Das Ende

Nein, nicht des Blogs – obwohl man das meinen könnte, solange habe ich nichts geschrieben. Es geht um ein Ereignis, so traumatisch, dass ich dafür sogar meinen Blog wieder belebe. Naja. Gut. Ehrlicherweise gesagt will ich mich nur ablenken, denn überall…ihr werdet gleich sehen.

9 Jahre, 6 Monate, 7 Tage und 10 Stunden haben wir es geschafft, bevor das Ende kam. 9 geschlagene Jahre (plus die Monate, Tage, Stunden) waren wir der Fels in der Brandung, während der Feind einen nach dem anderen in unserem Umfeld in die Knie zwang. Nur wir – und einige wenige andere Überlebende – trotzten ihm. Eine Aura der Unbesiegbarkeit, der Unbeugsamkeit umgab uns, immer wieder wurden wir gefragt: „Wie macht ihr das nur?“

Ja, wie haben wir das gemacht? Keine Ahnung, befürchte ich. Seit heute Nacht schwant mir allerdings, dass wir vielleicht einfach nur Glück hatten. Es begab sich um 0.43 Uhr und ich leuchtete mit der Taschenlampe des Handys durch das dunkle, nächtliche Schlafzimmer, erst in die verschlafen schauenden Augen des Hundes und dann auf die jüngere Tochter, die sich just in dieser Nacht entschlossen hatte, mal wieder bei Mama zu schlafen. Es war die Nacht, die den Anfang vom Ende einläuten sollte.

Nicht ahnend, was ich in wenigen Augenblicken wissen würde, strich ich der Tochter behutsam durchs Haar und lenkte den Lichtstrahl auf sie, als eine bösartige Kralle sich plötzlich in meine Hand grub.

„Aua!“, sagte ich empört.

„Aber es juckt doch so!“, verteidigte sich mein eigen Fleisch und Blut und begann, sich genüsslich am Kopf zu kratzen.

Erfahrene Mütter werden wissen, was uns widerfahren ist: Das Kind hat Läuse. Und das nach 9 Jahren, 6 Monaten, 7 Tagen und 10 Stunden, in denen ein oder sogar zwei Kinder im Kindergarten, auf dem Spielplatz oder in der Schule unzähligen Läuse-Epidemien die Stirn geboten hatten und wir läusefrei und unbeschwert durchs Leben gingen.

Die Niederlage quasi in der Nachspielzeit, das Ende der Unbesiegbarkeit schmerzen, das kann ich nicht leugnen, aber der traumatische Teil an den unwürdigen Ereignissen der vergangenen Nacht ist etwas anderes. Es sind die Phantom-Läuse, die mich nicht zur Ruhe kommen lassen.

Überall juckt es mich. Am Kopf, am Bauch, an den Armen, am Po, an den Beinen, zwischen den Zehen und sogar unter den Fußnägeln. Kein Millimeter meines Körpers, der nicht von Läusen befallen zu sein scheint – trotz des Erwerbs und Anwendung aller in der näheren Umgebung käuflich zu erwerbenden Anti-Läuse-Mittel.

Am liebsten würde ich mit dem ganzen Körper an der Wand entlang schubbeln wie eine reudige Katze, oder mich wie in einer Affenfamilie von meinen Kindern lausen lassen. Es ist nicht mehr zu unterscheiden, ob eine Läuse-Armada von mir Besitz ergriffen hat oder ob es eine einzige, gigantische Ganzkörper-Laus ist, die mich überkommen hat. Es juckt und juckt und juckt. Überall. Die ganze Zeit. Wenn ich wirklich Läuse habe, werde ich es vor lauter Phantom-Jucken gar nicht mitbekommen. Und schlimmer noch, sobald ich die Augen schließe, sehe ich riesige, grinsende, blutlästernde Läuse mit gebleckten Zähnen auf mich zukommen.

Vier Duschen und genauso viele Kleiderwechsel, eine heißgelaufene Waschmaschine, der bislang wegen der hohen Kosten geschaute Erwerb des Staffel-Passes meiner Lieblingsfernsehserie – nichts hilft. Ich kann nur noch an Läuse denken.

Immerhin, das Schreiben über die Läuse bringt ein wenig Erleichterung, wenn auch keine Heilung. Ich versuche, jetzt mal das Gute zu sehen: vielleicht werde ich in einigen Jahren und nach zahlreichen Therapien über die ganze Sache lachen können und meinen Enkeln erzählen: Und so habe ich wieder angefangen, meinen Blog zu schreiben.

Wir werden sehen. Bis dahin gehe ich mich mal ne Runde Phantom-Kratzen.

 

 

 

 

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10 Gedanken zu „Das Ende

  1. Meine Kinder hatten zu Kindergartenzeiten auch Läuse. Bei meinem Sohn in der Gruppe ging das sogar 9 Monate lang. Da war kein Plüschtier, kein Teppich, kein Kissen nichts mehr in dem Gruppenraum. Selbst die Jacken, Mützen, Schals wurden an der Garderobe in einzelne Tüten gepackt. Den Gerüchten nach hat ein Kinderarzt gemeint, dass nach 2 Woche die Sache bei dem Kind überstanden wäre. Wäre unter normalen Umständen möglich. Nur bestand der Verdacht, dass die Eltern besagten Kindes zu Hause nichts, aber rein gar nichts gegen die Läuse getan haben. Nur das Kind selbst behandelt. Erst nach dem Beschluss von Kindergartenleitung mit Elternbeirat, dass nur noch ein Attest vom Gesundheitsamt anerkannt wird, war endlich Ruhe.
    Phantomläuse hatte ich keine.

    Kopf hoch. Das wird.

    LG Rose

  2. Ich hatte in meinem Leben ein einziges Mal Läuse – was bei ewig langen Locken so richtig fies ist.

    Und nach der Lektüre kratzt es mich nun auch…

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