augen, mit denen sie jeden anderen Menschen so anstarren konnte, dass er tat, was sie wollte. Ich erinnerte mich an eine Gelegenheit in der Schule, als mehrere Mitschüler wetteten, Rosie werde es nicht schaffen, den neuen, extrem strengen Direktor mit ihren „Starr-Künsten“ kleinzukriegen. Rosie hatte nicht lange gefackelt und mitten in der großen Pause einen Stein aufgehoben und in das Fenster des Schuldirektors geworfen. Während um sie herum Schüler in tumultartigen Szenen wegliefen, um nur nicht mit dem Steinwurf in Verbindung gebracht zu werden, war Rosie seelenruhig stehengeblieben und hatte den wutentbrannt herbeieilenden Direktor freundlich begrüßt.

„Warst du das?“, hatte der Mann, anstatt Rosie ebenfalls zu grüßen, geschrien und sie am Arm gepackt.

„Nein“, hatte Rosie kühl geantwortet und den Direktor angestarrt.

Einen kurzen Moment hatte der Mann erstaunt zurückgestarrt, dann hatte er Rosies Arm losgelassen und freundlich gesagt: „Ich glaube dir, mein Kind“.

Da der „wahre“ Täter des Fensterscheiben-Attentats nie gefunden wurde, hatte der Direktor jede Klasse mit einer Strafarbeit belegt.

Rosamunde Schlöppel stand dank ihrer „Gabe“ die Welt offen, davon war jeder überzeugt, der sie kennenlernte. Sie hätte alles werden können. Mindestens Päpstin oder Präsidentin der USA. Oder beides. Doch Rosie hatte kurz nach dem Abitur zur Überraschung aller den 30 Jahre älteren Meinhard Schlöppel, seines Zeichens Besitzer des örtlichen Autohauses, Schützenkönig, Hallodri und bester Freund von Rudi Spitz, geheiratet. Wie eine überhitzte Popcorn-Maschine hatte sie in den folgenden vier Jahren vier Kinder aus sich herausgepresst. Seitdem das jüngste in den Kindergarten ging, arbeitete sie halbtags bei meinem Großcousin als Empfangsdame. Es ging das Gerücht, dass Rosie dank ihres Ehemannes so viele von Rudis Geheimnissen kannte, dass er ihr ein stattliches Gehalt zahlte und sie tun und lassen konnte, was sie wollte. Andere behaupteten, Rosie hätte sich ihr Gehalt und ihre Arbeitsaufgaben von Rudi „erstarrt“.

„Rudi ist nicht da, aber Jutta hat mich angerufen und gesagt, dass du heute hier anfängst. Ich freue mich so! Endlich ein bisschen Leben in der Bude!“ Sie warf einen vielsagenden Blick hinter sich. „Die anderen Mitarbeiter sind so leblos wie unsere Kunden.“

Jutta und meine Mutter hatten ganze Arbeit geleistet. Ich fragte mich, ob sie sich überhaupt die Mühe gemacht hatten, Rudi Spitz über meine Anstellung in seiner Firma zu informieren.

„Äh, Rosie“, begann ich vorsichtig, da ich keinesfalls den Eindruck entstehen lassen wollte, ich sei bereits fest entschlossen, den Job anzunehmen. „Ich würde vorher gerne wissen, was für ein Job das ist. Und wie er bezahlt wird.“

Ich lächelte Rosie zaghaft zu, um sie nicht zu verstimmen und mit einem ihrer „Blicke“ bestraft zu werden. Doch Rosie strahlte mich weiter an, als wäre ich von der Lottogesellschaft und hätte ihr gerade einen Millionengewinn übergeben.

„Natürlich willst du den Job!“, sagte sie. „Dein Gehalt bestimme ich, keine Sorge, du wirst gut verdienen. Und wenn Rudi das nicht passen sollte…“, Rosie machte eine bedeutungsvolle Pause und fügte an: „Du weißt schon!“

„Immerhin“, dachte ich, verkniff mir einen Seufzer und folgte ihr in das dunkle Innere des Bestattungsunternehmens.

Die nächste Stunde verbrachten wir damit, das nonstop klingelnde Telefon zu ignorieren, Kaffee zu trinken und dazu ein Stück Käsekuchen zu essen, den Rosies Mann gebacken hatte. Die Zeiten, in denen Meinhard Schlöppel mit seinem Kumpel Rudi durch die „Clubs“ gezogen war, waren offensichtlich vorbei.

„Dein Großcousin nutzt sein Gehirn nur versehentlich fürs Denken, aber ausnahmsweise hat er mal eine gute Idee gehabt“, begann Rosie mein Vorstellungsgespräch. „Du weißt sicher, was ein Wedding-Planer ist, oder?“

Ich nickte zustimmend und fragte mich, ob Rudi Spitz von den Toten zu den Lebenden übergehen und ein Brautinstitut aufmachen wollte, oder ob ich noch Schlimmeres befürchten sollte.

