Sensationeller Zufallsfund!!!!!

Neben dem neuen Schwiegermutter-Buch ist die Hauptattraktion in unserem Leben zur Zeit der Besuch aus Deutschland. Mit dem machen wir Dubai-Sightseeing pur, etwas, was ich seit einigen Jahren nicht mehr gemacht habe, da die Besucherströme der Anfänge seit längerem verebbt sind. Zu meiner eigenen Überraschung macht das Touristen-Programm nach einer Pause wieder richtig Spaß. Und man lernt Neues über die Stadt, die man seit über sieben Jahren seine Heimat nennt.

So waren wir am Wochenende am Creek in Deira – Standort von so geliebten wie gefürchteten Touristenfallen wie dem Gold- und dem Gewürzsouk. Selbstverständlich habe ich ordentlich Fotos gemacht, allein schon um die drei Mädels (zwei eigene und das Besuchskind) zu nerven. Wie oft hat man als Mutter schon die Gelegenheit zurückzuschlagen? Weiterlesen

Ich. Bin. Sauer!

Besuch aus Deutschland, wir bieten das volle Programm – und ich muss erkennen, dass ich auch nach über sieben Jahren in Dubai immer noch neues lernen kann. Gestern zum Beispiel habe ich gelernt, wie ein Kamel aussieht, das überhaupt und gar keine Lust hat, Touristen auf seinem Rücken durch die Wüste zu schaukeln. Unter uns gesagt, ich hatte Respekt. Auch wenn ich bei dem Zahnstatus das Maul nicht so weit aufreißen würde! Weiterlesen

Es weihnachtet sehr. SEHR!!!

Es weihnachtet

Ich bin im Stress. Genau. Im Weihnachtsstress. Denn meine liebe Familie hat sich in diesem Jahr entschlossen, das für Unmöglich geglaubte zu wagen und auf das heißgeliebte, tief verschneite Weihnachten in Deutschland („Aber Papa, im Ruhrgebiet schneit es doch fast nie zu Weihnachten“) zu verzichten und – wieder genau – in Dubai zu feiern. Bei mir. Das hat mich ungemein gefreut, bis ich Ende vergangener Woche festgestellt habe, dass ich vielleicht mit ein paar Vorbereitungen beginnen sollte. Und dass ich weder Handtücher, noch Bettwäsche oder auch nur genügend Schlafstellen für die 5 Familienmitglieder habe, die bei mir im Haus wohnen werden. Weiterlesen

Ohne Moos nix los

Ich habe zur Zeit Besuch aus Deutschland. Eine Freundin aus dem Studium. Ihre erste Frage, gleich beim Abholen am Flughafen:

„Schreibst Du nächste Woche auch was über mich im Blog?“

Noch bevor ich antworten konnte, fuhr sie fort:

„Dann aber nur mit geändertem Namen!“

Ich muss sagen, ich bin betroffen, wütend und auch irgendwie traurig. Ist mein Blog so schlecht? Oder verbreite ich Unwahrheiten über mein Leben in Dubai? Dass dem nicht so ist, davon konnte mein Freundin sich gleich im Parkhaus überzeugen.

Brav hatten wir uns in die Schlange der wartenden Autos eingereiht, die aus dem Parkhaus raus wollten. Vor der Ausfahrt aus dem Parkhaus sollte man allerdings bezahlen, was ja so ungewöhnlich für ein Parkhaus nicht ist. An der Schranke saß ein freundlicher Inder, dem man das Geld für die „verparkte“ Zeit in die Hand drücken musste.

Plötzlich allerdings kam unsere Schlange zum Stillstand und nach einem kurzen Wortwechsel mit dem Fahrer des Autos direkt an der Ausfahrt, stand der freundlich Inder mit nicht mehr ganz so freundlichem Gesichtsausdruck auf und winkte den wartenden Autos zurückzufahren, damit der Mann wieder ins Parkhaus zurückfahren konnte.

Nun ist es in Dubai so, dass niemand freiwillig auch nur einen in einer Warteschlange erkämpfen Zentimeter wieder hergibt und es dauerte ein wenig, bis die ersten Autos sehr langsam zurückfuhren. Genug Zeit, über den Grund des Sinneswechsels des Fahrers zu spekulieren.

