Valentinstag…

Valentinstag! Der ist heute und ich bekam eine Rose und ein Schokoladenherz von meinen Kindern. Ich kann mich also nicht beklagen und ich mag den Valentinstag. Mochte ihn schon immer.

Ganz anders sah es bei dem Pärchen aus, die ich beim morgendlichen Hundespaziergang traf. Während mir die Frau irgendwie sehr laut und sehr betont „Einen frohen Valentinstag“ wünschte, brummelte der Mann hinter ihr etwas Unverständliches und ging weiter.

„Oha!“, dachte ich bei. „Ein Valentins-Schwarz-Weiß-Paar!“ Das wird kein guter Tag für die beiden.

Der Valentinstag ist der Rosenkohl unter den Feiertagen – man hasst ihn oder man liebt ihn. Weiterlesen

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Nur eine Kleinigkeit…

Weihnachtsgeschenke. Alle Jahre wieder. Für die ganze Familie. Obwohl jene Familie nach dem letzten Weihnachtsfest übereingekommen ist, dass man im nächsten Jahr auf Geschenke verzichten werde. Nur die Kinder, die kriegen natürlich noch was.

Mitte November geht es los. Die ersten Anfragen trudeln ein, was die Kinder – „wir schenken uns ja dieses Jahr nichts“ – denn gerne hätten. Ideen werden ausgetauscht, dabei immer wieder darauf verwiesen, wie froh man doch sei, dass man sich gegenseitig dieses Jahr nichts schenke.

Irgendwann, es ist mittlerweile Anfang Dezember, wird Vollzug vermeldet: Die Geschenke für die Kinder seien „erledigt“ und ein stress- weil geschenkfreies Weihnachten stehe bevor. Und dann passiert es. In einem kleinen, fast überhörten Nebensatz sagt irgendjemand: „Ich habe eine Kleinigkeit für dich besorgt. Wirklich nichts Besonderes. Du brauchst mir deswegen nichts schenken. Ist ja nur eine Kleinigkeit.“ Weiterlesen

Die Monster sind los…

Meine Töchter glauben an den Weihnachtsmann. Fest und unerschütterlich. Es ist ihnen dabei vollkommen egal, dass andere Kinder erzählen der Weihnachtsmanns sei Unsinn oder dass die Malls voller „falscher“ Weihnachtsmänner sind. Sogar Beweise für die Nicht-Existenz des Weihnachtsmannes direkt an unserer Haustür werden von den beiden ignoriert. Weiterlesen

Die Sache mit dem Lolli…

…war ja noch nicht ausgestanden. Zwei Tage nach meiner öffentlichen Beichte hatte mein Kind noch immer nichts bemerkt. Und ich war ein Wrack. Geplagt von einer Mischung aus Schuldgefühlen und Panik vor der Entdeckung wandelte ich wie ein Geist durchs Haus.

Im Kopf spielte ich immer wieder die möglichen Lösungen meines persönlichen Dramas durch:

–       Hund, Kater oder der kleinen Schwester die Schuld in die Schuhe schieben. Verführerischer Gedanke, aber bin ich wirklich eine sooooo schlechte Mutter?

–       So tun, als hätte ich keine Ahnung, wo der Lolli geblieben ist – gleichbedeutend mit Hund, Kater oder kleiner Schwester die Schuld in die Schuhe schieben.

–       Meine Koffer packen und das Land verlassen.

–       Den Kühlschrank heimlich ausstellen und dann alles, was sich darin befindet wegschmeißen, weil das „doch vermodert Kind, es ist Hochsommer und es sind 35 Grad in der Küche“.

–       Die Wahrheit sagen.

Selbstverständlich hat das Gute in mir gesiegt und ich habe das Land verlassen. Nein, ich habe natürlich die Wahrheit gesagt. Kurz und schmerzlos.

„Kind, ich habe deinen Lolli gegessen.“

„Welchen Lolli?!

„Ach, nichts, geh ruhig wieder spielen.“ Sollte es wirklich einmal im Leben so einfach sein?

„Etwa den goldenen Lolli, den ich zum Geburtstag bekommen habe?“

Nichts im Leben ist einfach.

„Ja, genau den.“

Mein Kind schaut mich mit großen, fassungslosen Augen an. Dann beginnt ihre Unterlippe leicht zu zittern. Ihre Augen werden feucht. Da ich mich als schlechte Mutter etabliert hat, schrecke ich ganz im Sinne von „ist der Ruf erst ruiniert…“ vor nichts zurück und greife zur beliebtesten Erziehungsmethode aller Rabenmütter: Bestechung.

„Ich kaufe dir dafür 2 neue Lollis, wenn wir jemals wieder zu dem Laden kommen. Und bis dahin darfst du die ganze Schokolade essen, die noch im Kühlschrank ist. Und ich mache diese Woche jeden Tag Pfannkuchen. Und morgen fahren wir in die Mall und ich kaufe dir was.“

Ich würde alles tun, damit das Kind nicht weint. Ein Wutanfall wäre so viel besser zu ertragen.

Derweil bebt die Unterlippe der Tochter immer noch. Auf der Richterskala würde sie in den zweistelligen Bereich vorstoßen. Und dann passiert es. Eine dicke Träne schafft den Sprung über den Lidrand und kullert langsam ihre Backe hinunter. Mein Herz blutet. Ich bin ein schlechter Mensch.

