Pubergrauen

Die Kinder werden größer. Die Probleme auch. Der Spruch meiner Großmutter: „Kleine Kinder, kleine Sorgen, große Kinder, große Sorgen“ ist auf fast unheimliche Art Realität geworden. Dabei stehen wir noch ganz am Anfang. Die ältere Tochter sollte – auf dem Papier – die Pubertät noch nicht mal erreicht haben, benimmt sich aber als wäre sie auf dem Zenit des „Scheußlichseins“.

So zum Beispiel an einem – eigentlich – schönen Samstagmorgen: Wir wollten gemütlich frühstücken und am Nachmittag ins Kino. Und was fällt mir, der furchtbarsten aller Mütter, ein? Bringe ich den Kinder doch tatsächlich vom Hundespaziergang ihre Lieblingsbrötchen – weiß, zuckrig und randvoll mit Schokostücken – mit. Die jüngere Tochter isst ihrs bereits als die ältere mit versteinerter Miene an den Tisch schlurft. Weiterlesen

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Still steht der Stau

In Dubai dreht sich alles im Fortschritt. Höher, größer, schneller, weiter ist die Devise und tatsächlich wurde gerade eine Innovation beschlossen, die das Leben in den Emiraten von Grund auf verändern könnte. Nein, ich meine nicht die Ankündigung, dass das Land als erstes arabisches für das Jahr 2021 eine Marsmission plant. Der Griff nach den Sternen ist nichts gegen das, was sich in Kürze auf der Erde abspielen wird: Tankstellen werden mit längeren Benzinschläuchen ausgestattet!

Wer noch nie in Dubai getankt hat, kann sich nicht vorstellen, was das bedeutet. Eine Revolution steht im Raum. Klimaanlagen für alle sind nichts dagegen. Weiterlesen

Doofe Mama!

Doofe Mama

Ein neuer Tag und wieder mal ist klar: Ich bin keine Respektsperson für meine Kinder.

Große Tochter sagt zur kleinen Tochter: „Weißt du, die Mama ist ganz doll doof.“

Kleine Tochter empört zur großen Tochter: „Das finde ich nicht.“

Große Tochter: „Doch. Die doofe Mama hat mir nur eine kleine Packung Gummibärchen nach der Schule gegeben.“ Weiterlesen

Aus 4 mach 1 – Scheidung auf Arabisch

Im Islam hat ein Mann das Recht, vier Ehefrauen zu haben. Die meisten Männer reagieren mit „Wow, wie cool ist das denn?“, wenn sie dies hören. Natürlich denken sie sofort nur an das „Eine“. Ich verweise in diesem Fall gerne darauf, dass sie dann aber auch viermal das Genörgel haben, wenn sie Abends nach Hause kommen und sich vier verschiedene Geburts- und Hochzeitstage merken müssen. Und schon sind vier Ehefrauen gar nicht mehr so toll.

Wenig erstrebenswert ist für die meisten Männer wohl auch das hier in Dubai öfter zu beobachtenden Szenario, wenn ein Mann mit seinen zwei oder drei Frauen im Restaurant am Tisch sitzt und die Damen sich prächtig unterhalten, während der Herr der Runde griesgrämig vor sich in starrt. Wer am Ende die Rechnung zahlt ist klar. Man(n) möchte sie gar nicht vorstellen, wenn die zwei, drei oder vier Frauen sich gegen den einen Ehemann verbünden.

Noch schlimmer ist wahrscheinlich nur, wenn die vier Ehefrauen sich nicht verstehen. So wie im Fall eines Emiratis, der zur Zeit in Dubai vor Gericht steht. Der Mann kam von der Arbeit nach Hause und statt vierfacher, liebevoller Begrüßung und vier Abendessen fand er seine Damen in einen handfesten Streit verwickelt vor. Streitpunkt: Ein Zimmer des Hauses. Der Ehemann machte kurzen Prozess und verprügelte alle vier – er hatte wahrscheinlich Angst, viermal den Streit ausdiskutieren zu müssen. Offensichtlich war er danach von der Vielehe geheilt und ließ sich von drei der Frauen scheiden – gleichzeitig. Warum er die Vierte behielt, bleibt sein Geheimnis.

Nun wäre Ruhe gewesen, wenn nicht eine der geschiedenen Frauen aufbegehrt und den Mann wegen Misshandlung angezeigt hätte. Angeblich hatte der Ex-Ehemann sie besonders schlimm geschlagen. Unterstützt wurde sie dabei von einem der 16 (!) Söhne des Mannes – bei so vielen Leute in der Bude versteht man, warum die Damen sich um ein Zimmer gestritten haben.

Das Gericht verurteilte den Mann zu einem Monat Haft und 2000 Dirhams Geldstrafe. Die Berufung scheiterte, obwohl der Sohn seine Anzeige zurückgezogen hat. So zumindest der Vater, der allerdings nicht sagen konnte, wo sein Sohn sich aufhielt. Zum Gerichtstermin war er jedenfalls nicht erschienen. Auf die Frage des Richters, ob er die 16 Söhne denn überhaupt auseinanderhalten könne, lautete die Antwort des Mannes: Nicht so richtig, aber deswegen habe er ein Markierungssystem eingeführt und er sei ziemlich sicher, dass er vom richtigen Sohn spreche. Hoffentlich konnte er wenigstens die Frauen auseinanderhalten und hat nicht am Ende die Falsche behalten.