Hatte er vergessen, dass er ja eigentlich jemand am Flughafen abholen wollte und hatte sich ohne die abzuholende Person wieder auf den Heimweg gemacht? Hatte er die falsche Person abgeholt? Saß er im falschen Auto? Musste er auf Toilette?

Die Lösung war viel einfacher.

„Der hat kein Geld mit – gar kein Geld“, erklärte und der ehemals freundliche Inder mit leicht angesäuertem Gesichtsausdruck, während er versuchte die leicht störrischen anderen Autofahrer zum Zurücksetzen zu überreden.

„Siehste“, sagte ich zu meiner Freundin. „Die sind hier wirklich alle so bescheuert, wie ich immer schreibe.“

Und obwohl ich nichts als die Wahrheit schreibe, darf ich ihren Namen trotzdem nicht nennen. Zur Strafe muss sie dann aber auch für mich arbeiten. Und was das ist und was Ihr davon habt, das schreib ich morgen.

P.S. Ungeklärt bleibt, was mit dem Fahrer ohne Geld passiert ist. Ob der nächste Woche, wenn ich meine Freundin zum Flughafen bringe, immer noch im Parkhaus seine Runden dreht?

Mama ist die Beste!

Bei Mama schmeckt es am besten! Seufz. Also im Fall von meiner Mama stimmte das auf jeden Fall, die hat super gekocht und noch heute denke ich gerne zurück an ihren legendären Sauerbraten.

Nun ist meine Mutter schon vor langer Zeit gestorben, ich kann aber trotzdem mit großer Gewissheit sagen, dass ich selbst für ihren Sauerbraten nicht den Aufwand betrieben hätte, den einigen indischen und pakistanischen Expats in Dubai das selbstgekochte Essen von Muttern wert ist.

Da wäre zum Beispiel Obaid Rathore aus der pakistanischen Provinz Punjab, der, seit er in Dubai lebt, noch nicht einen Tag auf das selbstgekochte Essen seiner Mama – die immer noch in Punjab lebt – verzichtet hat. Rathore ist seit 4,5 Jahren in Dubai.

Mama packt ihm immer einen tiefgefrorenen 2-Wochen-Vorat an Kebabs, Curries und Reis ein und schickt ihn dann per „Luftpost“ mit Freunden und Bekannten, die nach Dubai reisen, zum Sohnemann. Der nimmt das ganze, immer noch tiefgefroren, am Flughafen in Empfang und taut sich zu Hause auf, was er so braucht.

Und Obaid Rathore ist nicht allein, laut einem Zeitungsbericht gibt es zahllose Junggesellen, die sich in Dubai auf diesem Wege mit Essen aus der Heimat versorgen. Ich frage mich allerdings doch, wie viele Freunde haben diese Leute und wie oft fliegen die? Ich bin ja schon froh, wenn ich zwei Mal im Jahr Besuch bekomme und den so rechtzeitig, dass er mir die Zutaten für die Weihnachtsbäckerei mitbringen kann.

Kapitel Eins – Teil 3

In diesem Moment passierte es: Igerich, der versucht hatte, mein Weinglas vor mir auf den Couchtisch zu stellen, hatte die Kontrolle über die Knabbereien in seiner anderen Hand verloren und die geöffnete Rotweinflasche bei seinem Versuch, zu retten was zu retten war, umgestoßen. Nun lief der schöne, rote Wein auf dem weißen Teppich aus und ich sah meine Chancen schwinden, an diesem Abend noch ein entspannendes Glas Wein trinken zu können.

„Iiiiiiiiiiigerich!“

Ingrid stieß einen spitzen Schrei aus, der mich an den Kampfschrei aus alten Indianer-Filmen erinnerte. Tatsächlich hatte der Tumult, der nun folgte, eine gewisse Ähnlichkeit mit Massen-Kampfszenen in Filmen.

„Nicht schon wieder! Jedes Mal ist es das Gleiche mit dir!“, tadelte Ingrid ihren Mann wie ein kleines Kind, während sie ihren fülligen Körper mit überraschender Leichtigkeit vom Sofa hochhievte.