„Ich mache deine Hausaufgaben bis ich nicht mehr weiß, wie es geht“, ich werfe alles in die Waagschale, was mir geblieben ist und bete, dass mein Kind nicht ahnt, dass das bei dem Tempo in ihrer Schule wahrscheinlich nächstes Jahr sein wird, wenn sie in die dritte Klasse kommt.

Mein Kind sieht mich ernst an. Sie schluckt und reibt sich mit beiden Händen die Tränen aus den Augen.

„Ist ok, Mama. Jetzt wirst du total dick und ich bleibe dünn.“

Vom Glück und Fußschmerzen

Schmerzen

Meine Füße schmerzen, der Hund humpelt – aber das Kind ist glücklich. Was geschehen ist? Meine ältere Tochter hat zu Weihnachten das langersehnte „große“ Fahrrad bekommen.

Ob das Fahrrad vom Weihnachtsmann, Christkind oder Christmann geliefert worden ist, bleibt unklar, war meiner Tochter am Ende aber auch egal, Hauptsache Fahrrad. Zunächst sah es nämlich so aus, als würde ihr größter Wunsch nicht in Erfüllung gehen. Mit viel Mühen hatten die anwesenden Erwachsenen die Geschenke im offenen einsehbaren Wohnzimmer verteilt, ohne dass die Kinder etwas merkten – bei 10 Personen waren es so viele Präsente, dass unter dem Weihnachtsbaum nicht genügend Platz war und das Wohnzimmer aussah wie ein Kaufhaus, das Fahrrad stand allerdings wegen Platzmangel weiter in der Garage. Weiterlesen

Die große Schwiegermutter-Weihnachtsumfrage!

Umfrage Weihnachten

Es ist soweit – wie nach dem großen Erfolg der ersten Umfrage versprochen – gibt es heute eine neue Befragung der Schwiegermutter-Wüsten-Leser. Wie immer geht es ans Eingemachte und ich werde ein tiefenpsychologisches Profil anhand der Ergebnisse erstellen und veröffentlichen. Dann weiß die Welt, was sie schon immer wissen wollte, wie nämlich die Leser meines Blogs sich unterm Weihnachtsbaum benehmen. Viel Spaß beim Abstimmen. Weiterlesen

Super-Daddy!

Das Ende des Ramadans feiern die Muslime traditionell mit einem Familienfest und vielen Geschenken. Die Zeitungsmeldung, ein Emirati habe 50000 Dirhams (10000 Euro) zu diesem Anlass an seine Lieben verteilt wunderte mich daher. Üppig, aber sonst? Das ganze Ausmaß der Sache wurde beim Weiterlesen klar. Der Mann hat 93 Söhne von 4 aktuellen und 19 Ex-Frauen. 142 Familienmitglieder sind zu versorgen. Da sind 50000 Dirhams schnell weg . Und der Mann hat noch Großes vor – nächstes Jahr soll die Zahl der Söhne auf 100 steigen. Geldsorgen muss sich die Familie aber nicht machen – Papa Staat zahlt die meisten Ausgaben.

Kapitel 7 & 8

Kapitel 7.

„Natürlich machen wir das nicht!“, brüllte Rüdiger Spitz mich aus dem Telefonhörer an, als würde er eine Ausbildung zum Nebelhorn machen.

In meiner Verzweiflung hatte ich ihn angerufen, nachdem ich Rosie nicht erreichen konnte.

„Den Mist hast du dir selber eingebrockt. Jetzt sieh zu, wie du da wieder rauskommst. Wenn du so weiter machst, bist du die Stelle bei mir los, bevor du deinen ersten Totenschein in der Hand gehalten hast. Da kann deine Mutter meiner Frau noch so oft im Supermarkt auflauern und sie volllabern!“

Mit diesen Worten beendete mein Großcousin das Gespräch mit mir. Ich verspürte das dringende Bedürfnis, mich neben Elvira Klein auf das Himmelbett zu setzen und mit ihr gemeinsam zu heulen.

„Was mache ich jetzt nur? Sie müssen mir helfen!“, fragte meine erste – und wahrscheinlich letzte – Kundin im Bestattungsgewerbe mich unglücklich.

Elivra Klein streichelte mit einer Hand zärtlich über Fritz‘ flauschigen Körper und schluchzte. Wenigstens machte die Sache mit den vielen Haaren bei der Trauerfeier endlich Sinn. Und die Sache mit dem Riechen. Und die Sorge wegen des Platzes, denn Fritzchens Freunde würden alle in Begleitung zur Trauerfeier kommen.

„Sind sie sicher, dass ihr Fritz sich eine große Trauerfeier gewünscht hätte?“, fragte ich vorsichtig.

Meine Erfahrungen mit Hunden waren begrenzt, aber soweit ich wusste, waren sie meist mit Fressen und einem Spaziergang zufrieden. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Hunde große Ansprüche an ihren Abschied von dieser Welt hatten.

„Ja, aber die ganzen Leute aus dem Hunde-Verein, die wollen ihn doch noch mal sehen, immerhin waren wir vor über zehn Jahren Gründungsmitglieder! Fritzchen war Ehrenmitglied. Wegen seines hohen Alters. Vierzehn Jahre werden nur sehr wenige Bernhardiner!“

„Wie wäre es, wenn sie nur seine engsten Freunde einladen und die Trauerfeier hier machen. Wenn ich es richtig verstanden habe, können sie ihn danach im Tierkrematorium einäschern lassen“, schlug ich vor.