„DU wirst unsere Beerdigungs-Planerin! Das passt wie die Faust aufs Auge – du machst doch was mit Marketing, das ist fast dasselbe. Ab jetzt vertickst du Luxus-Beerdigungen!“

Ich sah Rosie verständnislos an. Was gab es bei einer Beerdigung groß zu planen? Oder zu verticken? Termin, Kleiderordnung, Ort und Gästeliste der Veranstaltung waren vorgegeben, die Musikauswahl war begrenzt. Sarg oder Urne? War das nicht die einzige Entscheidung, die man bei einer Beerdigung treffen musste? Und im Sauerland vielleicht noch, wie man den Schriftzug „Er war der beste Schützenkönig aller Zeiten“ auf den Grabstein meißeln konnte, ohne dass dieser so groß wie die Schützenhalle wurde. Was genau sollte ich als Beerdigungs-Planerin machen? Außerdem hatte ich bislang keine Totentänze, sondern so spannende Dinge wie Zigaretten- und Gummibärchen-Verteilaktionen oder Messestände für Orthopädie-Artikel geplant und vermarktet.

„Geiz war gestern, heute wird geklotzt, nicht gekleckert“, begann Rosie mich aufzuklären. „Die Leute wollen keine einfache Beerdigung mehr. Wir bekommen immer mehr Anfragen für die ‚besondere’ Beerdigung. Und hier kommst du ins Spiel: Du wirst dich um die Kunden mit gehobenen Ansprüchen kümmern und ihnen jeden Wunsch für ihre Traumbeerdigung erfüllen.“ Rosie lehnte sich in ihrem Bürostuhl zurück und machte eine ausschweifende Handbewegung: „Ich sehe schon: Du hast keine Vorstellung, was im Trauergewerbe heutzutage möglich ist.“

Die hatte ich wirklich nicht, wie ich bald feststellen sollte.

 

3. Kapitel 

Am nächsten Morgen stand ich erneut vor den Türen von „Spitz Bestattungen“. Die Job-Beschreibung von Rosie hatte mich so kalt wie ein Gefrierhühnchen gelassen, das von ihr in Aussicht gestellte Gehalt nicht. Ich konnte nur hoffen, dass Rosies Macht über Großcousin Rudi so groß war, wie sie angab, und er mir das Geld wirklich am Monatsende auszahlte.

Ich trug braune Lederstiefel mit mittlerem Absatz, einen braunen Rock mittlerer Länge und einen rosa Pullover mit nicht mal mittlerem, sondern ganz ohne Ausschnitt. Meine langen, braunen, wild gelockten Haare hatte ich mit Mühe zu einem strengen Pferdeschwanz gebändigt. Es waren die konservativsten Kleidungsstücke, die meine Mutter und Oma Irmgard am Vorabend in meinem Schrank hatten finden können. Wie einem Vorschulkind hatten sie mir diese neben das Bett gelegt. Als Alternative hatten sie mir eins von Oma Irmgards Kommunionskleidchen vorgeschlagen. Selbstverständlich hätte ich das Kleid aus Trotz angezogen, leider hatte ich es nicht über die Hüften bekommen.

Ich öffnete die Tür und trat in das Vorzimmer ein. Dort saß Rosie an ihrem Schreibtisch, mein Großcousin Rudi stand hinter ihr. Er trug seine schwarzen Haare zu einem öligen Pferdeschwanz zusammengebunden, bei seinem kanariengelben Hemd standen die oberen vier Knöpfe offen. Ein Zustand, um den die unteren vier Knöpfe, die so sehr spannten, dass man nicht wegschauen konnte, um die Explosion nicht zu verpassen, ihre Kollegen oben sicherlich beneideten. Dazu trug Rudi Spitz enge schwarze Röhrenjeans, über deren Bund sein mächtiger Bauch hing wie ein Medizinball aus einer zu kleinen Sporttasche. Ich fragte mich gerade, ob Rudi seine Brusthaare, die aus dem Hemd wucherten wie Unkraut, ebenfalls pechschwarz färbte, oder ob wir ihm seit Jahren alle Unrecht taten und Schwarz wirklich seine Naturhaarfarbe war, als mein Cousin mich ohne Begrüßung anherrschte:

„Wie siehst du denn aus?“

Die Frage hätte ich gerne zurückgegeben, obwohl ich wusste, wie Rudi aussah: Wie der „dicke Willi“ bei der „Biene Maja“ – in alt. Rudi starrte unterdessen auf meine Oberweite, die trotz des fehlenden Ausschnitts wie bei allen Frauen meiner Familie ein „Hingucker“ war. „Die Frauen unserer Familie sind die bestausgestatteten Frauen im ganzen Sauerland“, pflegte Oma Irmgard zu sagen, obwohl man ihre „Ausstattung“ nur noch vom Hörensagen kannte.

„Er hat miese Laune, ich habe ihm gerade dein Gehalt genannt“, erklärte Rosie den Ausbruch ihres Chefs, als stünde dieser nicht direkt neben ihr. Sogleich wandte sie sich wieder ihrem Computer zu. „Außerdem hat er ein Problem mit zu viel Oberweite in seiner direkten Nähe.“

„Das kann ja lustig werden“, dachte ich und fragte mich, ob man den Bauchweg-Gürtel aus der Fernsehwerbung für die obere Körperregion zweckentfremden konnte. Es war schlimm genug, dass ich mein Geld mit dem Tod verdienen sollte, aber dabei Rudis schlüpfrige Fantasien anzuregen, war selbst für jemand wie mich, der an Kummer gewöhnt war, zu viel.

„Für das viele Geld kann ich wohl erwarten, dass du hier passend gekleidet auftauchst! Ab morgen trägst du Schwarz oder Grau und sonst nichts“, donnerte Rudi weiter und wandte sich zum Gehen.