„Alarmstufe Rot!“, schrie sie, ohne irgendjemand im Raum persönlich anzusprechen.

Trotzdem sprangen sowohl mein Hase als auch Igerich wie von der Tarantel gestochen auf und rannten in die Küche. Um in der allgemeinen Aufregung nicht aufzufallen, stand ich ebenfalls auf. Derweil kamen die beiden Männer mit diversen Sprayflaschen und Tüchern bewaffnet wieder aus der Küche. Ingrid nahm alles schnell aber huldvoll entgegen und das war das Letzte was ich für die nächste halbe Stunde von ihr sah. Oder zumindest von ihrem Gesicht. Mit wiederum überraschender Leichtigkeit kniete sie neben dem Couchtisch nieder und begann, den Rotweinfleck mit Hilfe der Sprays und Tücher zu bearbeiten. Also, ich nehme an, dass es das war, was sie machte, da der Blick auf den Ort des Geschehens von ihrem riesigen Hinterteil verdeckt wurde.

Während wir anderen verlegen weiter „Wetten, dass…?“ schauten, murmelte Ingrid leise Verwünschungen gegen ihren Mann vor sich hin und bearbeitete den Teppich. Ich war kurz versucht, zu sagen: „Wetten, dass deine Mutter es schafft, den Fleck aus dem Teppich zu kriegen?“, aber irgendwie war die Situation nicht nach Scherzen. Schließlich erhob sich Ingrid vom Boden, blickte Igerich streng an und sagte:

„Nächstes Mal gehst du zweimal.“

Dann nahm sie sich den Beutel mit den Schokoriegeln, ließ sich wieder auf das Sofa fallen und verbrachte den Rest des Abends schweigend, was in ihrem Fall nicht unhöflich war, da sie den Mund ständig voll hatte. Der Versuch Igerichs, eine neue Flasche Wein zu holen, wurde von Ingrid mit einem einzigen strengen Blick unterbunden. Der Abend endete für mich wie vermutet auf dem Trockenen.

Nach „Wetten, dass…?“ schauten wir noch die Ziehung der Lottozahlen und irgendwie fühlte ich mich wieder wie damals, als ich zehn Jahre alt war und mit meiner Mutter Samstagabends auf dem Sofa saß: Wir schauten das Fernsehprogramm ihrer Wahl, sie trank dabei Likör und aß Kekse – beides für mich streng verboten, da ich ja noch ein Kind war. Mein erster Abend mit meinen Schwiegereltern unterschied sich von meinen Kindheitserinnerungen nur dadurch, dass ich mittlerweile über 30 Jahre alt war und mich bis zu diesem Wochenende erwachsen gefühlt hatte.

Aber auch dieser Abend war irgendwann vorbei und endlich war ich mit meinem Schatz allein in unserem Schlafzimmer – insgeheim hatte ich bereits damit gerechnet, dass wir getrennt schlafen müssten, aber entweder war Ingrid so voll von den ganzen Süßigkeiten, dass sie vergessen hatte, Wert auf Sitte und Anstand zu legen oder sie war zumindest nicht spießig. Ich vermutete Ersteres.

„Da hast du mich ja schön reingelegt“, kicherte ich los, kaum war die Schlafzimmertür zu. „Unendlich gemein zwar, mit den Gefühlen und Ängsten der Frau seiner Träume so zu spielen, aber Gott sei Dank habe ich ja einen Sinn für schwarzen Humor.“

Ich warf mich aufs Bett und war fast so etwas wie gut gelaunt. Mein Hase sah mich derweil an, als hätte ich ihm gerade vollkommen unvermittelt mitgeteilt, dass ich bis vor zwei Jahren ein Mann gewesen sei.

„Wieso reingelegt? Hast du heimlich in der Küche getrunken oder habe ich was nicht mitgekriegt?“

„Na, deine Eltern. Jetzt kannst du wirklich aufhören. Ich hab es verstanden, der Spaß ist vorbei!“

„Welcher Spaß? Was ist mit meinen Eltern? Ich habe keine Ahnung wovon du redest!“ Rigoletto wirkte nun leicht ungeduldig.

