Der letzte Tag

Irgendwann war er da – der letzte Tag in Dubai. Wie das so ist, verging die Zeit davor wie im Flug. Allerdings hatte ich auch einiges zu tun – z.B. kamen die Möbelpacker. Es war die Woche vor dem Abflug in die alte, neue Heimat und selbstverständlich war ich aufgeregt. Denn das verbleibende Hab und Gut musste nicht nur für die rund 4-wöchige Container-Schiffreise von Dubai nach Bremerhaven gut verpackt werden, sondern sollte im Anschluss noch mindestens 10 Monate eingelagert werden, solange nämlich bis wir unser endgültiges Heim in Deutschland beziehen würden. Selbstverständlich kam am Ende alles ganz anders als geplant, aber Gott sei Dank wusste ich das zu dem Zeitpunkt nicht.

Sonst hätte ich wohl die Tatsache, dass die Möbelpacker einige der Kartons mit glücklichen und anderen mit traurigen Smileys versahen mit größerer Besorgnis zur Kenntnis genommen.

So aber lächelte ich kurz still und wehmütig vor mich hin, als die LKW-Tür zuging hinter meinem Dubai-Leben. Zeit für Aufregung blieb sowieso nicht, es gab noch viel zu tun. Strom, Wasser, Internet und Telefon mussten abgemeldet werden, was man, da Dubai eine Stadt des Kommen und Gehens ist, innerhalb von 48 Stunden vor Abflug erledigen kann. Generalstabsmäßig plante ich von meiner verbleibenden Matratze, die gepackten Koffer, den treuen Hund und den wehklagenden Kater stets neben mir, diese letzten 48 Stunden, deren Krönung die Übergabe des Hauses an die Käufer direkt vor der Abfahrt zum Flughafen (samt Hunde- und  Katzenbox) sein sollte.

Sagen wir es mal so – beim nächsten Mal rechne ich vielleicht doch lieber zwei bis drei Tage Puffer ein. Es begann damit, dass die Telefongesellschaft eine Box von deren Existenz ich nicht mal etwas wusste, zurückverlangte. Da das Haus bereits leergeräumt war, konnte ich immerhin mit Gewissheit sagen, dass die „Box“ nicht in irgendeiner Schublade ein vergessenes Dasein führte. Ohne die Box war die Abmeldung des Anschlusses natürlich nicht möglich und auch Geldangebote lehnte die Telefongesellschaft ab. Die Box oder gar nichts, lautete die Ansage. Nach einem sehr langen Vormittag im Zentrum der Telefonmacht stellte sich schließlich heraus, dass ich die Box niemals bekommen hatte, da unser Anschluss vor acht Jahren angemeldet worden war, die Box und ihre Kollegen aber erst seit vier Jahren an die Kunden verteilt wurden.

Kostbare Zeit, die ich dringend – wie ich bald erfahren sollte – für die Abmeldung des Strom- und Wasseranschlusses gebraucht hätte, war verstrichen. Für diese Abmeldung brauchte ich zwar keine „Box“, aber dafür die Unterschrift der Käufer meines Hauses. So zumindest die Strom-und-Wasserabmeldefachkraft in einer Geschäftsstelle der Dubaier Strom- und Wassermächte. Da ich die Abmeldung, wie erwähnt, generalstabsmäßig vorbereitet hatte, konnte ich dies kaum glauben, fügte mich aber dem Begehr der Dame und rief die Käufer an, um sie um ihre Unterschrift zu bitten. Diese waren willig, nur leider war der Ehemann nicht in Dubai, sondern weilte im fernen Indien und würde auch erst eine Woche nach der Hausübergabe zurückkehren. Man ahnt was kam: Die Unterschrift nur eines Käufers reichte auf gar keinen Fall aus. Wo käme man denn da hin? Nur ein Käufer! Die Fachkraft lachte mich mit einem trockenen Lachen aus.

Nun war guter Rat teuer und ich ernsthaft verzweifelt, hatte ich doch Monate zuvor einen Vertrag für den Verkauf meines Hauses unterschrieben, in dem schwarz auf weiß stand, dass er null und nichtig werde, wenn ich am Tag der Übergabe nicht die Abmeldung von Strom und Wasser vorweisen könne. Ich bettelte, ich wütete, ich versuchte mich in Bestechung, es half nichts, die Strom- und Wasserabmeldefachkraft blieb hart: Keine Abmeldung ohne Unterschrift aller Käufer.