Die dunkle Seite der Macht

Der Erfinder der Fernbedienung – Eugene Polley – ist gestern gestorben. Das ist traurig, aber da der Gute 96 Jahre alt war nehme ich an, es kam nicht so ganz unerwartet. Total unerwartet für mich waren dagegen die Überschriften einiger Nachrichten-Portale zu seinem Tode. Der Tenor war: Ohne Eugene Polley gäbe es den gemütlichen Fernsehabend nicht. Ernsthaft? Vielleicht war das bei anderen Leuten so, in unserer Familie sorgte die Fernbedienung allein dafür, dass an gemütliche Fernsehabende nicht zu denken war.

Mein Bruder und ich nannten sie ehrfurchtsvoll „Die Macht“ und wer sie hatte, der hatte, genau „die Macht“ über den Verlauf des Fernsehnachmittags bzw. -abends. Jeden Tag war es das gleiche Spiel: kaum waren wir von der Schule nach Haus gekommen, begann der Wettlauf: Wer würde zuerst im Wohnzimmer sein und sich „die Macht“ sichern? Meine Lieblingstage waren Dienstag und Donnerstag, da hatte mein Bruder direkt nach der Schule Tennisstunde und ich konnte ohne Gegenwehr „die Macht“ an mich bringen.

Nun war es nicht so, dass wir den ganzen Nachmittag hätten Fernsehen dürfen, frühestens ab 17.30 Uhr erlaubte meine Mutter, dass wir die Glotze anstellten. Bis dahin galt es für den Machthaber, die Fernbedienung durch raffiniertes Verstecken oder am Leibe tragen bloß nicht wieder zu verlieren.

Dramatisch waren die Tage, an denen einer von uns die Fernbedienung in seinen Besitz gebracht und an einem scheinbar sicheren Ort versteckt hatte und dann kam der andere und fand sie. Ich habe das Gebrüll immer noch in den Ohren und sämtliche Gliedmaßen schmerzen bei der Erinnerung an die nachfolgenden Kämpfe. Furchtbar auch, wenn man mal kurz auf Toilette ging und vergaß, „die Macht“ mitzunehmen. Oder man beim Abendessen – zu unserem Leidwesen niemals vor dem Fernseher – „die Macht“ für eine Sekunde aus den Augen ließ und weg war sie. Selbstverständlich war der Unterlegene im „Machtgefüge“ auf keinen Fall mit der Programmwahl des anderen einverstanden und schmollte den Rest des Fernsehtages.

Für meine Eltern kann von gemütlichen Fernsehabenden also auch keine Rede gewesen sein. Erstens mussten sie den ganzen Nachmittag die Streitereien ertragen, dann bis mindestens 21 Uhr das Programm der Kinderwahl sehen und dabei auf die Muffel-Miene eines ihrer Kinder blicken. Ich rechne es ihnen hoch an, dass sie niemals nachgegeben haben und ihren Kindern den Wunsch nach einem Fernseher im eigenen Zimmer erfüllt haben.

Eugene Polley möge in Ruhe ruhen, danken kann ich ihm beim besten Willen nicht für seine Erfindung. Obwohl, immerhin hatten mein Bruder und ich so immer einen guten Grund zum Streiten. Hätte er die Fernbedienung nicht erfunden, hätten wir uns bestimmt was anderes gesucht.

Meine Puppen & Ich

Gestern Nachmittag war ich mit den Kindern mal wieder in der Mall. Während die Beiden um irgendetwas stritten – wenn sich gar nichts anderes findet, streiten sie sich auch gerne mal um die Luft, die die eine der anderen bösartig weg atmet – betrachtete ich die kleinen Stände, die im Gang zwischen den Geschäften aufgebaut sind. Bloß nicht zuhören ist meine Devise in solchen Situation.

Da fiel mein Blick auf etwas Unglaubliches. Puppen, die nach der Vorlage eines echten Menschen gefertigt werden, aber sonst aussehen wie Barbie-Puppen. TIM oder „This Is Me“ heißen die Dinger und werden von einer Firma in Dubai hergestellt.

Was für ein Mist, dachte ich und ausnahmsweise waren meine Kinder – die beim Anblick der Puppen natürlich sofort angerannt kamen und sich jede gierig eine Puppe grabschten – sich mal einig:

„Das ist ja gar keine echte Barbie,“ krähte die Eine und zog verächtlich an den braunen, kurzen Haaren einer Puppe.

„Die hat ja keinen Busen,“ schrie die Andere, die gerade eine männliche Puppe in der Hand hielt. „Und die ist blöd angezogen.“

Ich blickte verschämt neben mich, um sicher zu gehen, dass das Vorbild der Puppe nicht in der Nähe stand. Der Verkäufer nutzte die Gelegenheit, mich über die Puppen aufzuklären. Dank einer revolutionären Technik sei es nun möglich Fotos als drei-dimensionale Daten zu speichern und diese in eine Puppe zu verarbeiten, die genau so aussieht wie man selbst. Aha. Hatte ich erstens nicht verstanden und fand die Puppen zweitens immer noch blöd.

