Jung, jünger, ich


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Großes Gewinnspiel rund um den neuen Roman „Liebe, Lügen, Leichen“

Liebe,Lügen,Leichen-neu

Der neue Roman „Liebe, Lügen, Leichen“ ist seit einiger Zeit bei Amazon als E-Book erhältlich und ich möchte ein kleines Dankeschön-Gewinnspiel für alle veranstalten, die das Buch bereits gekauft haben – und natürlich für alle, die den Roman noch kaufen wollen. Und das gibt es zu gewinnen:

1. Preis – Ein Amazon.de-Gutschein über 50 Euro

2. Preis – Ein Amazon.de-Gutschein über 25 Euro

3.-5. Preis – Je ein Amazon.de-Gutschein über 10 Euro

Wer teilnehmen und gewinnen möchte, sollte die folgende Frage zu dem Roman richtig beantworten:

„Wer ist Fred?“

Die Antworten bitte bis zum 25. März 2015 an Gewinnspiel_Anne_Harenberg@yahoo.com schicken oder einen Kommentar mit der richtigen Antwort und einer Email-Adresse unter diesem Beitrag hinterlassen (die Kommentare müssen für die Dauer des Gewinnspiels manuell von mir freigeschaltet werden und sind daher nicht sichtbar).

Viel Spaß und Viel Glück!!

Und hier die genauen Teilnahmebedingungen: Weiterlesen

Valentinstag…

Valentinstag! Der ist heute und ich bekam eine Rose und ein Schokoladenherz von meinen Kindern. Ich kann mich also nicht beklagen und ich mag den Valentinstag. Mochte ihn schon immer.

Ganz anders sah es bei dem Pärchen aus, die ich beim morgendlichen Hundespaziergang traf. Während mir die Frau irgendwie sehr laut und sehr betont „Einen frohen Valentinstag“ wünschte, brummelte der Mann hinter ihr etwas Unverständliches und ging weiter.

„Oha!“, dachte ich bei. „Ein Valentins-Schwarz-Weiß-Paar!“ Das wird kein guter Tag für die beiden.

Der Valentinstag ist der Rosenkohl unter den Feiertagen – man hasst ihn oder man liebt ihn. Weiterlesen

Liebe, Lügen, Leichen

Liebe, Lügen, Leichen – so heißt er, der neue Roman und kann ab sofort über Amazon als ebook bestellt werden (KLICK KLICK KLICK)!

Ungefähr die Hälfte der Teilnehmer des kleinen Wie-heißt-mein-Roman-Quizes haben richtig gelegen! Knapp dahinter kam „Liebe, Lügen, Lass mich doch in Ruh“ auf Platz Zwei. Ob mir das was sagen soll? Ein ganz herzlicher Dank geht an den Leser/die Leserin, die den Alternativ-Titel: „Liebe, Lügen, Leberwurst“ vorgeschlagen hat. Ich habe herzhaft gelacht, leider kann der Titel nicht mehr geändert werden, und ich hätte wohl in dem Fall auch noch ein Kapitel über die Beerdigung einer Leberwurst schreiben müssen.

Womit wir beim Thema wären, in dem neuen Roman geht es nämlich um Beerdigungen – daher auch die Leichen im Titel. Um euch nicht länger auf die Folter zu spannen, gibt es jetzt noch das 2. Kapitel als Leseprobe und wem das Buch dann immer noch gefällt, der darf es von mir aus gerne kaufen…;-).

(Für alle, die gestern nicht mitgelesen haben: Hier geht es zur Leseprobe des 1. Kapitels)

Leseprobe: Weiterlesen

Liebe, Lügen, ????

Es ist soweit!!! Morgen erscheint mein neues Buch! Es heißt…das wird noch nicht ganz verraten. Ich habe überlegt, dass ich meine lieben Blog-Leser raten lasse. So zur Überbrückung der Zeit (vor allem für mich natürlich, ich könnte ein Hamsterrad gerade gut gebrauchen). Damit es nicht ganz so schwer wird, gibt es das erste Kapitel als Leseprobe und das Cover – natürlich ohne das entscheidende Wort. Also, stimmt fleißig ab und morgen wird das Rätsel gelöst. Weiterlesen

Kapitel Eins – Teil 1

Alles begann an einem nebeligen, grauen Freitagnachmittag in einem Zug. Ich saß in diesem Zug und war aufgeregt, da ich auf dem Weg nach Paderborn war, um meine Schwiegereltern kennen zu lernen.

Gut, das mit den Schwiegereltern war vielleicht etwas verfrüht, schließlich waren der Mann meiner Träume und ich noch nicht verheiratet. Genau genommen gab es nicht mal einen Heiratsantrag, geschweige denn eine gemeinsame Wohnung. Aber das alles tat nichts zur Sache – wir hatten uns gefunden und das war, was zählte.

Es gab – glaube ich – nur einen Menschen auf der ganzen Welt, der über das Ende der Märchenprinzsuche noch glücklicher war als ich. Nein, nicht der Märchenprinz. Meine Mutter. Sie hatte zwei Tage nonstop vor Erleichterung geweint, dass sie nun ihren Freundinnen nicht mitteilen musste, dass ihre Tochter eine von diesen neumodischen Lesben sei. Wobei sie das Wort „Lesbe“ immer nur ganz leise und wie eine schreckliche, ansteckende Krankheit aussprach. Natürlich nahm ich an, dass sich die Eltern des Märchenprinzen mindestens genauso darüber freuen würden wie meine Mutter, dass ihr Sohn nun glücklich bis an sein Lebensende sein würde – und nicht schwul war, falls sie jemals diese Sorge gehegt hatten.

„Allein schon deshalb müssen sie mich einfach mögen“, versuchte ich meine eigene Aufgeregtheit etwas zu mildern. Dazu kam, dass ich für gewöhnlich unglaublich gut bei Eltern ankam. Wenn meine Eltern mir Eines beigebracht hatten, dann das gute Ankommen bei anderen Eltern. Ich konnte so höflich, zuvorkommend, zurückhaltend, adrett und freundlich sein, wie es die Situation gerade verlangte. Dazu gehörte Lügen, dass sich die Balken bogen, wenn es nur der Höflichkeit diente. So hatte ich als kleines Mädchen mal bei einer Freundin, bei der ich zum Mittagessen eingeladen war, einen ganzen Teller Rahmspinat voller Enthusiasmus geradezu verschlungen. Nicht mal vor dem Nachschlag war ich zurückgeschreckt. Dabei hasste ich nichts mehr als Rahmspinat. Ich brachte es einfach nicht übers Herz, der glücklichen Mutter, die mich sofort ihrer eigenen Spinat-verweigernden Tochter als Musterbeispiel vorhielt, die Wahrheit zu sagen.

