Ein Jahr? Ein Jahr! – Teil II

Wo waren wir stehengeblieben in der Saga „Mit Tieren auf Reisen“? Genau, ich hatte Hund und Katz gerade glücklich an ihre jeweiligen Flugbetreuer übergeben, die Tickets für sie bezahlt und überlegte, ob Alkohol helfen könne.

Dazu muss man ausführen, dass ich in den Wochen und Monaten vor dem Heimflug ein Haus in Dubai verkauft, meinen Hausstand nicht halbiert sondern geviertelt (Bericht folgt), einen Container mit den Resten auf die Reise geschickt, Schulen für meine Kinder in Deutschland gesucht und nicht gefunden und Freunde unter Tränen verabschiedet hatte –  all das hat mich deutlich weniger gestresst als die Frage, wie und ob ich meine acht Pfoten heil nach Berlin kriegen würde.

Entsprechend war der Gedanke an Hochprozentiges – es war mittlerweile 1 Uhr Nachts – durchaus angebracht. Wie bereits erwähnt, ich verzichtete darauf und schlich wie ein Untoter über den  Flughafen – wer mit Tieren reist, muss früh am Flughafen sein und so blieben mir satte 2 Stunden, die ich mit Zündholzklemmen in den Augenlidern verbrachte, bis zum Abflug. Irgendwann endlich sank ich erschöpft in den Flugzeugsitz und war bereit zu schlafen, als ein neuer, fürchterlicher Gedanke durch meinen Kopf schoss: Was, wenn die Tiere gar nicht in diesem, meinem Flieger nach Amsterdam waren, sondern wie falsch verfrachtetes Gepäck längst auf dem Weg nach China? Und man weiß ja, was die da gerne essen….

An Schlaf war nicht mehr zu denken und ich verbrachte die nächsten sechs Stunden damit, mir „Kater am Spieß“ und „Hund vom Grill“ vorzustellen. Ich muss recht bemitleidenswert ausgesehen haben, da sich irgendwann eine Flugbegleiterin zu mir herunterbeugte und mit besorgtem Blick fragte, ob sie mir etwas Gutes tuen könne, einen Baileys vielleicht oder einen Whiskey? Ich trank den ersten Whiskey meines Lebens und kann sagen: hat null geholfen, habe mich aber nicht getraut, nach der ganzen Flasche zu fragen.

Aber auch sechs Stunden Flug gehen irgendwann vorbei und ich hatte ein neues Horrorszenario, auf das ich mich konzentrieren konnte: Würde ich es – obwohl wir fast pünktlich gelandet waren – einmal quer über den Flughafen zu meinem Anschlussflug schaffen? Und würden meine hilflosen Tiere in ihren Boxen schnell genug über den Flughafen geschoben werden, sollten sie denn wider jeder Wahrscheinlichkeit doch an Board des richtigen Fliegers gewesen sein? Ich muss wohl nicht erwähnen, dass das Abfluggate nach Berlin das am weitesten entfernte von dem Ankunftsgate war.

Nie in meinem Leben bin ich schneller gelaufen, wenn irgendjemand ein YouTube-Video von einer Verrückten, die den Amsterdamer Flughafen im Sprint durchquert, entdeckt: das bin ich. Stolze 30 Minuten vor Abflug kam ich am Gate an und keuchte die Dame am Abfertigungsschalter an: „Wo. Sind. Meine. Tiere??!!“

„Ach, Sie sind das!“, sagte die Dame freundlich. „Habe schon gesehen, dass wir mit Hund und Katze fliegen, die sind noch nicht hier, ich rufe mal an, wo die sein könnten, setzten Sie sich derweil mal ganz ruhig hin.“

Ruhig???? Gerne hätte ich der Frau einen Vortrag gehalten, dass man nicht ruhig bleiben könne, wenn man mit zwei absolut wehrlosen Wesen in Boxen fliegt, die vielleicht gerade in China in einer Restaurantküche verarbeitet werden… Da sie aber bereits den Telefonhörer in der Hand hatte, sagte ich nichts und setzte mich hin. Mein nicht erfolgtes Aufbegehren hatte vielleicht auch damit zu tun, dass mir Tränen der Erschöpfung?, der Angst?, der Sorge? oder vielleicht auch der Paranoia? in diesem Moment über die Wangen rannen und ich mich ein bisschen schämte. Es sind ja schon andere Menschen – mich selber eingeschlossen – mit Tieren gereist.

