Plagen

Es scheint als wäre der Frühling 2017 (das sind diese Stunden mit Sonnenschein zwischen dem ganzen Regen und den grauselig kühlen Temperaturen) für uns ein Frühling der Heimsuchungen. Nach Läusen und übereifrigen Feuermeldern dachte ich, ich hätte alles gesehen und alles erlebt. Mitnichten. Die nächste Heimsuchung kam in Form eines monströsen Befalls und wir sprechen hier von ein paar wirklich fiesen Kollegen, gegen welche die paar Läuschen geradezu kuschelig waren: PILZE.

Ja, es ist raus, es ist gesagt: Wir hatten Pilze. Im Garten. Oder genauer gesagt im Vorgarten. Die Jungs, die in Rudeln von mindesten 20.000 Stück aufzutreten scheinen, haben ein gar abscheuliches Aussehen, was sie offensichtlich wissen, denn sie verstecken sich bevorzugt im Rindenmulch.

An dieser Stelle muss ich ein wenig ausholen, denn eigentlich hätte ich den Pilzbefall niemals entdeckt. Ich bin – oder sollte ich sagen „war“ – die Frau mit den zehn schwarzen Daumen. Selbst Unkraut überlebte meine Anwesenheit selten länger als 24 Stunden. Zimmerpflanzen? Hatte ich mal während des Studiums und keine hat es überstanden (ausser Erwin, der eine nicht unbedeutende Rolle im Schwiegermutter-Buch spielt), seitdem ist mein Heim pflanzenfrei. Der Garten in Dubai? Wurde vom Gärtner bestellt, der jeglichen Pilzbefall ohne Aufhebens darum zu machen diskret beseitigt hätte (seufz, manchmal merkt man erst viel später, in was für einem Zustand der Glückseligkeit man mal gelebt hat).

Wie auch immer, derweil leben wir in der „arm aber sexy-Muddastadt“ und irgendwie fasst es das ganz gut zusammen. Der Garten wird nicht mehr vom Gärtner bestellt sondern von der „Mudda“ und das ist wenig sexy, denn plötzlich will Unkraut in meiner Gegenwart nicht mehr sterben sondern gewaltig wachsen. Das führte kurz nach Einzug in unser stolzes Reihenheim zu erstaunten Aussagen des Nachwuchses: „Mama, das grüne Zeug da draußen, wächst das noch weiter? Dann kommen wir hier bald nicht mehr raus!“.

Die neuen Nachbarn jäteten derweil was das Zeug hielt und ein gepflegter Vorgarten nach dem andren entstand. Gruppenzwang war schon immer eine meine Schwächen, also trieb ich Kinder und Hund an einem kühlen Septembersamstag 2016 in eben jenen Vorgarten (selbstverständlich ist unser Vorgarten der größte in der ganzen Siedlung) und über Stunden jäteten wir als gebe es kein Morgen. Was ungefähr dem entspricht, was ich den Kindern prophezeit hatte, sollten sie es wagen, nicht ordentlich mitzujäten. Bislang von meinen gärtnerisch-handwerklichen Fähigkeiten eher wenig überzeugt, stellte ich irgendwann fest, dass wir tatsächlich das gesamte Unkraut – zumindest augenscheinlich – entfernt hatten. So etwas beflügelt ungemein.

Ein kurzer Blick auf zartes Lavendelgrün links, bereits winterfest gemachte Rosen rechts und schon überkam mich selbstgefälliger Übermut: Das kann ich auch! Drei Besuche im Gartencenter später und ich hatte, was ich brauchte: Copycat-Lavendel und Nachmacher-Rosen, Blumenzwiebeln für Tulpen, Krokusse und anderes Frühjahrsgedöns, Pflanzenerde, eine Schaufel und….Rindenmulch – die Wurzel allen Übels.

Beschwingt gruben, säten, veredelten, schütteten und harkten wir einen weiteren Samstag lang als wüssten wir was wir taten und hätten auch nie etwas anderes gemacht. Wie ein Dankesgruß des Gartengottes strahlte uns danach ein gepflegter Vorgarten an, dass es jedem Schrebergarten-Besitzer warm ums Herz geworden wäre. Der Stolz, den ich empfand kann nur mit dem einer Entenmutter verglichen werden, die ihre zehnköpfige Kükenschar unversehrt über eine achtspurige Autobahn ohne Tempolimit geführt hatte.