Es sollte genau diese Höflichkeit ohne Rücksicht auf das eigene Wohlbefinden sein, die mir im Umgang mit meiner Schwiegermutter zum Verhängnis werden sollte. Aber das wusste ich natürlich noch nicht, als ich aufgeregt im Zug nach Paderborn saß und versuchte mich selber zu beruhigen.

Meine bisherigen Beziehungen waren an vielen Dingen gescheitert, aber noch nie an den Müttern meiner Freunde. Mit einer hatte ich mich lange nach dem Ende der Beziehung zu ihrem Sohn noch zum Kaffeetrinken getroffen und mir angehört, wie furchtbar die neue Freundin sei. Eine andere hatte mich statt der neuen Flamme des Sohnemanns zu ihrem 50ten Geburtstagsfest eingeladen. Ich hatte einfach ein Ding mit Müttern. Oder besser gesagt, mit normalen Müttern, woher sollte ich auch wissen, dass ich in wenigen Stunden auf ein ganz besonderes Mutter-Exemplar treffen würde.

Zumal ich mich auf meinen Antrittsbesuch so intensiv vorbereitet hatte, wie es eine südkoreanische Delegation vor einer Reise zu Gesprächen über Atomwaffen nach Nord-Korea tun würde. Wenn ich nur geahnt hätte, dass mein Vergleich gar nicht so weit hergeholt und ich im Begriff war, mich auf sehr feindliches Territorium zu begeben – ich hätte noch bessere Vorbereitungen getroffen. So hatte ich „nur“ einen ganzen Stapel neuer, sehr schicker Klamotten in meinem Koffer, mit denen ich vor den Augen meines Prinzen und seiner Eltern ausgesprochen gut, modisch und elegant aussehen würde. Und wer wünschte sich nicht so eine schicke Frau für seinen Sohn? Den einzigen Sohn, in diesem Fall.

Außerdem hatte ich einen Arbeits-Erfolg in der Reisetasche. In meinem Job als Redakteurin bei einer TV-Produktionsgesellschaft hatte ich eine 30-Minuten-Spezial-Sendung über deutsche Banken abgeschlossen, die sofort von einem 24-Stunden-Nachrichten-Sender gekauft und nun in der Endlosschleife gezeigt wurde. Egal, wie langweilig ich meinen Job im Allgemeinen und das Thema Banken im Besonderen fand, machte das etwas her, dachte ich zufrieden und schaute aus dem Zugfenster. Draußen peitschten Hagelkörner gegen die Zugfenster und die Landschaft war in ein undurchsichtiges Grau-in-Grau getaucht. Vielleicht hätte ich dies als Vorzeichen erkennen sollen. Ich tat es nicht.

„Beim Fernsehen! Wirtschaft!“ – Vor meinem geistigen Auge sah ich stattdessen meine Schwiegereltern schon über den Gartenzaun mit den Nachbarn über die neue Frau an der Seite ihres Sohnes sprechen. Im Geheimen gestand ich mir zwar ein, dass ich lieber bei einem Klatsch-Magazin gearbeitet hätte, aber gerade vor dem ersten Besuch bei den Schwiegereltern war ich froh, dass ich mit einem seriösen Job aufwarten konnte. Bei Eltern und Nachbarn klang „Wirtschaftsredakteurin“ einfach besser.

Ich hatte in den vergangenen Wochen immer wieder versucht, mir meine möglichen Schwiegereltern vorzustellen: wie sie aussahen, was sie machten, worüber sie sprachen. Leider war der Sohn dieser Schwiegereltern dabei keine besonders große Hilfe. Wie Männer eben so sind, hatte er nur sehr oberflächliche Antworten auf meine ständigen Nachfragen.

„Warum willst du das alles wissen?“ hatte er mich eines Abends leicht genervt gefragt. „Du wirst meine Eltern doch bald kennenlernen und dann weißt du, wie sie aussehen, was ihre Hobbies sind und was sie den ganzen Tag machen. Ich habe ganz normale Eltern. Ich habe mich doch auch nicht so angestellt, als ich deine Eltern kennengelernt habe.“

Das stimmte. Ich war aber eben gerne gut vorbereitet. Siehe Nord-und-Süd-Korea.

Immerhin so viel hatte ich mir aus kleineren Bemerkungen oder Andeutungen meines Freundes zusammengereimt: Seine Mutter war Anfang sechzig und Geschäftsfrau. Oberste Priorität in ihrem Leben hatten Disziplin und Konsequenz. Sie war gebildet und weltgewandt. Auf Fernsehen wurde im Elternhaus meines Freundes weitestgehend verzichtet, da man lieber bei einem guten Glas Rotwein diskutierte. Mein potentieller Schwiegervater war seines Zeichens Weinkenner und hatte es als Ziel seines Lebensabends erkoren, die besten Weine der Welt zu studieren. Worüber man diskutierte und wie genau man Wein studierte, ohne dabei ständig sturzbetrunken zu sein, fand ich zwar nicht heraus, aber ich war beeindruckt. Und ein wenig neidisch, wenn ich an meine eigene Familie dachte.

Meine Mutter wurde jedes Jahr rundlicher, da ihr jegliche Disziplin fehlte. Mein Vater hatte in seinem Leben noch keine einzige Flasche Wein aufgemacht, da er sich von Chips und Bier ernährte. Die Weltgewandtheit meiner Eltern beschränkte sich darauf, dass sie sich nach langem Zögern im Jahr 2000 endlich eine EC-Karte angeschafft hatten und nicht mehr jedes Mal vor Schreck in Ohnmacht fielen, wenn sie im Supermarkt eine Münze in den Einkaufswagen stecken mussten.

Mit dem Diskutieren war es in meiner Familie auch nicht so weit her. Hundertprozentig sicher konnte ich nicht sein, aber ich war ziemlich überzeugt, dass meine Eltern das letzte Mal miteinander gesprochen hatten, als ich ausgezogen war. Wahrscheinlich hatten sie sich gegenseitig gratuliert, dass nun endlich auch das letzte dieser störenden Balgen, die man im jugendlichen Leichtsinn in die Welt gesetzt hatte, aus dem Haus war. Seit diesem Tag vor mehr als zehn Jahren saßen meine Eltern von morgens bis abends vor dem Fernseher, aßen Schokolade bzw. Chips, tranken dazu Likör und Bier und schwiegen sich zufrieden an.