Mittlerweile war es spät am Abend und es verblieben mir noch exakt 24 Stunden bis zum Abflug – den ich wohl würde verschieben müssen, befand ich mich doch in einer Art Strom-Wasser-Geiselhaft. Doch wie verschiebt man einen über Monate im Voraus gebuchten Flug mit Hund und Katz, für den nur wenige Tage gültige Gesundheitszeugnisse und Export-Import-Lizenzen nötig sind? Mit den beiden mal eben in einen anderen Flieger hüpfen? Leider ausgeschlossen. Während einer schlaflosen Nacht überlegte ich, bei welchem meiner Freunde ich wohl samt Hund, Katze, Transport-Boxen und Koffern würde unterkommen können.

Dann graute der Morgen und mir graute es vor dem, was der Tag bringen würde. Bewaffnet mit meinen Strom- und Wasserunterlagen machte ich mich auf in den Kampf. Mit letzter Energie schwor ich mir, nicht aufzugeben, bevor ich Strom- und Wasser abgemeldet hatte und das ohne Käuferunterschrift. Wenn ich noch ein Brotmesser gehabt hätte, hätte ich sogar dies mitgenommen – um mein Begehr im Zweifelsfall mit Gewalt durchzusetzen.

Das Leben wäre nicht das Leben, wenn es nicht die eine oder andere Überraschung für einen parat hätte: Ich benötigte keine Gewalt, sondern nur die geniale Idee statt in eine der über die ganze Stadt verteilen Strom- und Wassergeschäftsstellen in die Hauptzentrale zu gehen, wo man mich verwundert ansah, als ich von fehlenden Käuferunterschriften rumfaselte. Von so einem Müll habe man noch nie gehört, wurde ich aufgeklärt, mein Strom- und Wasseranschluss innerhalb weniger Minuten abgemeldet, ich bezahlte die Endrechnung und verließ als „freie“ Frau die Wasser-Stromzentrale. Ich würde Dubai wie geplant noch am selben Abend für immer verlassen können.

Euphorisch stieg ich in mein Auto, um ein letztes Mal in das Haus zu fahren, das 8 Jahre lang mein Zuhause gewesen war. Dort würde schon der Herr der Leasing-Agentur auf mich warten, um eben jenes Auto abzuholen, in das ich gerade gestiegen war, bevor ich meine Hausschlüssel für immer der Käufer-Frau übergeben würde. Wie gesagt: generalstabsmäßig geplant das Ganze. Und dann machte es plötzlich „bumm“.

Bis heute weiß ich nicht, was die Götter mir genau damit sagen wollten, dass mir tatsächlich auf der letzten Fahrt durch Dubai noch jemand ins Auto krachte.

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Aber soviel weiß ich, ich bin an diesem Abend – samt Hund und Katz – pünktlich in den Flieger gestiegen. Und das leichte Schleudertrauma habe ich erst gespürt ,als ich endlich in Berlin in das Bett gesunken bin, das für die nächsten 10 Monate meine Schlafstelle sein sollte.

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3 Gedanken zu „Der letzte Tag

  1. Das kenne ich so gut!!!!
    Immer, IMMER wenn ich etwas generalstabsmäßig perfekt und auf die Minute durchgetaktet plane, passieren irgendelche Katastrophen, fehlen irgendwelche Unterlagen, von denen es vorher hieß, sie seien nicht notwendig, wird spontan ein Kind oder der Hund krank, hat irgendein Amt oder Laden gerade geschlossen wegen Gleitzeit, Urlaub, Krankheit oder Inventur oder sonst irgendwas dramatisch Ungeplantes passiert.
    Wenn ich – äußerst widerwillig – nach dem System meines Mannes verfahre „wird schon irgendwie pünklich klappen und wenn nicht, dann klappt es eben anders“, dann klappt alles problemlos. Darüber werde ich – Master of Listen und zeitpunktgenauer Planung – irgendwann vermutlich in der Klapsmühle landen.
    LG, Inga

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