„Stempeln“ gehen auf Arabisch – Ein Drama in 4 Akten – Akt 4: Der Übersetzer

Akt 1

Akt 2

Akt 3

Wie zuvor erwähnt, musste das Zettelchen ins Arabische übersetzt werden. Aus Prinzip. Ob der Übersetzer überhaupt Englisch sprach, konnte ich nicht herausfinden, der Mann gab sich am Telefon und vor allem per Email äußerst wortkarg.

Ich sandte ihm also das Zettelchen als Email-Anhang und wartete ab. Nichts geschah. Auf meine ebenfalls per Email gesandte Nachfrage, ob er Zettelchen erhalten habe und wann und wo ich die Übersetzung abholen könne, erhielt ich folgende Antwort:

„Ja. Morgen. XY-Haus“.

Aha. Die ersten beiden Antworten waren knapp aber ausreichend, nur wo genau sollte XY-Haus sein? In Dubai hat man es nicht so mit Straßennamen, detektivischer Spürsinn würde mich aber dennoch ans Ziel bringen. Dank Google-Maps hatte ich das Gebäude schnell gefunden und wusste, dass es direkt neben einer Metro-Station in Deira lag. Das musste reichen. Ich würde einfach solange an der Metro-Linie entlang fahren, bis ich das Gebäude sehen würde.

Meine Idee war glänzend, die Durchführung leider etwas schwierig, da die Metro in Dubai von einem Hasen auf der Flucht vor dem Fuchs geplant worden sein muss. Sie schlängelt sich im hoffnungslos überfüllten Deira nämlich von rechts nach links, schlägt einen eleganten Haken, um dann sofort wieder die Richtung zu ändern. Und ich mit meinem Autochen auf der sechsspurigen Straße immer schön hinterher. Das Hupkonzert, das mir folgte war sogar für Dubai-Verhältnisse ohrenbetäubend. Und in Dubai wird gerne, oft und viel gehupt.

Immerhin, ich fand das XY-Gebäude. Um Schlag 11.30 Uhr trat ich in ein winziges Büro und fragte nach meiner Zettelchen-Übersetzung. Die hochschwangere Empfangsdame, die an einem Tisch so schmal saß, dass ihr Bauch rechts und links hervorstand, sah mich erstaunt an und ließ mich wissen, es sei noch niemand da, so früh am Morgen.

Wann der Übersetzer denn käme, fragte ich nach. Die Dame zuckte die Achseln, was wohl so viel heißen sollte, wie: Wenn er Lust hat. Meine Frage, ob sie mir die Übersetzung nicht aushändigen könne, verneinte sie, rief aber immerhin beim Übersetzer an, um nachzuhorchen, ob er schon wach sei.

War er nicht, denn er ging nicht ans Telefon. Ein zweiter Anruf beim Übersetzer-Assistenten war erfolgreicher, dieser versprach in fünf bis zehn Minuten da zu sein.

„Das heißt dann wohl in einer halben Stunde“, machte ich ein kleines Scherzchen, über das ich eine Stunde später nicht mehr wirklich lachen konnte.

Weitere 10 Minuten später tauchte der Übersetzer-Assistent auf, strahlte mich an und forderte mich auf, ihm in sein Büro zu folgen. Das Büro war ein winziger Raum, in dem wahrscheinlich ein Schreibtisch stand, den man aber vor lauter Zettelchen nicht wirklich erkennen konnte. Mir schwante Böses.

Der Übersetzer-Assistent gab sich derweil zuversichtlich, deutete mir strahlend mich auf den klapprigen Besucherstuhl zu setzen und begann meine Übersetzung zu suchen. Man ahnt es: ohne Erfolg. Mehrere Anrufe beim Übersetzer nutzten nichts, da dieser nicht dran ging.

Wo denn der Übersetzer sei und wann er komme, fragte ich ohne große Hoffnung nach. Er sei bei einem Notfall, erklärte mir sein Helfer. Immerhin, die nächsten 15 Minuten war ich damit beschäftigt zu überlegen, bei was für einer Notfall-Übersetzung der Mann wohl sein könne.

Meine Gedanken wurden vom Eintreffen eines traditionell in eine weiße Kandora gehüllten Mannes unterbrochen.

„Der Übersetzer! Juhu!“, dachte ich erfreut, wurde aber enttäuscht. Der Mann ging ohne ein Wort zu sagen in das Büro gegenüber, das sich als grandioser Saal mit Ledersesseln, überdimensionalen Mahagoni-Schreibtisch und goldenen Bilderrahmen entpuppte. Der Mann schaltete einen an der Wand hängenden Fernseher an und widmete sich dem Programm.

Mein erstaunter Blick war dem Assistenten nicht entgangen und er ließ mich wissen, der Mann sei sein Chef und Besitzer des Übersetzungsbüros. Mir wurde ganz anders. Hatte ich doch vergessen zu fragen, was die Übersetzung kosten würde. Die Tatsache, dass es mittlerweile 13.30 Uhr und ich der einzige Kunde war sowie die Ausstattung des Chef-Büros ließen mich Schlimmes befürchten.