Wir gingen weiter und die Kinder stritten weiter, als mir plötzlich auffiel, dass so eine Puppe vielleicht doch gar nicht so schlecht ist. Je länger ich darüber nach dachte, desto mehr Nutzungsmöglichkeiten fielen mir ein. Zum Beispiel mit Puppen, die aussehen wie meine Kinder:

–       Tochter Eins kommt zwei Stunden vor Tochter Zwei aus der Schule. Die Zeit könnte sie nutzen, auf die Puppe ihrer Schwester wie auf eine Vodoo-Puppe mit Nadeln einzustechen und so Aggressionen abzubauen. Bestimmt würde es dann später weniger Streit geben

–       Ich könnte beide Töchter-Puppen statt der Echten an den Tisch setzen und ihnen in Ruhe einen Vortrag über gutes Benehmen halten. Da hätte ich wenigstens ansatzweise das Gefühl, dass mir mal jemand zugehört hat.

–       Die Töchter-Puppen könnten dann auch mit mir zusammen Abendessen und ich könnte mir einbilden, mit zivilisierten Menschen am Tisch zu sitzen, während die echten Töchter endlich ihren Willen kriegen und vor Fernseher essen können wie die wilden Tiere.

–       Auf Urlaubsfahrten würde ich auch nur noch die Puppen mitnehmen und wunderbare, ruhige, streitfreie Familienferien verbringen. Die echten Töchter können ja mal drei Wochen meine Schwiegermutter zur Verzweiflung treiben.

Und die Krönung des Ganzen: Ich könnte die Puppen den Kindern zum Geburtstag schenken. Ein Geschenk für mich auf ihre Kosten!

Kapitel Eins – Teil 1

Alles begann an einem nebeligen, grauen Freitagnachmittag in einem Zug. Ich saß in diesem Zug und war aufgeregt, da ich auf dem Weg nach Paderborn war, um meine Schwiegereltern kennen zu lernen.

Gut, das mit den Schwiegereltern war vielleicht etwas verfrüht, schließlich waren der Mann meiner Träume und ich noch nicht verheiratet. Genau genommen gab es nicht mal einen Heiratsantrag, geschweige denn eine gemeinsame Wohnung. Aber das alles tat nichts zur Sache – wir hatten uns gefunden und das war, was zählte.

Es gab – glaube ich – nur einen Menschen auf der ganzen Welt, der über das Ende der Märchenprinzsuche noch glücklicher war als ich. Nein, nicht der Märchenprinz. Meine Mutter. Sie hatte zwei Tage nonstop vor Erleichterung geweint, dass sie nun ihren Freundinnen nicht mitteilen musste, dass ihre Tochter eine von diesen neumodischen Lesben sei. Wobei sie das Wort „Lesbe“ immer nur ganz leise und wie eine schreckliche, ansteckende Krankheit aussprach. Natürlich nahm ich an, dass sich die Eltern des Märchenprinzen mindestens genauso darüber freuen würden wie meine Mutter, dass ihr Sohn nun glücklich bis an sein Lebensende sein würde – und nicht schwul war, falls sie jemals diese Sorge gehegt hatten.

„Allein schon deshalb müssen sie mich einfach mögen“, versuchte ich meine eigene Aufgeregtheit etwas zu mildern. Dazu kam, dass ich für gewöhnlich unglaublich gut bei Eltern ankam. Wenn meine Eltern mir Eines beigebracht hatten, dann das gute Ankommen bei anderen Eltern. Ich konnte so höflich, zuvorkommend, zurückhaltend, adrett und freundlich sein, wie es die Situation gerade verlangte. Dazu gehörte Lügen, dass sich die Balken bogen, wenn es nur der Höflichkeit diente. So hatte ich als kleines Mädchen mal bei einer Freundin, bei der ich zum Mittagessen eingeladen war, einen ganzen Teller Rahmspinat voller Enthusiasmus geradezu verschlungen. Nicht mal vor dem Nachschlag war ich zurückgeschreckt. Dabei hasste ich nichts mehr als Rahmspinat. Ich brachte es einfach nicht übers Herz, der glücklichen Mutter, die mich sofort ihrer eigenen Spinat-verweigernden Tochter als Musterbeispiel vorhielt, die Wahrheit zu sagen.

Es sollte genau diese Höflichkeit ohne Rücksicht auf das eigene Wohlbefinden sein, die mir im Umgang mit meiner Schwiegermutter zum Verhängnis werden sollte. Aber das wusste ich natürlich noch nicht, als ich aufgeregt im Zug nach Paderborn saß und versuchte mich selber zu beruhigen.

Meine bisherigen Beziehungen waren an vielen Dingen gescheitert, aber noch nie an den Müttern meiner Freunde. Mit einer hatte ich mich lange nach dem Ende der Beziehung zu ihrem Sohn noch zum Kaffeetrinken getroffen und mir angehört, wie furchtbar die neue Freundin sei. Eine andere hatte mich statt der neuen Flamme des Sohnemanns zu ihrem 50ten Geburtstagsfest eingeladen. Ich hatte einfach ein Ding mit Müttern. Oder besser gesagt, mit normalen Müttern, woher sollte ich auch wissen, dass ich in wenigen Stunden auf ein ganz besonderes Mutter-Exemplar treffen würde.

