Ein Haar muss her!

Die Polizei in den Emiraten hat einen Schwindler festgenommen, der verzweifelten Frauen die Rettung ihrer Ehe mit ein paar von den Damen zu beschaffenden „Zutaten“ und seinem magischen Wasser versprochen hat.

Bis zu 30.000 Dirhams (6.000 Euro) kassierte der Mann von den Frauen, damit es zu Hause wieder rund läuft. So weit, so gut bzw. schlecht, was ich an der Geschichte wirklich erstaunlich finde, sind die „Zutaten“, welche die Frauen für die „Wunderheilung“ ihrer Ehe beibringen mussten: Eine Unterhose des Herrn Gemahls und eines seiner Beinhaare. Die Unterhose, ok, kein Problem, die holt man aus dem Schrank und gut ist es. Aber ein Beinhaar? Wie genau besorgt man sich ein Beinhaar des angetrauten Mannes, ohne dass dieser es merkt? Weiterlesen

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Wahrheit oder Wahnsinn?

Eine simple Aussage einer Ärztin erhitzt zur Zeit die Gemüter in den Emiraten: Frauen sollten während „der Tage“ keine wichtigen Entscheidungen treffen. Sogar ein genaues Zeitfenster gibt Dr. Maryam Matar an, nämlich zwei Tage vor und die ersten beiden Tage „der Tage“ sind für Frauen tabu etwas zu tun, was weitreichende Konsequenzen haben könnte, da sie sich im Zweifelsfall von ihren Hormonen unsittlich bedrängt falsch entscheiden könnten. Weiterlesen

Stadt der Frauen

„Girls rule“ – Mädchen herrschen/entscheiden/bestimmen oder auch „Mädchen an die Macht“. Dies sagte die neue Klassenlehrerin gestern zu meiner älteren Tochter, als sie ihr die „frohe“ Botschaft überbrachte, in ihrer Klasse seien doppelt so viele Jungs wie Mädchen.

Mmh. Eigentlich bin ich eher für eine ausgewogene Mischung, aber ich kann verstehen, dass die Frau der anstehenden Übermacht der „Jungs“ in ihrer Klasse schon mal vorsorglich begegnen möchte. Als wolle das Schicksal es, dass ich mir über das Thema weitere Gedanken mache, las ich am Abend in der Zeitung über ein ungewöhnliches Dorf hinter den sieben Bergen in Brasilien. Dort nehmen die Bewohner das Motto „Girls rule“ der neuen Klassenlehrerin wörtlich: In dem Dörfchen leben 600 Menschen und fast alle sind weiblichen Geschlechts. Weiterlesen

Reine Auslegungssache

Ich komme aus dem Staunen nicht mehr raus. Kaum habe ich den Schreck mit dem Stillen von Pflegekindern zum Zwecke der Familienzugehörigkeit verdaut, stoße ich schon auf den nächsten Knüller.

Eigentlich wollte ich nur recherchieren, ob das Stillen durch die Pflegemutter auch für Mädchen die Zugehörigkeit zur Blutsfamilie bringt. Das weiß ich immer noch nicht, aber dafür weiß ich nun, dass vor zwei Jahren einige gewitzte Frauen in Saudi-Arabien die Still-Regel zu ihrem Vorteil ausnutzen wollten.

Die Damen, die in ihrem Land per Gesetz nicht Autofahren dürfen und daher von – männlichen, natürlich – Fahrern durch die Gegend chauffiert werden müssen, drohten damit, sich ihre Fahrer im wahrsten Sinne des Wortes zur Brust zu nehmen und sie zu stillen. Dies habe den großen Vorteil, so die Damen, dass der Fahrer dann Mitglied der Familie sei und sie sich nicht jedes Mal komplett verschleiern müssten, wenn sie den Fahrer sehen.

Offensichtlich gilt die Still-Regel also auch für erwachsene Männer und daraus wurde die Kampagne der Saudi-Frauen: „Entweder wird dürfen selber fahren oder wir stillen unsere Fahrer“.

Wie gesagt gebracht hat es den Damen bislang nichts, Autofahren dürfen sie immer noch nicht, aber die Idee ist schon grandios und ich musste ziemlich lachen, auch wenn es im Grunde traurig ist, dass die Frauen zu solchen Mitteln greifen müssen, um so etwas für uns Normales wie Autofahren zu dürfen.

