Im wilden Osten

Es gibt Momente im Leben, da fühlt man sich unbesiegbar (z.B. wenn das Kind nach der dritten Behandlung mit dem vierten Mittelchen endlich Läuse-frei ist), es gibt Momente, da fühlt man sich frei (z.B. wenn man mit dem Hund am frühen Samstagmorgen durch den Wald läuft und das Wochenende noch unendlich zu sein scheint), es gibt Momente, da fühlt man sich jung (z.B. wenn man das gleiche Lied wie die vorpubertierende Tochter im Radio mitsummt, obwohl man nach Einschätzung eben jener Tochter die Dinosaurier in der eigenen Kindheit noch live gesehen hat) und es gibt Momente, da fühlt man sich irgendwie alt. Sehr alt.  Weiterlesen

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Kapitel Zwei – Teil 1

Auf den Schwiegereltern-Sonntag folgte als wäre nichts passiert der Montag und ich ging ins Büro. Gerne wäre ich zu Hause geblieben, aber mein Chef reagierte immer  etwas kritisch auf plötzliche Krankmeldungen. Ich hatte das untrügliche Gefühl, eine Krankmeldung mit der Begründung „Meine Schwiegermutter ist irgendwie komisch und ich muss das erst mal verarbeiten“ würde noch schlechter ankommen.

Gott sei Dank hatte ich meinen Film über Banken abgeschlossen und noch kein neues Projekt. So konnte ich den ganzen Morgen vor meinem Computer sitzen und nachdenken. Über meine eventuelle Schwiegermutter zum Beispiel, ihren Sohn und was ich mir von meinem weiteren Leben erträumte. Ob darin Heilkräuter, Alkohol-Tee und furzende Angler-Hosen vorkommen sollten.

Selbstverständlich musste ich dabei so aussehen, als wäre ich wahnsinnig damit beschäftigt, mir ein neues Projekt zu suchen. Dies gelang mir mühelos. Meine Stirn lag den gesamten Morgen in Falten, die eindeutig danach aussahen, als würde ich intensiv nachdenken, welcher Beitrag unserer Firma einen möglichst großen Gewinn bescheren würde.

In Wirklichkeit ließ ich das Wochenende in allen Details Revue passieren. Einmal. Zweimal. Dreimal. Es wurde nicht besser. Auch nicht nach der vierten Tasse Kaffee, die mir lediglich Herzrasen einbrachte. Meine eventuelle Schwiegermutter war im besten Falle merkwürdig-verschroben und ich wollte immer noch unbedingt ihren Sohn heiraten. Mein Instinkt gab mir dabei unmissverständlich zu verstehen, dass auf dem Weg zum Traualtar auf jeden Fall Rigolettos Mutter stand, die mich vorbeilassen musste. Lehnte ich Ingrid ab, würde ich den Sohn nicht bekommen. Wollte ich den Sohn bekommen, musste ich Ingrid mögen.

Die fünfte Tasse Kaffee stieg mir dermaßen zu Kopf, dass ich hektisch wurde und das Gefühl hatte, etwas tun zu müssen. Ich beschloss eine Liste zu machen. Eine „Ist-doch-alles-gar-nicht-so-schlimm“-Liste. Ich öffnete eine Computer-Datei und begann Verniedlichungsformeln aufzuschreiben:

–       Was machte es schon, dass mein Rigoletto seine Mutter etwas glänzender sah als sie war? Bestimmt machten das alle Söhne.

–       Eigentlich hatte Ingrid mir nichts Böses getan. Außer mich Mandy zu nennen und meine Haare zu kritisieren. Und mir kein Essen zu geben. Und keinen Wein. Und meine Schuhe lächerlich zu machen. Und mich allein ihrem Trunkenbold-Ehemann und seinem Tee im Wald auszusetzen. Aber das waren alles Kleinigkeiten.

–       Ältere Menschen waren oft etwas merkwürdig. Die Sache mit den Hustenbonbons war bestimmt nicht so gemeint. Halsschmerzen konnten wirklich furchtbar sein.

–       Irgendjemand musste schließlich Kräuter sammeln und an ihre Heilkraft glauben. Man stelle sich vor, wie es im Wald aussehen würde, wenn niemand das ganze Unkraut an den Wegen wegsammeln würde.

–       Bestimmt war Ingrid genauso aufgeregt gewesen wie ich. Schließlich brachte der eigene Sohn nicht ständig eine mögliche Schwiegertochter ins Haus. Auf jeden Fall hatte sich das bei Rigoletto so angehört. Vielleicht sollte ich besser noch mal nachfragen, wie viele Freundinnen er seinen Eltern schon vorgestellt hatte?