Ich versuchte, im Halbdunkel des Zimmers sein Gesicht zu erkennen, ob er vielleicht Probleme hatte das Lachen zu unterdrücken und seine Mundwinkel verräterisch zuckten. Aber da war nur blankes Unverständnis in seinem Gesicht.

Jetzt gab es genau zwei Möglichkeiten: Mein Freund hatte seinen Beruf verfehlt, weil er in Wirklichkeit der beste Schauspieler der Welt war, oder er und seine Familie gehörten einem obskuren Kult an, der ihnen jeglichen Sinn für die Realität und normales Benehmen nahm. Da Rigoletto mir an meinem Geburtstag mein Geschenk am Vorabend gegeben hatte, nur weil er es nicht mehr aushielt, mir nicht zu sagen was es war, kam große Schauspielkunst wohl nicht in Frage. Blieb nur der Kult als Erklärung für sein merkwürdiges Verhalten.

Ich wählte meine nächsten Worte sehr, sehr vorsichtig. Man weiß nie, wann diese religiösen Fanatiker umschwenkten, eine Knarre rausholten und die Ungläubigen über den Haufen ballerten.

„Na ja, ich dachte, weil du doch meintest, deine Mutter sei so unheimlich diszipliniert und da habe ich mich gewundert, dass sie so viele Süßigkeiten gegessen hat. Der Fernseher war auch den ganzen Abend an, wir haben gar nicht so viel…mmmh… geredet oder diskutiert.“

Was freundlich ausgedrückt war, denn das Einzige was an diesem Abend besprochen wurde, war die Wette, bei der ein Mann Zahnpasta am Geruch erkannt hatte. Was für mich irgendwie nicht in die Kategorie „Lösung der großen Probleme der Welt“ gehörte.

„Was haben denn ein paar Schokoriegel und Chips vor dem Fernseher  mit Disziplin zu tun, meine Mutter kann es sich eben erlauben. Und das Fernsehen hat sie nur dir zuliebe angemacht, weil du doch beim Fernsehen arbeitest.“

Eindeutig: Kult. Religiöse Verirrung. Gehirnwäsche. Oder lag ich wirklich so falsch mit meiner Einstellung, dass, wenn man bereits 130 Kilo bei 160 cm Körpergröße wog, man es sich nicht erlauben konnte, ein Kilo Süßkram am Abend zu essen und dass es schon etwas mit mangelnder Disziplin zu tun hatte, wenn man es doch tat?

Ich sah meinen Prinzen an. Ich war immer noch verliebt und ich wollte immer noch glücklich bis an das Lebensende werden. Mit ihm. Nicht mit irgendwem. Wobei das „irgendwem“ sich auf seine Mutter bezog. Ich konnte einen tiefen Seufzer nicht unterdrücken. Tapfer verdrängte ich die Beobachtungen seiner Familie. Ich würde diesen Besuch überstehen und weiterhin alles in meiner Macht tun, einen guten Eindruck zu machen. Bei Rigoletto und seinen Eltern. Ich hatte schon ganz andere Sachen geschafft.

„Das ist ja so nett von deiner Mutter, dass sie extra für mich „Wetten, dass…?“ geschaut hat. Aber vielleicht kannst du ihr ja sagen, dass sie sich nicht jeden Abend für mich opfern muss?“

Kapitel Eins – Teil 4

Ich schlief in dieser Nacht weder besonders gut noch besonders viel. Was nicht daran lag, dass ich mir zu diesem Zeitpunkt bereits fürchterliche Sorgen um das weitere Verhältnis zu der Frau machte, die – wenn es nach mir ging – mal meine Schwiegermutter werden sollte. Ich war zwar irritiert – gut, geschockt -, dass Rigolettos Mutter so ganz anders war, als er sie beschrieben hatte, aber bislang war ich mit allen Menschen, die ich in meinem Leben getroffen hatte, mehr oder weniger gut zu Recht gekommen. Ich hatte keine Todfeinde und war mir sicher, dass ich mir auch keine machen würde. Vor allem nicht meine Schwiegereltern.

