Ich komm doch mit….

Er hat es geschafft! Vor gut einem Jahr habe ich über einen Jungen geschrieben, der wegen akuter Reiseangst in den Emiraten festsaß. KLICK und KLICK. Jetzt endlich ist der 12-jähriger wieder daheim in England gelandet. Ja, gelandet. Nach einer drei Monate dauernder Therapie bei einem Hypnotherapeuten hat Joe den Flug nach Hause geschafft. Mit an Bord sein Vater und sein Therapeut. Weiterlesen

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Ich will einen Preis!

Auf wenig im Leben ist Verlass – außer vielleicht auf Dinge, die man nicht will. Ich zum Beispiel weiß verlässlich, dass ich jeden Morgen, wenn ich die Kinder zur Schule fahre, ein Radiowerbung höre, die mich auffordert, Mitmenschen für den Abu Dhabi Einwohner-Preis zu nominieren.

Die Nominierten müssen etwas für ihre Umwelt wertvolles geleistet haben und in Abu Dhabi wohnen – und genau darum nervt mich diese Werbung. Ich wohne nicht in Abu Dhabi, entsprechend kenne ich niemand aus Abu Dhabi und kann niemand nominieren. Noch schlimmer ist allerdings, dass ICH nicht nominiert werden kann. Ich leiste nämlich jeden Morgen auf dem Schulweg unglaubliches. Ich überlebe meine Kinder und die nervende Werbung. Weiterlesen

Schnell, der Elefant muss mal!!!

Elefant

Was passiert, wenn man einem Elefanten in einem Wildreservat in Thailand mit Kaffeebohnen füttert? Ich habe da so einige Ideen: der Elefant zeigt sich mit dem Rüssel an die Stirn, der Elefant weigert sich, das Zeug zu fressen oder auch, der Elefant kriegt fiese Blähungen. Nichts von alldem ist richtig. Wenn man einen Elefanten in Thailand mit Kaffeebohnen füttert, macht man aus den „Hinterlassenschaften“ des Elefanten einen der teuersten Kaffees der Welt und vertickt das Ganze unter anderem an Verrückte in zwei Nobelhotels in Abu Dhabi. Weiterlesen

Genie oder Wahnsinn?

Seit ein paar Tagen ist es in den Emiraten in aller Munde – das neue Projekt von Christo, dem Mann der einstmals den Reichstag verhüllte. Denn sein nächstes Werk soll in Abu Dhabi entstehen. Oder besser gesagt in der Nähe von Abu Dhabi in einem Gebiet, das nicht umsonst „Empty Quarter“ genannt wird.

Das „Empty Quarter“ ist mit knapp 600.000 Quadratkilometern die größte Sandwüste der Welt und erstreckt sich von Saudi-Arabien über den Oman und Jemen bis hin zu den Vereinten Arabischen Emiraten. Die Temperaturen liegen dort im Sommer deutlich über 60 Grad und nur einige wenige Beduinenstämme leben am Rande der kargen Wüste. Weiterlesen

Volltanken, bitte!

In Sharjah, einem der sieben Emirate, gibt es so gut wie kein Benzin mehr und das schon seit über einem Jahr. An den Tankstellen gibt es lange Schlange, wenn überhaupt mal Benzin geliefert wird und einige der Pächter haben nun aufgegeben und damit begonnen, ihre Tankstellen stillzulegen und abzubauen.

Wie bitte? Die Vereinigten Arabischen Emirate nennen doch eins der größten Ölvorräte der Welt ihr Eigen und dann gibt es an den Tankstellen kein Benzin? Wie kann das sein? Es kann sein, weil die Ölvorkommen der VAE nicht gleichmäßig auf die sieben Emirate verteilt sind. Während Dubai und eben Sharjah zum Beispiel quasi auf dem Trockenen sitzen, könnte der Scheich von Abu Dhabi jeden Morgen ein fettes Ölbad nehmen.

In einem Zug geschwisterlicher Emirate-Liebe könnte man meinen, dass Abu Dhabi sein Öl ja vielleicht nicht gleich mit Sharjah teilen muss, aber ein bisschen Benzin abgeben sollte wohl drin sein.

Doch so einfach ist es natürlich nicht. Es gibt in den Emiraten zwar Öl, aber Raffinerien gibt es nur in Abu Dhabi und die schaffen nicht die gesamte Ölproduktion. Also muss zum Beispiel Enoc, einer der großen Tankstellen-Betreiber in den Emiraten, sein Benzin genauso auf dem Weltmarkt einkaufen, wie Tankstellenbetreiber aus anderen Ländern auch. Doch während diese das Benzin dann deutlich teurer weiterverkaufen, muss Enoc laut Beschluss der UAE-Regierung das Benzin unter dem Einkaufspreis wieder abgeben.

Der Preis für Benzin an den Tankstellen der Emirate gehört zu den günstigsten der Welt und wird staatlich stark subventioniert – in Sharjah nur leider nicht genug, damit die Tankstellenfirmen auch noch ein Geschäft machen können. Also gibt es eben kein Benzin mehr in Sharjah, daran konnte auch eine Verfügung der Regierung, die die sofortige Wiederaufnahme der Benzin-Lieferungen festsetzte, nichts ändern.

Ein Liter Benzin in den UAE kostet übrigens ungefähr 1,52 Dirhams, das sind ca. 30 Cents.

„Like a virgin“

Madonna kommt in die Emirate! Nächste Woche wird die Grand Dame der Popmusik zwei Konzerte in Abu Dhabi geben. Es ist DAS Ereignis des Monats, ganz Dubai spricht von nichts anderem. Und ich geh nicht hin. Dabei würde ich Madonna wirklich gerne mal live sehen, bevor sie um einen Krückstock herumtanzt.