Ich seufzte und blickte nochmal aus dem Fenster auf die stürmende Landschaft, die in Sekundenschnelle an mir vorüberzog. Hoffentlich würde ich auch in dieser ganz anderen Art von Familie zu Recht kommen. „Wenigstens komme ich gut bei Müttern an“, tröstete ich mich immer wieder und wurde trotzdem noch aufgeregter.

Ungefähr eine Stunde bevor ich in Paderborn ankommen sollte, hatte mich das Rattern des Zuges so eingelullt, dass ich eingeschlafen war. Der schrille Piep-Ton meines Handys, der eine SMS ankündigte, ließ mich hochschrecken.

Leider könne er mich doch nicht wie geplant vom Hauptbahnhof in Paderborn abholen, da ihm etwas dazwischen gekommen sei, lautete der Text der SMS meines Freundes. Er war bereits vor zwei Tagen mit dem Auto nach Paderborn gefahren, um dort an einem Klassentreffen teilzunehmen. Ich sollte am besten am Hauptbahnhof erfragen wie ich weiter nach Nieder-Oberstein käme, es sei ganz einfach, hieß es wenige Minuten später in einer zweiten SMS.

Ich wunderte mich zwar ein wenig, warum ich noch nach Nieder-Oberstein weiterfahren sollte, wo die Eltern meines Freundes doch in Paderborn wohnten, versicherte mir dann aber selber, dass Nieder-Oberstein wohl ein Vorort sein müsste und beschloss, mir von dieser kleinen Verzögerung nicht die Laune verderben zu lassen.

Knappe drei Stunden und vier Regional-Expresse später stand ich frierend auf dem mittlerweile dunklen Bahnsteig in Unter-Oberstein und wartete auf die Bahn nach Nieder-Oberstein. Meine Laune hatte mittlerweile doch ein wenig gelitten. Zumal der Regionalexpress nach Nieder-Oberstein eine halbe Stunde Verspätung hatte. Was absolut normal war, wie mir der nette Schaffner versicherte, den ich nach langem Suchen in seiner gut geheizten Schaffner-Stube bei Kaffee und Kuchen sitzend aufgestöbert hatte.

„Sagen Sie bloß, sie werden nicht abgeholt? Das weiß doch jeder, dass die Bahn hier nie pünktlich ist, ha, ha, ha“, lachte er kauend vor sich hin. „Darum lässt sich eigentlich jeder in Paderborn abholen, oder zumindest hier, ha, ha, ha. Es ist doch furchtbar mit den Bimmelbahnen allein durch die Pampa zu zuckeln.“

Mit dieser Feststellung hatte er zweifelsohne Recht, denn ich war in dem Zug, der aus Lok und genau einem Waggon bestand, ebenso allein wie während der guten 45 Minuten Wartezeit auf dem stockdunklen Bahnsteig.

„Beleuchten machen wir hier nicht, ist ja so was wie Endstation hier, da wartet sonst nie einer,“ hatte mir der Schaffner auf meine Beschwerde hin weiter erklärt.

Als ich endlich im Zug saß, musste ich feststellen, dass die Heizung nicht angestellt war. Die Erklärung des dick eingemummelten Zug-Schaffners, dass sich das nicht lohne, da niemand je mit dieser Bahn fahre, überraschte mich nicht weiter.

„Was wollen sie denn in Nieder-Oberstein?“, fragte der Schaffner interessiert, während er mein Zugticket abstempelte.

„Ich besuche die Eltern meines Freundes.“

Normalerweise gab ich fremden Menschen nicht so schnell so viele Informationen, aber die Aufregung und die stundenlange Warterei auf den Bahnsteigen hatten meine Zunge gelöst.

„Ach, sie sind das!“

Der Schaffner sah mich lange an und ich hätte schwören können, ich sah so etwas wie Mitleid in seinem Blick, was ich beschloss zu ignorieren. Ich war einfach nur froh, dass ich nicht gesagt hatte, dass ich meine künftigen Schwiegereltern besuchte, wie es mir auf der Zunge gelegen hatte. Offensichtlich kannte man sich in Nieder-Oberstein.

„Ich komme auch aus Nieder-Oberstein, da kennt jeder jeden“, bestätigte der Schaffner meine Gedanken. „Sie sind also der wichtige Besuch, von dem die Mutter ihres Freundes gestern in der Bäckerei gesprochen hat?“

Er sah mich wieder lange und prüfend an, was ich erneut ignorierte, denn mein Gehirn war damit beschäftigt, diese neue Information zu verarbeiten. Ich war wichtiger Besuch. Das war ein gutes Zeichen!

„Das sind sehr besondere Leute, die Eltern ihres Freundes“, sagte der Schaffner schließlich, tippte mit dem Finger an seine Schaffnermütze und verließ das Abteil.

Mir war nicht ganz klar, was ich mit dieser Bemerkung anfangen sollte. Gott sei Dank hielt der Zug in diesem Moment, ich war endlich in Nieder-Oberstein angekommen und hatte andere Dinge zu tun, als mir Gedanken über den Satz eines Zugschaffners zu machen.

Auch das letzte bisschen meiner schlechten Laune war wie weggeblasen, als ich endlich den Mann meiner Träume auf dem Bahnsteig in Nieder-Oberstein in die Arme schließen konnte. Tapfer lächelte ich die Strapazen der um vier Stunden verlängerten Reise und der Kälte auf Deutschlands nebeligen Bahnsteigen weg und begann, mich seelisch auf mein bestes Schwiegertochter-Benehmen einzustellen.

Sogar die Frage, ob Nieder-Oberstein überhaupt irgendetwas mit Paderborn zu tun habe, verkniff ich mir taktvoll, obwohl die Reise von Paderborn nach Nieder-Oberstein genauso lange gedauert hatte, wie die von Berlin nach Paderborn.

Weitere 10 Minuten Autofahrt später standen wir endlich vor dem Haus der Eltern des Mannes, den ich heiraten wollte. Erwartungsvoll stieg ich aus dem Auto. Es war dunkel und mittlerweile nieselte es, wie es nur an einem Winterabend in Deutschland nieseln kann. Innerhalb weniger Sekunden war alles klamm und was ich vor kurzem noch meine Frisur genannt hatte, waren jetzt ein paar unkoordinierte, schlappe, braune Haarsträhnen auf meinem Kopf. Ich strich mir durchs Haar, ohne große Hoffnung etwas zu verbessern, und wandte mich in Richtung Haus.

