Schulkinder aus Zucker

Aus der beliebten Reihe „Nur in Dubai“ heute ein kleiner, nasser Eintrag zur Schulbildung meiner Kinder. Seit gestern Abend regnet es in Dubai. Besser gesagt, es schüttet sogar. Die Folgen sind immer die gleichen an den drei Regentagen im Jahr: Man überlegt, wo zum Teufel man nach dem letzten Regen den Regenschirm hingepackt hat, die Straßen sind überflutet und man blickt zitternd aufs Handy, ob die Schulen mal wieder wegen Regen geschlossen bleiben.

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Freitags-Skurrilitäten

Freitag ist in Dubai der erste Tag des Wochenendes und eigentlich wollte ich heute mal „blog-frei“ machen, aber dann bin ich im Internet und in der freien Natur doch wieder auf etwas gestossen, das meinen Mitteilungsdrang geweckt hat. Und da die drei Dinge so überhaupt nicht zusammenhängen, schreib ich sie einfach als gesammelte Freitags-Skurillitäten auf. Weiterlesen

Kapitel 5 & 6

Kapitel 5.

„Personalausweis, Totenbescheinigung vom Arzt, Heiratsurkunde – hast du alles bekommen, oder?“

Rosie sah mich an, als wäre es das Normalste der Welt, eine weinende, frisch verwitwete Plüschhasen-Stola-Vamp-Oma nach diesen Dingen zu fragen.

„Ähm, nein.“ Ich versuchte würdevoll zu klingen, obwohl es das Normalste der Welt war, nach diesen Dingen zu fragen, wenn man für die weinende Oma-Witwe die Beerdigung des Ehemannes organisieren sollte. Leider wurde mir das erst durch Rosies Nachfrage klar. Diese blickte mich so streng an, dass ich befürchtete sie würde mich in Grund und Boden starren.

„Gut, dann musst du diese Dinge besorgen, wenn du nachher den Leichnam abholst.“

„ICH soll den Leichnam abholen?“ Ich warf Rosie einen Blick zu, als hätte sie mir erklärt, dass meine Eltern Außerirdische seien und mit mir im Ufo zurück nach Hause fliegen wollten.

„Hatte ich das nicht erwähnt? Unser Leichenwagenfahrer hat letzten Monat gekündigt und der neue fängt erst kommende Woche an.“

„Nein, das hattest du nicht erwähnt.“ Ich sah Rosie bitterböse an. „Sonst noch irgendwelche Überraschungen, die du vergessen hast zu erwähnen?“

Meine Nachfrage war rein rhetorisch gemeint. Rosie antwortete trotzdem.

„Ja, da wäre eine Sache. Und zwar mit deinem Büro. Das ist gleichzeitig die Aufbahrungshalle. Du müsstest kurz die Stühle aus der Abstellkammer holen, aufstellen und deinen Schreibtisch wegräumen. Für den Herrn Fritz. Du verstehst?“

Ich verstand überhaupt nicht.

„Kurz? Das sind mindestens 150 Stühle!“

Ich ließ mich erschöpft auf den Besuchersessel vor Rosies Schreibtisch fallen. Warum hatte die einen Besucherstuhl? Und ein richtiges Büro? Und warum hatte ich nie einen guten Tag? Ich beschloss, Rosie nichts von meinem Verdacht, Elvira Klein habe ihren Ehemann mit Hilfe eines fadenscheinigen Zahnarztes in die ewigen Jagdgründe befördert, zu erzählen. Ich hatte genug andere Probleme mit meiner ersten Trauerfeier. Ich konnte mich nicht auch noch um einen Mord kümmern.

*

Es war später Nachmittag, als ich mit Rosie vor der riesigen Garage, in der die Leichenwagen von „Spitz Bestattungen“ geparkt waren, stand. Ich hatte im Internet recherchiert, dass ich einen Leichenwagen mit meinem normalen Führerschein fahren durfte. Auch eine andere Ausrede, wie ich mich um die Chauffeur-Aufgabe bei Fritz Kleins letzter Reise drücken konnte, hatte ich nicht gefunden. Rosie öffnete das Metalltor der Garage mit einer Fernbedienung. Dahinter kamen vier schwarze Autos, die jeweils die Größe der Titanic hatten, zum Vorschein.