„Bis morgen, ich habe heute aushäusige Termine.“ Mit diesen Worten war er verschwunden.

„Haha, zurück ins Bett geht der“, höhnte Rosie, kaum hatte Rudi die Tür hinter sich geschlossen. „Dem öligen Pferdeschwanz nach zu urteilen war es eine lange Nacht.“

Dieser Zusammenhang erschloss sich mir nicht, aber ich entschied, dass ich ihn auch nicht kennen wollte. Ich hatte nicht mit einer überschwänglichen Begrüßung an meinem ersten Arbeitstag durch meinen künftigen Chef gerechnet, mit ein paar einführenden Worten schon. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, was ich als Nächstes tun sollte. Oder was ich überhaupt arbeiten sollte.

„Ich zeige dir dein Büro.“

Rosie schien meine Gedanken erraten zu haben und erhob sich von ihrem Platz. Ich folgte ihr durch einen kleinen Flur zu einer massiven, hölzernen Flügeltür. Neben der Tür hing eines dieser Plastik-Türschilder, in die man immer neue Namenskärtchen stecken konnte. Mein Name stand bereits auf dem Schild, darunter meine neue Berufsbezeichnung: „Bestattungs-Planerin“.

„Da wären wir, nicht erschrecken“, warnte Rosie mich vor. War mein Büro etwa Teil der Leichenhalle? Hatten Rudi und Rosie vergessen, diese Kleinigkeit mit an die Tür zu schreiben?

Doch ein Blick in den Raum hinter der Tür machte klar: Die Leichenhalle war es nicht. Ein normales Büro ebenfalls nicht. Ich folgte Rosie in einen Raum, der mindestens 75 Quadratmeter groß war, und an dessen Ende ein kleiner Tisch und ein Bürostuhl standen. Vor den Fenstern hingen schwere, dunkelbraune, blickdichte Vorhänge. Erhellt wurde der Raum von zwei riesigen, goldenen Kronleuchtern, die trotz ihrer Größe so wenig Licht abgaben, dass man versucht war, die Taschenlampe des Handys anzuschalten. Vielleicht schluckte die braune Tapete mit Kringelmuster das ganze Licht? Im Halbdunkel schritt ich zu dem Schreibtisch und überlegte, wie es möglich war, in einem Saal von dieser Größe klaustrophobische Anfälle zu bekommen.

„Kann man die Vorhänge aufmachen?“, fragte ich Rosie und ging, ohne ihre Antwort abzuwarten, zu einem der Fenster und zog an dem braunen Stoff. Eine dicke Staubschicht löste sich, und ich begann zu husten. Nachdem ich mich von meinem Hustenanfall erholt hatte, zog ich nochmals, diesmal meine Atemwege mit der anderen Hand schützend. Der Vorhang gab leicht nach. Dahinter wurde etwas sichtbar, das wie ein zugenageltes Fenster aussah. Fragend schaute ich mich zu Rosie um, die mit den Achseln zuckte.

„Die Vorhänge sind immer zu, die Fenster sind wahrscheinlich seit Jahrzehnten nicht geputzt worden. Wenn du einen Ausblick möchtest – die Putzsachen sind in der Abstellkammer.“

Ich schüttelte den Kopf und verbot mir mit den Augen zu rollen, da ich Angst hatte, Rosie würde mich als Strafe anstarren. Stattdessen ging ich zu meinem künftigen Schreibtisch, auf dem ein Laptop und ein Handy lagen.

„Cool, oder?“, fragte Rosie fröhlich, als würden wir nicht in einer vergammelten, überdimensionalen Dunkelkammer stehen. „Ein Arbeitslaptop und ein Arbeitshandy. Nicht schlecht! Drucken kannst du kabellos vorne an meinem Drucker. Faxen auch.“

Ich wollte nicht undankbar wirken und sparte mir die Frage, ob ich mir Licht ebenfalls kabellos vom Empfang holen könne. Stattdessen ließ ich mich auf meinen Bürostuhl fallen, der sofort auf dem glattgewienerten Boden nach hinten rollte bis ich schmerzhaft von der Wand gebremst wurde.

„Der Boden ist sehr sauber“, kommentierte Rosie. Mich beschlich das Gefühl, dass sie mir etwas verheimlichte. „Ich überlass dich deiner Arbeit“, meinte meine Kollegin und ging zur Tür, ohne weiter auszuführen, was diese Arbeit war.

 

4. Kapitel

Drei Stunden später hatte ich jede Internetseite, die sich mit Beerdigungen befasste, aufgerufen und gründlich studiert. Ich hatte gelernt, dass Johnny Depp im Whisky-Fass zur letzten Ruhe „eingelegt“ werden wollte und man seine Asche in Amerika zum Mond schießen lassen konnte. Ich wusste sogar, dass das Dani-Volk in Papua-Neuguinea weiblichen Verwandten und Kindern von Verstorbenen die Finger abhackte. In Deutschland dagegen war alles, was über Sarg und Urne hinausging, schwierig bis verboten. Ich begann zu hoffen, dass ich in meinem neuen Job eine ruhige Kugel schieben würde. Viel zu planen schien es selbst für Luxus-Beerdigungen nicht zu geben.