Über die folgenden Aussagen von Saudi-Frauen zu dem Thema musste ich auch ziemlich schmunzeln:

„Der Islam erlaubt mir tatsächlich einen fremden Mann zu stillen, aber ich darf mein eigenes Auto nicht fahren?“

„Ich denke, dann sollten die weiblichen Hausangestellten auch die Männer des Hauses stillen, dann können wir alle Brüder und Schwestern sein.“

„Dürfen die Frauen ihre Fahrer alleine stillen oder muss ihr Mann anwesend sein?“

Mit dieser Frage verabschiede ich mich schon mal ins Wochenende, das fängt hier schon am Freitag an und ich fahre mit den Kindern an den Strand – die Betonung liegt auf „ich fahre“…;-)

Kapitel 1 & 2

(Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. Dies gilt ebenso für das Recht der mechanischen, elektronischen und fotografischen Vervielfältigung sowie der Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Die Handlung und handelnden Personen sowie alle Namen sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden und/oder realen Personen bzw. Vereinen ist rein zufällig.)

 

Kapitel 1.

Jeder hat mal einen schlechten Tag. Außer mir. Ich hatte ausschließlich schlechte Tage. Der kalte, nebelige Wintermorgen, an dem ich vor dem Haus meiner Eltern im sauerländischen Fennentrop stand, war Nummer 10000. Da ich vor kurzem 27 Jahre alt geworden war, sollte die Zahl ungefähr hinkommen.

„Jolande, ein guter Tag zwischendurch wäre schön“, sagte ich zu mir selber, während ich die Kunstholz-Haustür mit schmiedeeisernen Beschlägen betrachtete und mich an einen Strand auf den Malediven oder zumindest in eine Gegend wünschte, die sich nicht durch furchtbare Haustüren und Dauerregen auszeichnete.

Leider sah es nicht so aus, als würde sich die Negativbilanz meiner schlechten Tage in nächster Zeit ändern, denn ich gedachte, meine Eltern in wenigen Momenten mit der Nachricht zu beglücken, dass ihre als Marketing-Fachfrau erfolgreiche Tochter, die mit ihrem Traummann in Berlin lebte, mit sofortiger Wirkung wieder bei ihnen einzog.

Der Traummann („Dr. Hagen Hohmann, ein Zahnarzt!“ – O-Ton, einst von meiner Mutter über den Gartenzaun zur Nachbarin geträllert) hatte es als „Krönung“ unserer Liebe angesehen, seiner Sprechstundenhilfe auf dem Behandlungsstuhl ein paar „Füllungen“ zu verpassen. Mein eigener Chef hatte es dagegen nicht als „Krönung“ meines beruflichen Werdeganges angesehen, dass ich die Traummann-Behandlungsstuhl-Sache zum Anlass genommen hatte, ihm und unserem wichtigsten Kunden persönlich mitzuteilen, dass alle Männer „Schweine ohne Hirn, dafür aber mit winzigen Ringelschwänzchen“ seien. Er hatte mich rausgeschmissen. Einfach so. Na gut, im Kündigungsschreiben stand etwas von zu vielen „Krankheitstagen“, aber woher sollte ich wissen, dass der Mann so ein Erbsenzähler war? Außerdem musste ich den Anblick des Traummannes bei der „Behandlung“ der Arzthelferin verarbeiten. Mit einem nichtaufgearbeiteten Betrugstrauma im Herzen wäre ich bestimmt depressiv geworden und früher oder später wochenlang krankgeschrieben worden. Selbstredend hatte mein Chef nicht verstanden, dass ich ihm mit den paar Fehltagen einen Gefallen getan hatte.

Nun stand ich also mit Sack und Pack, sprich meinem einzigen Koffer, vor der scheußlichen Haustür meiner Eltern. Der Ex-Traummann hatte bei meiner – lediglich als Drohung vor der Versöhnung gemeinten – Ankündigung, auszuziehen mit den Schultern gezuckt und darauf hingewiesen, dass die Möbel ihm gehören würden. Ziemlich dumm gelaufen. Für Dr. Hagen Hohmann. War mir doch versehentlich ein Löffel Honig im Schrank hingefallen. Oder genauer gesagt: Der Löffel war in dem Barschrank mit seinen „heiligen“ Whiskys hingefallen, die so alt waren, dass eigentlich Neandertaler sie abgefüllt haben müssten. Oder, um es mit der Präzision eines Zahnarztes zu sagen: Mir waren mehrere Löffel Honig „hingefallen“ – in die zufällig geöffneten Whisky-Flaschen im Barschrank. Wenn der Ex-Traummann mich schon nicht vermisste, sollte er mich wenigstens in Erinnerung behalten.