Zumal ich mich auf meinen Antrittsbesuch so intensiv vorbereitet hatte, wie es eine südkoreanische Delegation vor einer Reise zu Gesprächen über Atomwaffen nach Nord-Korea tun würde. Wenn ich nur geahnt hätte, dass mein Vergleich gar nicht so weit hergeholt und ich im Begriff war, mich auf sehr feindliches Territorium zu begeben – ich hätte noch bessere Vorbereitungen getroffen. So hatte ich „nur“ einen ganzen Stapel neuer, sehr schicker Klamotten in meinem Koffer, mit denen ich vor den Augen meines Prinzen und seiner Eltern ausgesprochen gut, modisch und elegant aussehen würde. Und wer wünschte sich nicht so eine schicke Frau für seinen Sohn? Den einzigen Sohn, in diesem Fall.

Außerdem hatte ich einen Arbeits-Erfolg in der Reisetasche. In meinem Job als Redakteurin bei einer TV-Produktionsgesellschaft hatte ich eine 30-Minuten-Spezial-Sendung über deutsche Banken abgeschlossen, die sofort von einem 24-Stunden-Nachrichten-Sender gekauft und nun in der Endlosschleife gezeigt wurde. Egal, wie langweilig ich meinen Job im Allgemeinen und das Thema Banken im Besonderen fand, machte das etwas her, dachte ich zufrieden und schaute aus dem Zugfenster. Draußen peitschten Hagelkörner gegen die Zugfenster und die Landschaft war in ein undurchsichtiges Grau-in-Grau getaucht. Vielleicht hätte ich dies als Vorzeichen erkennen sollen. Ich tat es nicht.

„Beim Fernsehen! Wirtschaft!“ – Vor meinem geistigen Auge sah ich stattdessen meine Schwiegereltern schon über den Gartenzaun mit den Nachbarn über die neue Frau an der Seite ihres Sohnes sprechen. Im Geheimen gestand ich mir zwar ein, dass ich lieber bei einem Klatsch-Magazin gearbeitet hätte, aber gerade vor dem ersten Besuch bei den Schwiegereltern war ich froh, dass ich mit einem seriösen Job aufwarten konnte. Bei Eltern und Nachbarn klang „Wirtschaftsredakteurin“ einfach besser.

Ich hatte in den vergangenen Wochen immer wieder versucht, mir meine möglichen Schwiegereltern vorzustellen: wie sie aussahen, was sie machten, worüber sie sprachen. Leider war der Sohn dieser Schwiegereltern dabei keine besonders große Hilfe. Wie Männer eben so sind, hatte er nur sehr oberflächliche Antworten auf meine ständigen Nachfragen.

„Warum willst du das alles wissen?“ hatte er mich eines Abends leicht genervt gefragt. „Du wirst meine Eltern doch bald kennenlernen und dann weißt du, wie sie aussehen, was ihre Hobbies sind und was sie den ganzen Tag machen. Ich habe ganz normale Eltern. Ich habe mich doch auch nicht so angestellt, als ich deine Eltern kennengelernt habe.“

Das stimmte. Ich war aber eben gerne gut vorbereitet. Siehe Nord-und-Süd-Korea.

Immerhin so viel hatte ich mir aus kleineren Bemerkungen oder Andeutungen meines Freundes zusammengereimt: Seine Mutter war Anfang sechzig und Geschäftsfrau. Oberste Priorität in ihrem Leben hatten Disziplin und Konsequenz. Sie war gebildet und weltgewandt. Auf Fernsehen wurde im Elternhaus meines Freundes weitestgehend verzichtet, da man lieber bei einem guten Glas Rotwein diskutierte. Mein potentieller Schwiegervater war seines Zeichens Weinkenner und hatte es als Ziel seines Lebensabends erkoren, die besten Weine der Welt zu studieren. Worüber man diskutierte und wie genau man Wein studierte, ohne dabei ständig sturzbetrunken zu sein, fand ich zwar nicht heraus, aber ich war beeindruckt. Und ein wenig neidisch, wenn ich an meine eigene Familie dachte.

Meine Mutter wurde jedes Jahr rundlicher, da ihr jegliche Disziplin fehlte. Mein Vater hatte in seinem Leben noch keine einzige Flasche Wein aufgemacht, da er sich von Chips und Bier ernährte. Die Weltgewandtheit meiner Eltern beschränkte sich darauf, dass sie sich nach langem Zögern im Jahr 2000 endlich eine EC-Karte angeschafft hatten und nicht mehr jedes Mal vor Schreck in Ohnmacht fielen, wenn sie im Supermarkt eine Münze in den Einkaufswagen stecken mussten.

Mit dem Diskutieren war es in meiner Familie auch nicht so weit her. Hundertprozentig sicher konnte ich nicht sein, aber ich war ziemlich überzeugt, dass meine Eltern das letzte Mal miteinander gesprochen hatten, als ich ausgezogen war. Wahrscheinlich hatten sie sich gegenseitig gratuliert, dass nun endlich auch das letzte dieser störenden Balgen, die man im jugendlichen Leichtsinn in die Welt gesetzt hatte, aus dem Haus war. Seit diesem Tag vor mehr als zehn Jahren saßen meine Eltern von morgens bis abends vor dem Fernseher, aßen Schokolade bzw. Chips, tranken dazu Likör und Bier und schwiegen sich zufrieden an.