Eine weitere Stunde später war mir langweilig. Ich überlegte, ob ich mir ein Facebook-Profil unter dem Namen „Jo-ganz-unten“ anlegen sollte, war mir aber nicht sicher, ob Freunde und Verwandte den Witz verstehen würden. Schließlich horchte ich in mich hinein, ob mein Herz einen weiteren Kaffee vertragen würde und ich Rosi fragen sollte, ob sie das Wort „todlangweilig“ noch benutze. Da klingelte plötzlich das Handy auf meinem Tisch. Ich erschreckte mich so sehr, dass ich mit meinem Bürostuhl losrollte und erneut gegen die Wand donnerte.

„Du hast deinen ersten Kunden!“, verkündete mir Rosi, als ich das Telefonat endlich annahm. „Die Dame ist schon auf dem Weg zu dir.“

Auf dem Weg zu mir? Um was mit mir zu besprechen? Brauchte ich nicht eine grundsolide Ausbildung für das, was die Frau von mir verlangen würde? Gab es überhaupt eine Ausbildung zur Beerdigungs-Planerin? Und was war man damit? Beerdigungs-Fachgehilfin? Diplom-Sargnagel? Hätte ich doch nur auf meine Mutter gehört und wäre Krankenschwester geworden! Bettpfannen-Säuberungs-Allergie hin oder her.

Die Tür ging langsam wie in einem Kinofilm auf. Herein kam eine klapperdünne, wasserstoffblonde Frau in einem dunkelgrauen, tief ausgeschnittenen Mini-Kleid. Um den Hals trug sie eine schwarze Plüschhasen-Stola. Ihre Erscheinung wurde komplettiert durch Mörder-High-Heels und so viel Make-Up, dass jeder Zirkus-Clown neidisch geworden wäre. Ob das Rot um ihre Augen vom Weinen oder aus dem Spidermann-Schminkkasten kam, war auf den ersten Blick nicht festzustellen. Ich starrte die Frau, die langsam auf meinen Tisch zukam, fasziniert an: Sie war der erste Mensch, den ich traf, der mehr Runzeln hatte als Oma Irmgard. Vielleicht war sie schon über 100 Jahre alt?

Der „Runzel-Vamp“ war an meinem Schreibtisch angekommen und sah mich mit tränenumflortem Blick an.

„Guten Tag“, sagte ich mit Grabesstimme, um der Situation gerecht zu werden. Mit durchschlagendem Erfolg, die Frau begann sofort zu weinen.

„Wie kann ich Ihnen helfen?“, versuchte ich mein Glück drei Stimmlagen fröhlicher.

Die Frau schluchzte herzzerreißend auf und stammelte etwas, was ich nicht verstand. Wahrscheinlich erklärte sie mir, wen sie mit meiner Hilfe unter die Erde bringen wollte.

„Mein Beileid“, sagte ich und fragte mich, ob man in der mir bitterlich fehlenden Ausbildung zur Beerdigungs-Fachkraft die passende Stimmlage für das Kundengespräch beigebracht bekam.

Die Frau nickte huldvoll mit dem Kopf und stammelte unter Tränen erneut etwas Unverständliches. Ich nickte huldvoll zurück und wartete, was als nächstes passieren würde.

„Sthhl“, jammerte die Frau, deren Tränen nun wie aus einem Hochdruckreiniger geschossen kamen. Vielleicht konnte ich mit ihrer Hilfe die Fenster sauber kriegen? „Unpassender Gedanke zur unpassenden Zeit“, schimpfte ich mit mir selber und sagte hochkonzentriert zu der Frau:

„Ja, es ist immer eine schwere Zeit, wenn ein geliebter Mensch geht.“

Ich versuchte bedrückt auszusehen. Der „Runzel-Vamp“ schloss derweil die Augen und holte tief Luft.

„Könnte ich bitte einen Stuhl haben? Ich hab es am Rücken.“

Oh. Es gab keinen Besucher- bzw. Kundenstuhl an meinem Schreibtisch. Ich lächelte die Frau verlegen an und fragte mich, ob hinter dem fehlenden Stuhl eine Absicht steckte. Wollte Rudi mit der nichtvorhandenen Sitzmöglichkeit der Verzweiflung der Kunden die Krone aufsetzen, um ihnen mehr Geld aus der Tasche zu ziehen? Dummerweise musste ich bei dem Wort „Krone“ an den Ex-Traummann denken und ärgerte mich, dass ich keinen Honiglöffel in seiner Unterhosenschublade „vergessen“ hatte. Wo wir doch so ein Problem mit Ameisen in der Wohnung gehabt hatten.

Ich rief mich erneut zur Ordnung und stand auf, um einen Stuhl für meine erste Kundin zu finden. Da ich keine Ahnung hatte, wo ich suchen sollte, öffnete ich die erste der beiden Türen, die sich an der einen Seite meines Saal-Büros befanden. In dem kleinen angrenzenden Raum waren ca. 150 Stühle aufgestapelt. Ich war so froh über meinen Fund, dass ich nicht hinterfragte, warum Rudi in der Abstellkammer eine Stuhl-Sammlung versteckte. Oder was er mit den ganzen Stühlen anstellte. Ich nahm einen Stuhl und brachte ihn zu der Frau, die sich dankbar auf ihn fallen ließ.

„Mein Name ist Elvira Klein. Es geht um meinen Fritz: Heute Morgen ist er für immer gegangen. Ich möchte für ihn eine ganz besondere Trauerfeier, er war mein bester Freund, Wegbegleiter, mein Ein und Alles.“

Ich unterdrückte einen Seufzer. War das schön. Fritz und „Runzel-Vamp“ waren sicher eines dieser seltenen Paare, die mehr als 50 Jahre verheiratet gewesen waren. Bestimmt war Fritz genauso runzelig wie seine Herzdame gewesen.