Ich weigere mich einfach – in meinem Alter -, ein Open-Air-Konzert bei 45 Grad Außentemperatur zu besuchen. Ich frage mich ernsthaft, was Madonna dazu bewegt hat – in ihrem Alter – ein Konzert in den Emiraten im Hochsommer zu geben? Bzw. gleich zwei Konzerte? Wahrscheinlich war es mal wieder die Gier. Das erste Konzert war angeblich innerhalb einer Stunde ausverkauft. Das sofort angesetzte zweite Konzert nicht. Es gibt halt doch nur soviel Hardcore-Madonna-Fans, die ihrem Idol sogar angezogen bei Sauna-Temperaturen zujubeln. Sind genau wie Madonna halt auch nicht mehr die Jüngsten, die Fans. Es wird gar gemunkelt, dass das zweite Konzert immer noch nicht ausverkauft ist. Offiziell gibt es allerdings keine Karten mehr.

Wahrscheinlich hat der Abu Dhabi-Scheich persönlich die Restkarten gekauft, um die Blamage zu verhindern, dass Madonna ihr einziges jemals nicht ausverkauftes Konzert in Abu Dhabi gibt.  Am Ende kann der Scheich sogar hingehen, obwohl halbnackte, lasziv-tanzenden Damen in der Öffentlichkeit sein Ding nicht sein sollten. Aber vielleicht trägt Madonna eine Abaya. In der Garderobe wird auf jeden Fall eine für sie bereit liegen. Extra von einer Designerin für die Königin der Popmusik entworfen. Die Abaya hat einen tiefen Ausschnitt, überall Nieten und dazu trägt man eine glitzerbesetzte Kappe statt Kopftuch. Bin mir zwar nicht ganz sicher, ob das Ding bei traditionellen Muslimen noch als Abaya durchgeht, aber wenn Madonna die wirklich anzieht und dazu „Like a virgin“ singt, dann werde ich doch traurig sein, dass ich nicht dabei war.

Im Raumschiff nach New York

Das Wochenende fängt gut an! Endlich, endlich die Nachricht auf die ich schon lange gewartet habe: Bald wird man in nur einer Stunde mit einer Kreuzung aus Raumschiff und Flugzeug von Abu Dhabi in die USA reisen können. Zumindest hat das der Chef von Virgin Galactic angekündigt. Man stelle sich vor, die Kinder morgens in der Schule abladen und hopp ins Raumschiff und zum Shoppen nach New York!

Wie immer steckt der Teufel im Detail und es steht zu befürchten, dass ich nicht pünktlich zum Abholen wieder da sein werde. Erst muss ich ja mal nach Abu Dhabi kommen. Mindestens eine extra Stunde. Bestimmt sind die beim Raumschiff genauso spießig wie am normalen Flughafen und man muss zwei Stunden vor Abflug da sein. Dummerweise ist der Raumschiffhafen in den USA auch nicht in New York sondern in New Mexico. Mmh. Kann man da auch Einkaufen? „Ich war mal eben zum Shoppen in New Mexico“ klingt ja nicht so cool wie „Ich war mal kurz in New York und hab bei Bloomingsdales die Sommerkollektion angeschaut“.

Die Google-Suche ergibt, dass New Mexico gute 2500 Kilometer von New York entfernt ist. Drei extra Flugstunden – vom Warten auf den Anschlussflug will ich gar nicht erst anfangen. Alles zusammen gerechnet bräuchte ich allein für den Hinflug mindestens 8 Stunden.

Ich glaub, den Raumschiff-Trip in die USA spar ich mir. Ist wie mit den 15 Minuten, in denen man sein Leben verändern soll, irgendwie scheinen die Leute alle keine Uhr zu haben. Als Trost bleibt mir, dass wir in Dubai auch ein Bloominddales haben. Genau wie so ziemlich alle anderen Geschäfte, die es in New York gibt.

Kapitel 9 – 12

Kapitel 9.

Herta Grübel hatte ihre letzte Ruhestätte unter dem Baum gefunden, als der Regen sich noch verschlimmerte. Ich trieb meine Rentner-Herde so schnell ich konnte vor mir her über den Friedhof, geplagt von der Angst, den Rückweg nicht zu finden. Ich begann bereits zu überlegen, welchen meiner Bekannten ich anrufen und um Hilfe bitten könnte, ohne ewigem Spott ausgesetzt zu sein, dass ich mich mit einer Trauergesellschaft im Wald verirrt hatte. Doch wie durch ein Wunder landeten wir so zielgenau wie eine Nasa-Rakete auf dem Mond plötzlich an dem kleinen Weg, der uns zur Straße führen würde.

Ich blickte triumphierend in die Runde und hoffte auf ein Lob von den Rentnern. Diese allerdings starrten allesamt „Gummistiefel“ an, die ihre Beine so fest zusammenkniff, dass sie aussah wie ein großes, rosa X mit Entenstiefeln an den Füßen. Gleichzeitig sprang sie auf und ab, was mir gegen meinen Willen eine gewisse Bewunderung abrang. Die Frau war mindestens 65, wenn nicht älter.

„Hör doch auf so hin- und her zu zappeln!“, herrschte „Lodenmantel“ sie an. „Du siehst aus, als würdest du einen Fruchtbarkeitstanz machen.“ Er sah „Gummistiefel“ gehässig an und fügte bedeutungsvoll hinzu: „In deinem Alter…“

Zwei der Rentnerinnen kicherten hämisch. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass das Grüppchen sich besser kannte, als gut für es war.

Neben mir räusperte sich Helmut Grübel, der irgendwie nicht mehr glücklich aussah. Was ich gut verstehen konnte: Wer diese Freunde hatte, brauchte keine Feinde mehr. Seine nächsten Worte ließen allerdings darauf schließen, dass der Mann eher mich als sein Problem ansah.