Und das war noch nicht alles! Nach einem langen Winter, den Post- und andere Paketboten nutzen, um bei jeder Gelegenheit über meine zarten Lavendelchen zu stampfen erfuhr ich Ende Februar die  – in meinen Augen – höchste Weihe des Vorgärtners: ein Krokus stieß zaghaft aus dem Rindenmulch hervor. Hatte ich den „schwarzen“ Daumen tatsächlich besiegt? Konnte es sein? Schlummerte in mir eine Gärtnerin?

Der erste Tulpensproß kurze Zeit später, schien es zu beweisen! Wie im Rausch begann ich, meinen Vorgarten zu hegen und zu pflegen: ich düngte, ich zupfte Unkraut, ich wässerte. Ich wurde eine Garten-Glucke, ich ging vollständig in meinem neuen Hobby auf. Bis ich beim Unkrautzupfen plötzlich ein merkwürdiges braunes Ding sah und dachte: WAS. IST. DAS?

Ein widerliches Gewächs mit weißem Stiel und schrumpeligen braunen Kopf ragte mir aus MEINEM Vorgartenbeet entgegen. Ich schwöre es sah aus, als wolle es sagen:

„Ey, was geht ab Alte?“

„Natürlich nichts in meinem Vorgarten, Freundchen!“, sagte ich im Geiste zurück, nahm mein Schaufel und machte dem Eindringlich den Garaus. Ha!

Mein Triumph war von kurzer Dauer. In meinem Vorgarten wimmelte es nur so von braunköpfigen Widerlingen. Wie ein Serienmörder in Trance brachte ich einen nach dem anderen zur Strecke, als plötzlich eine Stimme neben mir fragte:

„Was machst du da? Du bist ganz rot im Gesicht.“

„Ich töte Pilze!“, erklärte ich genau der Nachbarin, die als Gärtnerin unter die Kategorie „hochbegabt“ fällt und fügte mit verzweifelter Garten-Neuling-Stimme an: „Was mache ich, damit die NIE wieder kommen?“

Ich sah nur noch einen Zipfel ihrer Jacke im Wind wehen, während sie um die Hausecke verschwand. Per WhatsApp ließ sie mich später wissen, dass sie ein Pilztrauma habe und die Dinger in meinem Garten echt widerlich ausgesehen hätten. Zwei weitere Nachbarn wussten auch keinen Rat und so erlegte ich bis in die späten Abendstunden, ohne zu wissen wie es weitergehen sollte, im Rindenmulch versteckte Pilze.

Was ich wahrscheinlich besser nicht getan hätte. Ich hätte sie ernten und verkaufen sollen. Die Pilz-Trauma-Nachbarin schickte mir am selben Abend eine weitere WhatsApp: „Das in deinem Vorgarten waren Morcheln. Wachsen gerne an frischem Rindenmulch. Kann man essen. Sollen lecker sein. Anzuchtset kostet 24.99 Euro im Baumarkt.“

Grmmpfh. Das Leben ist ungerecht. Erstens bin ich nicht reich mit meiner Pilzernte geworden. Zweitens ist der Spaß am Gärtnern deutlich überschaubarer geworden – habe ja keine Ahnung, was da noch so im Garten auf mich lauert – und drittens: Ich mochte Pilze wirklich gern. So in Soße und so. Die Betonung liegt auf „mochte“.

Advertisements

3 Gedanken zu „Plagen

  1. In Dortmund gab es früher jede Menge Morcheln in den gemulchten Beeten im Rhombergpark! Meine Mutter hat immer Morchelrahmsuppe oder Soße draus gemacht. Aber häßlich sind die Teile schon! Aber auch lecker!
    Das mit den zehn schwarzen Daumen habe ich übrigens auch! Wir haben auch keine Topfpflanzen aus ebendiesem Grund!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s