„Das ist nicht dein Ernst!“, sagte ich zu Rosie. „Mit so einem Schiff kann ich unmöglich fahren. Hatte ich erwähnt, dass ich zweimal durch die Führerscheinprüfung gefallen bin?“

„Schätzchen, das schaffst du.“

„Haben die wenigstens Parksensoren? Was, wenn ich keinen Parkplatz finde?“

„Schätzchen, das schaffst du“, wiederholte Rosie, drückte mir einen Schlüssel in die Hand und sagte im Gehen: „Deiner ist der Schwarze. Sarg ist im Kofferraum.“

Ha. Ha. Ha. Der Schwarze. Wie lustig!

Zwanzig Minuten später hatte ich das Navigationsgerät eingestellt, ließ den Öltanker vorsichtig aus der Garage schippern und machte mir Sorgen. Die Entfernung zu Elvira Kleins Wohnung betrug laut Navi 53,8 Kilometer. Luftlinie. Die Fahrt über Landstraßen und durch winzige Ortschaften sollte knapp eine Stunde dauern. Warum war die Frau nicht zu einem Bestatter in ihrer Nähe gegangen?

„Heute Morgen habe ich ihm die Spritze selber gegeben.“

Die Worte des „Runzel-Vamps“ gingen mir nicht mehr aus dem Kopf. Hatte sie „Spitz Bestattungen“ ausgewählt, weil sie dort niemand kannte? Hatte die Alte ihren Mann wirklich kaltblütig umgebracht, der Zahnarzt war ihr Geliebter und ihre Tränen waren die eines Krokodils gewesen? War sie eine „Runzel-Mörderin“?

Ich war so in meine mörderischen Gedanken versunken, dass ich die auf Rot springende Ampel zu spät sah und nicht mehr bremsen konnte. Zeit, mich von meinem Schrecken zu erholen, blieb mir nicht, da sofort hinter mir eine Polizeisirene losging. Der Streifenwagen fuhr zügig an mir vorbei und winkte mich links raus. In meiner Panik verwechselte ich Gas und Bremse und schaffte es nur mit Mühe, wenige Zentimeter hinter dem Polizeiwagen zum Stehen zu kommen. Ich überlegte kurz, ob ich mich im Sarg im Kofferraum verstecken sollte, dann kurbelte ich schicksalsergeben das Fenster herunter.

Kapitel 6.

Ich sah direkt in die strahlend blauen Augen von Tom Meinert. Ausgerechnet. Die ebenso große wie unerfüllte Liebe meiner Jugend, Schwarm aller Mädchen, Frauen, Witwen und Waisen in Fennentrop. Tom Meinert war zwei Jahre älter als ich, und wir hatten die gleiche Schule besucht. Gemeinsam besucht hatten wir vor ein paar Jahren auch das Hinterzimmer bei der Feier der Freiwilligen Feuerwehr, aus dem Tom Meinert so schnell verschwunden war, dass ich nicht mal dazu gekommen war, zu fragen: „War das jetzt nur ein One-Night-Stand?“ Immerhin konnte ich so hoffen, dass er sich nicht an unsere „Begegnung“ von einst erinnerte. „Wäre ich doch nur in den Sarg gekrochen“, dachte ich unglücklich.

„Jolande Richter! Schön dich zu sehen. Schicker Schlitten.“ Tom Meinert grüßte mich, als seien wir alte Freundinnen, die sich zufällig auf einer Kaffeefahrt, vollgedröhnt mit Eierlikör, in die Arme liefen. Offenbar erinnerte der Mann sich besser an mich als mir lieb war. Gut, dann wusste er, dass mit mir nicht zu spaßen war, wenn ich mich unter Druck gesetzt fühlte.

„Ich weiß, wer damals die Schweine von Bauer Nahlmann rausgelassen hat! Wie viele sind nochmal gestorben? 12? Oder waren es 14?“

„Es waren drei. Dass im Sauerland immer so übertrieben werden muss!“ Tom schüttelte den Kopf. „Seit wann bist du Leichenwagenfahrerin für deinen Großcousin? Bist du nicht zusammen mit Hagen Hohmann nach Berlin gezogen? Wie haben sie ihn damals noch genannt? Ach ja, ,den Füller’. Wie lange bist du schon wieder da?“

Der Mann erinnerte sich nicht nur an mich, er hatte mit einem Satz Salz in jede meiner offenen Wunden geschüttet. Fehlte nur noch, dass er mich fragte, wo ich meinen Kuhblick gelassen hätte, mit dem ich ihm von Klasse Sechs bis zum Abitur nachgeglotzt hatte.