Meine Schlaflosigkeit lag einzig an der unglaublichen Hitze in unserem Schlafzimmer. Da Ingrid mir vor dem zu Bett gehen noch streng verboten hatte, die Fenster zu öffnen, da man dann „gutes Geld zum Fenster raus heize“ lag ich nun schwitzend neben meinem Freund, der offensichtlich noch aus seiner Kindheit an tropisches Klima im Schlafzimmer gewöhnt war und schlief wie ein Baby. Um mein Leid irgendwie zu verbessern, zog ich mich komplett aus. Als das nichts half, öffnete ich die Tür unseres Zimmers, um ein wenig frische Luft hereinzulassen. Da die anderen Zimmer genauso überheizt waren, brachte das natürlich nichts. Hinein ließ ich allerdings etwas anderes.

Ein lautes, unheimliches Geräusch erfüllte plötzlich das Schlafzimmer. Es hörte sich ein bisschen an, wie die Laute, die aus dem Schweinestall des Bauern in der Nachbarschaft meines Elternhauses kamen, wenn man nachts einen Stein gegen die Scheiben warf. Nicht, dass ich so etwas jemals gemacht hätte, aber rein zufällig wusste ich, dass dann unter Umständen ein ungeheures Grunzen in schrillsten Tonlagen losgehen konnte, bevor ein Teil der Schweine tot vor Schreck umfiel.

Bei meiner Ankunft im Hause Hasenbein hatte ich nirgends einen Schweinestall gesehen. Damit gab es nur noch eine Möglichkeit, die Geräusche zu erklären. Irgendjemand schnarchte und zwar so, wie ich noch nie jemand hatte schnarchen hören. Vollkommen gebannt saß ich, nackt wie Gott mich geschaffen hatte, auf dem Bett und lauschte. Ich konnte nicht glauben, dass ein einzelner Mensch fähig war, derartige Laute zu produzieren. Ingrid oder Igerich? Oder beide?

Zärtlich blickte ich zu meinem Hasen hinüber, dessen Kopf still auf seinem Kissen ruhte. Gott sei Dank schnarchte er nicht. Plötzlich zuckte Rigoletto jedoch zusammen, schüttelte seinen Kopf und stieß einen lauten Schnarcher aus, als wolle er mir seine direkte Verwandtschaft mit den Grunzkönigen in den anderen Zimmern beweisen. Dann drehte er sich auf die Seite und war wieder vollkommen ruhig. Ich konnte einen erneuten tiefen Seufzer nicht unterdrücken und verbrachte eine weitere, ruhelose halbe Stunde damit, konzentriert nachzudenken, ob ich schon mal irgendwo gehört hatte, dass Schnarchen dominant vererbbar war.

Irgendwann begann ich dann doch langsam wegzudämmern, als mich ein neuer, furchtbarer Gedanke aufschrecken lies. Wenn mein Hase wirklich fand, dass sich seine eindeutig übergewichtige Mutter eine eindeutig riesige Menge Süßigkeiten am Abend ohne Probleme leisten konnte, hieß das nicht im Umkehrschluss, dass ich auch eindeutig zu dick war und er mir, wenn ich über meine fünf Kilo zu viel auf der Waage stöhnte, nur sagte, dass ich eine gute Figur hätte, weil er offensichtlich die Welt durch eine Zerrbrille sah? Vielleicht war ich schon längst genauso dick wie seine Mutter, mein Hase hatte es nur nicht gemerkt, da Übergewicht in seiner Familie erst anfing, wenn man einen Kran brauchte, um das Haus zu verlassen? Wie bei Frauen üblich, reihte sich sofort der nächste Schreckensgedanke in die Reihe meiner neu aufgeworfenen Schönheitsfragen ein. Sahen meine Haare wirklich so schlimm aus? Ich lag eine weitere Stunde wach und kniff mich selber immer wieder zweifelnd in die kleinen Röllchen an meinen Bauch, bevor ich endlich einschlief. Womit ich nicht mehr wirklich gerechnet hatte in dieser Nacht, da ich es nicht mehr wagte, meinen Kopf auf das Kopfkissen zu legen. Ich hatte mal in einer Frauenzeitschrift gelesen, dass der ständige Druck auf die Haarwurzeln in der Nacht zu Haarausfall führen könnte.

