SCHNEE!

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Es ist Mittwoch, 6.15 Uhr und es ist der Tag der Wahrheit: Draußen schneit es! So richtig. Meine kleine Welt steht Kopf.

Mein Aufschrei weckt die Kinder, die das erste Mal seit Monaten begeistert aus dem Bett springen und ein Schnee-Freudentänzchen veranstalten. Die meisten Mütter kennen das Gefühl, dass man sein eigen Fleisch und Blut gelegentlich schlagen möchte (es aber natürlich nicht tut). Für mich ist so ein Moment. Denn ich hasse Schnee. Seit Jahren frage ich mich, wieso Schnee nicht als fünfter apokalyptischer Reiter genannt wird, würdig wäre er.

Statt meinen Kindern mit körperlicher Gewalt die Freude zu verderben, richte ich meine fürchterliche Wut gegen Handy und Radio. Weder die Wetter-App noch die Radio-Wettervorhersage hatten am Vortag Schnee in größeren Mengen angekündigt und jetzt ist da draußen alles weiß.

Man muss sich das mal vorstellen, so wurde mir die Möglichkeit genommen, eine ganze Nacht lang Panik vor dem verschneiten, nächsten Morgen zu schieben. Seelenruhig habe ich geschlafen, während da draußen der Super-Schnee-Gau seinen Lauf nahm. Und jetzt, um 6.15 Uhr bleibt mir nicht mal genug Zeit mich überhaupt aufzuregen, denn wir müssen los zur Schule – mit dem Auto! Der geneigte Leser erinnert sich, der Berliner Schulgott hatte für die jüngere Tochter nur einen Platz am anderen Ende von Berlin, unerreichbar mit Bus und Bahn.

Und damit komme ich zum wahren Grund, warum ich Schnee so hasse – ich bin ein Schnee-Autofahr-Angsthase. Vermutlich der Größte und Ängstlichste, den es gibt. Man muss nur die Worte Schnee, Eis und Auto in einem Satz erwähnen und ich fange an zu zittern. Auch im Hochsommer.

Damit wäre er nun endlich gesagt, der wahre Grund, warum ich so lange in einer der heißesten Regionen der Welt gelebt habe – Schnee gibt es dort nur bei Ski Dubai und man kann sich denken: Ich habe da keinen Fuß jemals hineingesetzt!

Warum ich eine derartige Panik vor Schnee habe? Es begab sich vor langer,  langer Zeit im Ruhrgebiet, es war November und ich war seit einigen, wenigen Monaten 18 und damit im Besitze des Führerscheins. Nichtsahnend saß ich in meinem alten Gölfchen, hörte „Depeche Mode“ und fuhr über eine Landstraße, als es zu einem plötzlichen Wintereinbruch mit Blitzeis, Eisregen, Schnee, Hagel und was sonst noch alles möglich ist kam.

Man ahnt, was kommt: viele, viele, wirklich viele Stunden später kam ich zwar irgendwie nach mehreren Ausflügen in den Straßengraben und Fast-Unfällen unversehrt zu Hause an, dafür aber fürs Leben traumatisiert. Seitdem habe ich mich strikt geweigert, bei Schnee und Eisglätte zu fahren. Das ging gut, solange ich allein und/oder in Dubai war.

Und dann heute Morgen mein erster innerstädtischer Neuschnee seit über zehn Jahren und ich muss das Kind mit dem Auto zur Schule bringen. Mein erster Gedanke: Ich bringe das Kind einfach nicht. Mein zweiter: Das kannst du nicht bringen. Der dritte: Doch klar, du hast doch ein Schnee-Trauma und außerdem hat das Kind gestern Nachmittag gehustet. Oder vorgestern. Egal, auf jeden Fall ist es schwer krank.

Natürlich habe ich das Kind zur Schule gebracht. Und es war gar nicht so schlimm. In meinen Jahrzehnten der Weigerung, bei Eis und Schnee zu fahren hat die Autoindustrie nicht geschlafen. Ich fahre zwar immer noch ein Gölfchen, aber das hat ABS, EBS, R2D2, XYZ und was es sonst noch so gibt serienmäßig eingebaut. Und es hat vor allem Winterreifen. Kaum zu vergleichen mit dem Golf von einst, der eigentlich nicht mehr als ein besseres Fahrrad mit Sommerreifen war.

