Farbwahl

Meine Kinder sind Ferkel. Echte Dreckfinken. Zusammen mit einem Hund, der sich bevorzugt so dicht es eben geht an die Wand stellt, um sich dann an selbiger in die liebste Schlafposition hinunter gleiten zu lassen und dem Berliner Schmuddel-Starkregen-Wetter hat dies dazu geführt, dass unser Flur nur ein Jahr nach dem Einzug nicht mehr Weiß  ist. Er ist auch nicht grau, oder braun. Er ist tiefschwarz, bis zu einer Höhe von ca. 1,20 Meter, darüber wird es etwas besser. Aber nicht viel. Schließlich wurde der Ball ja erfunden, um ihn zunächst draußen nach einem Regenschauer durch den Dreck zu rollen und dann gegen Flurwände zu schmeißen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Der Flur musste neu gestrichen werden. Weiterlesen

Advertisements

Rationalisierungsmaßnahmen

Ältere Tochter aufgeregt: „Mama, ich werde später 4 Kinder haben. Zwei Jungen und zwei Mädchen.“

Ich: „Da hast du dir ja was vorgenommen.“

Ältere Tochter erstaunt: „Wieso?“

Ich: „Na, vier Kinder sind eine Menge Arbeit.“

Ältere Tochter überheblich: „Das wird kein Problem, ich mache das besser als du.“ Weiterlesen

Buchstaben- und Zahlensalat

Namen. Was kann man seinem Kind damit antun. Viel. Obwohl es am Ende eine Frage der Kultur oder der Gewöhnung ist, wenn man auf besonders merkwürdige Namen trifft. In Dubai, zum Beispiel, habe ich mich an so einiges gewöhnt: Vandago, Melker, Nirvana, Saga, Mohammed Ali – alles Namen aus der Kindergartengruppe meiner jüngeren Tochter.

Und doch war ich überrascht, als die ältere Tochter mir letzthin, als ich sie und die jüngere Tochter von der Schule abhole, im Auto erzählt:

„Mama, wir haben einen neuen Jungen in der Klasse. Der heißt One Pablo.“

Selbstverständlich liegt mir sofort auf der Zunge zu sagen:

„Wirklich? Oder heißt er vielleicht One Direction oder One Republic?“. Weiterlesen

Kapitel 3 & 4

Kapitel 3.

Am nächsten Morgen stand ich erneut vor den Türen von „Spitz Bestattungen“. Die Job-Beschreibung von Rosie hatte mich so kalt wie ein Gefrierhühnchen gelassen, das von ihr in Aussicht gestellte Gehalt nicht. Ich konnte nur hoffen, dass Rosies Macht über Großcousin Rudi so groß war, wie sie angab, und er mir das Geld wirklich am Monatsende auszahlte.

Ich trug braune Lederstiefel mit mittlerem Absatz, einen braunen Rock mittlerer Länge und einen rosa Pullover mit nicht mal mittlerem, sondern ganz ohne Ausschnitt. Meine langen, braunen, wild gelockten Haare hatte ich mit Mühe zu einem strengen Pferdeschwanz gebändigt. Es waren die konservativsten Kleidungsstücke, die meine Mutter und Oma Irmgard am Vorabend in meinem Schrank hatten finden können. Wie einem Vorschulkind hatten sie mir diese neben das Bett gelegt. Als Alternative hatten sie mir eins von Oma Irmgards Kommunionskleidchen vorgeschlagen. Selbstverständlich hätte ich das Kleid aus Trotz angezogen, leider hatte ich es nicht über die Hüften bekommen.

Ich öffnete die Tür und trat in das Vorzimmer ein. Dort saß Rosie an ihrem Schreibtisch, mein Großcousin Rudi stand hinter ihr. Er trug seine schwarzen Haare zu einem öligen Pferdeschwanz zusammengebunden, bei seinem kanariengelben Hemd standen die oberen vier Knöpfe offen. Ein Zustand, um den die unteren vier Knöpfe, die so sehr spannten, dass man nicht wegschauen konnte, um die Explosion nicht zu verpassen, ihre Kollegen oben sicherlich beneideten. Dazu trug Rudi Spitz enge schwarze Röhrenjeans, über deren Bund sein mächtiger Bauch hing wie ein Medizinball aus einer zu kleinen Sporttasche. Ich fragte mich gerade, ob Rudi seine Brusthaare, die aus dem Hemd wucherten wie Unkraut, ebenfalls pechschwarz färbte, oder ob wir ihm seit Jahren alle Unrecht taten und Schwarz wirklich seine Naturhaarfarbe war, als mein Cousin mich ohne Begrüßung anherrschte:

„Wie siehst du denn aus?“

Die Frage hätte ich gerne zurückgegeben, obwohl ich wusste, wie Rudi aussah: Wie der „dicke Willi“ bei der „Biene Maja“ – in alt. Rudi starrte unterdessen auf meine Oberweite, die trotz des fehlenden Ausschnitts wie bei allen Frauen meiner Familie ein „Hingucker“ war. „Die Frauen unserer Familie sind die bestausgestatteten Frauen im ganzen Sauerland“, pflegte Oma Irmgard zu sagen, obwohl man ihre „Ausstattung“ nur noch vom Hörensagen kannte.

„Er hat miese Laune, ich habe ihm gerade dein Gehalt genannt“, erklärte Rosie den Ausbruch ihres Chefs, als stünde dieser nicht direkt neben ihr. Sogleich wandte sie sich wieder ihrem Computer zu. „Außerdem hat er ein Problem mit zu viel Oberweite in seiner direkten Nähe.“

„Das kann ja lustig werden“, dachte ich und fragte mich, ob man den Bauchweg-Gürtel aus der Fernsehwerbung für die obere Körperregion zweckentfremden konnte. Es war schlimm genug, dass ich mein Geld mit dem Tod verdienen sollte, aber dabei Rudis schlüpfrige Fantasien anzuregen, war selbst für jemand wie mich, der an Kummer gewöhnt war, zu viel.

„Für das viele Geld kann ich wohl erwarten, dass du hier passend gekleidet auftauchst! Ab morgen trägst du Schwarz oder Grau und sonst nichts“, donnerte Rudi weiter und wandte sich zum Gehen.

„Bis morgen, ich habe heute aushäusige Termine.“ Mit diesen Worten war er verschwunden.

„Haha, zurück ins Bett geht der“, höhnte Rosie, kaum hatte Rudi die Tür hinter sich geschlossen. „Dem öligen Pferdeschwanz nach zu urteilen war es eine lange Nacht.“

Dieser Zusammenhang erschloss sich mir nicht, aber ich entschied, dass ich ihn auch nicht kennen wollte. Ich hatte nicht mit einer überschwänglichen Begrüßung an meinem ersten Arbeitstag durch meinen künftigen Chef gerechnet, mit ein paar einführenden Worten schon. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, was ich als Nächstes tun sollte. Oder was ich überhaupt arbeiten sollte.

„Ich zeige dir dein Büro.“

Rosie schien meine Gedanken erraten zu haben und erhob sich von ihrem Platz. Ich folgte ihr durch einen kleinen Flur zu einer massiven, hölzernen Flügeltür. Neben der Tür hing eines dieser Plastik-Türschilder, in die man immer neue Namenskärtchen stecken konnte. Mein Name stand bereits auf dem Schild, darunter meine neue Berufsbezeichnung: „Bestattungs-Planerin“.

„Da wären wir, nicht erschrecken“, warnte Rosie mich vor. War mein Büro etwa Teil der Leichenhalle? Hatten Rudi und Rosie vergessen, diese Kleinigkeit mit an die Tür zu schreiben?

Doch ein Blick in den Raum hinter der Tür machte klar: Die Leichenhalle war es nicht. Ein normales Büro ebenfalls nicht. Ich folgte Rosie in einen Raum, der mindestens 75 Quadratmeter groß war, und an dessen Ende ein kleiner Tisch und ein Bürostuhl standen. Vor den Fenstern hingen schwere, dunkelbraune, blickdichte Vorhänge. Erhellt wurde der Raum von zwei riesigen, goldenen Kronleuchtern, die trotz ihrer Größe so wenig Licht abgaben, dass man versucht war, die Taschenlampe des Handys anzuschalten. Vielleicht schluckte die braune Tapete mit Kringelmuster das ganze Licht? Im Halbdunkel schritt ich zu dem Schreibtisch und überlegte, wie es möglich war, in einem Saal von dieser Größe klaustrophobische Anfälle zu bekommen.