Der nächste Morgen begann wie der Abend zuvor geendet hatte: schrecklich.

Ingrid stolzierte fröhlich durch die immer noch geöffnete Tür in unser Schlafzimmer, wo ich nackt und verschwitzt mit erhobenem Kopf auf dem Bett lag. Ein weiterer Albtraum war wahr geworden: Meine Vielleicht-Schwiegermutter hatte mich weniger als zwölf Stunden nach dem Kennenlernen nackt gesehen. Und diesmal war es auch noch meine eigene Schuld, hatte ich die Zimmertür doch selber geöffnet. Immerhin, Ingrid zeigte einen Ansatz von Menschlichkeit und ließ mich nur kurz wissen, dass das Frühstück fertig sei. Ein Kopfschütteln, bei dem ihre Haare wie eine überdimensionale Afro-Krause auf ihrem Kopf tanzten, konnte sie sich beim Rausgehen allerdings nicht verkneifen.

Ich weckte Rigoletto schnell auf, damit ich nicht schon wieder zu spät zum Essen erschien, und wenig später saßen wir gemeinsam mit seinen Eltern am Tisch. Es schien fast, als hatte ich den letzten Abend nur geträumt. Ich bekam zur gleichen Zeit das gleiche Essen und Trinken in ausreichender Menge wie alle anderen und wir unterhielten uns über das Wetter. Alles ganz normal. Bis zu dem Moment, als ich interessiert – ich war wieder ganz bei der Sache und wollte meine möglichen Schwiegereltern durch Höflichkeit bezirzen – fragte, was genau Ingrid denn beruflich mache.

Rigoletto hatte bislang vage etwas von selbstständiger Geschäftsfrau im Pharmabereich gesagt und so dachte ich mir, mit ein wenig Interesse an ihrer Person und ihrem Leben könnte ich sicherlich bei Ingrid punkten. Hätte ich geahnt, was sich aus dieser harmlos gemeinten Frage ergeben sollte, ich hätte sie nicht bei diesem Frühstück und überhaupt niemals gestellt.

„Ich betreibe einen Handel für Heilkräuter“, antwortete Ingrid stolz.

„Oh, wie interessant“, sagte ich, da ich nach Rigolettos Unverständnis am Abend zuvor wieder glauben musste, wenigstens etwas an seinen Ausführungen über die disziplinierte, erfolgreiche Frau von Welt, die seine Mutter sein sollte, würde stimmen.

„Importierst du die aus China und verkaufst sie hier an Apotheken?“

Ich persönlich konnte mit Heilkräutern nichts anfangen und interessierte mich nicht dafür. Für mich war ein aufgebrühter Tee aus Heilkräutern schlicht ein Gesöff, das so schrecklich schmeckte, dass man darüber die Zipperlein, wegen derer man das Zeug trank, sofort vergaß. Und wenn man wirklich krank war ging man zum Arzt. Das konnte ich aber natürlich schlecht sagen. Gott sei Dank hatte ich vor einiger Zeit einen kurzen Nachrichtenfilm über die aufstrebende Wirtschaftsmacht China gemacht und hatte noch vage in Erinnerung, dass Heilkräuter aus China einen gar nicht so kleinen Teil des Exportes ausmachten. Also warf ich dieses Wissen in das Gespräch ein.

„Aber nein!“, Ingrid sah mich entsetzt an. „Doch keine Massenware! Und dann noch aus China. Um Himmels willen! Nein, ich vertreibe nur ganz natürliche, frische Produkte wie Wurzeln, Pilze und Kräuter, die ich selber im Wald pflücke.“

„Die Leute sind verrückt danach“, übernahm mein Freund die Erklärung, als wären die beiden ein Zirkuspaar, bei dem der eine immer die Sätze des anderen beendete. „Manchmal kommt meine Mutter mit der Lieferung gar nicht nach!“ Rigoletto sah seine Mutter stolz an.