Aber zurück zu meinen Eltern. Obwohl sie mich abgöttisch liebten, war ich nicht sicher, wie sehr sie sich über meine Rückkehr freuen würden. Im Falle meines Vaters würde ich es auch nicht herausfinden, seine Konversationsbeiträge beschränkten sich seit Jahren auf zwei Sätze: „Ich hole mir ein Bier“ und „Ich gehe in meinen Hobbykeller“. Wie in jeder guten Ehe, machte meine Mutter dies wett und redete ständig. Mein Rückzug in den Schoß der Familie würde ihr Gesprächsstoff für sämtliche Mahlzeiten, Friseur- und Supermarktbesuche bis Weihnachten liefern. Wir hatten Februar, und doch schwante mir, der Satz „Ein Glück, das Kind ist wieder da!“ würde nicht in ihren Monologen vorkommen.

„Da ist ein Schatten an der Haustür! Das sind bestimmt die Zeugen Jehovas! Endlich gibt es die auch im Sauerland! Ich mache auf und ziehe ihnen den großen Regenschirm über die Rüben!“, keifte plötzlich eine schrille Stimme hinter der Haustür.

Natürlich. Oma Irmgard. Die hatte ich geflissentlich verdrängt. Nicht vergessen, denn es war ausgeschlossen, Oma Irmgard zu vergessen. Hinter der Tür hörte ich, wie sie mit ihrem Rollator gegen den kleinen Tisch am Eingang fuhr. Meine Mutter liebte diesen Tisch, Oma Irmgard hasste ihn. In der Familie liefen mehrere Wetten, wie lange der Tisch den ständigen Rollator-Attacken noch standhalten würde.

Meine Großmutter lebte bei meinen Eltern seit Opa Kurts Herz vor vielen Jahren vor der täglichen, in Butter ausgebratenen 500-Gramm-Portion Bauchspeck kapituliert hatte und er sich die Blumen von unten ansah. Oma Irmgard hatte am Tag der Beerdigung erklärt: „Endlich bin ich frei!“ Und auch sonst hatte sie keine Zeit damit vergeudet, die trauernde Witwe zu spielen. Im Gegenteil, sie hatte sich von allen gesellschaftlichen Konventionen befreit und war eine verlässliche Quelle des Fremdschämens für ihre Familie geworden.

Oma Irmgard war 73 Jahre alt, sah aber keinen Tag jünger als 86 aus. Sie war so schrumpelig wie eine Walnuss von innen und so dünn und klein, dass sie ihre Kleidung in der Kinderabteilung kaufen musste. Da ihr das neumodische Zeug der Jugend von heute nicht gefiel, war sie vor ein paar Jahren dazu übergegangen, sich jedes Frühjahr mit Kommunionskleidern aus dem Ausverkauf einzudecken. Diese färbte sie wahlweise in knallrot, himmelblau oder anderen Bonbonfarben ein. Einmal in der Woche ging Oma Irmgard zum Friseur und ließ sich ihre Haare in Löckchen legen, die mit so viel Haarspray zementiert wurden, dass das Ozonloch nach ihrem Ableben von allein zugehen dürfte.

Oma Irmgard sammelte Holzfiguren aus dem Erzgebirge, für die sie mein ehemaliges Kinderzimmer als „Museum“ nutzte. Als ich das letzte Mal zu Hause gewesen war, hatten auf dem Nachtisch neben meinem Bett Sandmännchen, Osterhase und Rotkäppchen einträchtig nebeneinander gestanden, als wären sie in ein Gespräch über den Weltfrieden vertieft.

Hatte ich bereits erwähnt, dass ich mich in schwierigen Situationen gerne auf unwichtige Details konzentrierte? Ich seufzte tief, erinnerte mich daran, dass ich keinen Job, keine Wohnung, keinen Traummann und damit keine Wahl hatte. Dann klingelte ich.

