Verkaufsgenie – Teil II

Alles muss raus! Aus den Schränken raus war mein ganzer Krempel bereits und nun musste er noch raus aus der Küche bzw. dem Wohnzimmer und meinem Leben.

„Nichts einfacher als das!“, sagte ich entschlossen zu mir selber und stellte mein Hab und Gut auf einer Facebook-Seite ein, deren einziger Sinn und Zweck es ist, den ca. 35.000 Menschen, die in unserem damaligen Wohngebiet leben, eine Verkaufsplattform zu bieten. Mehrfach hatte ich dort bereits Spielsachen der Kinder mit Erfolg veräußert und da man aus Erfahrungen bekanntlich lernt, war ich dieses Mal so schlau, mich gar nicht erst auf ein „Können Sie das bitte für mich reservieren“ einzulassen (der sehr gedächtnisstarke Leser erinnert sich an das Schaukelpferd und seinen Verkauf) sondern schrieb entschieden, am folgenden Tag um Schlag Fünf Uhr Abends könne zu meinem Haus kommen, wer wolle und sich aus dem ganzen Plunder aussuchen was er wolle und es sogar – gegen Entgelt – mit nach Hause nehmen.

Das ganze mit ein paar schnell gemachten Fotos unterlegt, in bester Discounter-Manier ein besonders schönes, extrem günstiges Lock-Angebot an die erste Stelle gestellt, auf „posten“ geklickt, den Computer zugeklappt und bis zum nächsten Tag entspannen – so war der Plan. Für ungefähr drei Sekunden. Dann brach die Hölle über mich herein. Das Handy piepte im Nano-Sekunden-Takt jedes Mal dann, wenn eine Facebook-Botschaft mich erreichte. Verwirrt logte ich mich ein und begann die ca. 25 Nachrichten zu lesen, die ich in Sekundenbruchteilen erhalten hatte. Alle wollten mein Lockangebot. Nachdem ich 25 mal geschrieben hatte, dass sie es gerne haben könnten, wenn sie am nächsten Tag als erste da wären, schwante mir Böses. Während die Zahl der neuen Nachrichten im dreistelligen Bereich lag, kamen die ersten Rückantworten mit Bitten, das Lockangebot heimlich doch zu reservieren, ganz ausnahmsweise, weil man erst nach 19 Uhr ein Auto habe, die Kinder krank seien oder der Hamster jeden Moment in die Pubertät kommen könne.

Ich blieb standhaft und versuchte alle Nachrichten freundlich, aber bestimmt zu beantworten. Mittlerweile gab es mehrere Bieterstreits um diverse Dinge, der Ton wurde rüder, die ersten Bestechungsversuche gingen ein und die Zahl der Nachrichten in meinem Facebook-Postfach hatte eine Zahl erreicht, dass die NSA langsam auf mich aufmerksam werden sollte. Eine knappe Stunde war seit meinem Post vergangen und ich schwitzte Blut und Wasser, es gab nur noch einen Ausweg: Ich zog den Verkaufsstart um 24 Stunden nach vorne, noch am selben Tag um 17 Uhr würde ich meine Haustür für mir vollkommen unbekannte Schnäppchenjäger öffnen.

Der neue Post brachte eine weitere Sintflut an Nachrichten mit sich und ich bekam es langsam mit der Angst. Schnell rief ich zwei Freundinnen zur Hilfe, es blieben mir schließlich nur noch wenige Stunden bevor es losgehen sollte und ich hatte mir bei 90 Prozent des Verkaufsguts noch nicht mal Gedanken gemacht, was ich eigentlich dafür haben wollte.

Um 16.15 Uhr klingelte es das erste Mal an der Tür. Um 16.20 Uhr gab es keinen Parkplatz mehr in unserer kleinen Straße und eine Menschentraube hatte sich vor meiner Tür eingefunden. Um 16.25 Uhr gab ich klein bei und öffnete die Tür. Die nächsten zwei Stunden werde ich in diesem Leben nicht mehr vergessen: Meine Küche war teilweise so voll, dass man sich keinen Weg mehr durch die Menschenmassen bahnen konnte. Irgendwann hatte sich eine Schlange gebildet mit schwer bepackten, bezahlungswilligen Menschen, die sich – mehrfach um sich selber gewickelt – durch mein Haus wand.

Und dann auf einmal war alles vorbei.Ich hatte alles, aber auch wirklich alles verkauft. Und dazu noch ein paar Sachen, die ich gar nicht hatte verkaufen wollen, die aber einfach aus den Schränken gezogen worden waren. Ob viel gestohlen wurde, kann ich nicht sagen, ich glaube aber nicht. Denn wie ich da so halb betäubt vom Unglauben, was mir da gerade widerfahren war, in meiner Küche stand, bemerkte ich auf einmal, dass ich eine schwere Metallbox in meiner Hand hielt: die prall gefüllte Kasse. Reich bin ich an diesem Tag trotzdem nicht geworden, denn selbstredend war mein „Ausverkauf“ nur so ein großer Erfolg, da ich alles weit unter dem ehemaligen Kaufpreis weggegeben habe, aber ich bin froh, dass meine Schätze alle ein neues Zuhause gefunden haben und nicht im Müll gelandet sind. Nochmal, mache ich so etwas aber bestimmt nicht.

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3 Gedanken zu „Verkaufsgenie – Teil II

  1. Das ist ja unglaublich! Wie kommt das? Ist Dubai so teuer? Sind Haushaltsdinge so schwer zu bekommen? Wacker, dass du diesem Ansturm stand gehalten hast. Liebe Grüße

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