„Wolltest du nicht Kriminaloberkommissar werden? Der neue Derrick? Seit wann schieben Kommissare Streifendienst? Und wo ist Harry? Holt der gerade den Wagen?“ Angriff war die beste Verteidigung.

„Streifendienst gehört zur Ausbildung, damit man den Kontakt zur Basis nicht verliert“, erklärte Tom Meinert, und ich sah meine Felle in Sachen roter Ampel davonschwimmen.

Ich wollte gerade ansetzen, zu erklären, dass ich wegen einer verrunzelten Mörder-Oma die Ampel nicht gesehen hatte, als ich eine Idee hatte. Wenn dieser überambitionierte Azubi-Kommissar mir sowieso einen Strafzettel schreiben würde, dann konnte er mir wenigstens die Frage beantworten, die mich quälte.

„Sag mal: Wenn eine steinalte Frau ihren noch älteren Mann von seinen Leiden mit einer Spritze erlöst, dann wäre daran nichts falsch, oder?“

Ich klimperte mit den Augen, als wüsste ich nicht ganz genau, dass daran eine Menge falsch war. Tom zog die Augenbrauen hoch und sah mich durchdringend an. Es war eine weitere meiner schlechteren Angewohnheiten, im falschen Moment die falschen Dinge zu bemerken. So fiel mir, als ich aus meinem Leichenwagenfenster zu Tom Meinert hinaufschaute, auf, dass der Mann noch deutlich besser aussah als zu Schulzeiten und offenbar Sport trieb. Sein Bizeps wirkte durchtrainiert unter seinem Uniformhemd. Um nicht zu sagen: Knackig. Lecker. So unauffällig wie möglich ließ ich meinen Blick zu seiner Hand streifen, um zu sehen, ob dort ein Ehering glitzerte.

„Falsch daran wäre nur eins“, erklärte Tom, während ich seine unberingten Finger betrachtete „und zwar, dass es Mord wäre.“

Ich hatte es immer gewusst: Zeitunglesen wurde total überbewertet. Ich hatte offenbar keine Änderung im deutschen Sterbegesetz verpasst.

„Sogar, wenn ein Arzt dabei war?“, fragte ich vorsichtig nach, die Antwort ahnend.

„Gehe ich richtig in der Annahme, dass du mit deinem Batmobil gerade auf dem Weg zu der Dame bist, um den Ehemann endgültig zu entsorgen?“

Irgendwie klang es aus Toms Mund, als wäre ich die Komplizin von Mörder-Elvira und nicht eine unschuldige Bestattungs-Planerin an ihrem ersten Arbeitstag.

„Ich habe damit nichts zu tun!“, ließ ich vorsorglich verlauten. „Ich kenne die genauen Umstände nicht.“

„Fahr vor. Ich komme mit.“ Tom war bereits auf dem Weg zu seinem Streifenwagen. Widerstand war offenbar zwecklos. Immerhin schien das Thema „Oma-tötet-Opa“ die rote Ampel zu toppen. Und ich musste nicht allein zu Elvira Klein in die Wohnung. Wer wusste schon, wie viele Todes-Spritzen die 100-jährige Schrumpel-Nuss noch in Reserve hatte. Und wie leichtfertig sie damit umging?

 

*

 

45 Minuten später standen wir vor der Haustür von Elvira Klein. Ich hatte mich trotz Navigationsgerät zweimal verfahren, da meine Gedanken ebenfalls den falschen Weg eingeschlagen hatten. Ich hatte davon geträumt hatte, wie Tom mich vor dem Spritzenangriff des Runzel-Vamps rettete. Schwach, aber lebend hatte ich in seinen starken Armen gelegen, als ich das zweite Mal falsch abgebogen war und das Polizeiauto hinter mir ungeduldig hupen gehört hatte.

„Fahr doch selber vor, wenn du den Weg so gut kennst!“, hatte ich gemurmelt. „Oder sei dankbar, dass du so viele Fichten, Fachwerkhäuser und Berge gesehen hast. Man nimmt sich viel zu selten Zeit, die Schönheit des Sauerlandes zu würdigen!“

Ich hatte dennoch entschuldigend aus dem Fenster gewinkt, da ich hoffte, dass Tom sein Vorhaben nicht aufgab.