 

Kapitel 2.

„Ich habe Jutta Spitz heute Morgen an der Fleischtheke getroffen“, offenbarte meine Mutter der Familie beim Abendessen. Sie blickte sich beifallsheischend in der Runde um, als wäre sie eine Sensationsreporterin und hätte aufgedeckt, dass unsere Bundeskanzlerin seit Jahren ein Verhältnis mit dem Chef der Grünen hatte und mit ihm nach Tibet durchgebrannt war, um dort glückliche Schafe zu züchten.

„Und?“, fragte Oma Irmgard laut schmatzend nach. „Hat Jutta dir das letzte Stück zarte Fleisch weggekauft? Meine Prothese bleibt die ganze Zeit in dem zähen Braten hängen!“

Jutta Spitz war die leidgeprüfte Ehefrau meines Großcousins Rüdiger, genannt Rudi, bei dem der Nachname Programm war. Rudi war „spitz wie Nachbars Lumpi“, und wenn es nur legal gewesen wäre, hätte er wohl seine eigene Mutter angegraben. Rudi war Mitte Fünfzig, stets sonnengebräunt und trug sein leicht schütteres Haupthaar ungeniert schulterlang und tiefschwarz gefärbt. Seine Nachmittage und Abende verbrachte er in an einsamen sauerländischen Landstraßen gelegenen „Clubs“, die so schöne Namen wie „Pik Dame“ oder „69“ trugen. Außerdem war Rüdiger Spitz der Besitzer des örtlichen Bestattungsunternehmens. Was wenigstens die Haarfarbe passender machte.

„Wenn Rüdiger mein Mann wäre, hätte ich ihm längst Rattengift ins Essen gemischt und ihn zum Super-Sonder-Sparpreis beerdigen lassen“, erklärte Oma Irmgard und spuckte ein dickes Stück Braten zurück auf ihren Teller.

Rüdiger Spitz hatte sich vor einigen Jahren einen zweifelhaften Ruf im ganzen Sauerland erworben, als er eine Werbekampagne mit dem Slogan „Billiger sterben sie nirgendwo“ im Radio und der Regionalpresse gestartet hatte. Bis in die Zeitungen des nahegelegenen Ruhrgebiets hatte er es allerdings erst geschafft, als er eines Morgens nackt, schlafend und sturzbetrunken in einem offenen Sarg vor seinem Bestattungsunternehmen von Spaziergängern gefunden wurde. Bis heute wurde die Frage, wie Rudi den Sarg allein aus der Lagerhalle bekommen hatte, kontrovers an der Fleischtheke des Supermarktes diskutiert.

„Immer wenn ich Rudi sehe, sieht der mich so lüstern an“, plapperte Oma Irmgard weiter, doch niemand traute sich ihr zu sagen, dass selbst Rudi Spitz wohl eher auf die Ausrichtung ihrer Beerdigung als auf sie scharf war.

„Jutta hat gesagt, dass Rudi möglicherweise einen Job für dich hat“, warf meine Mutter endlich in die Runde, was sie zu sagen hatte und widmete sich schnell ihrem Kartoffelpüree, um mir nicht in die Augen sehen zu müssen.

„Soll sie als Go-Go-Girl für Stimmung bei den Beerdigungen sorgen?“, fragte Oma Irmgard mit vollem Mund und kicherte los: „Ich würde dich sofort buchen, wenn es mal soweit ist. Du kannst auf meinem Sarg tanzen!“

Ich verdrehte die Augen, dass es weh tat und versuchte, mich auf das Essen zu konzentrieren. Doch meine Mutter ließ nicht locker.

„Du wohnst seit vier Monaten bei uns. Ich denke, es ist an der Zeit, dass du wieder auf eigenen Füßen stehst.“ Sie lächelte verlegen. „Obwohl wir dich natürlich gerne hier haben.“

„Gestorben wird immer“, sinnierte Oma Irmgard, als hätte sie jemand gefragt. „Das ist ein krisensicherer Job.“

„Genau“, gab meine Mutter ihrer eigenen Mutter Recht, was so selten vorkam, dass mein Vater kurz von seinem Essen aufblickte.