Ich seufzte und blickte nochmal aus dem Fenster auf die stürmende Landschaft, die in Sekundenschnelle an mir vorüberzog. Hoffentlich würde ich auch in dieser ganz anderen Art von Familie zu Recht kommen. „Wenigstens komme ich gut bei Müttern an“, tröstete ich mich immer wieder und wurde trotzdem noch aufgeregter.

Ungefähr eine Stunde bevor ich in Paderborn ankommen sollte, hatte mich das Rattern des Zuges so eingelullt, dass ich eingeschlafen war. Der schrille Piep-Ton meines Handys, der eine SMS ankündigte, ließ mich hochschrecken.

Leider könne er mich doch nicht wie geplant vom Hauptbahnhof in Paderborn abholen, da ihm etwas dazwischen gekommen sei, lautete der Text der SMS meines Freundes. Er war bereits vor zwei Tagen mit dem Auto nach Paderborn gefahren, um dort an einem Klassentreffen teilzunehmen. Ich sollte am besten am Hauptbahnhof erfragen wie ich weiter nach Nieder-Oberstein käme, es sei ganz einfach, hieß es wenige Minuten später in einer zweiten SMS.

Ich wunderte mich zwar ein wenig, warum ich noch nach Nieder-Oberstein weiterfahren sollte, wo die Eltern meines Freundes doch in Paderborn wohnten, versicherte mir dann aber selber, dass Nieder-Oberstein wohl ein Vorort sein müsste und beschloss, mir von dieser kleinen Verzögerung nicht die Laune verderben zu lassen.

Knappe drei Stunden und vier Regional-Expresse später stand ich frierend auf dem mittlerweile dunklen Bahnsteig in Unter-Oberstein und wartete auf die Bahn nach Nieder-Oberstein. Meine Laune hatte mittlerweile doch ein wenig gelitten. Zumal der Regionalexpress nach Nieder-Oberstein eine halbe Stunde Verspätung hatte. Was absolut normal war, wie mir der nette Schaffner versicherte, den ich nach langem Suchen in seiner gut geheizten Schaffner-Stube bei Kaffee und Kuchen sitzend aufgestöbert hatte.

„Sagen Sie bloß, sie werden nicht abgeholt? Das weiß doch jeder, dass die Bahn hier nie pünktlich ist, ha, ha, ha“, lachte er kauend vor sich hin. „Darum lässt sich eigentlich jeder in Paderborn abholen, oder zumindest hier, ha, ha, ha. Es ist doch furchtbar mit den Bimmelbahnen allein durch die Pampa zu zuckeln.“

Mit dieser Feststellung hatte er zweifelsohne Recht, denn ich war in dem Zug, der aus Lok und genau einem Waggon bestand, ebenso allein wie während der guten 45 Minuten Wartezeit auf dem stockdunklen Bahnsteig.

„Beleuchten machen wir hier nicht, ist ja so was wie Endstation hier, da wartet sonst nie einer,“ hatte mir der Schaffner auf meine Beschwerde hin weiter erklärt.

Als ich endlich im Zug saß, musste ich feststellen, dass die Heizung nicht angestellt war. Die Erklärung des dick eingemummelten Zug-Schaffners, dass sich das nicht lohne, da niemand je mit dieser Bahn fahre, überraschte mich nicht weiter.

„Was wollen sie denn in Nieder-Oberstein?“, fragte der Schaffner interessiert, während er mein Zugticket abstempelte.

„Ich besuche die Eltern meines Freundes.“

Normalerweise gab ich fremden Menschen nicht so schnell so viele Informationen, aber die Aufregung und die stundenlange Warterei auf den Bahnsteigen hatten meine Zunge gelöst.

„Ach, sie sind das!“

Der Schaffner sah mich lange an und ich hätte schwören können, ich sah so etwas wie Mitleid in seinem Blick, was ich beschloss zu ignorieren. Ich war einfach nur froh, dass ich nicht gesagt hatte, dass ich meine künftigen Schwiegereltern besuchte, wie es mir auf der Zunge gelegen hatte. Offensichtlich kannte man sich in Nieder-Oberstein.

„Ich komme auch aus Nieder-Oberstein, da kennt jeder jeden“, bestätigte der Schaffner meine Gedanken. „Sie sind also der wichtige Besuch, von dem die Mutter ihres Freundes gestern in der Bäckerei gesprochen hat?“

Er sah mich wieder lange und prüfend an, was ich erneut ignorierte, denn mein Gehirn war damit beschäftigt, diese neue Information zu verarbeiten. Ich war wichtiger Besuch. Das war ein gutes Zeichen!

„Das sind sehr besondere Leute, die Eltern ihres Freundes“, sagte der Schaffner schließlich, tippte mit dem Finger an seine Schaffnermütze und verließ das Abteil.