„Wo ist der Bus?“

Ich schaute zu der Stelle, wo ich den Kleinbus geparkt hatte. Nichts. Ich schaute den Straßenrand entlang und vorsichtshalber auf die andere Fahrbahnseite. Wieder nichts. Es gab nur eine Erklärung: Wir hatten uns doch verlaufen und waren am falschen Waldausgang gelandet. Hinter mir wurde Murmeln laut. Es klang feindlich.

„Denk doch mal an fließend Wasser“, forderte „Lodenmantel“ kaltherzig „Gummistiefel“ auf, die immer noch hüpfend ihre Beine zusammenpresste. „Und dann setzt du dich hinter einen Stein und lässt laufen. Das dauert hier noch. Ich mache auch höchstens ein Foto.“

Ich versuchte, die Stimmung mit einem Lächeln aufzuheitern, welches mir allerdings in den Mundwinkeln erstarb, als ich in die Gesichter der Rentner blickte. Ein echter Sauerland-Senior verstand keinen Spaß, wenn etwas zwischen ihn und den angekündigten Nachmittagskaffee kam.

In diesem Moment hielt neben mir ein Polizeiauto. Die Fensterscheibe öffnete sich, und Tom Meinert winkte mir zu.

„Suchst du was?“

„Nein“, log ich und tat, als wäre es das Normalste der Welt, im strömenden Regen mit einer Rentnergruppe im Schlepptau am Straßenrand zu stehen. „Wir warten auf den Bus.“

Der ewige Optimist in mir hatte eine Resthoffnung, Tom würde diese Erklärung genügen, er würde das Fenster schließen und weiterfahren. Ich musste mir wirklich angewöhnen, das Schlimmste zu erwarten. Denn es trat wie immer ein.

„Ach so“, bemerkte Tom scheinheilig, während ich mich fragte, warum mir ausgerechnet in diesem Moment auffallen musste, dass der Mann Grübchen hatte, die unglaublich süß aussahen.

„Gerade habe ich mit einer Leihwagenfirma telefoniert, die mir erklärt hat, der Kleinbus, den wir aus dem absoluten Halteverbot abgeschleppt haben, sei auf deinen Namen für eine Bestattungsfahrt gemietet worden. Da müssen die sich wohl vertan haben?“ Zu diesen Worten zeigte Tom auf ein kaum zu übersehendes Halteverbot-Schild hinter mir.

„Ich habe doch gesagt, wir warten auf den Bus. Der Fahrer wollte ihn gesetzesgetreu parken. Was für ein Trottel muss man sein, um so ein riesiges Schild zu übersehen! Bestimmt hat der Idiot sich aus dem Staub gemacht, damit er das Strafmandat nicht zahlen muss. Ich rufe ihn sofort an und bestelle ihn her.“

Tja, wenn Not am Mann war, konnte ich blitzschnell reagieren und schreckte vor einer Notlüge nicht zurück.

„Wenn das so ist, brauche ich dir nicht zu sagen, dass der Kleinbus auf einem offiziellen Parkplatz 100 Meter von hier entfernt steht. Ich habe ihn dorthin abschleppen lassen, weil ich dachte, du bräuchtest ihn noch.“

„Dann wird der Fahrer sicher gleich kommen“, verkündete ich und tat, als würde ich Ausschau nach dem Kleinbus halten. Tom Meinert machte keine Anstalten, weiterzufahren. Das Murren hinter mir wurde lauter. Und feindseliger.

„Musst du nicht Verbrecher jagen? Oder bist du jetzt Politesse?“, herrschte ich Tom an.

„Dienstschluss. Ich habe alle Zeit der Welt.“ Der Mann strahlte, als hätte ich ihm mitgeteilt, seine vor Jahren viel zu früh verstorbene Mutter sei mir am Baumgrab von Herta Grübel erschienen und plane ihre Rückkehr in diese Welt.

„So ein gemütliches Beamtenleben möchte ich auch haben“, maulte ich Tom an. „Der Fahrer ist offensichtlich sehr unzuverlässig. Wahrscheinlich ist er abgehauen. Wir gehen zum Bus, und ich fahre sie nach Hause“, erklärte ich den Rentnern. Offenbar keine Sekunde zu früh, denn ich glaubte, in der Hand des „Riesen-Rentners“ einen großen Stein zu sehen, den er wurfbereit auf mich gerichtet hielt.

„In welcher Richtung ist der Parkplatz?“, fragte ich Tom mit einem Lächeln, so zuckersüß, dass ich Karies davon bekommen würde.

„Dienstschluss“, er zuckte mit den Achseln. „Du weißt doch: Deutsche Beamte rühren nach Dienstschluss keinen Finger mehr.“ Er tat, als müsste er kurz überlegen, dann gab er sein Wissen preis: „Nach rechts, da ist der Parkplatz. Wie viele Gäste hat die Trauergesellschaft?“

„Danke.“ Ich marschierte los und ignorierte die Frage nach der Gästezahl, denn aus den Reihen hinter mir wurde erneut Murren laut, warum es nicht endlich losgehe.

„Herr Polizeioberwachmeister!“ „Gummistiefel“ war neben das Polizeiauto getreten: „Ich würde die Dame gerne wegen Körperverletzung anzeigen.“

Die Frau deutete erst auf mich, dann zeigte sie auf ihre gekreuzten Beine. „Ich hatte vor zwei Wochen eine OP wegen Nierensteinen und die Dame verweigert mir seit weit über einer Stunde den Gang auf die Toilette.“

„Dann kommen sie am besten morgen zu uns aufs Revier. Dort überprüfen wir, ob der Tatbestand der Körperverletzung gegeben ist“, antwortete Tom der Frau ernst, grüßte in die Runde, kurbelte sein Fenster hoch und fuhr endlich weiter.