„Das hat der Tierarzt heute Morgen auch gesagt. Und die beiden anderen Bestattungsunternehmen, bei denen ich am Vormittag war, ebenfalls. Ich hatte mich so gefreut, als Sie meinten, Sie würden für meinen Fritz die schönste Trauerfeier organisieren, die man sich vorstellen kann.“ Der „Runzel-Vamp“ sah mich halb unglücklich, halb vorwurfsvoll an.

Irgendwie musste Elvira Klein „vergessen“ haben mir am Morgen mitzuteilen, dass es sich bei Fritzchen um einen fulminanten Bernhardiner-Rüden handelte und nicht um ihren Ehemann. Ich seufzte. Konnte mein Leben noch schlimmer werden?

Die alte Frau neben mir heulte erneut auf, dann legte sie ihre verrunzelte Hand auf meinen Arm und sagte: „Außerdem ist es wahrscheinlich das letzte Mal, dass ich meine Freunde aus dem Verein sehe. Eine alte Dame ohne Begleitung, die lädt doch keiner mehr ein.“

Gerne hätte ich ihr widersprochen, befürchtete aber, dass sie mit ihrer Vermutung Recht behalten würde. Der Sauerländer liebte seine Vereine, aber man musste etwas bieten, um als Mitglied ernst genommen zu werden. Ohne Hund in den Hunde-Club, das würde nicht lange gutgehen. Mit viel gutem Zureden überzeugte ich Elvira Klein, eine Trauerfeier für Fritz in ihrer Wohnung abzuhalten und ihn im Anschluss einäschern zu lassen.

Blieb nur das kleine Problem, wie ich meiner Mutter erklären sollte, warum sie an diesem Abend noch einen Käse- und einen Apfelkuchen für eine Hunde-Trauerfeier am nächsten Morgen backen sollte.

*

Mein zweiter Arbeitstag als Bestattungs-Planerin begann nur geringfügig besser als der erste. In der Nacht hatte ich einen Albtraum, in dem ein überdimensionaler Bernhardiner mich in seiner Schnauze durch die Gegend trug. Das war der angenehme Teil. Es war die Tatsache, dass der Bernhardiner angeleint war und niemand anderes als Tom Meinert diese Leine hielt, die mich schweißgebadet aus meinem Traum aufschrecken ließ. Während ich wach in meinem Bett lag, beschlich mich ein fürchterlicher Gedanke.

Als ich um Punkt Neun Uhr bei „Spitz Bestattungen“ eintraf, verschwendete ich keine Zeit mit Begrüßungsformeln, sondern schritt wie die Rächerin der Enterbten auf Rosie zu.

„Du, Rosie“, begann ich, und mein Tonfall hätte jeden, der nicht über Rosies „Starr-gabe“ verfügte, erschaudern lassen. „Wenn das gestern kein Bernhardiner gewesen wäre, sondern ein echter Mensch, wie genau hätte ich den in den Leichenwagen kriegen sollen?“

Rosie grinste mich so zufrieden an wie eine Milchkuh, die mit ihrem Kuhfladen mindestens 100 lästige Fliegen auf einen Streich erschlagen hatte.

„Du bist keine Freundin“, warf ich ihr böse vor.

„Jolande, mein Herz. Ich habe dir einen Gefallen getan. Nachdem Frau Klein mich fragte, ob wir Hunde-Trauerfeiern organisieren, habe ich mir gedacht, dass keine Lernkurve so steil ist, wie die Eigene-Erfahrungskurve. Du wirst zugeben müssen, dass du gestern zwei Dinge gelernt hast, die Gold wert sind und die du für den Rest deines Bestatter-Lebens nie wieder vergessen wirst.“

„Und die wären?“, fragte ich wütend nach. Wütend vor allem auf mich selber, weil ich keine Ahnung hatte, was Rosie meinte.

„Erstens: Rufe niemals, wirklich niemals deinen Großcousin und Chef Rüdiger an. Davon abgesehen, dass er keine Ahnung hat, störst du ihn immer bei etwas, von dem du auf keinen Fall wissen möchtest, bei was genau. Zweitens: Der Beruf des Bestatters hat viel mit Information zu tun. Stelle die richtigen Fragen zur richtigen Zeit, dann kann nichts schiefgehen.“

Ich verdrehte die Augen und ging in mein Büro. Mein Abgang, der Rosie verdeutlichen sollte, was ich von ihren „Erziehungsmethoden“ hielt, wurde etwas in seiner Dramatik gemildert, da ich mit meinen High Heels umknickte und Rettung ausgerechnet bei einer Yucca-Palme suchte, die natürlich sofort umfiel. Mit mir gemeinsam. Grünpflanzen waren so was von unzuverlässig!

„Hatte ganz vergessen dir zu sagen, dass du heute wirklich umwerfend aussiehst.“

Rosie gackerte los wie ein hysterisches Huhn, das dem Fuchs persönlich gegenüberstand.