„Kann man die Vorhänge aufmachen?“, fragte ich Rosie und ging, ohne ihre Antwort abzuwarten, zu einem der Fenster und zog an dem braunen Stoff. Eine dicke Staubschicht löste sich, und ich begann zu husten. Nachdem ich mich von meinem Hustenanfall erholt hatte, zog ich nochmals, diesmal meine Atemwege mit der anderen Hand schützend. Der Vorhang gab leicht nach. Dahinter wurde etwas sichtbar, das wie ein zugenageltes Fenster aussah. Fragend schaute ich mich zu Rosie um, die mit den Achseln zuckte.

„Die Vorhänge sind immer zu, die Fenster sind wahrscheinlich seit Jahrzehnten nicht geputzt worden. Wenn du einen Ausblick möchtest – die Putzsachen sind in der Abstellkammer.“

Ich schüttelte den Kopf und verbot mir mit den Augen zu rollen, da ich Angst hatte, Rosie würde mich als Strafe anstarren. Stattdessen ging ich zu meinem künftigen Schreibtisch, auf dem ein Laptop und ein Handy lagen.

„Cool, oder?“, fragte Rosie fröhlich, als würden wir nicht in einer vergammelten, überdimensionalen Dunkelkammer stehen. „Ein Arbeitslaptop und ein Arbeitshandy. Nicht schlecht! Drucken kannst du kabellos vorne an meinem Drucker. Faxen auch.“

Ich wollte nicht undankbar wirken und sparte mir die Frage, ob ich mir Licht ebenfalls kabellos vom Empfang holen könne. Stattdessen ließ ich mich auf meinen Bürostuhl fallen, der sofort auf dem glattgewienerten Boden nach hinten rollte bis ich schmerzhaft von der Wand gebremst wurde.

„Der Boden ist sehr sauber“, kommentierte Rosie. Mich beschlich das Gefühl, dass sie mir etwas verheimlichte. „Ich überlass dich deiner Arbeit“, meinte meine Kollegin und ging zur Tür, ohne weiter auszuführen, was diese Arbeit war.

Kapitel 4.

Drei Stunden später hatte ich jede Internetseite, die sich mit Beerdigungen befasste, aufgerufen und gründlich studiert. Ich hatte gelernt, dass Johnny Depp im Whisky-Fass zur letzten Ruhe „eingelegt“ werden wollte und man seine Asche in Amerika zum Mond schießen lassen konnte. Ich wusste sogar, dass das Dani-Volk in Papua-Neuguinea weiblichen Verwandten und Kindern von Verstorbenen die Finger abhackte. In Deutschland dagegen war alles, was über Sarg und Urne hinausging, schwierig bis verboten. Ich begann zu hoffen, dass ich in meinem neuen Job eine ruhige Kugel schieben würde. Viel zu planen schien es selbst für Luxus-Beerdigungen nicht zu geben.

Eine weitere Stunde später war mir langweilig. Ich überlegte, ob ich mir ein Facebook-Profil unter dem Namen „Jo-ganz-unten“ anlegen sollte, war mir aber nicht sicher, ob Freunde und Verwandte den Witz verstehen würden. Schließlich horchte ich in mich hinein, ob mein Herz einen weiteren Kaffee vertragen würde und ich Rosi fragen sollte, ob sie das Wort „todlangweilig“ noch benutze. Da klingelte plötzlich das Handy auf meinem Tisch. Ich erschreckte mich so sehr, dass ich mit meinem Bürostuhl losrollte und erneut gegen die Wand donnerte.

„Du hast deinen ersten Kunden!“, verkündete mir Rosi, als ich das Telefonat endlich annahm. „Die Dame ist schon auf dem Weg zu dir.“

Auf dem Weg zu mir? Um was mit mir zu besprechen? Brauchte ich nicht eine grundsolide Ausbildung für das, was die Frau von mir verlangen würde? Gab es überhaupt eine Ausbildung zur Beerdigungs-Planerin? Und was war man damit? Beerdigungs-Fachgehilfin? Diplom-Sargnagel? Hätte ich doch nur auf meine Mutter gehört und wäre Krankenschwester geworden! Bettpfannen-Säuberungs-Allergie hin oder her.

Die Tür ging langsam wie in einem Kinofilm auf. Herein kam eine klapperdünne, wasserstoffblonde Frau in einem dunkelgrauen, tief ausgeschnittenen Mini-Kleid. Um den Hals trug sie eine schwarze Plüschhasen-Stola. Ihre Erscheinung wurde komplettiert durch Mörder-High-Heels und so viel Make-Up, dass jeder Zirkus-Clown neidisch geworden wäre. Ob das Rot um ihre Augen vom Weinen oder aus dem Spidermann-Schminkkasten kam, war auf den ersten Blick nicht festzustellen. Ich starrte die Frau, die langsam auf meinen Tisch zukam, fasziniert an: Sie war der erste Mensch, den ich traf, der mehr Runzeln hatte als Oma Irmgard. Vielleicht war sie schon über 100 Jahre alt?