Der erste Blick auf das Haus meiner erhofften Schwiegereltern war beeindruckend. Man hätte fast sagen können: Es sah aus wie ein Märchenschloss. Ich stand vor einem riesigen Haus mit zahllosen Fenstern und einer Eingangstür, die ungefähr so groß war wie das ganze Haus, in dem ich aufgewachsen war. Meine Hochachtung vor der Frau, die Mutter meines Freundes und dazu noch eine offenbar sehr erfolgreiche Geschäftsfrau war, wuchs.

Wir standen noch nicht ganz vor der Haustür, als sich diese wie von Geisterhand öffnete. Nach der Größe des Hauses zu urteilen, hatte ich schon mit einen Butler oder zumindest eine Hausdame dahinter gerechnet. Doch aus der Tür kam eine Frau, die aussah, wie…wie meine Mutter auf Drogen.

Ich weiß nicht genau warum, aber ich hatte mir die Mutter meines Freundes so vorgestellt wie Meryl Streep in der „Teufel trägt Prada“: Eine große, schlanke Frau mit perfekt sitzender Frisur, gekleidet in einfache, edle Sachen, die ihre natürliche Autorität unterstrichen. Eine disziplinierte, gestandene Geschäftsfrau – auf meine Nachfrage hatte mein Freund knapp erklärt, seine Mutter sei in der Pharmaindustrie tätig – eben.

Die Frau, die mir enthusiastisch ihre Arme entgegenstreckte während ich ins Haus trat, war das Gegenteil. Sie war klein und dick. Sehr dick. Sie hatte eine Unmenge ungekämmter langer, krauser, drahtiger grauer Haare auf dem Kopf, die aussahen, als wäre ein Fön in ihnen explodiert. Oder wie einer dieser grauen Stahlschwämme, mit denen man dreckige Töpfe sauberkratzen konnte. An den Armen der Frau baumelten unzählige Reifen und Kettchen, auf ihrem gewaltigen Busen ruhte eine hölzerne Kette, die mindestens so viel wog wie sie selber und mit der wahrscheinlich in einem vorherigen Leben Sklaven auf Galeeren festgekettet worden waren. Unter der Kette trug sie ein weinrotes Kleid, das in merkwürdigen Falten um ihren Körper bis zum Boden hing. Außerdem war sie barfuß. Was ich gut verstehen konnte, denn kaum trat ich ins Haus, kam mir eine derartige Hitze entgegen, dass ich bereits nach wenigen Sekunden das Kondenswasser an meinem Schalenkoffer herunterlaufen sah. „Wenigstens kann das Desaster auf meinem Kopf nicht schlimmer werden“, dachte ich leicht beunruhigt. Nichts war so, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Nun war ich nicht umsonst Mutters Liebling und so schaffte ich es, mir mein Erstaunen über das Auftreten meiner künftigen Schwiegermutter nicht anmerken zu lassen und streckte ihr nicht minder enthusiastisch meine Arme entgegen.

„Sie müssen Miranda sein“, stellte die Frau unnötigerweise – oder hatte ihr Sohn etwa für das gleiche Wochenende noch eine Freundin angekündigt? – mit einer derartigen warmen, freundlichen Stimme fest, dass ich mich sofort von ihrem unerwarteten Aussehen erholte und wieder begann, mich auf das Kennenlernen meiner Hoffentlich-Schwiegereltern zu freuen.

„Was haben sich Ihre Eltern nur bei diesem Namen gedacht? Das ist doch so eine furchtbare, zuckrige Limonade? Und was ist denn mit ihren Haaren passiert?“, fuhr die Frau ebenso freundlich fort, während sie mich so fest an ihren Atombusen drückte, als wäre ich ihre kurz nach der Geburt verschwundene Tochter, die im Dschungel von Affen großgezogen worden war.

Trotz der gefühlten 45 Grad Raumtemperatur gefror mir mein schönstes Schwiegermutter-Lächeln auf den Lippen. Ich mochte meinen Namen nicht. Wirklich nicht! Und ich hatte mir oft die gleiche Frage gestellt: Was hatten sich meine Eltern nur bei „Miranda“ und dann auch noch in Zusammenhang mit dem Nachnamen „Meyer“ gedacht? Über den Kommentar mit den Haaren wollte ich lieber gar nicht erst anfangen nachzudenken.

Ich war es gewöhnt, dass Menschen nach meinem „merkwürdigen“ Namen fragten, normalerweise allerdings erst, wenn man sich etwas näher kannte. Und irgendwie auch etwas behutsamer, mehr so, wie: „Interessanten Namen haben deine Eltern da ausgesucht, den kenn ich eigentlich nur von der Limonade.“ Über die Jahre hatte ich mir als Erklärung zurechtgelegt, dass der Name typisch englisch sei und von meiner englischen Urgroßmutter stammte. Das war eine infame Lüge, aber meist waren die Leute dann ruhig.

Es war aber nicht nur die, sagen wir mal, sehr offene Frage meiner Schwiegermutter in spe, die mich störte. Es war die Tatsache, dass ihr Sohn einen wesentlich schlimmeren Namen hatte als ich. Es hatte schließlich einen Grund, warum ich meinen Märchenprinz am liebsten gar nicht beim Namen nannte, und wenn ich es doch tun musste, dann nannte ich ihn „Hase“ – konsequent und ausschließlich, obwohl mir Kosenamen ein Graus waren. Aber ich brachte seinen echten Namen bei aller Liebe einfach nicht über die Lippen.

Kapitel Eins – Teil 2

Denn, mein „Hase“ hieß: „Rigoletto Hasenbein“. Ernsthaft. Kein Witz. Ich hatte seinen Pass mehr als einmal kontrolliert, er hieß wirklich so. Und nicht nur so, zwischen „Rigoletto“ und „Hasenbein“ stand auch noch „Placido“. „Placido“ wie „Placido Domingo“. „Rigoletto Placido Hasenbein“. Und diese Frau fragte mich tatsächlich, was meine Eltern sich bei „Miranda“ gedacht hatten?