„Ich habe mich nur an die Anweisungen von Rudi gehalten. Und die hießen schwarze oder graue Klamotten.“

Ich stand mit so viel Würde auf, wie man in meiner Situation aufbringen konnte und machte mich erneut auf den Weg in mein Büro. Im Gehen strich ich mir das ultra-kurze, schwarze, weit ausgeschnittene Mini-Kleid glatt, das ich extra am Morgen angezogen hatte, um Großcousin Rudi zu ärgern. Und weil meine Kleidung zu 99 Prozent aus tiefen Ausschnitten bestand. Da mir das nötige Kleingeld für einen Einkauf im „Frau-ohne-Alter-und-ohne-Ausschnitt-Shop“ fehlte, hatte ich beschlossen zu versuchen, Rudis gierige Blicke mittels „Reizüberflutung“ zu stoppen.

In meinem Büro ließ ich mich in meinen Rollstuhl fallen, der mich sofort unsanft gegen die Wand beförderte. Ich machte mir eine Kopfnote, mir eine Halskrause zu besorgen, da ein Schleudertrauma bei den ständigen Crashs unvermeidlich erschien.

Eine halbe Stunde später hatte ich alle meine Bleistifte angespitzt, im Internet gesurft, das Licht mehrfach an- und ausgeknipst und zwei Tassen Kaffee getrunken. Es war 9.30 Uhr, und mir war sterbenslangweilig. Ich drohte in meinem Trauerhallen-Büro einzugehen wie eine Primel. Also rief ich Rosie von meinem Dienst-Handy an, um sie zu fragen, ob es gegen die Berufsehre verstoße, wenn ich meine eigene Beerdigung, die in Kürze anstünde, plante. Doch Rosie flötete, noch bevor ich mein Anliegen vorbringen konnte, bereits:

„Du hast schon wieder eine Kundin. Sie ist auf dem Weg zu dir.“

„Gibt es irgendetwas, das du mir VORHER über diese Kundin sagen möchtest?“, fragte ich Rosie eindringlich, doch diese lachte und meinte: „Die Dame hat mit Sicherheit jede Menge Leichen im Keller, aber ich gehe davon aus, heute ist sie aus einem anderen Grund hier. Wuff. Wuff.“

Mir blieb keine Zeit, Böses zu ahnen, denn schon ging die Tür auf und Frau Schmolzer trat in den Raum. Hatten sich denn alle Beerdigungs-Götter gegen mich verschworen?

„Jolande Richter! Das ist wunderbar, dass du in den Familienbetrieb eingestiegen bist. Wie ich höre, organisierst du besondere Trauerfeiern. Für alle Familienmitglieder! Ich fand immer, dass dein Großcousin Rüdiger ein wenig windig ist, aber wenn du jetzt hier arbeitest, möchte ich die Gelegenheit beim Schopfe packen und für mein Ableben die ersten Vorkehrungen treffen.“

Wie? Wie konnte die Frau am frühen Morgen bereits von der Sache mit Fritz wissen? Ich war gestern Abend spät nach Hause gekommen und sofort ins Bett gegangen. Frau Schmolzer war eine der größten Tratsch-Tanten in der Geschichte des Sauerlandes und war entweder im Supermarkt oder der Bäckerei anzutreffen, damit sie bloß keinen Klatsch verpasste. Es gab Gerüchte, dass die Frau seit Jahren keine Wohnung mehr brauchte, weil sie sich nonstop auf der Straße auf der Suche nach Neuigkeiten herumtrieb. Doch selbst für ein Klatschmaul wie sie war es unmöglich, von der Geschichte bereits erfahren zu haben.

Natürlich! Mit Mühe unterdrückte ich den Reflex, mir mit der Hand gegen die Stirn zu schlagen. Oma Irmgard! Die war heute Morgen nicht zum Frühstück erschienen. Sicher hatte ihr meine Mutter gestern von den zwei Kuchen für die Hundetrauerfeier, um die ich sie telefonisch gebeten hatte, erzählt. Selbstredend hatte meine Großmutter die Bernhardiner-Geschichte sofort unter die Leute bringen müssen. Lieber ein Enkelkind bloßgestellt als guten Klatsch nicht erzählt. Ich sah Oma Irmgard vor meinem inneren Auge wie einen lange überreifen Pfirsich im Kommunionskleid an der Bäckereitheke stehen und die Neuigkeiten mit vor Aufregung rot gefärbten Bäckchen erzählen.

„Wie wäre es erst mal mit einem Gläschen Sekt?“, holte mich Frau Schmolzer zurück in die Gegenwart.

Sekt? Ich sah die Frau erstaunt an.

„Noch bin ich nicht tot! Und wenn ich schon meine eigene Beerdigung plane, dann darf ich ein wenig Stil erwarten, oder?“ Frau Schmolzer klapperte mit den Augen, als wäre sie ein Backfisch bei seiner ersten Tanzveranstaltung.

„Ich sehe mal nach, ob wir welchen kalt haben.“

Ich stand auf und machte mich auf den langen Weg durch mein Büro zu Rosie. Sollte diese mir erklären, dass es keinen Sekt gab oder ich ihn gemäß Rudis-Bestattungsregeln selber bezahlen müsse, würde ich nicht zurückkehren, sondern nach Hause gehen, mich in mein Bett legen und darauf warten, dass ein Meteoriteneinschlag mich von meinem Leiden erlösen möge.

„Natürlich haben wir Sekt“, machte Rosie meine Hoffnung zunichte, als ich ihr Frau Schmolzers Wunsch nach Blubberwasser vortrug. „Du machst dir keine Vorstellung, was die Leute wegkippen, wenn sie die Beerdigung ihrer Lieben planen. Oder ihre eigene.“

Sie ging zu einem kleinen Kühlschrank, den ich bislang nicht bemerkt hatte. Er war randvoll mit Sektflaschen.