Ich holte zum wiederholten Male an diesem Tag tief Luft und ging los in Richtung Parkplatz. Ich war kaum zehn Meter gelaufen, als der Polizeiwagen erneut neben mir hielt.

„Du hast Glück, dass ich so gute Laune habe. Und dass ich weiß, dass Rentner, die aufs Klo und auf ihren Kaffee warten müssen, die Aggressionsschwelle eines Rottweilers haben“, grinste Tom mich an. „Deswegen frage ich nicht nach deinem Personenbeförderungsschein.“

Kapitel 10.

Erschöpft, nass und dreckig schloss ich an diesem Abend die Tür zum Haus meiner Eltern auf. So sehr ich sie liebte, so sehr hoffte ich dennoch, dass Oma Irmgard dieses eine Mal nicht mit ihrem Rollator auf mich lauern und mir den Durchgang versperren würde, bis ich ihr alle Geschehnisse meines Tages erzählt hatte. Das Glück war mir wie gewöhnlich nicht hold.

„Wie siehst du denn aus?“, schrie Oma Irmgard begeistert, kaum war ich ins Haus getreten.

Die Frage war berechtigt. An meinen Schuhen klebten noch Teile des Friedhofmorasts. Ebenso an meiner Hose und meiner Jacke. Ich ging allerdings davon aus, dass Oma Irmgards Begeisterungsstürme durch die Reste der zwei Stücke Bienenstich, die an diesem Nachmittag in meinen Haaren gelandet waren, ausgelöst wurden. Die Geschichte dahinter würde ihr – und allen, denen sie es am nächsten Tag in den frühen Morgenstunden in der Bäckerei erzählen würde – gut gefallen.

„Gummistiefel“ hatte mir, nachdem sie die Café-Toilette eine halbe Stunde blockiert und einen Liter Wasser getrunken hatte, erklärt, dass die Baumbeerdigung von Herta Grübel die schlechteste Beerdigung gewesen sei, auf der sie je war. Das fand ich ein wenig ungerecht, da außer der kleinen Verzögerung wegen des abgeschleppten Kleinbusses alles wie geplant gelaufen war. Der Dauerregen war kaum meine Schuld, die Mini-Blase und die Nierensteine von „Gummistiefel“ ebenso nicht.

„Das tut mir leid“, hatte ich bedauernd geäußert, obwohl ich nichts bereute, außer, dass ich „Gummistiefel“ nicht einen Stuhl über den Kopf hatte hauen können. „Wir haben nur die Wünsche von Herrn Grübel für seine verstorbene Frau ausgeführt.“

Ich war selber überrascht gewesen, wie professionell ich klang, dennoch hatte „Gummistiefel“ mich ungläubig angesehen. Was aber nicht an meinen Worten gelegen hatte, sondern an Helmut Grübel, der hinter mir mit einem Teller voll Bienenstich aufgetaucht war.

„Immer, immer, immer hast du etwas zu meckern, Gudrun. Hätte ich dich bloß nicht eingeladen. Dann wäre meine Herta wenigstens ohne dein ewiges Gezeter unter die Erde gekommen!“

Mit diesen Worten hatte er Gudrun „Gummistiefel“ ein Stück Bienenstich in ihr verblüfftes Gesicht geschmiert. Es war eine Sekunde des fassungslosen Schweigens gefolgt.

„Der schöne Bienenstich, was für eine Verschwendung! Hättest du ihn nicht auf jemand Nettes oder Gutaussehendes schmieren können, Helmut?“, hatte „Lodenmantel“ in die Stille hineingefragt.

“Gummistiefel“ war schließlich aus ihrer Schockstarre erwacht, auf Helmut Grübel zugestürmt und hatte ihm den Teller mit dem restlichen Bienenstich aus der Hand gerissen, um ihn nach „Lodenmantel“ zu werfen, der sich allerdings geschickt bückte. Es dürfte klar sein, wo der Bienenstich gelandet war.

„Kind, ich will alles über den Bienenstich wissen!“

Oma Irmgard war offensichtlich bereits über den groben Verlauf meines Nachmittages informiert. Wenn sie mit ihrem Smartphone hätte umgehen können, so hätte ich vermutet, sie habe sich eine Sauerländer-Klatsch-App heruntergeladen.

„Was meinst du damit, Oma?“

Immer erst mal so tun, als wüsste man von nichts.

„Jolande! Du bist mir die zweitliebste Enkelin, aber deswegen kannst du mich noch lange nicht an der Nase rumführen!“

Glaubte die Frau wirklich, dass ich ihr meine Nachmittagserlebnisse erzählen würde, wenn sie mich darauf hinwies, dass sie mir Sofie, meine ältere und seit Jahren verheiratete Schwester, mit ihren drei Rotzblagen, vorzog? Ich sah Oma Irmgard vorwurfsvoll an, versuchte aber auch ein wenig Traurigkeit – immerhin war ich nur zweitliebste Enkelin – in den Blick zu legen.

„Jetzt stell‘ dich nicht so an! Ich weiß eh schon fast alles. Und den Rest kriege ich so oder so raus – entweder von dir oder morgen früh beim Bäcker!“ Oma Irmgard war gnadenlos.

„Woher weißt du was ‚fast alles’?“

Ich versuchte, Zeit zu schinden. Vielleicht hatte meine Mutter das Abendessen – es roch stark nach ihren wunderbaren Frikadellen im Haus – fertig, bevor Oma Irmgard begann, mich mit ihrem Rollator zu foltern, um an Informationen zu kommen.