Mir war nicht ganz klar, was ich mit dieser Bemerkung anfangen sollte. Gott sei Dank hielt der Zug in diesem Moment, ich war endlich in Nieder-Oberstein angekommen und hatte andere Dinge zu tun, als mir Gedanken über den Satz eines Zugschaffners zu machen.

Auch das letzte bisschen meiner schlechten Laune war wie weggeblasen, als ich endlich den Mann meiner Träume auf dem Bahnsteig in Nieder-Oberstein in die Arme schließen konnte. Tapfer lächelte ich die Strapazen der um vier Stunden verlängerten Reise und der Kälte auf Deutschlands nebeligen Bahnsteigen weg und begann, mich seelisch auf mein bestes Schwiegertochter-Benehmen einzustellen.

Sogar die Frage, ob Nieder-Oberstein überhaupt irgendetwas mit Paderborn zu tun habe, verkniff ich mir taktvoll, obwohl die Reise von Paderborn nach Nieder-Oberstein genauso lange gedauert hatte, wie die von Berlin nach Paderborn.

Weitere 10 Minuten Autofahrt später standen wir endlich vor dem Haus der Eltern des Mannes, den ich heiraten wollte. Erwartungsvoll stieg ich aus dem Auto. Es war dunkel und mittlerweile nieselte es, wie es nur an einem Winterabend in Deutschland nieseln kann. Innerhalb weniger Sekunden war alles klamm und was ich vor kurzem noch meine Frisur genannt hatte, waren jetzt ein paar unkoordinierte, schlappe, braune Haarsträhnen auf meinem Kopf. Ich strich mir durchs Haar, ohne große Hoffnung etwas zu verbessern, und wandte mich in Richtung Haus.

Der erste Blick auf das Haus meiner erhofften Schwiegereltern war beeindruckend. Man hätte fast sagen können: Es sah aus wie ein Märchenschloss. Ich stand vor einem riesigen Haus mit zahllosen Fenstern und einer Eingangstür, die ungefähr so groß war wie das ganze Haus, in dem ich aufgewachsen war. Meine Hochachtung vor der Frau, die Mutter meines Freundes und dazu noch eine offenbar sehr erfolgreiche Geschäftsfrau war, wuchs.

Wir standen noch nicht ganz vor der Haustür, als sich diese wie von Geisterhand öffnete. Nach der Größe des Hauses zu urteilen, hatte ich schon mit einen Butler oder zumindest eine Hausdame dahinter gerechnet. Doch aus der Tür kam eine Frau, die aussah, wie…wie meine Mutter auf Drogen.

Ich weiß nicht genau warum, aber ich hatte mir die Mutter meines Freundes so vorgestellt wie Meryl Streep in der „Teufel trägt Prada“: Eine große, schlanke Frau mit perfekt sitzender Frisur, gekleidet in einfache, edle Sachen, die ihre natürliche Autorität unterstrichen. Eine disziplinierte, gestandene Geschäftsfrau – auf meine Nachfrage hatte mein Freund knapp erklärt, seine Mutter sei in der Pharmaindustrie tätig – eben.

Die Frau, die mir enthusiastisch ihre Arme entgegenstreckte während ich ins Haus trat, war das Gegenteil. Sie war klein und dick. Sehr dick. Sie hatte eine Unmenge ungekämmter langer, krauser, drahtiger grauer Haare auf dem Kopf, die aussahen, als wäre ein Fön in ihnen explodiert. Oder wie einer dieser grauen Stahlschwämme, mit denen man dreckige Töpfe sauberkratzen konnte. An den Armen der Frau baumelten unzählige Reifen und Kettchen, auf ihrem gewaltigen Busen ruhte eine hölzerne Kette, die mindestens so viel wog wie sie selber und mit der wahrscheinlich in einem vorherigen Leben Sklaven auf Galeeren festgekettet worden waren. Unter der Kette trug sie ein weinrotes Kleid, das in merkwürdigen Falten um ihren Körper bis zum Boden hing. Außerdem war sie barfuß. Was ich gut verstehen konnte, denn kaum trat ich ins Haus, kam mir eine derartige Hitze entgegen, dass ich bereits nach wenigen Sekunden das Kondenswasser an meinem Schalenkoffer herunterlaufen sah. „Wenigstens kann das Desaster auf meinem Kopf nicht schlimmer werden“, dachte ich leicht beunruhigt. Nichts war so, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Nun war ich nicht umsonst Mutters Liebling und so schaffte ich es, mir mein Erstaunen über das Auftreten meiner künftigen Schwiegermutter nicht anmerken zu lassen und streckte ihr nicht minder enthusiastisch meine Arme entgegen.

„Sie müssen Miranda sein“, stellte die Frau unnötigerweise – oder hatte ihr Sohn etwa für das gleiche Wochenende noch eine Freundin angekündigt? – mit einer derartigen warmen, freundlichen Stimme fest, dass ich mich sofort von ihrem unerwarteten Aussehen erholte und wieder begann, mich auf das Kennenlernen meiner Hoffentlich-Schwiegereltern zu freuen.

„Was haben sich Ihre Eltern nur bei diesem Namen gedacht? Das ist doch so eine furchtbare, zuckrige Limonade? Und was ist denn mit ihren Haaren passiert?“, fuhr die Frau ebenso freundlich fort, während sie mich so fest an ihren Atombusen drückte, als wäre ich ihre kurz nach der Geburt verschwundene Tochter, die im Dschungel von Affen großgezogen worden war.

