Die Polizei & Ich

Ach Jahre Dubai und nicht ein Autounfall – damit gehörte ich bis vor kurzem zu den ca. 0,000001 Prozent der Bevölkerung, die noch keine Bekanntschaft mit der Verkehrspolizei in Dubai gemacht haben. Die Betonung liegt auf „gehörte“, denn statt endlich den Orden für vorbildliches Fahren in einer Stadt, in der es Verkehrsregeln nur gibt, damit sie gebrochen werden können, zu bekommen hatte ich einen Unfall.

Es geschah bei der Ausfahrt aus einer der für Dubai typischen Kreisverkehre: Ich war schon fast draußen als es krachte. Ein Taxi war meinem kleinen, himmelblauen Auto seitlich hinten in den „Popo“ gefahren.

„Mist!“ war mein erster Gedanke, aber nicht, weil das Auto ernsthaft kaputt sein könnte, sondern weil es kurz vor Acht am Morgen war, ich die Kinder gerade an der Schule abgeliefert hatte und noch ein ausgeleiertes T-Shirt mit Zahnpastaflecken und Jogginghose vom Hundespaziergang trug. SO hatte ich mir meinen ersten Unfall nicht vorgestellt.

Trotz meines Aufzuges blieb mir nichts anderes übrig als aus dem Auto auszusteigen und die Polizei zu rufen, denn in Dubai ist es auch bei kleinsten Kratzern Pflicht diese zu rufen, um einen Unfallreport für die Versicherung erstellen zu lassen. 45 Minuten später – der Taxifahrer und ich hatten in unseren Autos bei laufenden Motoren ausgeharrt, da draußen Saunatemperaturen herrschten – kam der Streifenwagen und zwei junge Polizisten stiegen aus. Genau wie der bis dahin sehr freundliche und ruhige Taxifahrer, der wie ein Teufel aus der Kiste aus seinem Auto sprang und erklärte, ich sei Schuld an dem Unfall, seinem persönlichen Unglück, der Klima-Katastrophe, der Euro-Krise und dem Benehmen der Griechen.

So leicht sind Polizisten in Dubai natürlich nicht zu überzeugen und der Tatort wurde besichtigt, die Autos untersucht und eine Skizze mit dem Tathergang erstellt. Dann zogen die Polizisten sich zur Beratung in ihr Auto zurück. Mir wurde derweil draußen in der Sonne etwas flau, was die Klärung der Schuldfrage nicht vereinfachte, aber einen der Polizisten dazu anregte, mir eine Wasserflasche anzubieten. Danach war mir egal, ob ich schuldig gesprochen werden würde oder nicht, der Mann war mein Held. Wer jemals bei 40 Grad in der prallen Sonne gewartet hat, weiß warum.

Schließlich verließen die Polizisten ihr Auto und teilten mit, man könne nicht entscheiden, wer „Opfer“ und wer „Täter“ sei, was mich ein wenig an der Ausbildung der beiden aber natürlich nicht am Heldentum meines Wasserspenders zweifeln ließ.

„Wir fahren aufs Revier!“, verkündete einer der Polizisten, „dort klärt der Chef, wer Schuld hat. Fahren sie uns hinterher!“ Gesagt, getan. Brav steuerte ich mein himmelblaues Autochen hinter dem Polizeiwagen her, bis dieser schnittig und ohne Scham über eine rote Ampel fuhr. Nun war guter Rat teuer: Fahre ich den Gesetzeshütern hinterher und breche eben jenes Gesetz oder bleibe ich stehen? Da ich aus meiner deutschen Haut nicht so leicht herauskomme, blieb ich stehen. Genau wie der Taxifahrer hinter mir. Und der Polizeiwagen, der 100 Meter nach der Ampel am Straßenrand auf uns wartete.