„Selbstverständlich, Frau Klein. Darum sind sie zu mir verwiesen worden. Ich kümmere mich exklusiv um besondere Trauerfeiern, maßgeschneidert nach ihren Wünschen.“

Den Satz hatte ich am Morgen beim Zähneputzen auswendig gelernt. Ich war erstaunt, dass ich mich anhörte, als hätte ich tatsächlich eine Ahnung, was ich tat. Der „Runzel-Vamp“ lächelte mich trotzdem bekümmert an.

„Was stellen sie sich denn vor?“, fragte ich in der Hoffnung nach, dass Elvira Klein eine Vorstellung hatte, was für eine Trauerfeier sie wollte. Sie hatte.

„Also, ich hätte gerne, dass mein Fritz aufgebahrt wird. Offener Sarg, damit seine Freunde ihn nochmal sehen und riechen können. Ich habe gelesen, dass es das Abschiednehmen leichter mache.“

„Natürlich. Das ist kein Problem. Ich muss sie allerdings darauf hinweisen, dass eine Aufbahrung zu Hause in Deutschland nur bis zu 36 Stunden nach dem Tod möglich ist. Wann ist ihr Fritz verstorben?“

Mein professionell vorgetragenes Wissen hatte ich mir erst vor wenigen Stunden aus dem Internet zusammengesucht. Vielleicht hatte ich eine Begabung fürs Beerdigen? Obwohl ich die Sache mit dem Riechen nicht verstand. Aber das war sicher eine Kleinigkeit. Vielleicht hatte Fritzchen Klein einen Riech-Fetisch gehabt? „Jedem Tierchen sein Plaisierchen“, dachte ich großzügig.

„Heute Morgen um 8 Uhr habe ich ihm selber die Spritze gegeben, ganz friedlich ist er in meinen Armen eingeschlafen.“

Um Himmelswillen! Die Frau hatte ihren Mann umgebracht! Ich musterte Elvira Klein von oben bis unten. Wie eine Mörderin sah sie nicht aus. Aber das sahen die Serienkiller im Fernsehen auch nie.

„Selbstverständlich war ein Arzt anwesend“, erklärte der „Runzel-Vamp“, nachdem sie einen neuen Tränenanfall niedergekämpft hatte.

„Machte es das besser?“, überlegte ich. Ich beschloss, später Rosie zu fragen, was in derartigen Fällen zu tun sei und mich bis dahin nicht aufzuregen. Wenn die Frau ihren Mann wirklich mit einer Spritze um die Ecke gebracht hatte, würde sie mir kaum so offen davon erzählen. Bestimmt war alles in Ordnung. Ich verfolgte die Nachrichten nicht, wahrscheinlich war Sterbehilfe längst erlaubt in Deutschland. Und überhaupt: Wenn ein Arzt dabei gewesen war, ging bestimmt alles mit rechten Dingen zu. Zumindest, solange es kein Zahnarzt gewesen war. Denen war nicht zu trauen, wie ich aus eigner Erfahrung wusste. Ob mein Ex-Traummann immer noch bevorzugt Boxer-Shorts trug? Oder hatte die Zahnarzthelferin ihm Tangas verpasst? Meine Gedanken schweiften schon wieder ab.

Mit etwas Mühe konzentrierte ich mich auf meine erste Kundin: „Wo möchten Sie Fritz aufbahren? Zu Hause oder hier bei uns? Hier hätten wir etwas länger Zeit, die Trauerfeier zu organisieren.“

Rosie hatte mir den Tipp gegeben, niemals im Beisein von Kunden das Wort „Beerdigungsinstitut“ auszusprechen. Elvira Klein heulte dennoch los.

„Es ist so furchtbar! Ich weiß nicht, wie ich ohne meinen Fritz leben soll!“

Die Romantikerin in mir ergriff die Hand des „Runzel-Vamps“.

„Wir organisieren für ihren Fritz die schönste Trauerfeier, die man sich wünschen kann.“

Frau Klein sah mich dankbar an. „Ich denke, ich möchte ihn hier im Institut aufgebahrt haben. Meine Wohnung ist zu klein, ich weiß nicht, ob ich für all seine Freunde, die Abschiednehmen möchten, Platz habe. Und die ganzen Haare in der Wohnung!“

Der Kunde hatte immer Recht, sicherlich waren unter Fritz‘ Freunden besonders viele Herren mit krankhaftem Haarausfall. So erklärte ich mir die letzte Bemerkung. Oder der Mann hatte neben dem Riech- auch noch einen Haar-Fetisch gehabt.

„Kein Problem, Frau Klein, kein Problem. Ich bin für sie da.“

Ich stellte Elvira Klein noch ein paar – wie ich dachte – wichtige Fragen zu ihren Wünschen für die Aufbahrung und Trauerfeier, die am nächsten Tag stattfinden sollte. Dann schickte ich sie nach Hause.

 

5. Kapitel

„Personalausweis, Totenbescheinigung vom Arzt, Heiratsurkunde – hast du alles bekommen, oder?“

Rosie sah mich an, als wäre es das Normalste der Welt, eine weinende, frisch verwitwete Plüschhasen-Stola-Vamp-Oma nach diesen Dingen zu fragen.