Ohne auch nur ein Mini-Rutschrechen brachte ich das Kind – selbstredend eine gute halbe Stunde zu früh – zur Schule und fuhr ebenfalls ohne Probleme nach Hause.

Und jetzt sitze ich hier, mit einem großen Kaffee neben mir und muss eine schwierige Entscheidung treffen: Habe ich mein Schnee-Trauma überwunden oder war das nur ein Zufalls-Glücks-Schnee-Autotreffer heute Morgen da draußen und wenn es bis 11 Uhr nicht aufhört zu schneien hole ich das Kind A) mit dem Taxi von der Schule ab und B) ziehen wir zurück nach Dubai.

 

 

 

 

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8 Gedanken zu „SCHNEE!

  1. Lach, du bist echt lustig. Wegen so einem bisschen Schnee zurück nach Dubai. Oder Kind mit dem Taxi holen, den Blick vom Taxifahrer würde ich gerne sehen.
    Du hast dein Trauma einfach überwunden und holst dein Kind später selbst ab. Wird genauso klappen wie heute morgen

  2. Ich stelle immer wieder fest, uns verbindet einiges! Eine Kindheit/Jugen in Dortmund, ein Golf als erstes Auto, eine dramatische Autofahrt kurz nach Erhalt des Führerscheins, die mehrfach in einem Fast-Unfall endete und daraus resultierend eine Schnee-Phobie. Ich habe mir meinen Studienort ausgesucht nach „Wo liegt so gut wie nie Schnee!“. Heraus kam Aachen, da rheinische Tiefeben und warme Quellen im Boden. Und tatsächlich hat es in 17 Jahren, die ich dort gewohnt habe, vielleicht fünfmal geschneit und da habe ich das Auto knallhart stehen gelassen. Tja, und als wir dann vor 8 Jahren auf Land zogen, habe ich dem Mann, wegen dem ich in die Mitte vom Niergendwo zog, zur Bedingung gemacht, daß ich, politisch leider völlig unkorrekt, für etwaige Schneefahrten einen Geländewagen bekomme. Seither fahre ich auch bei Schnee, denn ich muß ja… der Kinder wegen. Aber alleine wegen des Schnees könnte ich mir auch vorstellen, nach Dubai zu ziehen.

    • Da haben wir ja tatsächlich einiges gemeinsam…so einen Geländewagen würde ich ja politisch vollkommen bedenkenlos sofort fahren (wenn die nicht so teuer wären), allerdings bietet sich das in Berlin auch so gar nicht an…die Parkplätze sind rar und klein…;-)….aber fest steht, wenn ich nochmal umziehe, dann nach Dubai …oder Aachen, 5x Schnee in 17 Jahren, damit kann ich umgehen…Lg, Anne

  3. Ich hab hier ne weile noch nicht wieder mitgelesen. Aber das werde ich wieder ändern. Es liest sich einfach immer so schön hier. Und ich muss immer vor mich hinlächeln.
    Davon abgesehen bin ich allerdings Schneefan.

  4. Also,
    R2D2 im Auto, soso. Was macht der denn da? 😉
    Und A) und B) klingen gut – warum warst du doch gleich noch mal zurück nach D gezogen? 😀

    Jeder Ort hat so seine Vorteile – und seine Nachteile. Und in Berlin gibt es ja noch U-Bahn, S-Bahn, Bus und Tram, die sicher auch alle bei Schnee fahren (so mehr oder minder). Kommt man auch mit vom Fleck – wie weit allerdings steht in den Sternen (oder Schneewolken).

    • Habe mittlerweile festgestellt, dass der Schnee gar nicht das wirklich Furchtbare ist, seit Tagen pendeln die Temperaturen um den 0-Punkt und alles ist mit einer Eisschicht überdeckt…der Hundespaziergang ist meine neue Auto-Schneefahrt….und in Berlin schneit es wohl schon des öfteren mal, liegt ja fast schon in Sibirien…;-)

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