Glücklich vereint zog unsere kleine Karawane weiter. Bis zur nächsten roten Ampel, die der Polizeiwagen im Gegensatz zu mir einmal mehr ignorierte. Der Taxifahrer hinter mir machte böse Gesten, da er offenbar lieber dem „direkten“ Arm des Gesetzes gefolgt wäre als sich auf sein Wissen aus der Fahrschule zu berufen. Während in noch grübelte, ob ich wohl wegen Behinderung der Polizei verhaftet und des Unfalles nun aus Prinzip schuldig befunden werden würde, wurde die Ampel grün und ich löste ein ohrenbetäubendes Hupkonzert aus, da ich nicht sofort losfuhr.

Immerhin stoppte uns keine weitere Ampel auf dem Weg zum Polizeirevier und schließlich betraten wir das Gebäude und wurden von meinem Wasserhelden in ein Zimmer geführt, in dem ein ernster Polizist hinter einem riesigen Schreibtisch saß. Unser Fall wurde vorgetragen, beide Polizisten murmelten auf arabisch, schüttelten die Köpfe und deuteten immer wieder auf die Skizze mit dem Tathergang. Dann gingen wir ins nächste Zimmer, wo ein noch ernsterer Polizist hinter einem noch größeren Schreibtisch saß und unser Fall beraten wurde. Dieser Vorgang wiederholte sich ein weiteres Mal, ohne dass die Schuldfrage geklärt wurde.

Man konnte meinem Wasserhelden ansehen, dass er langsam die Lust an unserem brisanten Fall verlor und beim nächsten Schreibtisch legte er einfach die Unfallskizze vor einen grummelig aussehenden Beamten und verschwand. Der Mann winkte uns zu seinem Schreibtisch und befragte uns zum Unfall. Nachdem er sich mit kritisch-ernster Miene beide Versionen angehört hatte, fällte er sein Urteil: „Ich will die Autos sehen!“

Zwei Minuten später untersuchte der Polizist die beiden Unfallwagen ausgiebig und wandte sich dann an den Taxi-Fahrer: „Du bist ihr hinten rein gefahren?“, fragte er streng. Der Taxifahrer nickte.

„Hast du sie nicht gesehen?“, führte der Polizist sein Verhör fort.

„Doch, doch, aber sie ist so schnell rausgezogen“, verteidigte sich der Taxifahrer.

„Du bist Schuld!“, sagte der Beamte nun die Worte zum Taxifahrer auf die wir seit drei Stunden warteten.

„Warum?“, heulte der Taxifahrer entsetzt auf.

„Wenn du sie gesehen hast, hättste ja bremsen können!“

So einfach kann das sein.

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14 Gedanken zu „Die Polizei & Ich

    • Der Unfall war schon zwei Tage vor Ramadan-Beginn, komme nur zur Zeit nicht zum bloggen…;-). Ich bezweifele, dass mir jemand während Ramadan Wasser angeboten hätte doch sehr….

  1. Das ist ja mindestens so kompliziert wie in Deutschland. Gibt es dann in Dubai auch für alles ein Formular in dreifacher Ausfertigung?

    LG Rena

  2. Glück gehabt würde ich sagen!

    Ich wünsche weiterhin eine unfallfreie Fahrt…

    Btw: Gilt in Dubai nicht die generelle Regelung, wer hinten auf fährt ist schuld?

    • Ne, in Dubai gilt die Regel: Wem Alkohol im Blut nachgewiesen wird, der hat Schuld auch wen ihm jemand hinten drauf gefahren ist…;-). In meinem Fall war das Problem, dass sowohl der Taxi-Fahrer als auch ich angaben, wir seien auf der mittleren von drei Spuren gewesen….ich war es natürlich wirklich, ehrlich, ganz bestimmt…;-)

  3. Herrje, nun ist Dein guter Schnitt dahin und Du musst die „unfallfrei seit _ Tagen“- Anzeige auf 0 stellen.
    Aber hey, Dir ist nix weiter passiert und Schuld gab man Dir auch nicht.
    Auf viele weitere unfallfreie Jahre!

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