Ich war fassungslos. Aber zu meinen Stärken gehörte es, schwierige Situationen überspielen zu können. So löste ich mich aus der Umarmung, lächelte „Hases“ Mutter an, erzählte meine englische Urgroßmuttergeschichte und tat so, als sei es das Normalste der Welt, seiner Vielleicht-Schwiegertochter innerhalb von 30 Sekunden beim ersten Treffen zu sagen, dass man ihren Namen grauenvoll findet und ihre Haare furchtbar aussehen. Und als wäre die Geschmacksverirrung beim Namen des eigenen Sohnes so schlimm nicht.

Mein Rigoletto-Hase zwinkerte mir verschwörerisch zu – wir hatten viel Zeit damit verbracht, uns gegenseitig unser Leid über unsere Namen zu klagen, wobei er eindeutig gewann. Er konnte aus seinem Namen nicht mal eine erträgliche Abkürzung ziehen. „Rigo“, „Letto“, „Goletto“  ging alles nicht. Ich dagegen hatte erfolgreich „Mira“ durchgesetzt und das gegen so starke Konkurrenz wie „Mandy“.

„Aber wissen Sie was, ich werde sie einfach ‚Mandy’ nennen und das alberne ‚Sie’ lassen wir weg, wir wollen doch gute Freundinnen werden. Ich bin die Ingrid“, sagte Hases Mutter in diesem Moment als könne sie Gedanken lesen.

Mit diesen Worten presste sie mich nochmals an ihren wogenden Busen und drückte mir einen Kuss auf die Wange, während die Sklaven-Kette schmerzhaft meine Rippen quetschte.

„Und es gibt heute so hervorragende Perücken, da macht es gar nichts, wenn das Naturhaar dünn und kraftlos ist.“

Ingrid strahlte mich an, als hätte sie einen Versand-Shop für Echt-Haar-Perücken und ich das jährliche Preisausschreiben mit der teuersten Perücke als Hauptgewinn gewonnen. Es folgte eine Minute betretenes Schweigen.

Dann fragte ich höflich:

„Dürfte ich mal die Toilette benutzen? Die Fahrt war doch etwas länger als geplant.“

Was ich jetzt brauchte, waren ein paar Minuten Ruhe, um die Begrüßung wegzustecken. Schließlich war ich weiterhin fest entschlossen, einen guten Eindruck zu machen. Trotz meines neu gewonnenen Haar-Traumas.

„Ich bin und ich bleibe höflich, ich kann und ich werde es schaffen“, wiederholte ich still vor mich hin, während ich versuchte, mich auf der Toilette etwas frisch zu machen. Was nicht ganz einfach war, da hier ebenfalls Sauna-Temperaturen herrschten. Dazu kam die Wärme von 25 Vanille-Teelichtern, die den Vier- Quadratmeter-Raum erleuchteten und einen Geruch verströmten, der jedem arabischen Harem Ehre gemacht hätte.

Entsprechend wenig erfrischt, aber immerhin wieder guten Mutes stand ich wenige Minuten später erneut vor Rigolettos Mutter, die sofort ihren Arm um mich legte und mich ins Esszimmer zum Tisch zog, wo sie mich auf einen Stuhl gegenüber dem ihres Sohnes drückte. Vor Rigoletto stand bereits ein volles Weinglas.

Vor meinem Platz stand ein Teller mit Schinkenbroten und ein leeres Wasserglas. Daneben standen weitere Teller, die ganz offensichtlich schon benutzt waren, schmutziges Besteck und einige Schüsseln mit Fleisch-, Kartoffel- und Gemüseresten.

Damit mich niemand falsch versteht: Ich mag Schinkenbrote, allerdings hatte mein Hase mir mehr als nur einmal von den Kochkünsten seiner Mutter vorgeschwärmt und mich gebeten, im Zug nicht meiner geheimen Leidenschaft für die dort zu kaufenden, überteuerten Gummibrötchen mit viel Mayonnaise und wenig Käse bzw. Schinken nachzugehen.

„Wie ich meine Mutter kenne, bereitet sie sicherlich ein Festmahl“, hatte er mich vor seiner Abfahrt ermahnt.

Unglaublich „gastfreundlich“ war seine Mutter natürlich auch: Ein Festmahl hatte es ganz offensichtlich gegeben – nur ohne mich. Mein Magen knurrte mich böse an.

„Wir haben schon mal gegessen“, flötete Ingrid in diesem Moment zur Erklärung. „Du hattest ja solche Verspätung und wir essen gern pünktlich.“

„Ja, schade, dass das mit dem Abholen nicht geklappt hat“, säuselte ich zurück, um darauf hinzuweisen, dass die Verspätung nun wirklich nicht meine Schuld war. Und wie sie das nicht war, wie ich nun erfahren sollte!

„Ach, weißt du, Mandy, mein Rigolettochen ist einfach so ein Schatz und hat für mich noch meine Hustenbonbons aus der Apotheke geholt. Ich habe so ein ganz leichtes Kratzen im Hals und hatte etwas Sorge, dass es heute Nacht vielleicht schlimmer werden könnte. Da habe ich vorsorglich lieber ein Hustenbonbon genommen und ich schwöre nun mal auf die Bonbons aus der kleinen Apotheke in Unter-Oberstein. Leider hat es dann nicht mehr zum Abholen gereicht. Einen richtigen kleinen Vorrat hat er für mich geholt, der liebe Junge.“

Erstaunt blickte ich den „lieben Jungen“ an, der dies allerdings nicht zu bemerken schien und einen Schluck aus seinem Weinglas nahm. Ich überlegte kurz, ob es irgendwie möglich war, dass ich etwas falsch verstanden hatte. Dann musste ich mir eingestehen, dass ich vier Stunden bei Eiseskälte und Nieselregen auf Bahnsteigen und in Bimmelbahnen verbracht hatte, weil meine eventuelle Schwiegermutter ihre Lieblings-Hustenbonbons aus der Apotheke in irgendeinem Ober-Unter-Neben-Steindorf für den eventuellen Fall, dass sie nachts mal Husten musste, brauchte.

Damit nicht genug: Weil ich deswegen zu spät angekommen war, hatte man schon ohne mich ein Abendessen eingenommen, das offensichtlich so reichhaltig gewesen war, dass die gesamte Familie noch nicht die Kraft gefunden hatte, die leeren Teller abzuräumen.

„Ich habe meiner Mutter gesagt, dass du gerne Schinkenbrot ist, da hat sie dir natürlich eins gemacht. Falls du Hunger hast“, lobte der liebe Junge seine Mutter und lächelte mir beschwichtigend zu.