„Eher sterbe ich! Ich bin eine Marketing-Fachfrau und nicht Totengräberin!“, versuchte ich die Bemühungen meiner Mutter, mich ausgerechnet beim schmierigsten Mitglied der gesamten Verwandtschaft unterzubringen, im Keime zu ersticken.

„Wenn du stirbst, dann endest du auch bei Rudi“, warf Oma Irmgard gnadenlos ein.

„Dass du immer so dramatisch sein musst!“, seufzte meine Mutter. „Ich habe Jutta gesagt, dass du morgen vorbei kommst und dir mal ansiehst, was für ein Job das ist“, erstickte sie meine Entscheidungsfreiheit über mein Leben so mühelos im Keime, wie nur Mütter von gekündigten, vom Traummann verlassenen Töchtern, die wieder bei ihren Eltern wohnen, es können.

*

Am nächsten Morgen klopfte ich an die Tür von „Spitz Bestattungen“. Das Beerdigungsinstitut meines Großcousins lag am Ortsrand von Fennentrop direkt am Wald. Wie eigentlich jedes Haus im Sauerland direkt am Wald liegt. Oder an einem Hang. Oder beides. Schon als Kind war ich zu der Überzeugung gekommen, dass der Spruch „den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen“ aus dem Sauerland stammen musste.

Ich hatte meine Hand noch nicht von der Tür zurückgezogen, als selbige schon aufging und Rosamunde Schlöppel, geborene Reichmann, genannt „Rosie“, mir um den Hals fiel. Ich kannte Rosie aus der Schulzeit, sie war in der Klasse über mir gewesen. Als auf den ersten Blick unscheinbare Frau mit mausbraunen Haaren, plumper Figur und leicht unsymmetrischen Gesichtszügen wurde Rosie oft unterschätzt. Denn sie hatte stahlblaue Augen, mit denen sie jeden anderen Menschen so anstarren konnte, dass er tat, was sie wollte. Ich erinnerte mich an eine Gelegenheit in der Schule, als mehrere Mitschüler wetteten, Rosie werde es nicht schaffen, den neuen, extrem strengen Direktor mit ihren „Starr-Künsten“ kleinzukriegen. Rosie hatte nicht lange gefackelt und mitten in der großen Pause einen Stein aufgehoben und in das Fenster des Schuldirektors geworfen. Während um sie herum Schüler in tumultartigen Szenen wegliefen, um nur nicht mit dem Steinwurf in Verbindung gebracht zu werden, war Rosie seelenruhig stehengeblieben und hatte den wutentbrannt herbeieilenden Direktor freundlich begrüßt.

„Warst du das?“, hatte der Mann, anstatt Rosie ebenfalls zu grüßen, geschrien und sie am Arm gepackt.

„Nein“, hatte Rosie kühl geantwortet und den Direktor angestarrt.

Einen kurzen Moment hatte der Mann erstaunt zurückgestarrt, dann hatte er Rosies Arm losgelassen und freundlich gesagt: „Ich glaube dir, mein Kind“.

Da der „wahre“ Täter des Fensterscheiben-Attentats nie gefunden wurde, hatte der Direktor jede Klasse mit einer Strafarbeit belegt.

Rosamunde Schlöppel stand dank ihrer „Gabe“ die Welt offen, davon war jeder überzeugt, der sie kennenlernte. Sie hätte alles werden können. Mindestens Päpstin oder Präsidentin der USA. Oder beides. Doch Rosie hatte kurz nach dem Abitur zur Überraschung aller den 30 Jahre älteren Meinhard Schlöppel, seines Zeichens Besitzer des örtlichen Autohauses, Schützenkönig, Hallodri und bester Freund von Rudi Spitz, geheiratet. Wie eine überhitzte Popcorn-Maschine hatte sie in den folgenden vier Jahren vier Kinder aus sich herausgepresst. Seitdem das jüngste in den Kindergarten ging, arbeitete sie halbtags bei meinem Großcousin als Empfangsdame. Es ging das Gerücht, dass Rosie dank ihres Ehemannes so viele von Rudis Geheimnissen kannte, dass er ihr ein stattliches Gehalt zahlte und sie tun und lassen konnte, was sie wollte. Andere behaupteten, Rosie hätte sich ihr Gehalt und ihre Arbeitsaufgaben von Rudi „erstarrt“.