„Ähm, nein.“ Ich versuchte würdevoll zu klingen, obwohl es das Normalste der Welt war, nach diesen Dingen zu fragen, wenn man für die weinende Oma-Witwe die Beerdigung des Ehemannes organisieren sollte. Leider wurde mir das erst durch Rosies Nachfrage klar. Diese blickte mich so streng an, dass ich befürchtete sie würde mich in Grund und Boden starren.

„Gut, dann musst du diese Dinge besorgen, wenn du nachher den Leichnam abholst.“

„ICH soll den Leichnam abholen?“ Ich warf Rosie einen Blick zu, als hätte sie mir erklärt, dass meine Eltern Außerirdische seien und mit mir im Ufo zurück nach Hause fliegen wollten.

„Hatte ich das nicht erwähnt? Unser Leichenwagenfahrer hat letzten Monat gekündigt und der neue fängt erst kommende Woche an.“

„Nein, das hattest du nicht erwähnt.“ Ich sah Rosie bitterböse an. „Sonst noch irgendwelche Überraschungen, die du vergessen hast zu erwähnen?“

Meine Nachfrage war rein rhetorisch gemeint. Rosie antwortete trotzdem.

„Ja, da wäre eine Sache. Und zwar mit deinem Büro. Das ist gleichzeitig die Aufbahrungshalle. Du müsstest kurz die Stühle aus der Abstellkammer holen, aufstellen und deinen Schreibtisch wegräumen. Für den Herrn Fritz. Du verstehst?“

Ich verstand überhaupt nicht.

„Kurz? Das sind mindestens 150 Stühle!“

Ich ließ mich erschöpft auf den Besuchersessel vor Rosies Schreibtisch fallen. Warum hatte die einen Besucherstuhl? Und ein richtiges Büro? Und warum hatte ich nie einen guten Tag? Ich beschloss, Rosie nichts von meinem Verdacht, Elvira Klein habe ihren Ehemann mit Hilfe eines fadenscheinigen Zahnarztes in die ewigen Jagdgründe befördert, zu erzählen. Ich hatte genug andere Probleme mit meiner ersten Trauerfeier. Ich konnte mich nicht auch noch um einen Mord kümmern.

*

Es war später Nachmittag, als ich mit Rosie vor der riesigen Garage, in der die Leichenwagen von „Spitz Bestattungen“ geparkt waren, stand. Ich hatte im Internet recherchiert, dass ich einen Leichenwagen mit meinem normalen Führerschein fahren durfte. Auch eine andere Ausrede, wie ich mich um die Chauffeur-Aufgabe bei Fritz Kleins letzter Reise drücken konnte, hatte ich nicht gefunden. Rosie öffnete das Metalltor der Garage mit einer Fernbedienung. Dahinter kamen vier schwarze Autos, die jeweils die Größe der Titanic hatten, zum Vorschein.

„Das ist nicht dein Ernst!“, sagte ich zu Rosie. „Mit so einem Schiff kann ich unmöglich fahren. Hatte ich erwähnt, dass ich zweimal durch die Führerscheinprüfung gefallen bin?“

„Schätzchen, das schaffst du.“

„Haben die wenigstens Parksensoren? Was, wenn ich keinen Parkplatz finde?“

„Schätzchen, das schaffst du“, wiederholte Rosie, drückte mir einen Schlüssel in die Hand und sagte im Gehen: „Deiner ist der Schwarze. Sarg ist im Kofferraum.“

Ha. Ha. Ha. Der Schwarze. Wie lustig!

Zwanzig Minuten später hatte ich das Navigationsgerät eingestellt, ließ den Öltanker vorsichtig aus der Garage schippern und machte mir Sorgen. Die Entfernung zu Elvira Kleins Wohnung betrug laut Navi 53,8 Kilometer. Luftlinie. Die Fahrt über Landstraßen und durch winzige Ortschaften sollte knapp eine Stunde dauern. Warum war die Frau nicht zu einem Bestatter in ihrer Nähe gegangen?

„Heute Morgen habe ich ihm die Spritze selber gegeben.“

Die Worte des „Runzel-Vamps“ gingen mir nicht mehr aus dem Kopf. Hatte sie „Spitz Bestattungen“ ausgewählt, weil sie dort niemand kannte? Hatte die Alte ihren Mann wirklich kaltblütig umgebracht, der Zahnarzt war ihr Geliebter und ihre Tränen waren die eines Krokodils gewesen? War sie eine „Runzel-Mörderin“?

Ich war so in meine mörderischen Gedanken versunken, dass ich die auf Rot springende Ampel zu spät sah und nicht mehr bremsen konnte. Zeit, mich von meinem Schrecken zu erholen, blieb mir nicht, da sofort hinter mir eine Polizeisirene losging. Der Streifenwagen fuhr zügig an mir vorbei und winkte mich links raus. In meiner Panik verwechselte ich Gas und Bremse und schaffte es nur mit Mühe, wenige Zentimeter hinter dem Polizeiwagen zum Stehen zu kommen. Ich überlegte kurz, ob ich mich im Sarg im Kofferraum verstecken sollte, dann kurbelte ich schicksalsergeben das Fenster herunter.