Er hatte wohl mal kurz von seinem Weinglas hochgesehen und das schiere Entsetzen in meinem Gesicht bemerkt.

„Das ist so nett, ich liebe Schinken!“, sagte ich mit neuem Enthusiasmus.

Ich hatte beschlossen, Gnade vor Recht ergehen zu lassen und so zu tun als wäre nichts. Was hätte ich auch sonst tun sollen? Ich konnte ja schlecht am ersten Abend mit meinem Schwiegereltern beleidigt aufstehen und ins Bett gehen.

Erleichtert wurde mein Entschluss durch die Tatsache, dass der Schinken ungefähr so dick geschnitten war wie das Brot, auf dem er lag und mein Messer auch ein Löffel hätte sein können, so unscharf war es. Ich war erst mal damit beschäftigt zu versuchen, den Schinken klein zu kämpfen und dabei einigermaßen elegant auszusehen. Leider war alles, was ich erreichte, dass das Brot unter dem unkaputtbaren Schinken heillos und höchst unelegant zerbröselte. Damit war auch die Möglichkeit, das Schinkenbrot mit der Hand zu essen dahin. Während ich meinen aussichtslosen Kampf gegen den Schinken führte, erstarb die Unterhaltung bei Tisch und alle starrten gebannt auf das Schlachtfeld auf meinem Teller. Ich sah nur noch eine Möglichkeit, mich aus der Situation zu retten. Beherzt spießte ich die Scheibe Schinken mit meiner Gabel auf und steckte sie mir mit etwas Mühe komplett in den Mund. „Problem gelöst!“, dachte ich fröhlich, auch wenn ich leichte Schwierigkeiten hatte, mit meinem übervollen Mund zu kauen und Luft zu bekommen.

„Mandylein, möchtest du vielleicht ein Glas Wein?“, fragte Ingrid in diesem Moment mit zuckersüßer Stimme und ich hätte schwören können, ich sah ein kurzes, teuflisches Grinsen durch ihr Gesicht zucken.

Da hatte sie mich allerdings unterschätzt. Ich ließ mir von einem stumpfen Messer und einem toten Stück Schwein nicht den guten Eindruck bei meinen möglichen Schwiegereltern kaputtmachen. Ich würde nicht mit vollem Mund sprechen. Beherzt schluckte ich die gesamte, unzerkaute Scheibe Schinken herunter. Nun wusste ich endlich, wie eine Schlange sich fühlte, nachdem sie ein ganzes Eichhörnchen auf einmal verschlungen hatte: Nicht gut. Mein Hals schmerzte schrecklich. Mit letzter Kraft und Tränen in den Augen, aber mit leerem Mund sagte ich:

„Ja, gerne.“

Ingrid nahm die Flasche Weißwein, die neben ihr auf dem Tisch stand und schüttelte sie leicht.

„Ach, schon leer.“, erklärte sie und kicherte weiter: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ „Möchtest du vielleicht Wasser?“ Mit Schwung schüttete sie mir ein paar Tropfen Wasser ein.

„Auch schon wieder leer“, sagte sie und schüttelte sowohl die Wasserflasche als auch ihren Kopf. „In unserem Alter muss man viel trinken. Ihr jungen Leute trinkt immer viel zu wenig.“

Was in meinem Fall bei diesem Essen allerdings ausschließlich daran lag, dass niemand eine neue Flasche Wasser holte. Ich stieß einen innerlichen Seufzer aus und hatte zum ersten Mal das Gefühl, dass es ein sehr langes Wochenende werden würde.

Nachdem ich die Brotkrümel einzeln mit der Gabel aufgespießt hatte, war das Essen endlich vorbei und mein Hase und seine Mutter gingen auf den Balkon, um zu rauchen. Ganz „Kind aus gutem Hause“ begann ich derweil, den Tisch abzuräumen. Irgendwie fühlte es sich zwar nicht richtig an, dass ich auch die Überreste des echten Abendessens, dass mir vorenthalten worden war, abräumte und die Teller brav in der Spülmaschine verstaute, aber was tut man nicht alles, um einen guten Eindruck zu hinterlassen. In meinen Fall spülte man sogar die Töpfe.

Mittlerweile war es nach Acht und ich fragte mich, ob nun die tiefschürfenden Diskussionen und der Rotwein kommen würden. Der Rotwein kam, die Diskussionen nicht, zumindest nicht in der erwarteten Form.

Kaum von ihrer Rauchpause auf dem Balkon zurück, trällerte Ingrid:

„Oho, heut ist ja Samstagabend und es kommt „Wetten, dass…?“, das hat Rigoletto schon als Kind so gern geschaut!“

Mit diesen Worten warf sie ihren massigen Körper längs auf das große Sofa, das vor einem gigantischen Flachbildschirm stand und schaltete den Fernseher mit einer Fernbedienung an, die so groß war, dass man damit wahrscheinlich eine NASA-Rakete auf den Mond hätte schießen können. Nicht, dass ich ein Lob für meinen Küchendienst erwartet hätte, aber ein kleines „Danke“ wäre schon schön gewesen. Traurig begann ich innerlich die Stunden bis zur Abreise zu zählen.

Als gäbe es nichts Selbstverständlicheres, zog mein Hase derweil drei Stühle vom Esstisch ins Wohnzimmer. In diesem Moment bemerkte ich ihn zum ersten Mal, meinen Vielleicht-Schwiegervater. Ich war mir sicher, dass ich ihn begrüßt hatte und dass er die ganze Zeit am Tisch anwesend gewesen war, aber irgendwie war er komplett hinter seiner Frau verschwunden. Was optisch nicht weiter verwunderte, da er höchsten die Hälfte von ihr wog. Aber: Wie war es möglich, dass ich mich an nichts erinnern konnte, was er gesagt hatte, nicht mal an ein „Hallo“?