Trotz der gefühlten 45 Grad Raumtemperatur gefror mir mein schönstes Schwiegermutter-Lächeln auf den Lippen. Ich mochte meinen Namen nicht. Wirklich nicht! Und ich hatte mir oft die gleiche Frage gestellt: Was hatten sich meine Eltern nur bei „Miranda“ und dann auch noch in Zusammenhang mit dem Nachnamen „Meyer“ gedacht? Über den Kommentar mit den Haaren wollte ich lieber gar nicht erst anfangen nachzudenken.

Ich war es gewöhnt, dass Menschen nach meinem „merkwürdigen“ Namen fragten, normalerweise allerdings erst, wenn man sich etwas näher kannte. Und irgendwie auch etwas behutsamer, mehr so, wie: „Interessanten Namen haben deine Eltern da ausgesucht, den kenn ich eigentlich nur von der Limonade.“ Über die Jahre hatte ich mir als Erklärung zurechtgelegt, dass der Name typisch englisch sei und von meiner englischen Urgroßmutter stammte. Das war eine infame Lüge, aber meist waren die Leute dann ruhig.

Es war aber nicht nur die, sagen wir mal, sehr offene Frage meiner Schwiegermutter in spe, die mich störte. Es war die Tatsache, dass ihr Sohn einen wesentlich schlimmeren Namen hatte als ich. Es hatte schließlich einen Grund, warum ich meinen Märchenprinz am liebsten gar nicht beim Namen nannte, und wenn ich es doch tun musste, dann nannte ich ihn „Hase“ – konsequent und ausschließlich, obwohl mir Kosenamen ein Graus waren. Aber ich brachte seinen echten Namen bei aller Liebe einfach nicht über die Lippen.

Kapitel Eins – Teil 3

In diesem Moment passierte es: Igerich, der versucht hatte, mein Weinglas vor mir auf den Couchtisch zu stellen, hatte die Kontrolle über die Knabbereien in seiner anderen Hand verloren und die geöffnete Rotweinflasche bei seinem Versuch, zu retten was zu retten war, umgestoßen. Nun lief der schöne, rote Wein auf dem weißen Teppich aus und ich sah meine Chancen schwinden, an diesem Abend noch ein entspannendes Glas Wein trinken zu können.

„Iiiiiiiiiiigerich!“

Ingrid stieß einen spitzen Schrei aus, der mich an den Kampfschrei aus alten Indianer-Filmen erinnerte. Tatsächlich hatte der Tumult, der nun folgte, eine gewisse Ähnlichkeit mit Massen-Kampfszenen in Filmen.

„Nicht schon wieder! Jedes Mal ist es das Gleiche mit dir!“, tadelte Ingrid ihren Mann wie ein kleines Kind, während sie ihren fülligen Körper mit überraschender Leichtigkeit vom Sofa hochhievte.

„Alarmstufe Rot!“, schrie sie, ohne irgendjemand im Raum persönlich anzusprechen.

Trotzdem sprangen sowohl mein Hase als auch Igerich wie von der Tarantel gestochen auf und rannten in die Küche. Um in der allgemeinen Aufregung nicht aufzufallen, stand ich ebenfalls auf. Derweil kamen die beiden Männer mit diversen Sprayflaschen und Tüchern bewaffnet wieder aus der Küche. Ingrid nahm alles schnell aber huldvoll entgegen und das war das Letzte was ich für die nächste halbe Stunde von ihr sah. Oder zumindest von ihrem Gesicht. Mit wiederum überraschender Leichtigkeit kniete sie neben dem Couchtisch nieder und begann, den Rotweinfleck mit Hilfe der Sprays und Tücher zu bearbeiten. Also, ich nehme an, dass es das war, was sie machte, da der Blick auf den Ort des Geschehens von ihrem riesigen Hinterteil verdeckt wurde.

Während wir anderen verlegen weiter „Wetten, dass…?“ schauten, murmelte Ingrid leise Verwünschungen gegen ihren Mann vor sich hin und bearbeitete den Teppich. Ich war kurz versucht, zu sagen: „Wetten, dass deine Mutter es schafft, den Fleck aus dem Teppich zu kriegen?“, aber irgendwie war die Situation nicht nach Scherzen. Schließlich erhob sich Ingrid vom Boden, blickte Igerich streng an und sagte:

„Nächstes Mal gehst du zweimal.“

Dann nahm sie sich den Beutel mit den Schokoriegeln, ließ sich wieder auf das Sofa fallen und verbrachte den Rest des Abends schweigend, was in ihrem Fall nicht unhöflich war, da sie den Mund ständig voll hatte. Der Versuch Igerichs, eine neue Flasche Wein zu holen, wurde von Ingrid mit einem einzigen strengen Blick unterbunden. Der Abend endete für mich wie vermutet auf dem Trockenen.