„Der alten Schmolzer gibst du nur ein Glas. Die war schon dreimal hier und wollte ihre Beerdigung planen. Zufällig immer am Tag nach einem ‚interessanten’ Todesfall. Am Ende war die Flasche jedes Mal leer, und sie musste alles nochmal gründlich überdenken.“

Rosie nahm ein Sektglas aus einem Schrank über dem Kühlschrank, machte es halbvoll und gab es mir.

„So, damit speist du die Alte ab. Und wir trinken heute Nachmittag den Rest.“

Sie warf einen kurzen Blick auf den Kalender auf ihrem Computer.

„Mmh. Mist. Rudi wollte später vorbeischauen. Der säuft uns alles weg.“

Rosie überlegte kurz und lächelte unschuldig. „Ich weiß. Mittags hat er einen Termin im Sonnenstudio. Ich rufe die Besitzerin an, die schuldet mir einen Gefallen. Ich werde sie bitten, ihm einen 30-Minuten-Bräunungs-Gutschein zu schenken. Natürlich, nachdem er mit seiner Sitzung fertig ist. Nur sofort einlösbar. Unser lieber Chef würde niemals etwas, das umsonst ist, verfallen lassen. Der wird so einen roten Hintern haben, da sind wir ihn morgen auch gleich los.“

Sie kicherte fröhlich und machte eine Handbewegung, um mich wieder in mein Büro zu Frau Schmolzer zu scheuchen. In was für einem Film war ich bloß gelandet?

*

„Mit dir rede ich nicht mehr.“

„Wieso?“

Oma Irmgard sah ernsthaft erstaunt aus. Sie schien sich keiner Schuld bewusst zu sein.

Ich setzte mein James-Bond-mir-kann-keiner-was-vormachen-Gesicht auf und sah sie eiskalt an.

„Weil du heute Morgen zum Supermarkt gerannt bist, dass die Gummireifen deines Rollators gequalmt haben dürften, und allen erzählt hast, dass ich zu blöd bin, einen toten Ehemann von einem Hund zu unterscheiden. Darum.“

„In ein paar Jahren wirst du die Geschichte mindestens so köstlich finden wie alle, die heute Morgen in der Bäckerei waren.“ Oma Irmgard befand sich weiterhin keiner Verfehlung für schuldig.

„Das ist unwahrscheinlich. Denn niemand aus der Bäckerei hat im Anschluss einen halben Vormittag mit der sekttrinkenden Frau Schmolzer verbracht, die ihre eigene Beerdigung planen wollte. Und überlegt, Kampfhunde zu züchten. Die sie alle mit unter die Erde nehmen möchte. Die Frau plant ein Massengrab für sich und ihre imaginären Vierbeiner.“

„Meinst du wirklich, dass die alte Schmolzer Kampfhunde züchten will? So richtige? Da hätte ich gerne einen. Bei der vielen Kriminalität heutzutage.“

Ich rollte mit den Augen, dass einem Kreisel hätte schlecht werden können, und ging auf mein Zimmer. Die geplante Bestandsaufnahme meines Lebens brach ich nach 20 Sekunden ab, da ich zu diesem Zeitpunkt bereits Angst um mich selber hatte. Gott sei Dank rief meine Mutter im gleichen Moment zum Abendessen. Ich konnte mein Unglück unter Rouladen und Rotkohl vergraben. Es gab nichts, was gute Hausmannskost nicht richten konnte. Hatte schon Opa Kurt immer gesagt. Ich überlegte lieber nicht weiter, dass ihn diese Vorliebe verfrüht unter die Erde gebracht hatte.

 

Kapitel 8. 

Eine Woche später fuhr ich einen Kleinbus voller Rentner durchs Sauerland. Wir waren auf dem Weg zu einer Baumbestattung. Oder zu der ersten, von mir geplanten, „besonderen“ Trauerfeier – ohne „besondere“ Vorkommnisse. Hoffte ich. Es war wirklich die Ehefrau des früheren Gartencenter-Besitzers Helmut Grübel, die beerdigt werden sollte – und nicht sein Haustier. Alles sorgsam von mir überprüft. Die Frau war so tot, wie man tot sein konnte. Und die Trauerfeier war entsprechend nicht nur eine „Muss ich mir alles noch mal durch den Kopf gehen lassen, noch lebe ich ja, aber erzählen Sie doch noch mal von dem Bernhardiner“-Pseudo-Planung wie bei Frau Schmolzer. Und das Wichtigste: Baumbestattungen gab es wirklich. Leider im Sauerland nur auf dem Friedhof der nahegelegenen Kreisstadt Arnsberg. Deswegen der Kleinbus.

Herr Grübel hielt die Bio-Urne seiner Frau auf dem Schoß und sah glücklich aus. Nicht, weil er sie los war, sondern weil er seiner naturliebenden Frau den letzten Willen ermöglichen und sie eigenhändig unter einem Baum vergraben würde. Die anderen Trauergäste schimpften weniger glücklich übers Wetter. Eine Baumbestattung in der freien Natur an einem viel zu kalten, nebeligen, verregneten Sommertag war keine leichte Sache. Selbst für hartgesottene, sauerländische Rentner.