Ich musterte den Mann, den ich soeben zum ersten Mal bemerkt hatte, unauffällig. Er hatte schüttere, graue Haare, trug eine braune Weste über einem schwarzen Hemd, dazu eine grüne, zu kurze Hose und gelbe Socken. Offensichtlich war er farbenblind und niemand in der Familie hatte sich die Mühe gemacht, ihn auf seine etwas schwierige Farbkombination hinzuweisen. Instinktiv tat er mir leid. Dann folgte das erste Wort, das ich bewusst aus dem Munde meines Schwiegervaters hörte. Es war eine Frage:

„Rotwein?“

Irgendwie hatte dieses Wort etwas Beruhigendes. Erstens würde der Alkohol mir helfen, den Rest des Abends inklusive „Wetten, dass…?“, das ich schon als Kind nicht gern gesehen hatte, zu überstehen und zweitens stimmte wenigstens irgendetwas von dem, was mein Hase über seine Eltern erzählt hatte. Ich nickte dem Vater meines Freundes verschwörerisch zu. Ich weiß nicht warum, aber ich hatte das unbestimmte Gefühl, dass er seine Frau genauso schrecklich fand wie ich.

„Bring doch noch was zum Knabbern mit, Igerich“, sagte Ingrid schnell, als ihr Mann sich auf den Weg in die Küche machte, um mir ein Rotweinglas zu holen.

Ich blickte erschüttert zu Rigoletto, der dies einmal mehr nicht zu bemerken schien. Igerich? Ich hatte meinen Freund nie nach dem Vornamen seiner Eltern gefragt und selbstverständlich waren die auch nicht von großer Bedeutung, aber Igerich? War das nicht etwas, was man erwähnte? Vor allem wenn man selber „Rigoletto“ hieß? Würde ich in eine Familie mit schwachsinnigen Namen einheiraten? Und was hieß dies für die Kinder, die Rigoletto und ich vielleicht mal haben würden? Ich ließ mich erschöpft in meinen Stuhl zusammensinken. Das Wochenende verlief bislang ganz anders als ich mir das vorgestellt hatte.

Igerich kam zurück mit einem riesigen Rotweinkelch, der mir immerhin Hoffnungen auf eine baldige Lockerung der Anspannung meinerseits machte. Allerdings löste er auch Angst vor der Disziplin der Schwiegermutter in spe hervor. Wenn ich ein Glas von diesem Ausmaß leer trinken würde, wäre ich volltrunken, soviel war klar. Betrunken am ersten Abend mit der disziplinierten Schwiegermutter. Ich wollte mir das gar nicht weiter ausmalen und überlegte ernsthaft, ob ich den Rotwein nun doch noch ablehnen konnte, nachdem Igerich extra ein Glas für mich geholt hatte. Ich entschied mich dagegen, denn langsam aber sicher kamen in mir erste Zweifel, ob mein Hase mir die Wahrheit über seine Familie erzählt hatte. In der anderen Hand hielt Igerich mit viel Mühe eine große Tüte Chips sowie jeweils einen Beutel Schokoriegel und Gummibärchen. Ich blickte mich irritiert im Wohnzimmer der Familie Hasenbein um. Waren wir doch bei meinem Eltern zu Besuch und ich hatte es nur nicht gemerkt?

Mir wollte einfach nicht klar werden, wie Disziplin, eine Wochenladung Süßigkeiten vor dem Fernseher und ein Ein-Liter-Rotweinglas zusammen passten. Dass Igerich ein legitimer Vorname in Deutschland und kein schlechter Scherz war, übrigens auch nicht. Und dass man ernsthaft seinen erwachsenen Sohn und dessen Freundin beim ersten Kennenlernen zwingen kann, am Samstagabend „Wetten, dass…?“ zu sehen, schon gar nicht.

In diesem Moment fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Rigoletto hatte mich mit den Geschichten über seine Eltern reingelegt, der ganze Kram von disziplinierter Geschäftsfrau und tiefgründigen Diskussionen war nur ein Witz gewesen, um sich an meiner Reaktion zu ergötzen. Gemeinsam würden wir uns später in unserem Zimmer darüber totlachen, dass ich auf seine Erzählungen reingefallen war. Dafür musste man meinen Hasen doch einfach lieben!

Ich gebe zu, derartige Scherze sind nicht jedermanns Sache, aber ich mochte diese gemeine, hinterhältige Art von Humor. Vor allem, weil ich mich nun schamlos rächen konnte. Irgendwann, wenn mein Hase am wenigstens damit rechnete. So wenig, wie ich heute. Verschwörerisch blinzelte ich Rigoletto zu, der irgendwie erleichtert schien, wahrscheinlich weil er es doch ein wenig mit der Angst bekommen hatte, dass er mit seinem Scherz zu weit gegangen war. Ich war aber einfach nur froh, dass meine Vielleicht-Schwiegereltern genauso waren wie alle anderen Eltern: normale Leute, mit ihren ganz persönlichen, kleinen Macken, fernsehsüchtig und nimmersatt.

Kapitel Eins – Teil 3

In diesem Moment passierte es: Igerich, der versucht hatte, mein Weinglas vor mir auf den Couchtisch zu stellen, hatte die Kontrolle über die Knabbereien in seiner anderen Hand verloren und die geöffnete Rotweinflasche bei seinem Versuch, zu retten was zu retten war, umgestoßen. Nun lief der schöne, rote Wein auf dem weißen Teppich aus und ich sah meine Chancen schwinden, an diesem Abend noch ein entspannendes Glas Wein trinken zu können.

„Iiiiiiiiiiigerich!“

Ingrid stieß einen spitzen Schrei aus, der mich an den Kampfschrei aus alten Indianer-Filmen erinnerte. Tatsächlich hatte der Tumult, der nun folgte, eine gewisse Ähnlichkeit mit Massen-Kampfszenen in Filmen.

„Nicht schon wieder! Jedes Mal ist es das Gleiche mit dir!“, tadelte Ingrid ihren Mann wie ein kleines Kind, während sie ihren fülligen Körper mit überraschender Leichtigkeit vom Sofa hochhievte.

„Alarmstufe Rot!“, schrie sie, ohne irgendjemand im Raum persönlich anzusprechen.

Trotzdem sprangen sowohl mein Hase als auch Igerich wie von der Tarantel gestochen auf und rannten in die Küche. Um in der allgemeinen Aufregung nicht aufzufallen, stand ich ebenfalls auf. Derweil kamen die beiden Männer mit diversen Sprayflaschen und Tüchern bewaffnet wieder aus der Küche. Ingrid nahm alles schnell aber huldvoll entgegen und das war das Letzte was ich für die nächste halbe Stunde von ihr sah. Oder zumindest von ihrem Gesicht. Mit wiederum überraschender Leichtigkeit kniete sie neben dem Couchtisch nieder und begann, den Rotweinfleck mit Hilfe der Sprays und Tücher zu bearbeiten. Also, ich nehme an, dass es das war, was sie machte, da der Blick auf den Ort des Geschehens von ihrem riesigen Hinterteil verdeckt wurde.