Nach „Wetten, dass…?“ schauten wir noch die Ziehung der Lottozahlen und irgendwie fühlte ich mich wieder wie damals, als ich zehn Jahre alt war und mit meiner Mutter Samstagabends auf dem Sofa saß: Wir schauten das Fernsehprogramm ihrer Wahl, sie trank dabei Likör und aß Kekse – beides für mich streng verboten, da ich ja noch ein Kind war. Mein erster Abend mit meinen Schwiegereltern unterschied sich von meinen Kindheitserinnerungen nur dadurch, dass ich mittlerweile über 30 Jahre alt war und mich bis zu diesem Wochenende erwachsen gefühlt hatte.

Aber auch dieser Abend war irgendwann vorbei und endlich war ich mit meinem Schatz allein in unserem Schlafzimmer – insgeheim hatte ich bereits damit gerechnet, dass wir getrennt schlafen müssten, aber entweder war Ingrid so voll von den ganzen Süßigkeiten, dass sie vergessen hatte, Wert auf Sitte und Anstand zu legen oder sie war zumindest nicht spießig. Ich vermutete Ersteres.

„Da hast du mich ja schön reingelegt“, kicherte ich los, kaum war die Schlafzimmertür zu. „Unendlich gemein zwar, mit den Gefühlen und Ängsten der Frau seiner Träume so zu spielen, aber Gott sei Dank habe ich ja einen Sinn für schwarzen Humor.“

Ich warf mich aufs Bett und war fast so etwas wie gut gelaunt. Mein Hase sah mich derweil an, als hätte ich ihm gerade vollkommen unvermittelt mitgeteilt, dass ich bis vor zwei Jahren ein Mann gewesen sei.

„Wieso reingelegt? Hast du heimlich in der Küche getrunken oder habe ich was nicht mitgekriegt?“

„Na, deine Eltern. Jetzt kannst du wirklich aufhören. Ich hab es verstanden, der Spaß ist vorbei!“

„Welcher Spaß? Was ist mit meinen Eltern? Ich habe keine Ahnung wovon du redest!“ Rigoletto wirkte nun leicht ungeduldig.

Ich versuchte, im Halbdunkel des Zimmers sein Gesicht zu erkennen, ob er vielleicht Probleme hatte das Lachen zu unterdrücken und seine Mundwinkel verräterisch zuckten. Aber da war nur blankes Unverständnis in seinem Gesicht.

Jetzt gab es genau zwei Möglichkeiten: Mein Freund hatte seinen Beruf verfehlt, weil er in Wirklichkeit der beste Schauspieler der Welt war, oder er und seine Familie gehörten einem obskuren Kult an, der ihnen jeglichen Sinn für die Realität und normales Benehmen nahm. Da Rigoletto mir an meinem Geburtstag mein Geschenk am Vorabend gegeben hatte, nur weil er es nicht mehr aushielt, mir nicht zu sagen was es war, kam große Schauspielkunst wohl nicht in Frage. Blieb nur der Kult als Erklärung für sein merkwürdiges Verhalten.

Ich wählte meine nächsten Worte sehr, sehr vorsichtig. Man weiß nie, wann diese religiösen Fanatiker umschwenkten, eine Knarre rausholten und die Ungläubigen über den Haufen ballerten.

„Na ja, ich dachte, weil du doch meintest, deine Mutter sei so unheimlich diszipliniert und da habe ich mich gewundert, dass sie so viele Süßigkeiten gegessen hat. Der Fernseher war auch den ganzen Abend an, wir haben gar nicht so viel…mmmh… geredet oder diskutiert.“

Was freundlich ausgedrückt war, denn das Einzige was an diesem Abend besprochen wurde, war die Wette, bei der ein Mann Zahnpasta am Geruch erkannt hatte. Was für mich irgendwie nicht in die Kategorie „Lösung der großen Probleme der Welt“ gehörte.

„Was haben denn ein paar Schokoriegel und Chips vor dem Fernseher  mit Disziplin zu tun, meine Mutter kann es sich eben erlauben. Und das Fernsehen hat sie nur dir zuliebe angemacht, weil du doch beim Fernsehen arbeitest.“

Eindeutig: Kult. Religiöse Verirrung. Gehirnwäsche. Oder lag ich wirklich so falsch mit meiner Einstellung, dass, wenn man bereits 130 Kilo bei 160 cm Körpergröße wog, man es sich nicht erlauben konnte, ein Kilo Süßkram am Abend zu essen und dass es schon etwas mit mangelnder Disziplin zu tun hatte, wenn man es doch tat?

Ich sah meinen Prinzen an. Ich war immer noch verliebt und ich wollte immer noch glücklich bis an das Lebensende werden. Mit ihm. Nicht mit irgendwem. Wobei das „irgendwem“ sich auf seine Mutter bezog. Ich konnte einen tiefen Seufzer nicht unterdrücken. Tapfer verdrängte ich die Beobachtungen seiner Familie. Ich würde diesen Besuch überstehen und weiterhin alles in meiner Macht tun, einen guten Eindruck zu machen. Bei Rigoletto und seinen Eltern. Ich hatte schon ganz andere Sachen geschafft.

„Das ist ja so nett von deiner Mutter, dass sie extra für mich „Wetten, dass…?“ geschaut hat. Aber vielleicht kannst du ihr ja sagen, dass sie sich nicht jeden Abend für mich opfern muss?“