An der letzten roten Ampel vor dem Friedhof sah ich mir den Lageplan, den die Friedhofsverwaltung mir zugeschickt hatte, nochmals genau an. Selbstredend war die Fläche für Baumbestattungen in einem Teil des Friedhofs, an dem sich Fuchs und Hase gute Nacht sagten. Der kleine Scherz „da liegt ja der Hund begraben“ war bei dem Herrn von der Verwaltung nicht gut angekommen, also sparte ich mir den Versuch, die meckernde Trauergesellschaft damit aufzumuntern. Ich war sowieso mehr von der Sorge getrieben, wo ich den Kleinbus, den ich extra für den Zweck angemietet hatte, parken sollte. Laut Lageplan war die Entfernung vom Friedhofsparkplatz bis zu den Baumgräbern ungefähr so weit, dass wir aus Fennentrop hätten laufen können. Bei strömenden Regen ein Rudel schlechtgelaunter Rentner über den Friedhof zu treiben, stand auf der Liste meiner Lieblingsbeschäftigungen ziemlich weit unten. Ich wagte gar nicht mir auszumalen, was der Regen mit der extra leicht abbaubaren Bio-Urne während der Wanderung zum Baumgrab anstellen würde. Vor meinem geistigen Auge sah ich bereits die Asche von Frau Grübel in den Händen ihres Ehemannes zu einem grauen, nassen Klumpen werden.

Ich beschloss, einmal um den Friedhof herumzufahren, um zu sehen, ob es einen Eingang gäbe, der näher an unserem Ziel-Waldstück lag. Ich konnte mein Glück kaum fassen, als ich nach kurzer Suche einen kleinen Weg in den Wald entdeckte, der direkt zu unserem Trauerbaum führen musste. Mit neuem Schwung parkte ich den Kleinbus am Straßenrand und versammelte die Truppe.

„Es ist nicht weit und der Wald ist ziemlich dicht, da werden wir kaum nass“, munterte ich meine Rentner auf und lief los.

„Fräulein!“, erklang hinter mir die Stimme einer der Seniorinnen, die eine knallpinke Regenjacke und Gummistiefel mit Enten darauf trug.

„Ja, bitte? Wie kann ich Ihnen helfen?“, fragte ich die Frau und hoffte, dass sie nicht glaubte, ich sei für Trauer-Regenkleidung verantwortlich und hätte was Schwarzes für sie dabei.

„Ich müsste mal für kleine Mädchen“, sagte die Frau und kicherte.

„Ich auch!“, rief ein Zwei-Meter-Rentner mit Schiebermütze aus dem Hintergrund.

„Kann nie schaden“, stimmten zwei weitere Frauen in den Chor ein. Die vier hörten sich an, als würden sie einen Rentner-WC-Rapp singen. Ob die das geübt hatten?

Ich überlegte kurz, ob ich es wagen könnte, die blasengeplagten Senioren wie kleine Kinder zu fragen, ob sie nicht einhalten könnten, entschied mich dagegen und machte eine Kehrtwendung.

„Dann fahren wir erst zum Haupteingang, da gibt es Toiletten“, schlug ich vor und verfrachtete meine Truppe zurück in den Bus.

Dreißig Minuten später – die Rentner hatten meinen Vorschlag, doch auf dem Hauptparkplatz zu parken und ein paar Minuten länger durch den Regen zu laufen, vehement abgelehnt – standen wir erneut vor dem kleinen Weg, der in den Wald führte.

„Auf geht’s“, sagte ich und marschierte los, als sei ich die Vorsitzende des örtlichen Wandervereins. Die Rentner trotteten, angeführt von Helmut Grübel mit seiner Bio-Urne in der Hand, hinter mir her.

„Entschuldigung, Fräulein, haben sie etwas zu trinken? Ich habe vor zwei Wochen meine Nierensteine herausgenommen bekommen und muss viel Flüssigkeit zu mir nehmen. Sonst kommen die Steine sofort wieder.“ Der „pinke Gummistiefel“ meldete sich erneut zu Wort.

„Leider nein, Essen und Trinken ist bei Baumbestattungen nicht vorgesehen. Aber wir gehen später noch zum Kaffeetrinken, da gibt es sicher Wasser“, vertröstete ich die Frau.

„Ich habe ebenfalls Durst!“ Der „Riesen-Rentner“ schien einen Nachahmer-Komplex zu haben. Vielleicht war er als jüngstes von unzähligen Geschwistern aufgewachsen? Auf jeden Fall wollte er immer das, was „Gummistiefel“ wollte.

Herr Grübel kam mir zur Hilfe und versicherte den beiden Verdurstenden, dass die Beisetzung nicht lange dauern würde und es im Anschluss Wasser für alle gebe.

„Mach doch einfach den Mund auf, dann regnet es rein“, schlug ein Mann in dunkelgrünem Lodenmantel vor, an dem der Regen abperlte, als wäre er aus Plastik. Mir fiel auf, dass die Bäume erstaunlich wenig Schutz vor dem strömenden Regen boten. Auf die Natur war kein Verlass mehr.

Nass, aber dennoch durstig, zog unsere kleine Karawane weiter. Während ich überlegte, ob „Gummistiefel“ bald maulen würde, ihr sei langweilig, und fragen würde, ob wir noch lange laufen müssten, merkte ich, wie der kleine Weg immer kleiner wurde. Schließlich war er nicht mehr zu erkennen. Wir mussten querfeldein durch den Wald weiterstapfen. Erstaunlicherweise schien das die Rentner nicht zu stören, und wir kamen nach zehn Minuten endlich an dem Trauerbaum an.

