Im wilden Osten

Es gibt Momente im Leben, da fühlt man sich unbesiegbar (z.B. wenn das Kind nach der dritten Behandlung mit dem vierten Mittelchen endlich Läuse-frei ist), es gibt Momente, da fühlt man sich frei (z.B. wenn man mit dem Hund am frühen Samstagmorgen durch den Wald läuft und das Wochenende noch unendlich zu sein scheint), es gibt Momente, da fühlt man sich jung (z.B. wenn man das gleiche Lied wie die vorpubertierende Tochter im Radio mitsummt, obwohl man nach Einschätzung eben jener Tochter die Dinosaurier in der eigenen Kindheit noch live gesehen hat) und es gibt Momente, da fühlt man sich irgendwie alt. Sehr alt. 

Ich würde gerne behaupten, ich hätte nur so einen Moment letzthin gehabt habe, aber das wäre untertrieben, ich verbrachte einen ganzen Abend damit, mich „alt“ zu fühlen. Dabei war ich zu etwas sehr gutem, positiven eingeladen, zu einer Party nämlich. Und wenn ich Party sage, meine ich Party. So richtig viele Leute, so richtig laute Musik, so richtig viel zu trinken und das alles nicht in irgendeiner Scheune vor den Toren Berlins mit einem Schild“ Zur Ü-40-Party hierlang“ davor, sondern in einem so richtig für diesen Zweck leergeräumten Wohnzimmer.

Also eigentlich eine sehr coole Sache. Eigentlich. Uneigentlich begann es schon mal damit, dass die Party am anderen Ende von Berlin stattfand. Anreise mit Bus und Bahn mindestens eine Stunde, mit dem Auto wären es eher zwei geworden, wovon 75 Minuten für die Parkplatzsuche und ein Knöllchen im gleichen Wert draufgegangen wären. Der Berlin-Kenner kann sich denken, wo die Party stattfand: am Prenzlauer Berg. Früher hätte mich das natürlich null gejuckt, denn hey, was ist schon eine Stunde? Außerdem wäre das früher eh kein Thema gewesen, denn damals habe ich da gewohnt, wo es cool war.

Damit nähern wir uns der Sache mit dem „alt“ und dem fühlen und so an. Die Wohnung am Prenzl Berg bezog ich im Jahr 2000.  Der Beginn des Jahrtausends ist nunmehr satte 17 Jahre her, sowas geht nicht spurlos an einem vorbei. Ich zum Beispiel habe mich in der Zeit dank zweier Kinder, Hund und dickem, schwarzen Kater glatt verfünffacht!! Aus der coolen Dachgeschosswohnung an eben jenem Prenzlauer Berg ist ein beschauliches Reihenhäuschen im Berliner Süden geworden. Und was dazwischen noch so alles passiert ist, kann man hier im Blog nachlesen.

Trotzdem war ich bis zu jenem Party-Abend der Auffassung, doch mächtig „jung“ geblieben zu sein. Doch weit gefehlt. Als ich nach einer guten Stunde in den „Öffis“ an der Eberswalde Straße ausstieg, traf mich glatt der Schlag! Es wimmelte überall nur so vor Menschen. An einem Samstagabend um 8!

Und dann die Männer im „wilden“ Osten! Die haben da alle Bärte. So richtig lange, wie Rübezahl, nix mehr mit Drei-Tage-Bart. Aus dem, was die Hippster von heute alles im Gesicht tragen, könnte man mehrere Echthaar-Perücken machen. Und während ich wie ein Kind im Süßigkeiten-Laden mit großen Augen umschaute, beschlich mich plötzlich ein ungutes Gefühl. Nein, ich hatte trotz der merkwürdig gekleideten Massen keine Angst vor einem Angriff auf mein Leben – es war viel schlimmer! War ich am Ende unbemerkt und ohne Vorankündigung „alt“ geworden? Denn, war es nicht früher schon so voll am Prenzlauer Berg gewesen? Und waren da nicht früher schon so merkwürdige Leute rumgelaufen?

In Angesicht der Dachgeschoss-Wohnung im fünften Stock ohne Aufzug schob ich diese Gedanken aber erstmal beiseite. Bloß keinen Sauerstoff verschwenden, immerhin würde ich da ob so tun müssen, als wäre ich total „fresh“.

Was mir mehr recht als schlecht gelang, aber irgendwann stand ich mit einem „Moscow Mule“ in der einen Hand, die andere in der Chipsschale am Rande der Tanzfläche und betrachtete das Völkchen, das neben mir zu den Freunden der Gastgeber zählte. Lauter coole Leute. Genau wie die da unten auf der Straße. Und dazwischen ich. Und dann sah ich ihn plötzlich, den Kollegen von damals, zur Zeit der Jahrtausendwende. Natürlich erkannte ich ihn sofort wieder. Wie auch nicht: er trug immer noch das gleiche hellblau-karierte Hemd und die Levis-Jeans von früher. Nur die deutlichen Falten um die Augen rum und der leichte Bierbauch, die waren neu. Und da, noch eine Kollegin! Von früher. Immer noch im gleichen schwarz-weiß-rot-gestreiften Hippster-Mantel von damals. Plus Falten und 10 Kilo. Die streichholzkurzen Haare dazu in helllila und nicht mehr in wasserstoffblond. Unverkennbar.

Beide erkannten mich dagegen nicht wieder – was ich ein bißchen frech fand, immerhin trug ich die gleiche Langweilerjeans mit Langweilerbluse wie früher. Was kann man daran nicht wiederkennen??? Sollte das etwas an meinen Falten liegen? Nach dem dritten Moscow Mule war ich über diese Schmach hinweg und ebenso über das Gefühl, des „alt“ seins. Denn auch die drei anderen Kollegen von früher, die ich noch entdeckte, hatten sich nicht – bis auf die Falten und den Ausschlag der Badezimmerwaage –  verändert und damit hatten wir alle etwas gemeinsam: Wir sind uns treu geblieben. Wie cool ist das denn?

 

 

 

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Ein Gedanke zu „Im wilden Osten

  1. Ich freue mich jedes Mal, wenn hier wieder etwas geschrieben wird.

    „Ausschlag auf der Badezimmerwaage“. Wer hat den nicht?

    LG Rose

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