„Gilda Wassermann hatte heute einen Termin bei der Fußpflege. Sie waren gerade dabei, ihre Hornhäute einweichen zu lassen, als sie mitbekommen hat, dass Olga Ostrowski ihren Termin abgesagt hat, weil sie bei der Beerdigung von Herta Grübel aufgehalten worden sei. Selbstverständlich hat Gilda sie sofort angerufen, um zu fragen, was los sei. Das Hornhaut-Einweichen dauert immer eine Ewigkeit. Da ist man froh über jede Ablenkung. Olga hat Gilda die Sache mit dem Bienenstich erzählt. War klar, dass die Elsters mit ihren ewigen Streitereien vor einer Beerdigung nicht haltmachen.“

Ich kam nicht mehr dazu, zu fragen, wer „die Elsters“ seien, da meine Mutter uns in diesem Moment zum Abendessen rief. Kurze Zeit später saß ich, den Bienenstich notdürftig aus meinen Locken gekämmt und mit sauberer Kleidung, vor einem Teller, der vollgeladen mit Frikadellen, Kartoffeln und Gemüse war. Es war der erste schöne Moment meines Tages. Ich seufzte glücklich, nahm mir aber vor, mir zu einem späteren Zeitpunkt Gedanken darüber zu machen, warum ein Teller Frikadellen das einzig Positive in meinem Leben war. Das Gespräch drehte sich derweil um den Bienenstich und die Elsters.

„Ich konnte Gudrun nie leiden“, erklärte meine Mutter. „Die Frau hat immer etwas zu meckern. Ich habe sie noch nie zufrieden oder glücklich erlebt.“

„Bei dem Mann ist das kein Wunder“, warf Oma Irmgard ein, die heute ein für sie ungewöhnlich dezent in Beige eingefärbtes Kommunionskleid mit zugehörigem Haarband trug. Sie sah aus wie eine ungeschälte Erdnuss.

Ich überlegte. Es war klar, dass es sich bei Gudrun Elster um „Gummistiefel“ handelte. Aber welcher der anwesend gewesenen Herren war ihr Ehemann? Helmut Grübel schied aus. Es blieben „Lodenmantel“ und der „Riesen-Rentner“.

„Wie sieht Herr Elster aus? Ist er fast zwei Meter groß?“, fragte ich zwischen zwei Bissen.

„Nein, der Elster ist klein, dick, hat kaum noch Haare auf dem Kopf. Bei mir hätte der keine Chance. Ich stehe auf große, durchtrainierte Kerle, gerne mit viel Brustbehaarung“, klärte Oma Irmgard mich auf.

Ich ignorierte Oma Irmgards Bemerkung über ihre Männervorlieben, da ich vorhatte, in der Nacht gut zu schlafen und nicht, sie im Traum mit ihrem Rollator hinter einem jungen Bodybuilder herjagen zu sehen. So überlegte ich laut: „“Gummistiefel“ und „Lodenmantel“ sind also verheiratet. Das erklärt so einiges.“

„Es ist mir ein Rätsel, was die Frauen alle an dem Elster finden“, erzählte Oma Irmgard weiter. „Der hat mindestens drei Ehen allein hier in Fennentrop auf dem Gewissen.“

Mir fiel fast die Frikadelle aus dem Mund. „Lodenmantel“ war ein Frauenheld?

„Früher sah er sehr gut aus“, gab meine Mutter ihren Senf dazu, und wir schauten sie verwundert an. Sogar mein Vater runzelte kurz die Stirn, bevor er sich wieder seinen Kartoffeln zuwandte.

„Ich mein ja nur“, verteidigte meine Mutter sich. „Er ist halt nicht gut gealtert. Was einen bei der Frau nicht wundert.“

„Wenn er nur halb so viele Affären hatte, wie man hört, hat er nicht viel Zeit mit ihr verbracht“, entgegnete Oma Irmgard.

„Warum haben die Elsters sich nicht scheiden lassen?“, fragte ich das Offensichtliche.

„Weil man sich im Sauerland nicht scheiden lässt, man sitzt seine Ehe aus. So wie ich mit Opa Kurt“, ließ Oma Irmgard ihre Familie wissen. Dann fügte sie wie eine Drohung an: “Und man geht keine Mischehe mit einem Nicht-Sauerländer ein!“ Sie deutete auf mich: „Warum sollte es dir besser gehen als mir?“

Immer schön, wenn die eigene Familie nur das Beste für einen wollte.

„Wer will Nachtisch? Ich habe einen Apfelkuchen mit Streuseln gebacken“, beendete meine Mutter das Gespräch abrupt und ging in die Küche.

Kapitel 11.

Nach dem Abendessen fühlte ich mich dick und unnütz. Ich hatte auf den nicht unerheblichen Frikadellen-Berg in meinem Magen noch zwei Stücke Apfelkuchen fallen lassen, was eindeutig zu viel gewesen war. Außerdem hatte ich ein sekündlich dringender werdendes Gefühl, dass ich „raus“ musste.

Es waren knapp fünf Monate vergangen, seitdem ich bei meinen Eltern eingezogen war, und ich war kein einziges Mal ausgegangen. Was nicht verwunderte, da es in Fennentrop genau zwei Kneipen gab, die am Abend geöffnet hatten. Die eine war ein Biker-Treff, in den ich mich nicht hineintraute. Die andere war die Bahnhofs-Klause. Als Kind war ich überzeugt gewesen, der Name bedeute, dass in der Gaststätte nur Menschen mit dem Namen „Klaus“ willkommen waren. Später lernte ich, dass dies nicht stimmte. Aber irgendwie doch. Bei meinem einzigen Besuch in der Bahnhofs-Klause hatte ich das Gefühl, dass die über ihren Biergläsern hängenden Männer irgendwie „klausig“ aussahen. Frauen schienen das Etablissement zu meiden, ich war die einzige gewesen.