Ich hatte zwei schlaflose Nächte verbracht, weil ich vergessen hatte, den Friedhofsverwalter zu fragen, woran ich „unseren“ Baum erkennen sollte. Oder ob wir die Urne nach Belieben verbuddeln dürften? Als würde er Freude an meiner Sorge haben, hatte der Mann meine folgenden Anrufe nicht beantwortet und auf meine Emails nicht reagiert. Vielleicht hatte er meine Nachfrage albern gefunden, da jeder Beerdigungs-Profi wissen würde, was ich nun sah: Ein kleines Schild war an einem Baum angebracht, darauf stand „Herta Grübel“.

Schweigend sah die Trauergemeinschaft zu, wie Helmut Grübel die Bio-Urne im Morast unter dem Baum eingrub. Als er aufstand, war er so voller Lehm, dass er wie eine Moorleiche aussah. Noch während ich mir vornahm, dass ich, sollte ich je wieder eine Baumbestattung planen müssen, auf jeden Fall Handtücher mit einpacken würde, sah ich „Gummistiefel“ aus den Augenwinkeln von einem Bein aufs andere hüpfen.

„Zwicken die Hämorrhoiden?“, fragte der „Lodenmantel“. Der „Riesen-Rentner“ sah aus, als würde er überlegen, wo er Hämorrhoiden herkriegen könne.

„Nein, ich muss mal für kleine Mädchen“, antwortete „Gummistiefel“.

„Du hast doch gar nichts getrunken?“, fragte „Lodenmantel“ trocken nach.

„Wenn du mal Nierensteine hast, mache ich mich auch über dich lustig“, keifte „Gummistiefel“ zurück und murmelte etwas von „Irgendwann bring ich ihn um!“.

Ich nahm an, Helmut Grübel hatte sich den Abschied von seiner Frau etwas feierlicher vorgestellt.

Und hier geht es weiter zu Kapitel 9 bis 12

Kapitel Zwei – Teil 2

Am Abend, als ich endlich zu Hause war, ließ ich mich erschöpft auf mein Sofa fallen. In meinen Ohren klingelten immer noch die Lobeshymnen meiner Kolleginnen auf ihre Schwiegermütter. Melanie und Ariane hatte mir unisono verkündet, dass eine Schwiegermutter das Beste war, was einem passieren konnte. Selbstverständlich hatte ich im Gegenzug von meiner ebenso wunderbaren Schwiegermutter in spe geschwärmt. Wenn sich vom Lügen wirklich die Balken biegen würden, wäre an diesem Montag unser Bürogebäude eingestürzt. Gott sei Dank war das nicht der Fall und ich hatte Zeit, den Rest des Nachmittags vor meinem Computer über zwei Fragen zu grübeln: War ich mit meinem Problem allein auf der Welt? Liebten alle anderen Frauen ihre Schwiegermütter wie die eigene Mutter und umgekehrt?

Rigoletto hatte an diesem Abend ein Geschäftsessen, so musste die gemeinsame Aufarbeitung des Kennenlern-Wochenendes weiter aufgeschoben werden. Ich hatte das untrügliche Gefühl, dass es sowieso eher eine Frauensache war, so ein Wochenende mit den Schwiegereltern bis ins kleinste Detail auszuwerten.

Also machte ich mir eine nicht naturbelassene Tüten-Tomatensuppe, setzte mich aufs Sofa, balancierte die Suppe vorsichtig auf meinen Knien, und griff zum Telefonhörer. Ich musste mit jemand sprechen. Über Ingrid. Es musste jetzt einfach alles raus, sonst würde ich verrückt werden.

Ich rief Maria an. Maria und ich hatten zusammen studiert und waren dann unserer ersten Arbeitsstellen wegen in unterschiedliche Städte gezogen. Maria hatte vor fünf Jahren ihren Freund Stefan geheiratet und war seit zwei Jahren Mutter von Zwillingen.

Ich hielt mich nicht mit langen Vorreden auf. Kaum hatte Maria den Hörer abgenommen, fragte ich schon:

„Ist deine Schwiegermutter nett?“

„Nett?“, fragte Maria erstaunt zurück. „Meine Schwiegermutter ist die größte Pissnelke, die du dir vorstellen kannst.“

Mir fiel ein Stein vom Herzen. Ich war nicht allein.

„Meine auch“, seufzte  ich verschwörerisch.

„Ihr seid doch noch gar nicht verheiratet“, fiel mir Maria ins Wort.

„Nein, aber Rigolettos Mutter könnte meine Schwiegermutter werden und sie ist furchtbar.“

Jetzt war es raus. Ich hatte es gesagt. Nicht zu Rigoletto, aber ich hatte einen lebenden Menschen in mein schreckliches Geheimnis eingeweiht.

„Alle Schwiegermütter sind furchtbar“, behauptete Maria überzeugt.

„Die Schwiegermütter meiner Kolleginnen sind alle herzliche, verständnisvolle Frauen.“

„Im Leben nicht. Die meisten Frauen können nur nicht zugeben, dass ihre Schwiegermütter blöde Kühe sind, weil sie Angst haben, dass ihr Mann oder Freund dann sauer auf sie wird.“

Ich unterdrückte einen Räusperer. Ja, der Gedanke kam mir bekannt vor. Und ich war noch ganz neu im Schwiegermutter-Geschäft. Vorsichtshalber sagte ich Maria davon nichts und hörte ihr stattdessen über eine Stunde zu, wie sie mir die schlimmsten Geschichten ihrer Schwiegermutter erzählte. Irgendwie hatte das etwas Beruhigendes.