„Ja,“, sagte Ingrid wichtig, „man muss bedenken, dass ich nicht ständig Zeit habe, in den Wald zu gehen und Kräuter zu sammeln. Jetzt zum Beispiel, wo wir Besuch haben. Und auch sonst höchstens ein- oder zweimal die Woche am Nachmittag. Im Winter findet man fast gar nichts. Im Garten selber anpflanzen mache ich auch nicht, am besten hilft immer noch, was wirklich aus der Natur kommt und wo kein Mensch dazwischen gepfuscht hat. Das gilt nicht nur für die Medizin, auch beim Essen achten wir darauf, dass es immer natürliche Produkte sind.“

Mir fiel fast das Brötchen aus der Hand. Ich sah erst meinen Hasen, dann seine Mutter und dann mein aus weißem Mehl gebackenes Brötchen an. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Es war eine Sache, dass meine Vielleicht-Schwiegermutter im Mittelalter wahrscheinlich verbrannt worden wäre, weil sie eine Kräuterhexe war. Etwas ganz anderes und das wirklich Schlimme war, wie Rigoletto seine Mutter sah. Eine disziplinierte, erfolgreiche Geschäftsfrau! Von nichts war Ingrid weiter entfernt als davon – außer vielleicht davon, Model für Bademoden zu werden.

„Das ist ja toll! Ich finde es richtig gut, wenn sich Menschen auf die Natur besinnen und nicht immer…“

Ja, was „nicht immer“? Ich war zwar eine gnadenlose Schleimerin, aber eine Lüge von einem Ausmaß, wie sie diese Situation verlangte, musste einem erst mal einfallen. Auch wenn ich mittlerweile ganz passabel Kochen konnte, hatte ich nichts gegen ein paar sehr unnatürliche Küchenhelfer aus der Tüte. Ich liebte Fast Food, Junk Food und überhaupt alles nicht naturbelassene Essen. Das war das eine. Das andere war, dass ich nicht die Einzige am Frühstückstisch war, die dieser Form der Ernährung zugetan war. Der Hasenbeinsche Frühstückstisch war vollgeladen mit gekauften Marmeladen, Nutella und anderen Naturprodukten wie Teewurst und Schmelzkäse. Das Natürlichste was sich an diesem Morgen auf dem Tisch zwischen Rigoletto, seinen Eltern und mir befand, war ein Sahne-Joghurt, auf dem „teilweise mit natürlichen Extrakten“ stand. Aber egal, ich musste diesen Satz zu Ende bringen und zwar schnell, denn alle sahen mich an.

„…und nicht immer den einfachen Weg gehen“, schloss ich reichlich lahm ab.

„Ja“, antwortete Ingrid enthusiastisch, „ihr jungen Leute macht es euch gerne einfach. Gott sei Dank ist mein Rigoletto anders, der hat schon immer die Natur und alles Natürliche geliebt! Niemals würde er diesen ganzen Medikamenten-Pfusch der Pharma-Industrie-Verbrecher anrühren. Braucht er auch nicht, er isst so gesund, da wird man selten krank.“

Oh. Ihr Rigoletto war anders? Erstaunt blickte ich zu dem Mann hinüber, den ich noch nie Obst, Gemüse, Joghurt oder auch nur so etwas Ähnliches wie einen Müsliriegel hatte essen sehen. Rigolettos Ernährung bestand aus Zigaretten, Bier, Fleisch und Brot und wenn er genug Geld gehabt hätte, hätte er sich für den 15-Minuten-Fussweg von seiner Wohnung in Berlin zur U-Bahn jeden Morgen und Abend ein Taxi gerufen. Wenn Rigoletto krank war, lachte das Herz der Apothekerin um die Ecke. Bei jedem Hüsterchen kaufte er einen Lebensvorrat an Hustensaft, Halsbonbons, fiebersenkenden Mitteln und überhaupt alles, was die Pharmaindustrie irgendwann mal erfunden hatte und dessen man, ohne ein Rezept vorzuzeigen habhaft werden konnte. Egal, ob es gegen Erkältung, Warzen oder Hämorriden half.