Während wir anderen verlegen weiter „Wetten, dass…?“ schauten, murmelte Ingrid leise Verwünschungen gegen ihren Mann vor sich hin und bearbeitete den Teppich. Ich war kurz versucht, zu sagen: „Wetten, dass deine Mutter es schafft, den Fleck aus dem Teppich zu kriegen?“, aber irgendwie war die Situation nicht nach Scherzen. Schließlich erhob sich Ingrid vom Boden, blickte Igerich streng an und sagte:

„Nächstes Mal gehst du zweimal.“

Dann nahm sie sich den Beutel mit den Schokoriegeln, ließ sich wieder auf das Sofa fallen und verbrachte den Rest des Abends schweigend, was in ihrem Fall nicht unhöflich war, da sie den Mund ständig voll hatte. Der Versuch Igerichs, eine neue Flasche Wein zu holen, wurde von Ingrid mit einem einzigen strengen Blick unterbunden. Der Abend endete für mich wie vermutet auf dem Trockenen.

Nach „Wetten, dass…?“ schauten wir noch die Ziehung der Lottozahlen und irgendwie fühlte ich mich wieder wie damals, als ich zehn Jahre alt war und mit meiner Mutter Samstagabends auf dem Sofa saß: Wir schauten das Fernsehprogramm ihrer Wahl, sie trank dabei Likör und aß Kekse – beides für mich streng verboten, da ich ja noch ein Kind war. Mein erster Abend mit meinen Schwiegereltern unterschied sich von meinen Kindheitserinnerungen nur dadurch, dass ich mittlerweile über 30 Jahre alt war und mich bis zu diesem Wochenende erwachsen gefühlt hatte.

Aber auch dieser Abend war irgendwann vorbei und endlich war ich mit meinem Schatz allein in unserem Schlafzimmer – insgeheim hatte ich bereits damit gerechnet, dass wir getrennt schlafen müssten, aber entweder war Ingrid so voll von den ganzen Süßigkeiten, dass sie vergessen hatte, Wert auf Sitte und Anstand zu legen oder sie war zumindest nicht spießig. Ich vermutete Ersteres.

„Da hast du mich ja schön reingelegt“, kicherte ich los, kaum war die Schlafzimmertür zu. „Unendlich gemein zwar, mit den Gefühlen und Ängsten der Frau seiner Träume so zu spielen, aber Gott sei Dank habe ich ja einen Sinn für schwarzen Humor.“

Ich warf mich aufs Bett und war fast so etwas wie gut gelaunt. Mein Hase sah mich derweil an, als hätte ich ihm gerade vollkommen unvermittelt mitgeteilt, dass ich bis vor zwei Jahren ein Mann gewesen sei.

„Wieso reingelegt? Hast du heimlich in der Küche getrunken oder habe ich was nicht mitgekriegt?“

„Na, deine Eltern. Jetzt kannst du wirklich aufhören. Ich hab es verstanden, der Spaß ist vorbei!“

„Welcher Spaß? Was ist mit meinen Eltern? Ich habe keine Ahnung wovon du redest!“ Rigoletto wirkte nun leicht ungeduldig.

Ich versuchte, im Halbdunkel des Zimmers sein Gesicht zu erkennen, ob er vielleicht Probleme hatte das Lachen zu unterdrücken und seine Mundwinkel verräterisch zuckten. Aber da war nur blankes Unverständnis in seinem Gesicht.

Jetzt gab es genau zwei Möglichkeiten: Mein Freund hatte seinen Beruf verfehlt, weil er in Wirklichkeit der beste Schauspieler der Welt war, oder er und seine Familie gehörten einem obskuren Kult an, der ihnen jeglichen Sinn für die Realität und normales Benehmen nahm. Da Rigoletto mir an meinem Geburtstag mein Geschenk am Vorabend gegeben hatte, nur weil er es nicht mehr aushielt, mir nicht zu sagen was es war, kam große Schauspielkunst wohl nicht in Frage. Blieb nur der Kult als Erklärung für sein merkwürdiges Verhalten.

Ich wählte meine nächsten Worte sehr, sehr vorsichtig. Man weiß nie, wann diese religiösen Fanatiker umschwenkten, eine Knarre rausholten und die Ungläubigen über den Haufen ballerten.

„Na ja, ich dachte, weil du doch meintest, deine Mutter sei so unheimlich diszipliniert und da habe ich mich gewundert, dass sie so viele Süßigkeiten gegessen hat. Der Fernseher war auch den ganzen Abend an, wir haben gar nicht so viel…mmmh… geredet oder diskutiert.“

Was freundlich ausgedrückt war, denn das Einzige was an diesem Abend besprochen wurde, war die Wette, bei der ein Mann Zahnpasta am Geruch erkannt hatte. Was für mich irgendwie nicht in die Kategorie „Lösung der großen Probleme der Welt“ gehörte.

„Was haben denn ein paar Schokoriegel und Chips vor dem Fernseher  mit Disziplin zu tun, meine Mutter kann es sich eben erlauben. Und das Fernsehen hat sie nur dir zuliebe angemacht, weil du doch beim Fernsehen arbeitest.“

Eindeutig: Kult. Religiöse Verirrung. Gehirnwäsche. Oder lag ich wirklich so falsch mit meiner Einstellung, dass, wenn man bereits 130 Kilo bei 160 cm Körpergröße wog, man es sich nicht erlauben konnte, ein Kilo Süßkram am Abend zu essen und dass es schon etwas mit mangelnder Disziplin zu tun hatte, wenn man es doch tat?

Ich sah meinen Prinzen an. Ich war immer noch verliebt und ich wollte immer noch glücklich bis an das Lebensende werden. Mit ihm. Nicht mit irgendwem. Wobei das „irgendwem“ sich auf seine Mutter bezog. Ich konnte einen tiefen Seufzer nicht unterdrücken. Tapfer verdrängte ich die Beobachtungen seiner Familie. Ich würde diesen Besuch überstehen und weiterhin alles in meiner Macht tun, einen guten Eindruck zu machen. Bei Rigoletto und seinen Eltern. Ich hatte schon ganz andere Sachen geschafft.

„Das ist ja so nett von deiner Mutter, dass sie extra für mich „Wetten, dass…?“ geschaut hat. Aber vielleicht kannst du ihr ja sagen, dass sie sich nicht jeden Abend für mich opfern muss?“