Am nächsten Abend traf ich Rigoletto bei dem kleinen Italiener an der Ecke gegenüber meiner Wohnung. Ich hatte einen weiteren Arbeitstag damit verbracht, intensiv über Ingrid nachzudenken. Meinem Chef hatte ich auf die nicht sehr nette Nachfrage, womit ich meine Zeit verplempern würde, gesagt, ich würde eine größere Reihe über Familienunternehmen, die aus dem Nichts entstanden seien, planen. Nun saß ich mit einem Glas Rotwein beim Italiener und wartete auf Rigoletto. Ich musste noch mal über die Sache mit den Familienunternehmen nachdenken. Bei der Vorstellung, wie ich meinen Chef mit Ingrid bekannt mache, kicherte ich gerade in mich hinein, als Rigoletto sich mit feierlicher Miene zu mir setzte.

„Meine Mutter mag dich.“ Er sprach diese Worte aus, als hätte der Papst persönlich ihn angerufen und mitgeteilt, dass ich als nächste Jungfrau Maria im Gespräch sei.

Meine Antwort: „Ich mag deine Mutter aber nicht“ blieb mir angesichts des Glücks, das aus seinem Gesicht strahlte, im Halse stecken. Ich dachte an meine Alles-gar-nicht-so-schlimm-Liste und strahlte zurück.

„Das freut mich, ich mag deine Mutter auch.“

Wie gesagt, ich konnte gut und ohne Probleme lügen, aber diese Lüge war so riesig, dass ich mich instinktiv an die Nase fasste, um zu sehen, ob sie zu wachsen begann. Danach hielt ich mich an der Tischkannte fest, falls die Erde zu beben beginnen und ein Loch sich auftun würde, um mich zu verschlucken.

„Mira, nun kennen wir uns schon einige Zeit und ich denke, jetzt ist der rechte Augenblick, den nächsten Schritt zu machen.“

Ganz kurz schien die Erde tatsächlich zu beben und der Himmel über dem Restaurant ging auf. Überall hörte ich Harfen und Geigen spielen. Lügen wurden belohnt! Nicht bestraft. War das der Moment? Das musste der Moment sein. Ich sah Rigoletto erwartungsvoll an.

Es war nicht der Moment. Statt einer kleinen Box mit kostbarem Inhalt legte Rigoletto eine Zeitung auf den Tisch:

„Lass uns zusammenziehen. Ich habe schon mal den Immobilien-Teil mitgebracht.“

Ok, ich war ein klein wenig enttäuscht, dass es kein Heiratsantrag war, aber Zusammenziehen war immerhin etwas. Etwas, was ich dringend wollte. Wir hatten die Rechnung noch nicht ganz bezahlt, da sprang ich bereits auf und lief so schnell ich konnte in meine Wohnung. Rigoletto war noch nicht an der Eingangstür angekommen, da saß ich schon am Computer und verfasste das Kündigungsschreiben für meine Wohnung. Und für seine Wohnung.

Die nächsten Wochenenden verbrachten Rigoletto und ich damit, Wohnungen anzusehen, Zimmer auszumessen, die Vor- und Nachteile von Wohnungen mit oder ohne Küche zu besprechen und Farben für eventuell zu streichende Wände zu diskutieren.

Wenn es um meine Wohnung ging, konnte ich ein wenig überschwänglich werden. Ich hatte es eben gerne schön. Nicht so schöne Sachen hatte ich dagegen nicht so gern. Schon gar nicht in meiner Wohnung. Auch nicht in Rigolettos und meiner Wohnung. Unglücklicherweise waren ein paar von Rigolettos Möbeln gar nicht schön. Glücklicherweise hatte er für einen Mittdreißiger erstaunlich wenig Einrichtung, an der er nicht sehr hing und die ich ihm zu meiner Zufriedenheit ohne größere Mühe schnell ausreden konnte. Woher sollte ich auch ahnen, dass mein Freund sehr wohl einiges an Einrichtung hatte und dies alles noch den Weg in unsere gemeine Wohnung finden würde?

Kaum hatten wir also eine 3,5-Zimmer-Dachgeschoss-Traumwohnung mit Aufzug in bester Lage gefunden hatten beschlossen „wir“, dass wir sein ausgeleiertes, rotes Sofa und die Schrankwand, die noch aus der Junggesellen-Wohnung seines Vaters stammte, nicht wirklich brauchten.

Ich war in meinem Element. Obwohl wir erst am 1.Januar unsere neue Wohnung beziehen konnten, hatte ich Ende November bereits einen Masterplan aufgestellt, welche Möbel Einlass in unsere erste gemeinsame Wohnung finden würden, welche Farbe an welche Zimmerwand kam, was wo stehen würde, was neu gekauft werden musste und was für immer in den ewigen Möbel-Jagdgründen verschwinden sollte.

Ich liebte Einrichten und war so beschäftigt, unsere zukünftige Wohnung zu planen, dass ich darüber fast meine zweite Lieblingsbeschäftigung vergaß: Weihnachten.