Es war gerade mal 19.30 Uhr, und ich hatte die Wahl, ins Bett zu gehen oder Oma Irmgard zuzuschauen, wie sie von einem Fernsehsender zum nächsten zappte, um ihre Lieblingswerbung für ein Mittel gegen nächtliche Harnschwäche zu sehen.

Draußen hatte sich die Regenfront verzogen und ein lauer Sommerabend war angebrochen. Ich beschloss, etwas für mich zu tun: Ich würde Joggen gehen. Für irgendetwas musste die reichlich vorhandene Natur da draußen gut sein. Wenigstens kam ich so aus dem Haus „raus“.

Meine erste und letzte Jogging-Erfahrung lag einige Jahre zurück, und wenn ich mich recht entsann, hatte ich nach wenigen hundert Metern erschöpft aufgegeben, da mir alles wehtat. Egal. Mein Gemütszustand und mein Bauchumfang erforderten außergewöhnliche Maßnahmen.

In Ermangelung von Sportsachen zog ich mir meine kurzen Jeans-Shorts an, ein enges, hellgraues, ärmelloses Top und meine pinkfarbenen Converse-Schuhe. Ich hatte noch nie einen Jogger in Fennentrop gesehen und fühlte mich sicher, in meinem wenig sportlichen Aufzug niemandem zu begegnen – im Sauerland wurde spaziert, nicht gerannt.

Ich schlenderte den kleinen Weg vor dem Haus meiner Eltern entlang, das selbstverständlich in bester Hanglage am Waldrand lag, und lief los. Erstaunlicherweise fühle ich mich fit und erhöhte das Tempo nach ein paar Hundert Metern. Obwohl es bergauf ging. Ich schoss wie ein Vogelküken, dem es erstmals gelang, richtig zu fliegen, den Weg entlang. Vielleicht war Joggen meine Berufung? Konnte man das professionell machen? Dies waren meine letzten Gedanken, bevor ich derartiges Seitenstechen bekam, dass ich nicht mehr aufrecht gehen konnte. Zusammengekrümmt hockte ich mich auf den Waldboden und hoffte, der Schmerz werde vorbeigehen. Ging er nicht. Dafür ging Tom Meinert an mir vorbei. Oder besser gesagt: Er joggte an mir vorbei, hielt an, kehrte um und blieb vor mir stehen.

„Schon das zweite Mal an diesem Tag! Ich bin ein Glückspilz!“, sagte er und klang richtig nett. Bis er nachfragte: „Was machst du da auf dem Waldboden? Suchst du Bäume für die nächste Beerdigung aus? Oder machst du eine Lehm-Haarkur gegen Bienenstich-Überreste im Haar?“

Facebook, WhatsApp und andere moderne Kommunikationsmöglichkeiten konnten von der Instant-Verbreitung von Neuigkeiten zwischen Rentnern und Dorfbewohnern in Fennentrop nur träumen.

„Warst du bei der Fußpflege, oder woher hast du deine Information?“, stöhnte ich unter Schmerzen so gehässig ich konnte. „Und wieso joggst du? Solltest du um diese Uhrzeit nicht mit einem Bier vor dem Fernseher sitzen wie jeder ordentliche Sauerländer?“

„Komm, ich helfe dir aufzustehen und bringe dich nach Hause. Was immer du da auf dem Waldboden machst, du siehst aus, als wärst du vor dem Fernseher besser aufgehoben.“

„Ich wollte joggen“, erklärte ich Tom und versuchte aufzustehen, was mir nur mit viel Mühe gelang.

Tom betrachtete mich von oben bis unten.

„In den Klamotten?“, fragte er erstaunt nach. „So wirklich nötig hast du es nicht“, fügte er an und musterte mich nochmals ausgiebig, so dass ich noch röter im Gesicht wurde. Der Mann hatte mich schließlich schon mal nackt gesehen.

„Du kennst den Apfelkuchen meiner Mutter nicht. Wer dem mehr als einmal im Jahr ausgesetzt ist, der muss sich bewegen.“

Tom grinste. „Ok, mütterlicher Apfelkuchen kann ein Grund fürs Joggen sein, aber zieh dir nächstes Mal vernünftige Sportschuhe an.“

Er legte seinen Arm um mich, um mich zu stützen, was ich dankbar annahm, bis mir bewusst wurde, dass ich mit meinem Mini-Top und der Mini-Jeans so gut wie nackt war. Was mich in einer anderen Situation nicht gestört hätte. Aber wie so oft in meinem Leben passierte das Falsche zum falschen Zeitpunkt.

Wir gingen schweigend den Weg bis zu meinem Elternhaus, wo Tom sich verabschiedete und wieder in Richtung Wald joggte. Ich sah ihm nach und verspürte ein ungutes, flaues Gefühl in meinem Magen. Der Mann sah sogar in einer kurzen Sporthose unverschämt sexy aus. Ich durfte mich auf keinen Fall in ihn verlieben! Mit meiner unerfüllten Schwärmerei für Tom hatte ich bereits meine gesamte Jugend verschwendet. Andererseits, dachte ich betrübt, hätte ich wenigstens eine Ablenkung von meinem tristen Sauerlandleben, wenn ich mich wieder nach Tom Meinert verzehren würde. Außerdem: Nahm man nicht ab, wenn man verliebt war? Dann konnte ich mir dieses verdammte Joggen sparen.

Kapitel 12.

„Gleich“, Rosie nippte nervös an ihrem Sektglas. „Gleich bückt er sich!“

Wir schauten gespannt aus dem Fenster in den Hinterhof des Bestattungsunternehmens. Dort stand Fred, der neue Fahrer, und wusch einen der Leichenwagen. Fred war groß, muskulös, hatte lange schwarze Haare, die er zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden trug, und einen Drei-Tage-Bart. Eine schwarze Jeans und ein schwarzes, enges T-Shirt vollendeten seinen Anblick. Er sah so aus, wie Rudi Spitz in seinen kühnsten Träumen meinte auszusehen.