Der „Runzel-Vamp“ war an meinem Schreibtisch angekommen und sah mich mit tränenumflortem Blick an.

„Guten Tag“, sagte ich mit Grabesstimme, um der Situation gerecht zu werden. Mit durchschlagendem Erfolg, die Frau begann sofort zu weinen.

„Wie kann ich Ihnen helfen?“, versuchte ich mein Glück drei Stimmlagen fröhlicher.

Die Frau schluchzte herzzerreißend auf und stammelte etwas, was ich nicht verstand. Wahrscheinlich erklärte sie mir, wen sie mit meiner Hilfe unter die Erde bringen wollte.

„Mein Beileid“, sagte ich und fragte mich, ob man in der mir bitterlich fehlenden Ausbildung zur Beerdigungs-Fachkraft die passende Stimmlage für das Kundengespräch beigebracht bekam.

Die Frau nickte huldvoll mit dem Kopf und stammelte unter Tränen erneut etwas Unverständliches. Ich nickte huldvoll zurück und wartete, was als nächstes passieren würde.

„Sthhl“, jammerte die Frau, deren Tränen nun wie aus einem Hochdruckreiniger geschossen kamen. Vielleicht konnte ich mit ihrer Hilfe die Fenster sauber kriegen? „Unpassender Gedanke zur unpassenden Zeit“, schimpfte ich mit mir selber und sagte hochkonzentriert zu der Frau:

„Ja, es ist immer eine schwere Zeit, wenn ein geliebter Mensch geht.“

Ich versuchte bedrückt auszusehen. Der „Runzel-Vamp“ schloss derweil die Augen und holte tief Luft.

„Könnte ich bitte einen Stuhl haben? Ich hab es am Rücken.“

Oh. Es gab keinen Besucher- bzw. Kundenstuhl an meinem Schreibtisch. Ich lächelte die Frau verlegen an und fragte mich, ob hinter dem fehlenden Stuhl eine Absicht steckte. Wollte Rudi mit der nichtvorhandenen Sitzmöglichkeit der Verzweiflung der Kunden die Krone aufsetzen, um ihnen mehr Geld aus der Tasche zu ziehen? Dummerweise musste ich bei dem Wort „Krone“ an den Ex-Traummann denken und ärgerte mich, dass ich keinen Honiglöffel in seiner Unterhosenschublade „vergessen“ hatte. Wo wir doch so ein Problem mit Ameisen in der Wohnung gehabt hatten.

Ich rief mich erneut zur Ordnung und stand auf, um einen Stuhl für meine erste Kundin zu finden. Da ich keine Ahnung hatte, wo ich suchen sollte, öffnete ich die erste der beiden Türen, die sich an der einen Seite meines Saal-Büros befanden. In dem kleinen angrenzenden Raum waren ca. 150 Stühle aufgestapelt. Ich war so froh über meinen Fund, dass ich nicht hinterfragte, warum Rudi in der Abstellkammer eine Stuhl-Sammlung versteckte. Oder was er mit den ganzen Stühlen anstellte. Ich nahm einen Stuhl und brachte ihn zu der Frau, die sich dankbar auf ihn fallen ließ.

„Mein Name ist Elvira Klein. Es geht um meinen Fritz: Heute Morgen ist er für immer gegangen. Ich möchte für ihn eine ganz besondere Trauerfeier, er war mein bester Freund, Wegbegleiter, mein Ein und Alles.“

Ich unterdrückte einen Seufzer. War das schön. Fritz und „Runzel-Vamp“ waren sicher eines dieser seltenen Paare, die mehr als 50 Jahre verheiratet gewesen waren. Bestimmt war Fritz genauso runzelig wie seine Herzdame gewesen.

„Selbstverständlich, Frau Klein. Darum sind sie zu mir verwiesen worden. Ich kümmere mich exklusiv um besondere Trauerfeiern, maßgeschneidert nach ihren Wünschen.“

Den Satz hatte ich am Morgen beim Zähneputzen auswendig gelernt. Ich war erstaunt, dass ich mich anhörte, als hätte ich tatsächlich eine Ahnung, was ich tat. Der „Runzel-Vamp“ lächelte mich trotzdem bekümmert an.