 

6. Kapitel

Ich sah direkt in die strahlend blauen Augen von Tom Meinert. Ausgerechnet. Die ebenso große wie unerfüllte Liebe meiner Jugend, Schwarm aller Mädchen, Frauen, Witwen und Waisen in Fennentrop. Tom Meinert war zwei Jahre älter als ich, und wir hatten die gleiche Schule besucht. Gemeinsam besucht hatten wir vor ein paar Jahren auch das Hinterzimmer bei der Feier der Freiwilligen Feuerwehr, aus dem Tom Meinert so schnell verschwunden war, dass ich nicht mal dazu gekommen war, zu fragen: „War das jetzt nur ein One-Night-Stand?“ Immerhin konnte ich so hoffen, dass er sich nicht an unsere „Begegnung“ von einst erinnerte. „Wäre ich doch nur in den Sarg gekrochen“, dachte ich unglücklich.

„Jolande Richter! Schön dich zu sehen. Schicker Schlitten.“ Tom Meinert grüßte mich, als seien wir alte Freundinnen, die sich zufällig auf einer Kaffeefahrt, vollgedröhnt mit Eierlikör, in die Arme liefen. Offenbar erinnerte der Mann sich besser an mich als mir lieb war. Gut, dann wusste er, dass mit mir nicht zu spaßen war, wenn ich mich unter Druck gesetzt fühlte.

„Ich weiß, wer damals die Schweine von Bauer Nahlmann rausgelassen hat! Wie viele sind nochmal gestorben? 12? Oder waren es 14?“

„Es waren drei. Dass im Sauerland immer so übertrieben werden muss!“ Tom schüttelte den Kopf. „Seit wann bist du Leichenwagenfahrerin für deinen Großcousin? Bist du nicht zusammen mit Hagen Hohmann nach Berlin gezogen? Wie haben sie ihn damals noch genannt? Ach ja, ,den Füller’. Wie lange bist du schon wieder da?“

Der Mann erinnerte sich nicht nur an mich, er hatte mit einem Satz Salz in jede meiner offenen Wunden geschüttet. Fehlte nur noch, dass er mich fragte, wo ich meinen Kuhblick gelassen hätte, mit dem ich ihm von Klasse Sechs bis zum Abitur nachgeglotzt hatte.

„Wolltest du nicht Kriminaloberkommissar werden? Der neue Derrick? Seit wann schieben Kommissare Streifendienst? Und wo ist Harry? Holt der gerade den Wagen?“ Angriff war die beste Verteidigung.

„Streifendienst gehört zur Ausbildung, damit man den Kontakt zur Basis nicht verliert“, erklärte Tom Meinert, und ich sah meine Felle in Sachen roter Ampel davonschwimmen.

Ich wollte gerade ansetzen, zu erklären, dass ich wegen einer verrunzelten Mörder-Oma die Ampel nicht gesehen hatte, als ich eine Idee hatte. Wenn dieser überambitionierte Azubi-Kommissar mir sowieso einen Strafzettel schreiben würde, dann konnte er mir wenigstens die Frage beantworten, die mich quälte.

„Sag mal: Wenn eine steinalte Frau ihren noch älteren Mann von seinen Leiden mit einer Spritze erlöst, dann wäre daran nichts falsch, oder?“

Ich klimperte mit den Augen, als wüsste ich nicht ganz genau, dass daran eine Menge falsch war. Tom zog die Augenbrauen hoch und sah mich durchdringend an. Es war eine weitere meiner schlechteren Angewohnheiten, im falschen Moment die falschen Dinge zu bemerken. So fiel mir, als ich aus meinem Leichenwagenfenster zu Tom Meinert hinaufschaute, auf, dass der Mann noch deutlich besser aussah als zu Schulzeiten und offenbar Sport trieb. Sein Bizeps wirkte durchtrainiert unter seinem Uniformhemd. Um nicht zu sagen: Knackig. Lecker. So unauffällig wie möglich ließ ich meinen Blick zu seiner Hand streifen, um zu sehen, ob dort ein Ehering glitzerte.

„Falsch daran wäre nur eins“, erklärte Tom, während ich seine unberingten Finger betrachtete „und zwar, dass es Mord wäre.“

Ich hatte es immer gewusst: Zeitunglesen wurde total überbewertet. Ich hatte offenbar keine Änderung im deutschen Sterbegesetz verpasst.

„Sogar, wenn ein Arzt dabei war?“, fragte ich vorsichtig nach, die Antwort ahnend.

„Gehe ich richtig in der Annahme, dass du mit deinem Batmobil gerade auf dem Weg zu der Dame bist, um den Ehemann endgültig zu entsorgen?“

Irgendwie klang es aus Toms Mund, als wäre ich die Komplizin von Mörder-Elvira und nicht eine unschuldige Bestattungs-Planerin an ihrem ersten Arbeitstag.

„Ich habe damit nichts zu tun!“, ließ ich vorsorglich verlauten. „Ich kenne die genauen Umstände nicht.“

„Fahr vor. Ich komme mit.“ Tom war bereits auf dem Weg zu seinem Streifenwagen. Widerstand war offenbar zwecklos. Immerhin schien das Thema „Oma-tötet-Opa“ die rote Ampel zu toppen. Und ich musste nicht allein zu Elvira Klein in die Wohnung. Wer wusste schon, wie viele Todes-Spritzen die 100-jährige Schrumpel-Nuss noch in Reserve hatte. Und wie leichtfertig sie damit umging?