Mit der Schämerei war es freilich schnell wieder vorbei, denn nur wenige Minuten später forderte die freundliche Dame mich auf, ins Flugzeug einzusteigen. „Nicht ohne meine Tiere!“ schleuderte ich ihr mutig entgegen. „Natürlich nicht“, sagte sie milde. „Ich rufe noch mal schnell an, wo die bleiben.“ Gesagt, getan, nur leider ohne Erfolg. Auch drei Telefonate später hatte sie nichts über den Verbleib meines Hundes und des dicken, schwarzen Katers auf dem Amsterdamer Flughafen in Erfahrung gebracht. Immerhin bekam sie heraus, dass die beiden tatsächlich mit mir gemeinsam gelandet waren.

„Steigen Sie ruhig ein, wir fliegen nicht los, bevor ihre Tiere da sind!“, versprach mir die Dame schließlich – der geplante Abflugtermin war soeben verstrichen – und ich stieg ins Flugzeug. Nicht aus Überzeugung, dass sie die Wahrheit gesagt hatte, sondern weil ich nicht wusste, was ich sonst tun sollte – quer übers Rollfeld rennen und die Tierboxen suchen war irgendwie keine Option.

Es folgten die längsten 35 Minuten meines Lebens und auch die anderen Passagiere wurden zunehmend unruhig, allerdings trieb diese eher die Frage um, warum es nicht einfach losgehe, während ich ständig Bilder von meinem geliebten Hund mit schreckgeweiteten Augen direkt vor Rädern eines gigantischen Flugzeugs stehend sah.

„Da kommen ein Hund und eine Katze!“, sagte plötzlich eine Stimme aus dem vorderen Teil des Flugzeugs und mir kamen die Tränen. Mal wieder. Die Flugbegleiterin warf mir eine Serviette und einen aufmunternden Blick zu, der Kapitän vermeldete wenige Augenblicke später: „Boarding completed“ und wir flogen los.

Wer sich jetzt fragt, was meine Tiere so lange auf dem Amsterdamer Flughafen getrieben haben, dem sei gesagt, dass wer auch immer die Umsteigezeit für die Tiere in Amsterdam berechnet hatte, eine winzige Kleinigkeit vergessen hatte: Die aus Dubai kommenden Tiere mussten in die EU „importiert“ werden – was sinnvollerweise in Amsterdam und nicht in Berlin geschah. Also wurden die beiden von einem Amtstierarzt untersucht, Importpapiere abgestempelt und wer weiß was noch mit ihnen angestellt, bevor es weitergehen konnte.

Aber da alles immer eine gute Seite hat, ging es dafür in Berlin dann ganz schnell. Ich war noch auf dem Weg zum Gepäckband, als ich bereits ein unverkennbares Miauen quer durch den ganzen Flughafen hörte. Da stand er, der dicke, schwarze Kater samt Box, direkt neben dem Gepäckband. Doch war der Hund? Konnte der wirklich noch auf den letzten Metern verloren gegangen sein?  Und schon wieder stiegen mir die Tränen in die Augen. Doch im gleichen Moment sah ich zwei freundliche Flughafenangestellte mit einer Box, so groß, dass sie nicht durch die Tür zur Gepäckhalle passte…wir hatten es geschafft!

 

 

 

 

 

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3 Gedanken zu „Ein Jahr? Ein Jahr! – Teil II

  1. Ich hab grade einen großen Seufzer der Erleichterung losgelassen… der Liebste hat vielleicht komisch geguckt… hihi..

  2. O je, oh ja – ich bin mal mit einem den gesamten 20 Stunden Fug laut schreienden Kater von Manila bis Berlin geflogen!!! Dass die Mitpassagiere mich und den Kater nicht gelyncht haben, war pures Glück!
    Nicht vergessen werde ich auch den Moment zu anderer Gelegenheit als ich mit unserer Katze im Transitbereich in Thailand stand – und mir Sonntagsmorgens gg. 8h eröffnet wurde, dass ich irgendwelche thailändischen Papiere bräuchte…
    Kann Deine Abenteuer allerbestens nachvollziehen, solche Flüge sind Stress pur und fühlen sich an wie ein gelebter Krimi bei dem man aus Versehen die Hauptrolle spielt. Wir verlassen Berlin demnächst wieder, aber diesmal „nur“ in die Schweiz, das wird hoffentlich nicht ganz so aufregend.

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