Es war für mich mittlerweile sonnenklar, dass Elvira Klein eine Serien-Killerin war, die von Bestattungsinstitut zu Bestattungsinstitut zog, um die Leichen aus ihrem Keller loszuwerden. Ebenso klar war für mich, dass ich ihr nächstes Opfer werden würde, da sie sich am Morgen in einem unbedachten Moment verplappert und mir so ihr grausiges Hobby verraten hatte.

Als der „Runzel-Vamp“ uns verweint und in rosa Plüsch-Puschen die Tür öffnete, war ich von meiner Theorie endgültig überzeugt. Die Frau sah zwar einsam, alt und verzweifelt aus, aber das war natürlich nur gespielt. So leicht war eine Jolande Richter nicht zu täuschen.

„Guten Tag“, grüßte Tom höflich. „Mein Name ist Meinert, Kriminalpolizei. Ich würde gerne den Toten sehen und die genauen Umstände seines Ablebens erfahren.“

Elvira Klein schossen sofort die Tränen in die Augen.

„Natürlich“, sagte sie unbedarft und winkte uns, in die Wohnung zu kommen. „Das ist aber sehr viel Aufwand für die Polizei, wenn sie bei jedem Todesfall so eine Überprüfung macht.“

Die Frau war eine grandiose Schauspielerin! Der Part des frischgeborenen Unschuldslammes war ihr auf den klapprigen Leib geschnitten.

„Du wartest hier“, befahl Tom mir in einem keinen Widerstand duldenden Polizistenton, den ich gegen meinen Willen ausgesprochen sexy fand.

Er folgte dem „Runzel-Vamp“ ins Nebenzimmer, was mir Zeit gab, mich in Elvira Kleins Wohnzimmer umzusehen.

Wenn ich nicht gewusst hätte, dass ich mich im tiefsten Sauerland befand, hätte ich vermutet, eine Zeitreise hätte mich in das Prunkschloss von Versailles im Jahr 1800 katapultiert. Überall standen zierliche, goldene Möbel, an den Wänden hingen mittelalterliche Ölgemälde, und die Vorhänge waren aus dickem, rotem Samt. Klein wirkte die Wohnung nicht gerade. Hatte die Todesspritzen-Witwe nicht gesagt, sie habe keinen Platz in den eigenen vier Wänden für die Trauerfeier? Ha! Ein weiterer Faden, den die vermeintlich trauernde Oma für ihr Netz aus Lügen gesponnen hatte, damit sie ihre Opfer ungestraft entsorgen konnte!

In diesem Moment kam Tom aus dem Nebenzimmer zurück. Er sah aus, als hätte er sich an einem Hühnerknochen verschluckt. Sein Gesicht war hochrot, aus seinen Augen rannen unkontrollierte Tränen. Was hatte der „Runzel-Vamp“ ihm angetan? Hatte sie ihm eine ihre Spritzen verpasst? Breitete sich das Gift langsam in seinem Körper aus? Hatte sie sich ihm nackt gezeigt? Oder hatten die beiden im Nebenzimmer als Totenschmaus wirklich ein Hühnchen gegessen? Hatte die alte Frau Tom bei Hühnerfrikassee zu ihrem Komplizen gemacht?

„Ich denke, wir können diesen Fall ohne weitere Nachforschungen abschließen. Frau Richter, sie können den Toten abtransportieren.“

Tom rang um Fassung, gab Elvira Klein die Hand und rannte förmlich aus der Wohnung. Der „Runzel-Vamp“ heulte ihm nach wie der Schlosshund von Versailles.

Irritiert ging ich in das Nebenzimmer. Der Raum war winzig und fast vollständig ausgefüllt von einem mittelalterlichen Himmelbett mit Samtvorhängen. Auf dem Bett lag kein Bettzeug, sondern etwas, das aussah wie ein riesiges Kissen mit einer Decke darauf. Beherzt schritt ich zum Bett und zog an der Decke. Hinter mir hörte ich Elvira Klein schwer atmen. Ich wagte es nicht, mich umzudrehen, um zu sehen, ob sie ihre Spritze schon gezückt hatte. Stattdessen blickte ich unter die Decke.

So viel war klar: Ich würde nie wieder zu schnell oder über eine rote Ampel fahren. Oder mir sonst irgendetwas zu Schulden kommen lassen. Ich durfte Tom Meinert in diesem Leben nicht mehr begegnen!

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