Als Rosie mir an diesem Morgen Fred mit einem Gesichtsausdruck, der stark an einen Hund erinnerte, der einen Mordsknochen vor sich hatte, vorgestellt hatte, konnte ich meinen Augen kaum trauen.

„Rosie, komm sei ehrlich, der ist nicht echt! Den hast du für uns aus einem Katalog bestellt“, hatte ich meine Kollegin beschuldigt, kaum hatte Fred für einen kurzen Moment den Raum verlassen.

„Wenn man so einen bestellen könnte, hättest du deinen Job nicht. Dann säßen hier drei von den Typen rum“, hatte Rosie mir geantwortet und, meinen bösen Blick ignorierend, weitergesprochen: „Als ich seine Bewerbung in den Händen hielt, wusste ich plötzlich, wie sich Lottogewinner fühlen, die den Millionen-Jackpot geknackt haben. Den musste ich einfach einstellen. Ich habe nicht mal nachgeschaut, ob er überhaupt zur Schule gegangen ist. Oder einen Führerschein hat.“

Und nun stand Fred an seinem ersten Arbeitstag im Hinterhof und wusch Leichenwagen.

Rosie seufzte und nippte zufrieden an ihrem Sektglas. „So macht mir mein Job Spaß.“

Fred richtete sich langsam auf und wischte sich über die Stirn. Es war mindestens 35 Grad heiß, und die Sonne brannte vom Himmel.

„Muss der Arme die Leichenwagen jeden Tag oder einmal in der Woche waschen?“, fragte ich Rosie, teils weil ich Mitleid mit unserem neuen Mitarbeiter hatte, teils weil ich hoffte, mindestens einmal in der Woche „Männer-Kino“ präsentiert zu bekommen.

„Gar nicht. Leider. Die Leichenwagen fahren in die Waschstraße wie alle anderen Autos auch. Das Waschen habe ich uns heute mal gegönnt.“

Rosie nippte erneut an ihrem Sekt, während Fred draußen weiter schwitzend an dem Auto herumwischte.

„Meinst du, er hat italienische Wurzeln?“, überlegte ich in Anspielung an seine schwarzen Haare.

„Bestimmt. Vielleicht ist sein Vater ein Mafiosi!“ Man konnte förmlich sehen, wie Rosies Fantasie Salto schlug.

„Vielleicht ist er selber Mafiosi!“, schlug ich vor.

„Und was macht er hier im Sauerland?“, brachte Rosie uns auf den Boden der Tatsachen zurück.

„Vielleicht ist er von der Mafiosi-Krankenkasse wegen Überarbeitung zur Kur geschickt worden? Zu viele Leichen, du weißt schon. Eine Art ‚Mafiosi-Kinderlandverschickung‘“, vermutete ich.

„Und die Kur macht er in einem Bestattungsunternehmen, damit er nicht ganz den Umgang mit Leichen verlernt oder warum?“, fragte Rosie ironisch nach.

Wir begannen beide zu kichern. Fred drehte sich im gleichen Moment um und schien zu uns ins Büro zu schauen. Ich duckte mich automatisch, als hätte meine Mutter mich als Teenager beim Rauchen erwischt.

„Bist du sicher, dass er uns nicht sehen kann?“, wollte ich von Rosie wissen. Obwohl ich angeheitert von dem Sekt war, wäre es mir peinlich gewesen, wenn Fred uns hätte sehen können, wie wir ihn lüstern betrachteten.

„Nein, auf keinen Fall. Das ist ein Bestattungsunternehmen. Die Fenster sind verspiegelt. Niemand kann von draußen sehen, was drinnen vorgeht.“

Ich überlegte. „Wenn er ein echter Mann ist und sich unbeobachtet fühlt, dann hat er gerade einen fahren lassen. Da draußen stinkt es wie im Schweinestall.“

Rosie sah mich tadelnd an. „Alles musst du einem kaputtmachen.“

 

*

Kurze Zeit später saß ich an meinem Schreibtisch und träumte von Fred, der nur eine Schwäche zu haben schien: Er wusch deutlich zu schnell Leichenwagen. Es waren noch fast zwei Stunden bis Dienstschluss, und ich überlegte, ob ich die Parkettteile in meinem Büro zählen sollte, oder ob ich es wagen könnte, ein Nickerchen in meinem Bürostuhl zu machen. Es schien eine goldene Regel des Bestattungsgewerbes zu sein, dass man Trauerfeiern und Beerdigungen nur vormittags plante. Ich zumindest hatte am Nachmittag noch nie einen Kunden gehabt.

Das Telefon schreckte mich aus meinen Träumen hoch. Es war fast eine liebe Gewohnheit geworden, dass ich unsanft mit meinem Stuhl gegen die Wand knallte. Als wolle mir das Schicksal sagen, dass ich nach ein paar Wochen in meinem neuen Beruf keinen blassen Schimmer hatte, was ich tat, hörte ich Rosie flöten, ein Kunde sei auf dem Weg zu mir. An ihrer Tonlage konnte ich erkennen, dass mein Kunde mindestens in einer Liga mit Bernhardiner Fritz und seinem Frauchen Elvira Klein spielte.

In mein Büro spazierten wenige Sekunden später Hans Müllermann und Erwin Patsche. Zwei ältere Herren mit grau melierten Haaren, perfekt sitzenden, hellen Anzügen, Einstecktüchern und Panama-Hüten auf dem Kopf. Die beiden sahen aus wie „Der große Gatsby“ trifft „Das doppelte Lottchen“. Im tiefsten Sauerland.