„Rudi ist nicht da, aber Jutta hat mich angerufen und gesagt, dass du heute hier anfängst. Ich freue mich so! Endlich ein bisschen Leben in der Bude!“ Sie warf einen vielsagenden Blick hinter sich. „Die anderen Mitarbeiter sind so leblos wie unsere Kunden.“

Jutta und meine Mutter hatten ganze Arbeit geleistet. Ich fragte mich, ob sie sich überhaupt die Mühe gemacht hatten, Rudi Spitz über meine Anstellung in seiner Firma zu informieren.

„Äh, Rosie“, begann ich vorsichtig, da ich keinesfalls den Eindruck entstehen lassen wollte, ich sei bereits fest entschlossen, den Job anzunehmen. „Ich würde vorher gerne wissen, was für ein Job das ist. Und wie er bezahlt wird.“

Ich lächelte Rosie zaghaft zu, um sie nicht zu verstimmen und mit einem ihrer „Blicke“ bestraft zu werden. Doch Rosie strahlte mich weiter an, als wäre ich von der Lottogesellschaft und hätte ihr gerade einen Millionengewinn übergeben.

„Natürlich willst du den Job!“, sagte sie. „Dein Gehalt bestimme ich, keine Sorge, du wirst gut verdienen. Und wenn Rudi das nicht passen sollte…“, Rosie machte eine bedeutungsvolle Pause und fügte an: „Du weißt schon!“

„Immerhin“, dachte ich, verkniff mir einen Seufzer und folgte ihr in das dunkle Innere des Bestattungsunternehmens.

Die nächste Stunde verbrachten wir damit, das nonstop klingelnde Telefon zu ignorieren, Kaffee zu trinken und dazu ein Stück Käsekuchen zu essen, den Rosies Mann gebacken hatte. Die Zeiten, in denen Meinhard Schlöppel mit seinem Kumpel Rudi durch die „Clubs“ gezogen war, waren offensichtlich vorbei.

„Dein Großcousin nutzt sein Gehirn nur versehentlich fürs Denken, aber ausnahmsweise hat er mal eine gute Idee gehabt“, begann Rosie mein Vorstellungsgespräch. „Du weißt sicher, was ein Wedding-Planer ist, oder?“

Ich nickte zustimmend und fragte mich, ob Rudi Spitz von den Toten zu den Lebenden übergehen und ein Brautinstitut aufmachen wollte, oder ob ich noch Schlimmeres befürchten sollte.

„DU wirst unsere Beerdigungs-Planerin! Das passt wie die Faust aufs Auge – du machst doch was mit Marketing, das ist fast dasselbe. Ab jetzt vertickst du Luxus-Beerdigungen!“

Ich sah Rosie verständnislos an. Was gab es bei einer Beerdigung groß zu planen? Oder zu verticken? Termin, Kleiderordnung, Ort und Gästeliste der Veranstaltung waren vorgegeben, die Musikauswahl war begrenzt. Sarg oder Urne? War das nicht die einzige Entscheidung, die man bei einer Beerdigung treffen musste? Und im Sauerland vielleicht noch, wie man den Schriftzug „Er war der beste Schützenkönig aller Zeiten“ auf den Grabstein meißeln konnte, ohne dass dieser so groß wie die Schützenhalle wurde. Was genau sollte ich als Beerdigungs-Planerin machen? Außerdem hatte ich bislang keine Totentänze, sondern so spannende Dinge wie Zigaretten- und Gummibärchen-Verteilaktionen oder Messestände für Orthopädie-Artikel geplant und vermarktet.

„Geiz war gestern, heute wird geklotzt, nicht gekleckert“, begann Rosie mich aufzuklären. „Die Leute wollen keine einfache Beerdigung mehr. Wir bekommen immer mehr Anfragen für die ‚besondere’ Beerdigung. Und hier kommst du ins Spiel: Du wirst dich um die Kunden mit gehobenen Ansprüchen kümmern und ihnen jeden Wunsch für ihre Traumbeerdigung erfüllen.“ Rosie lehnte sich in ihrem Bürostuhl zurück und machte eine ausschweifende Handbewegung: „Ich sehe schon: Du hast keine Vorstellung, was im Trauergewerbe heutzutage möglich ist.“

Die hatte ich wirklich nicht, wie ich bald feststellen sollte.

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