*

45 Minuten später standen wir vor der Haustür von Elvira Klein. Ich hatte mich trotz Navigationsgerät zweimal verfahren, da meine Gedanken ebenfalls den falschen Weg eingeschlagen hatten. Ich hatte davon geträumt hatte, wie Tom mich vor dem Spritzenangriff des Runzel-Vamps rettete. Schwach, aber lebend hatte ich in seinen starken Armen gelegen, als ich das zweite Mal falsch abgebogen war und das Polizeiauto hinter mir ungeduldig hupen gehört hatte.

„Fahr doch selber vor, wenn du den Weg so gut kennst!“, hatte ich gemurmelt. „Oder sei dankbar, dass du so viele Fichten, Fachwerkhäuser und Berge gesehen hast. Man nimmt sich viel zu selten Zeit, die Schönheit des Sauerlandes zu würdigen!“

Ich hatte dennoch entschuldigend aus dem Fenster gewinkt, da ich hoffte, dass Tom sein Vorhaben nicht aufgab.

Es war für mich mittlerweile sonnenklar, dass Elvira Klein eine Serien-Killerin war, die von Bestattungsinstitut zu Bestattungsinstitut zog, um die Leichen aus ihrem Keller loszuwerden. Ebenso klar war für mich, dass ich ihr nächstes Opfer werden würde, da sie sich am Morgen in einem unbedachten Moment verplappert und mir so ihr grausiges Hobby verraten hatte.

Als der „Runzel-Vamp“ uns verweint und in rosa Plüsch-Puschen die Tür öffnete, war ich von meiner Theorie endgültig überzeugt. Die Frau sah zwar einsam, alt und verzweifelt aus, aber das war natürlich nur gespielt. So leicht war eine Jolande Richter nicht zu täuschen.

„Guten Tag“, grüßte Tom höflich. „Mein Name ist Meinert, Kriminalpolizei. Ich würde gerne den Toten sehen und die genauen Umstände seines Ablebens erfahren.“

Elvira Klein schossen sofort die Tränen in die Augen.

„Natürlich“, sagte sie unbedarft und winkte uns, in die Wohnung zu kommen. „Das ist aber sehr viel Aufwand für die Polizei, wenn sie bei jedem Todesfall so eine Überprüfung macht.“

Die Frau war eine grandiose Schauspielerin! Der Part des frischgeborenen Unschuldslammes war ihr auf den klapprigen Leib geschnitten.

„Du wartest hier“, befahl Tom mir in einem keinen Widerstand duldenden Polizistenton, den ich gegen meinen Willen ausgesprochen sexy fand.

Er folgte dem „Runzel-Vamp“ ins Nebenzimmer, was mir Zeit gab, mich in Elvira Kleins Wohnzimmer umzusehen.

Wenn ich nicht gewusst hätte, dass ich mich im tiefsten Sauerland befand, hätte ich vermutet, eine Zeitreise hätte mich in das Prunkschloss von Versailles im Jahr 1800 katapultiert. Überall standen zierliche, goldene Möbel, an den Wänden hingen mittelalterliche Ölgemälde, und die Vorhänge waren aus dickem, rotem Samt. Klein wirkte die Wohnung nicht gerade. Hatte die Todesspritzen-Witwe nicht gesagt, sie habe keinen Platz in den eigenen vier Wänden für die Trauerfeier? Ha! Ein weiterer Faden, den die vermeintlich trauernde Oma für ihr Netz aus Lügen gesponnen hatte, damit sie ihre Opfer ungestraft entsorgen konnte!

In diesem Moment kam Tom aus dem Nebenzimmer zurück. Er sah aus, als hätte er sich an einem Hühnerknochen verschluckt. Sein Gesicht war hochrot, aus seinen Augen rannen unkontrollierte Tränen. Was hatte der „Runzel-Vamp“ ihm angetan? Hatte sie ihm eine ihre Spritzen verpasst? Breitete sich das Gift langsam in seinem Körper aus? Hatte sie sich ihm nackt gezeigt? Oder hatten die beiden im Nebenzimmer als Totenschmaus wirklich ein Hühnchen gegessen? Hatte die alte Frau Tom bei Hühnerfrikassee zu ihrem Komplizen gemacht?

„Ich denke, wir können diesen Fall ohne weitere Nachforschungen abschließen. Frau Richter, sie können den Toten abtransportieren.“

Tom rang um Fassung, gab Elvira Klein die Hand und rannte förmlich aus der Wohnung. Der „Runzel-Vamp“ heulte ihm nach wie der Schlosshund von Versailles.

Irritiert ging ich in das Nebenzimmer. Der Raum war winzig und fast vollständig ausgefüllt von einem mittelalterlichen Himmelbett mit Samtvorhängen. Auf dem Bett lag kein Bettzeug, sondern etwas, das aussah wie ein riesiges Kissen mit einer Decke darauf. Beherzt schritt ich zum Bett und zog an der Decke. Hinter mir hörte ich Elvira Klein schwer atmen. Ich wagte es nicht, mich umzudrehen, um zu sehen, ob sie ihre Spritze schon gezückt hatte. Stattdessen blickte ich unter die Decke.

So viel war klar: Ich würde nie wieder zu schnell oder über eine rote Ampel fahren. Oder mir sonst irgendetwas zu Schulden kommen lassen. Ich durfte Tom Meinert in diesem Leben nicht mehr begegnen!

Wer wissen will, wie es weitergeht KLICKT HIER!

 

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