„Was stellen sie sich denn vor?“, fragte ich in der Hoffnung nach, dass Elvira Klein eine Vorstellung hatte, was für eine Trauerfeier sie wollte. Sie hatte.

„Also, ich hätte gerne, dass mein Fritz aufgebahrt wird. Offener Sarg, damit seine Freunde ihn nochmal sehen und riechen können. Ich habe gelesen, dass es das Abschiednehmen leichter mache.“

„Natürlich. Das ist kein Problem. Ich muss sie allerdings darauf hinweisen, dass eine Aufbahrung zu Hause in Deutschland nur bis zu 36 Stunden nach dem Tod möglich ist. Wann ist ihr Fritz verstorben?“

Mein professionell vorgetragenes Wissen hatte ich mir erst vor wenigen Stunden aus dem Internet zusammengesucht. Vielleicht hatte ich eine Begabung fürs Beerdigen? Obwohl ich die Sache mit dem Riechen nicht verstand. Aber das war sicher eine Kleinigkeit. Vielleicht hatte Fritzchen Klein einen Riech-Fetisch gehabt? „Jedem Tierchen sein Plaisierchen“, dachte ich großzügig.

„Heute Morgen um 8 Uhr habe ich ihm selber die Spritze gegeben, ganz friedlich ist er in meinen Armen eingeschlafen.“

Um Himmelswillen! Die Frau hatte ihren Mann umgebracht! Ich musterte Elvira Klein von oben bis unten. Wie eine Mörderin sah sie nicht aus. Aber das sahen die Serienkiller im Fernsehen auch nie.

„Selbstverständlich war ein Arzt anwesend“, erklärte der „Runzel-Vamp“, nachdem sie einen neuen Tränenanfall niedergekämpft hatte.

„Machte es das besser?“, überlegte ich. Ich beschloss, später Rosie zu fragen, was in derartigen Fällen zu tun sei und mich bis dahin nicht aufzuregen. Wenn die Frau ihren Mann wirklich mit einer Spritze um die Ecke gebracht hatte, würde sie mir kaum so offen davon erzählen. Bestimmt war alles in Ordnung. Ich verfolgte die Nachrichten nicht, wahrscheinlich war Sterbehilfe längst erlaubt in Deutschland. Und überhaupt: Wenn ein Arzt dabei gewesen war, ging bestimmt alles mit rechten Dingen zu. Zumindest, solange es kein Zahnarzt gewesen war. Denen war nicht zu trauen, wie ich aus eigner Erfahrung wusste. Ob mein Ex-Traummann immer noch bevorzugt Boxer-Shorts trug? Oder hatte die Zahnarzthelferin ihm Tangas verpasst? Meine Gedanken schweiften schon wieder ab.

Mit etwas Mühe konzentrierte ich mich auf meine erste Kundin: „Wo möchten Sie Fritz aufbahren? Zu Hause oder hier bei uns? Hier hätten wir etwas länger Zeit, die Trauerfeier zu organisieren.“

Rosie hatte mir den Tipp gegeben, niemals im Beisein von Kunden das Wort „Beerdigungsinstitut“ auszusprechen. Elvira Klein heulte dennoch los.

„Es ist so furchtbar! Ich weiß nicht, wie ich ohne meinen Fritz leben soll!“

Die Romantikerin in mir ergriff die Hand des „Runzel-Vamps“.

„Wir organisieren für ihren Fritz die schönste Trauerfeier, die man sich wünschen kann.“

Frau Klein sah mich dankbar an. „Ich denke, ich möchte ihn hier im Institut aufgebahrt haben. Meine Wohnung ist zu klein, ich weiß nicht, ob ich für all seine Freunde, die Abschiednehmen möchten, Platz habe. Und die ganzen Haare in der Wohnung!“

Der Kunde hatte immer Recht, sicherlich waren unter Fritz‘ Freunden besonders viele Herren mit krankhaftem Haarausfall. So erklärte ich mir die letzte Bemerkung. Oder der Mann hatte neben dem Riech- auch noch einen Haar-Fetisch gehabt.

„Kein Problem, Frau Klein, kein Problem. Ich bin für sie da.“

Ich stellte Elvira Klein noch ein paar – wie ich dachte – wichtige Fragen zu ihren Wünschen für die Aufbahrung und Trauerfeier, die am nächsten Tag stattfinden sollte. Dann schickte ich sie nach Hause.

Hier geht es weiter zu Kapitel 5 & 6