Pubergrauen

Die Kinder werden größer. Die Probleme auch. Der Spruch meiner Großmutter: „Kleine Kinder, kleine Sorgen, große Kinder, große Sorgen“ ist auf fast unheimliche Art Realität geworden. Dabei stehen wir noch ganz am Anfang. Die ältere Tochter sollte – auf dem Papier – die Pubertät noch nicht mal erreicht haben, benimmt sich aber als wäre sie auf dem Zenit des „Scheußlichseins“.

So zum Beispiel an einem – eigentlich – schönen Samstagmorgen: Wir wollten gemütlich frühstücken und am Nachmittag ins Kino. Und was fällt mir, der furchtbarsten aller Mütter, ein? Bringe ich den Kinder doch tatsächlich vom Hundespaziergang ihre Lieblingsbrötchen – weiß, zuckrig und randvoll mit Schokostücken – mit. Die jüngere Tochter isst ihrs bereits als die ältere mit versteinerter Miene an den Tisch schlurft.

„Ich mag diese Brötchen nicht“, grummelt sie und verschwindet in der Küche. Ich zucke mit den Schultern, die jüngere Tochter greift nach dem Brötchen und verschlingt es wie ein wildes Raubtier. Der Eile hätte es nicht Not getan, es dauert bis die große Schwester wieder erscheint. Und ihr Schoko-Brötchen sucht.

Meine Worte: „Aber du hast doch gesagt, du magst diese Brötchen nicht“, werden mit einem Blick so eisig, dass Schneekönigin Elsa ganz heiß vor Neid würde, bestraft, dann ist es, als würde der Himmel von einer Sekunde auf die anderen schwarz. Die jüngere Tochter und ich suchen unser gewohntes Versteck unter dem Tisch auf und warten bis das Hormon-Gewitter vorübergezogen ist.

Schließlich sitzen wir im Auto auf dem Weg zum Kino. Die Idee, davor noch schnell bei am Recyclinghof der Berliner Stadtreinigung vorbeizufahren, um die angesammelten Kartons wegzubringen, war zugegebenermaßen kühn. Dass Autoscheiben mitten im Sommer von innen zufrieren können, hatte ich jedoch nicht erwartet.

Nun kann man in Berlin nicht einfach in den Recyclinghof einfahren, man muss dem BSR-Wächter am Eingang zunächst sein Begehr mitteilen und dann auf Einlass hoffen.

„Jede Menge Pappkartons“, sage ich durch die hinuntergelassene Fensterscheibe und strecke meine Hand im Reflex aus, um nach hinten auf die Kartons zu deuten, als mir einfällt, dass hinten die ältere  Tochter sitzt. Schnell ziehe ich die Hand zurück, man kann nie wissen und lächele den BSR-Wächter verzagt an.

„Und einen pubertierenden Teenager“, murmele ich leise vor mich hin, denn just in diesem Moment wird mir bewusst, dass meine Tochter unter Umständen noch mehrere Jahre in der Pubertät verweilt – und dann die nächste dran ist.

„Ok, Pappe in die Drei, für Teenager haben wir hinten ein extra Zimmer, aber nicht vergessen, am 17ten Geburtstag wieder abholen! Die kann man nicht recyceln.“

Und mit diesen Worten winkt der BSR-Wächter mich durch. Wahrscheinlich weiß der Mann gar nicht, wie viel Gutes er mir mit diesen wenigen Worten getan hat. Ich weiß jetzt, ich bin nicht allein und in ganz dunklen Stunden kann ich mir einbilden, dass es das Zimmer wirklich gibt.

 

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4 Gedanken zu „Pubergrauen

  1. Der Mann hat wirklich einen Super Spruch gemacht!
    Eventuell tröstet meine Erfahrung. Nicht alle Kinder pubertieren gleich schlimm, evtl trägst du das Kreuz nur bei der Grossen.
    UND, so sehr sie auch spinnen, am Schluss kommt ein toller Mensch heraus, welcher zu 98 % die Werte der Familie teilt 😉

    Bei meinen 3 Kindern pubertierte vor allem eines extrem und der ist heute sooo ein toller Kerl!!!

  2. Oh ich biete eine 15 – jährige die wirklich mitten in der Pubertät steckt. Halleluja, wir haben gerade 4 Tage Urlaub hinter uns, zusammen mit dem jüngeren Bruder, welcher auch langsam nachzieht. Nun, erholsam war das nicht. Aber zwischendurch war es auch mal gemütlich und lustig. Diese kleinen Momente halten meine Hoffnung aufrecht, dass sich schlussendlich alles zum Guten wenden wird. Andererseits wird sie voraussichtlich in wenigen Monaten für ein Austausch Semester SEHR weit weg fliegen. Der Abstand würde uns wohl allen gut tun – aber ich sehe mich jetzt schon heulend am Flughafen… alles Gute dir und deinen Kindern.

    • Oh je, an Urlaub habe ich noch gar nicht gedacht. Und irgendwie muss sich ja alles zum Guten wenden, schließlich sind wir auch nette Menschen geworden…obwohl ich mich natürlich nicht erinnern kann, dass ich besonders schlimm in der Pubertät gewesen wäre…;-)

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