Kundenservice

Ich musste letzthin ein Dokument aus Deutschland beglaubigen lassen, wie der geneigte Leser weiß. Sinn des Ganzen war natürlich, dieses Dokument in Dubai einzusetzen. Dies tat ich am Ostersonntag, denn Ostern findet in Dubai nicht statt und der Sonntag ist ein ganz normaler Arbeitstag. Geschlagene fünf Stunden saß ich mit meiner Vollmacht und der jüngeren Tochter im Kundenservice-Center des Bauträgers, der für das Wohngebiet, in dem wir wohnen, zuständig ist. Das Wohngebiet hat die Größe einer deutschen Kleinstadt und der Bauträger weitere Wohngebiete erschlossen, entsprechend riesig ist das Kunden-Center.

Fünf Arbeitstage werde die Bearbeitung meines Antrages dauern, ließ mich der Sachbearbeiter wissen, bevor ich ging. Zehn Arbeitstage später wurde ich langsam unruhig und rief beim Kunden-Center an, da mein Antrag eilig war – für mich, nicht für den Bauträger, natürlich.

Mein Antrag sei in Bearbeitung, ließ mich der freundliche Herr am Kunden-Telefon wissen. Das sei mir klar, gab ich zurück, ich würde nur gerne wissen, warum es so lange dauere? Das könne er nicht erkennen, aber ich würde innerhalb der nächsten vier Stunden einen Rückruf von einem Sachbearbeiter erhalten, versprach mir die Stimme aus dem Kunden-Telefon.

Und tatsächlich, zwei Stunden später rief eine Dame namens Mareem an und fragte, ob sie mir helfen könne. Ja, ich würde gerne wissen, warum mein Antrag so lange dauere, sagte ich. Das wisse sie nicht, aber sie würde nachforschen und ich noch am gleichen Tag einen weiteren Anruf erhalten, versicherte Mareem mir.

Naiv wie ich trotz meines hohen Alters bin, glaubte ich der Frau und ließ mich auch von der Textnachricht, die eine Nano-Sekunde nach Ende des Telefonats auf meinem Handy erschien, nicht in meinem Glauben erschüttern: „Wir freuen uns, dass wir ihr Anliegen zu ihrer Zufriedenheit erledigen konnten!“. Bestimmt hatte Mareem nur versehentlich auf den Erledigt-Senden-Knopf gedrückt oder die Nachricht ging eh automatisch raus.

Zwei Tage später hatte meine Naivität leichte Kratzer und ich rief erneut beim Kundenservice an, der mir einen erneuten Rückruf des Sachbearbeiters innerhalb von vier Stunden versprach. Diesmal dauerte es drei Stunden, bis Mareem sich meldete. Leider ohne zu wissen, warum mein Antrag immer noch nicht bearbeitet war, aber mit dem erneuten Versprechen, ein weiterer Rückruf werde noch am selben Tag erfolgen.

Wenn von meiner Naivität noch irgendetwas übrig war, schickte das Brummen des Handys, das eine Textnachricht ankündigte, sie in die ewigen Naivitäts-Jagdgründe: „Wir freuen uns, dass wir ihr Anliegen zu ihrer Zufriedenheit erledigen konnten!“. Clever wie ich bin, ließ ich mich nicht entmutigen und schrieb am nächsten Tag eine Email. Entweder war Mareem vorsichtig geworden oder sie tippt sehr langsam, auf jeden Fall schrieb sie mir zurück, mein Problem werde innerhalb von zwei Tagen bearbeitet. Zu meiner Zufriedenheit, selbstverständlich.

Drei ereignislose Tage später sprach ich persönlich im Kundenservice-Center vor. Man bot mir eine zierliche Tasse mit arabischem Zuckertee an und versicherte mir mit warmen Worten, mein Anliegen werde innerhalb der nächsten Woche zum meiner Zufriedenheit bearbeitet. Mit einem neugewachsenen, gesunden Misstrauen ausgestattet rief ich einige Tage später erneut beim Kundenservice an und verlangte den Chef. Leider sei der nicht abkömmlich, aber werde mich zurückrufen, ließ man mich wissen. Zwei Anrufe später war der Chef abkömmlich und sagte, den Satz, auf den ich so lange hingearbeitet hatte: „Ihr Antrag ist fertig, sie können ihn morgen im Kundenservice-Center abholen.“

Halleluja. Oder nicht ganz. In Erinnerung an die fünf Stunden Wartezeit beim Antrag-Abgeben schlug ich mit Broten und Buch ausgestattet im Kundenservice-Center auf. Natürlich war ich sofort dran. Mein Sachbearbeitet machte allerdings ein kritisches Gesicht, als ich ihm mein Anliegen vortrug. Meinen Antrag könne er nicht finden. Mein nicht kritisches sondern Kriegs-versprechendes Gesicht ließ den Mann zu ungeahnten Fähigkeiten auflaufen und er fand heraus, dass der Antrag zwar fertig, sich aber leider nicht im Hause, sondern sich in einem anderen Gebäude befände. Unterschrieben sei er auch noch nicht. Ob ich vielleicht morgen wiederkommen wolle.

Naivität war gestern, ich deutete auf mein Pausenbrot und mein Buch und ließ den Mann wissen: „Ich habe Zeit“. Zwei Stunden später hielt ich meinen Antrag in den Händen. Mein Glücksgefühl hielt sich allerdings in Grenzen – der Gang zur nächsten Behörde steht bevor. Aber bestimmt läuft da alles zu meiner Zufriedenheit…

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7 Gedanken zu „Kundenservice

    • Kishon hatte die Verhaeltnisse von hier beschrieben, die sind etwas besser als in Dubai und in den ganzen Jahren hat sich doch einiges auch wirklich verbessert. Frueher war es fast so wie in Dubai, als Kishon darueber schrieb. Da konnte man uns von einem Zimmer zum anderen schicken, so lang, bis man uns beim letzen wieder zum ersten schickte.

  1. Respekt, dass Du immer noch so „gutgläubig“ bist, nachdem Du schon für das Dokument so lange hast warten müssen. Bin gespannt, wie es weiter geht.

    LG

  2. Hihi…manchmal sind die Nicht-Deutschen eben deutscher als die Deutschen….
    Deine Beiträge zaubern mir immer ein Lächeln ins Gesicht!
    Rosige Grüße von Christine aus dem Hexenrosengarten!

  3. “Wir freuen uns, dass wir ihr Anliegen zu ihrer Zufriedenheit erledigen konnten!” – einfach genial! 😉
    „… mein Problem werde innerhalb von zwei Tagen bearbeitet.“ – nun ja, da ist eine ganze Menge Zeit drin verpackt. Schließlich schreibt die gute M nicht, innerhalb welcher 2 Tage die Bearbeitung erfolgen wird …

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