Bei diesem Gedanken fiel mir auf, dass Rigoletto bislang nur sehr wenig von seinen früheren Freundinnen erzählt hatte. Vielleicht hatte er sich für mich aufgespart? Oder hatte Ingrid alle vergrault? Ich beschloss, diesen Gedanken nicht weiter zu verfolgen und stattdessen der Natur – ganz in Ingrids Sinne – ihren Lauf zu lassen und auf die Toilette zu gehen. Der viele Kaffee zeigte Wirkung.

Ich hatte gerade die Tür der Toilettenbox hinter mir geschlossen, als zwei Kolleginnen, Ariane und Melanie vom Bildarchiv, die Toilette betraten. Die beiden hatten ganz offenbar nicht so viel Kaffee wie ich getrunken, da sie vor den Toiletten stehen blieben und mit dem Austausch ihrer Wochenenderlebnisse begannen.

„Ich war mit meinem Schatz bei seinen Eltern, das war wieder so etwas von schön“, schwärmte Ariane.

„Meine Schwiegermutter ist einfach ein Schatz. Eine wunderbare Frau. Sie tut alles für uns. Letztes Mal habe ich ihr gesagt, dass ich so gerne Erdbeerkuchen esse und natürlich stand diesmal ein Erdbeerkuchen auf dem Tisch. Dabei ist gar keine Saison. Was sie das gekostet haben muss! Dabei haben die so eine kleine Rente“, posaunte Melanie. Ich begann unglücklich auf dem Klo-Rand herumzurutschen.

„Meine Schwiegermutter macht für mich jedes Mal Rehrücken, nur weil ich einmal Weihnachten gesagt habe, dass ich den gerne mag. Und die haben es auch nicht gerade dicke“, fiel Ariane ein.

„Haben wir nicht ein Glück mit unseren Schwiegermüttern?“, fragte Melanie in hoher Stimmlage. „Ich habe ja schon so oft gehört, dass Frauen mit ihren Schwiegermüttern nicht auskommen. Ich verstehe das nicht. Es ist doch die Mutter des Mannes, den man liebt, wie kann man sich da nicht mögen?“

Mir wurde ein bisschen schlecht in meiner Toilettenbox. War alles am Ende meine Schuld? War ich eine gemeine Hexe, die jene Frau nicht mochte, die ihren Freund unter größten Schmerzen auf die Welt gebracht hatte?

„Weißt du, was meine Schwiegermutter neulich gesagt hat?“, fragte Melanie.

„Nein“, antwortete Ariane und ich fügte ein gehässiges „Woher auch“ im Kopf an.

„Sie hat gesagt, ich sei wie eine Tochter für sie. Die Tochter, die sie sich immer gewünscht habe. Und dass sie es kaum erwarten könne, bis wir endlich im Sommer heiraten und ich richtig zur Familie gehöre.“

Ich hatte mittlerweile viel zu lange auf der Toilette ausgeharrt. Aufstehen, abziehen und herauskommen waren keine Optionen, ohne dass die Beiden mein Lauschen bemerkt hätten. Ich beschloss, einfach abzuwarten. Irgendwann mussten sie wieder an die Arbeit denken. In diesem Moment fiel die Klobürste hinter mir mit lautem Gepolter um. Ich hatte das blöde Ding nicht berührt. Wenn ich es nicht besser gewusst hätte, ich hätte vermutet, Igerich müsste sie umgestoßen haben. Das war ja irgendwie sein Ding in schwierigen Situationen.

„Was war das?“, unterbrach Melanie ihre Schwiegermutter-Lobeshymne irritiert.

Ich sah ein, dass ich keine Wahl mehr hatte. Ich musste meine Toilette verlassen und mich zeigen. Verschämt schloss ich die Tür auf und ging, ohne die Augen zu heben, zum Waschbecken.

„Du warst aber lange auf der Toilette“, sagte Melanie vollkommen unbedarft, als hätte sie tatsächlich keinerlei Verdacht, dass ich gelauscht haben könnte.

„Durchfall?“ Sie sah mich fragend an.

Ich sah leicht pikiert zurück. So eine intime Frage hätte ich nach der Sache mit dem Namen und den Haaren vielleicht von Ingrid erwartet, aber von einem normalen Menschen? Immerhin, wir waren beim Thema.

„Sag mal, sind eure Schwiegermütter wirklich so nett?“