Es gab niemanden in Fennentrop, der die beiden nicht kannte. Was daran lag, dass Hans Müllermann der Besitzer des örtlichen Supermarktes mit angeschlossener Bäckerei (und damit die Schnittstelle allen Tratsches) war. Erwin Patsche seinerseits war Bauunternehmer, und wer im Sauerland einen Stein bewegen wollte, kam an ihm nicht vorbei. Doch das war nicht alles. Die Tatsache, dass die beiden von einer Aura der verruchten Hollywood-Stars umgeben wurden, lag an etwas anderem: Die Herren waren stockschwul und hatten ihr Coming-Out gehabt, lange bevor die meisten Menschen wussten, dass es das Wort überhaupt gab. Geschweige denn, was es bedeutete.

„Hallöchen!“, begrüßte Erwin Patsche mich in einer Tonlage, als wolle er ein Glas zersprengen.

„Ebenfalls Hallöchen!“, tat Hans Müllermann es ihm nach und winkte mir affektiert zu.

„Guten Tag“, entgegnete ich förmlich. „Ich hole Ihnen schnell einen Stuhl.“

Und da sollte mir noch jemand sagen, ich hätte nichts gelernt bislang. Kaum hatte ich die Sitzgelegenheit herbeigeschafft, bot ich den beiden etwas zu trinken an und hoffte inständig, sie würden nicht nach Sekt verlangen, da ich bei einem weiteren Glas Sekt zu lallen beginnen würde. Ich konnte meine Kunden unmöglich allein trinken lassen. Das verbot mir meine gute Erziehung.

Schließlich saß ich vor den beiden Herren, die jeweils ein Glas Wasser und einen Kaffee vor sich stehen hatten, und fragte so seriös ich konnte: „Was kann ich für sie tun?“

Die beiden sahen sich an.

„Wir möchten unsere Beerdigung planen. Etwas Besonderes.“

„Da sind sie bei mir richtig.“

Erwin Patsche nahm Hans Müllermanns Hand und sagte: „Wir haben neulich etwas in der Zeitung gelesen, das möchten wir auch.“

„Und das wäre?“

„Es soll möglich sein, seinen Sarg bemalen und verzieren zu lassen?“ Erwin Patsche klang verunsichert wie ein Schuljunge, der zum Direktor gerufen worden war.

„Natürlich!“ Ich fühlte mich wie eine Enten-Mutter, die ihre Küken vor der ersten Straßenüberquerung beruhigen musste. Waren die beiden älteren Herren nicht süß in ihrer Verlegenheit? Nach all den gemeinsamen Jahren! Und wo Schwulsein doch geradezu „in“ war. „Das ist überhaupt kein Problem. Wir haben beste Kontakte zu Sargherstellern, die jeden Wunsch erfüllen. Was möchten Sie denn auf Ihren Sarg gemalt haben?“

„Zwei Schwänze“, erklärte Hans Müllermann ohne mit der Wimper zu zucken. Offenbar war nur Erwin Patsche verschämt.

Ich hoffte inständig, der Mann würde von Fuchsschwänzen oder Ähnlichem reden.

„Am liebsten ineinander verschlungen. Ja, ineinander verschlungene Männerschwänze. Da weiß jeder gleich, mit was für einem Grab er es zu tun hat“, ergänzte Erwin Patsche, der seine Scham von einer Sekunde auf die nächste verloren zu haben schien.

„Oder geht das als Verzierung, dass die Schwänze aus dem Sarg rauskommen? Eine Skulptur sozusagen!“, ereiferte sich Hans Müllermann.

Ich war der Überzeugung gewesen, dass ich modern, aufgeklärt und nicht leicht zu verunsichern sei. In diesem Moment jedoch spürte ich, wie mir die Schamesröte ins Gesicht stieg. Da ich den beiden Schwanz-Opas unmöglich in die Augen sehen konnte, konzentrierte ich mich auf die Kaffeetasse vor Erwin Patsche, auf die ein paar unschuldige Blumen gemalt waren.

„Dann könnte man die Schamhaare herausarbeiten lassen, was meinst du?“, fragte Hans Müllermann seinen Partner, als würde er übers Wetter reden. „So richtig buschig.“

„Eine wunderbare Idee!“, rief Erwin Patsche glücklich aus. Dann aber gab er zu bedenken: „Wenn die Schwänze aus dem Sarg herausgearbeitet werden, sollen sie dann fest oder schlaff sein?“

Ich konnte unmöglich länger in dem Raum bleiben. Mein Gesicht war so rot wie ein Feuerwehrauto, und die Tasse vor Erwin Patsche schien ein Eigenleben zu entwickeln, bei dem die Blumen aus ihr herauswuchsen.

„Einen kurzen Moment“, stammelte ich und stand auf. „Ich müsste meine Kollegin etwas fragen.“

Mit diesen Worten rannte ich derartig schnell aus meinem Büro, dass ich dem Feuerwehrauto nicht nur in Sachen Farbe Konkurrenz bot.

Draußen atmete ich tief durch. Dann ging ich zu Rosie und erzählte ihr von den „besonderen“ Wünschen meiner neuesten Kunden.

„Wie bitte?“, fragte sie ungläubig.

„Schwänze mit Schamhaaren. Als Skulptur. Schamhaare herausgearbeitet. Buschig!“, erklärte ich ihr ebenso empört wie lautstark, als sich hinter mir jemand räusperte.

„Wunderbar“, dachte ich, „dann können die beiden perversen Opis sich mit Rosie auseinandersetzen. Die wird sie in Grund und Boden starren!“

„Ich wollte nur fragen, ob es noch irgendetwas für mich zu tun gibt, bevor ich nach Hause gehe. Vielleicht ein paar Skulpturen waschen? Oder die Büsche draußen am Eingang buschig schneiden?“

Es war Fred, der vollkommen ungerührt und ernst hinter mir stand. Es war der erste Satz, den er an diesem Tag gesprochen hatte.

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