Dankenswerterweise stieß Igerich in diesem Moment seine Kaffeetasse um und die Aufmerksamkeit der restlichen Frühstücksgesellschaft war für die nächste halbe Stunde auf Ingrids „Rettungsaktion Tischdecke“ gelenkt. Da mir noch keine besondere Aufgabe bei den Rettungsaktionen zugeteilt worden war, studierte ich interessiert das Muster des Teppichbodens und versuchte zu verstehen, in was für einen Film ich geraten war.

Es gab drei Möglichkeiten. Entweder war der Mann, der hier am Tisch saß nicht Rigoletto Placido Hasenbein und weder seine Mutter noch ich hatten es gemerkt. Ich sah meinen Freund, der seiner Mutter gerade eins der berühmten, bestimmt ausschließlich aus Naturfasern hergestellten Wundertücher reichte, an. Er sah aus wie immer. Groß, schlank, mit Jeans und kariertem Hemd anständig gekleidet. Die gleichen braunen, kurz geschnittenen Haare. Die gleichen dunkelbraunen, sanft-blickenden Augen mit den für einen Mann fast zu langen Wimpern. Keine angewachsenen Ohrläppchen, frisch rasiert. Es gab keinen Zweifel, dies war der Mann, in den ich mich verliebt hatte. Wenn dem so war, dann blieb die Möglichkeit, dass Rigoletto wie durch ein Wunder während seiner gesamten Kindheit und Jugend nie krank geworden war. Was er nun, seitdem ich ihn kennengelernt hatte, nachholte. Der Rigoletto Hasenbein, den ich kannte, wohnte praktisch in der Apotheke um die Ecke und duzte sich mit der Apothekerin. Ich wartete nur darauf, dass sie ihm die Auszeichnung „Kunde des Jahres“ verlieh. Oder, und dies schien mir die wahrscheinlichste Möglichkeit, Rigolettos Mutter hatte genauso  ein verdrehtes Bild von ihrem Sohn wie ihr Sohn von ihr. Insgeheim war das meine Hoffnung, denn dann war das Ganze genetisch und mein Hase konnte nichts dafür, dass er seine kräutersammelnde, fernsehende, Süßigkeiten futternde Mutter mit Hillary Clinton verwechselte. Und sollten wir mal Söhne bekommen, würden die mich genauso verklärt sehen.

Als die Tischdecke gerettet war, beschloss Ingrid, mich in die Geheimnisse des Kräutersammelns einzuweihen.

„Wir machen einen Spaziergang!“, rief sie ebenso unerwartet wie enthusiastisch und laut, dass Igerich sofort wieder seine (Gott sei Dank nun leere) Kaffeetasse umstieß.

„Da zeigen wir unserer Mandy mal, was für Schätze Mutter Natur direkt am Wegesrand für uns bereithält.“

Ingrid lächelte mir gönnerhaft zu, als hätte sie mir eben angeboten, in einen Topf mit Gold zu fassen und mir so viel rauszunehmen, wie ich nur tragen konnte.

Insgeheim fragte ich mich, warum ihre Kunden die Kräuter nicht selber sammelten, wenn sie direkt am Wegesrand wuchsen, stellte diese Frage aber nicht laut. Das einzig Positive, was ich dem geplanten Spaziergang am Sonntagmorgen bei zwei Grad und anhaltendem Nieselregen abgewinnen konnte, war die Tatsache, dass ich mich noch nicht als komplett Ungläubige zu erkennen gegeben hatte und meine Chancen auf ein glückliches Lebensende mit Rigoletto nicht gänzlich geschwunden waren. Damit dies auch so blieb, räumte ich schnell den Frühstückstisch ab und die Spülmaschine ein, während Ingrid und Rigoletto für eine bestimmt nur aus besten, natürlichen Zutaten hergestellte Zigarette auf den Balkon verschwanden.

Igerich murmelte derweil etwas von Umziehen und verschwand im Schlafzimmer. Warum er dazu die Flasche Cognac, die er unter dem Arm hatte, brauchte, war mir nicht ganz klar. Ich hatte allerdings keine Zeit darüber nachzudenken, denn schon wurde ich von Ingrid vom Balkon aus angetrieben, nicht rumzutrödeln und mich selber doch auch bitte umzuziehen.