Eine weitere halbe Stunde später fragte ich dezent nach, ob ich vielleicht am nächsten Tag nochmal kommen sollte. Ein Glück, dass ich bereits vom Außenministerium Kummer gewöhnt war.

„Nein, nein, ich habs gleich!“, versicherte der Assistent mir und suchte weiter. Natürlich ohne Erfolg, dafür erreichte er bei einem erneuten Anrufversuch endlich den Übersetzer, der versicherte, er sei in fünf Minuten da.

45 Minuten später betrat der Mann das Büro, griff zielsicher in einen Stapel Blätter und gab mir meine Übersetzung. Leider weiß ich bis heute nicht, ob es meine Übersetzung ist. Da ich kein Arabisch spreche, konnte ich nichts überprüfen, allerdings waren die beiden einzigen „westlichen“ Schriftzeichen auf dem Papier – zwei Passnummern – falsch.

„Die Nummern stimmen nicht mit den Passnummern auf dem Original überein“, wandte ich zaghaft ein. „Das ist nicht meine Übersetzung.“

„Doch!“, brummte der Übersetzer mich böse an, nahm mir das Papier aus der Hand und verglich knapp 10 Minuten lang die Passnummern auf der Übersetzung mit den Passnummern des Originals. Grummelnd machte er sich an seinem Computer zu schaffen, tauschte die Nummern aus und gab mir ein neues Dokument mit den korrekten Passnummern. Was immer sonst darin steht, ich werde es nie erfahren, es sei denn, in den nächsten Tagen kommt jemand vorbei und nimmt meine Kinder mit, die unwissentlich verkauft habe. Wenigstens war die Übersetzung mit genau 100 Dirhams (20 Euro) eher preiswert.

Fertig war die Stempelorgie für mein Zettelchen damit übrigens immer noch nicht. Es fehlte noch eine letzte Beglaubigung vom Justizministerium. Um wenigstens ein Erfolgserlebnis zu haben, verlief diese  ohne irgendwelche Probleme und ICH HABE FERTIG!

Beweisfoto mit fünf Stempel (Notar, Landgericht, VAE-Botschaft, VAE-Außenministerium VAE-Justizministerium):

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9 Gedanken zu „„Stempeln“ gehen auf Arabisch – Ein Drama in 4 Akten – Akt 4: Der Übersetzer

  1. Aus dem Yemen und aus Ägypten kenne ich es, dass im Arabischen gerne als Zeitangabe „bukran“ gesagt wird. Unsere Wörterbücher übersetzen es mit „morgen“ – aber gemeint ist eigentlich ein nicht näher bestimmter Zeitpunkt in der Zukunft. Vielleicht morgen, vielleicht aber auch erst übermorgen, vielleicht irgendwann danach.
    Von daher verwundert mich eher, dass der Übersetzer sagt „morgen“ und Du die Übersetzung Deines Zettelchens wirklich am nächsten Tag bekommen hast. Für arabische Verhältnisse ist das doch schnell … 😉

  2. Respekt für Deine Geduld. Andererseits bleibt einem ja nichts anderes übrig, wenn man unbedingt die Stempel auf dem Zettelchen braucht.

  3. Schöne Zusammenfassung der in diesem Land üblichen amtlichen Vorgänge. Diese Erfahrung wiederholt sich bei vielen Angelegenheiten. Selbst wenn die Ämter oder sonstigen Einrichtungen gesonderte Schalter oder sogar Räume für Frauen haben, wird frau dort zwar schneller aber unter Blicken die töten könnten von der hier ansässigen größten Ausländergruppe bedient, die eigentlich diese besondere Behandlung von Frauen nicht aus ihrem Heimatland kennen. Der schnellste Weg nach meiner Erfahrung in den letzten Jahren ist es aber, als Paar zu erscheinen und die Begleitung sollte auch deutlich im gesetzten Alter sein. Der Respekt, der älteren Menschen, respektive Männern, entgegengebracht wird, ist groß. Also nutzen wir es und wenn ich es recht bedenke, sollte mein Mann das als Geschäftsidee vermarkten….

  4. Sabr sabr…. Bukra insha Allah.
    Mein Mann ist Halbägypter, aber er sagt selbst, dass er genau aus solchen Gründen nie nie nie in Ägypten würde leben wollen.
    Ich bewundere dich ehrlich für deine Geduld 🙂

  5. jetzt kann ich darauf nur noch sagen, dass bei uns alles – gemessen an deine Erfahrung – sehr schnell geht. (aber nciht in Wirklichkeit)
    Wir hatten hier meist Glueck mit amtlich beglaubigter Uebersetzungen, denn wir haben Freunde, die Deutsch verstehen und beglaubigen duerfen. Das hilft eine Menge.
    ich habe diese 4 Akte mit Interesse und mit einem grinsen gelesen. Gut, dass du deinen Humor behalten hast

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